Bilanz: Kassen halten viele Igel-Leistungen für nutzlos

Der Igel-Markt in Praxen boomt. Doch wem nutzen die Selbstzahlerangebote mehr - dem Geldbeutel des Arztes oder dem Patienten? Die Kassen sind der Meinung, dass viele Leistungen zweifelhaft sind. Bei Patienten allerdings sind Angebote wie professionelle Zahnreinigung oder Akupunktur beliebt.

Zahnarzt: Auch der Nutzen der professionellen Zahnreinigung ist umstritten Zur Großansicht
dapd

Zahnarzt: Auch der Nutzen der professionellen Zahnreinigung ist umstritten

Die 51-Jährige wusste nicht, was sie machen sollte. Ihr Arzt hatte ihr eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke angeboten. Zahlen müsste sie selbst, aber Krebs könnte so auch früh erkannt werden. Sie wandte sich an die Unabhängige Patientenberatung - und die riet ab.

Millionenfach aber willigen Patienten in die Selbstzahlerleistungen ein. Nach Darstellung der Krankenkassen ist die Hoffnung in den meisten Fällen trügerisch, dass die Untersuchungen und Behandlungen eine echte Hilfe sind.

Die Patientenberatung antwortete der 51-Jährigen: "Ein sicherer Nachweis, dass der Eierstock-Ultraschall bei der Krebsfrüherkennung nützlich ist, fehlt bislang." Oft würden Auffälligkeiten entdeckt - ob es Krebs ist, lasse sich verlässlich dann aber nur durch eine operative Entfernung der Eierstöcke herausfinden. Nur bei einer von 20 operierten Frauen stoßen die Ärzte tatsächlich auf Krebs. Frauen ohne jede Beschwerde können also viel Stress oder sogar eine unnötige OP vermeiden, wenn sie auf die Untersuchung verzichten.

Ob Vorsorge gegen Grünen Star beim Augenarzt, professionelle Zahnreinigung beim Zahnarzt, bestimmte Bluttests beim Hausarzt oder Ultraschalluntersuchungen zur Brustkrebsvorbeugung - am Nutzen der häufigsten Angebote gibt es laut dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS) durchweg Zweifel.

26 der sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) bewertete der MDS bisher für sein Internetangebot Igel-Monitor. Zwölfmal lautete das Ergebnis: Nutzen nicht erwiesen, Schäden möglich. In elf Fällen gebe es zu wenig Studien, um klare Aussagen zu treffen - oder Nutzen und Schäden halten sich die Waage. Nur dreimal gibt es ein tendenziell positives Fazit: bei der Akupunktur gegen Migräne, der Laserbehandlung von Krampfadern und der Lichttherapie bei saisonaler Depression.

Igel sind ein Milliardenmarkt geworden

Für viele Ärzte sind die Igel-Leistungen eine willkommene Möglichkeit, den Praxisumsatz jenseits der strengen Honorarbudgets aufzubessern. Laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) wuchs der Markt in den vergangenen Jahren stark, die Ärzte kämen so auf mittlerweile rund 1,3 Milliarden Euro im Jahr.

Niemand weiß genau, wie oft der Mediziner das Angebot mit einem lapidaren Satz garniert wie: "Das sollte Ihnen Ihre Gesundheit wert sein." Häufig ließen die Mediziner laut den Krankenkassen aber durchblicken, dass die Patienten besser das Selbstzahlerangebot annehmen sollten, wenn sie weitere Behandlungen auf Kassenkosten wollen.

MDS-Geschäftsführer Peter Pick sagt: "Teile der Ärzteschaft müssen sich wegen ihres verkaufsorientierten Umgangs mit Igel-Leistungen mancher Kritik stellen und vielleicht auch Vertrauensverluste hinnehmen." Beim Marktführer Barmer GEK heißt es sogar: "Die meisten individuellen Gesundheitsleistungen nützen nicht den Patienten, sondern beflügeln eher die Einkommensphantasien der Ärzte."

Doch ist es nicht so, dass die Kassen knausern und die entsprechenden Leistungen oft nicht mehr angeboten werden? "Das ist schlichtweg falsch", versichert die Chefin des Kassen-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer. Bestimmte Igel-Leistungen hätten die Versicherten mangels Nutzennachweis noch nie per Chipkarte bekommen. Bei anderen Angeboten wie vielen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen müsse ein Krankheitsverdacht vorliegen, so dass sie nicht zu unnötigen Belastungen führen.

Die obersten Standesvertreter der Ärzte fahren eine Doppelstrategie: Die Bewertungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen kritisiert Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery als vielfach problematisch und fordert die Ärzte auf, ihre Patienten immer gut aufzuklären. "Wichtig ist, dass Ärzten und Patienten seriöse Informationen zum Thema Igel an die Hand gegeben werden", lässt er mitteilen. "Und wichtig ist auch, dass Ärzte verantwortungsvoll mit diesen Selbstzahlerleistungen umgehen."

Das ist laut der WIdO-Studie auch bitter nötig. Nicht gut aufgeklärt wurden demnach 59 Prozent der Patienten bei einer Glaukomvorsorge, 47 Prozent bei Blutuntersuchungen, 40 Prozent bei ergänzender Krebsfrüherkennung bei Frauen. Reichlich Zulauf dürfte der Unabhängigen Patientenberatung oder den Informationsseiten von Kassen und Ärzteschaft im Internet weiter gesichert sein.

Mehr über einzelne Selbstzahlerleistungen - und wie Experten und Igel-Monitor darüber urteilen:

Darmkrebs-Früherkennung

Schwangerschaftsvorsorge

Hautkrebs-Früherkennung

Professionelle Zahnreinigung

cib/dpa

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1. Verlogenes Pack!
doc 123 20.03.2013
Zitat von sysopDer Igel-Markt in Praxen boomt. Doch wem nutzen die Selbstzahlerangebote mehr - dem Geldbeutel des Artztes oder dem Patienten? Die Kassen sind der Meinung, dass viele Leistungen zweifelhaft sind. Bei Patienten allerdings sind Angebote wie professionelle Zahnreinigung oder Akupunktur beliebt. Bilanz Igel-Monitor: Kassen halten viele Igel-Leistungen für nutzlos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/bilanz-igel-monitor-kassen-halten-viele-igel-leistungen-fuer-nutzlos-a-889988.html)
Natürlich wird man als "normaler" Arzt gezwungen, die Patienten mit der in der Masse tatsächlich vollständig unnötigen IGEL-Leistungen abzuzocken, alternativ entsprechend unnötig zu operieren, um die Praxis überhaupt überleben zu lassen. Dass jetzt jedoch Krankenkassen-Vertreter sich hinstellen und in geradezu abstruser und verlogener Weise, "man zahle ja genug" wenn Haut-, Augenärzte, konservative Orthopäden oder Gynäkogen mit Flat-Rates für teils auch ernsthaft kranke Menschen von 14-25 Euro/Quartal geradezu verarscht werden sollen, von den Patienten einmal ganz abgesehen, grenzt ja schon an massivste Volksverdummung und sollte eigentlich entsprechende Konsequenzen haben.
2. Homöopathie, Osteopathie
pauli96 20.03.2013
beides definitiv keine evidenzbasierten Verfahren und große GKVen werben damit.... Durchaus sinnvolle Leistungen, wie invasive Schmerzbehandlungen an der Wirbelsäule werden verknappt oder gestrichen. Komisch (oder etwa Berechnung der KK? 1000 x 20 € haben eben größere Werbewirkung als 100 x 200€)
3. Unqualifizierte Aussage
zukunft-medizin 20.03.2013
Zitat von sysopDer Igel-Markt in Praxen boomt. Doch wem nutzen die Selbstzahlerangebote mehr - dem Geldbeutel des Artztes oder dem Patienten? Die Kassen sind der Meinung, dass viele Leistungen zweifelhaft sind. Bei Patienten allerdings sind Angebote wie professionelle Zahnreinigung oder Akupunktur beliebt. Bilanz Igel-Monitor: Kassen halten viele Igel-Leistungen für nutzlos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/bilanz-igel-monitor-kassen-halten-viele-igel-leistungen-fuer-nutzlos-a-889988.html)
Liebes Spiegel Team, vielleicht sollten sie zur Abwechslung auch mal die aktuelle Honorar Situation der Ärzte diskutieren. Neue Honorarregelung für Ärzte - Arztserie (3) - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/gesundheit/arzt-klinik/mein-arzt/tid-13865/arztserie-3-neue-honorarregelung-fuer-aerzte_aid_386791.html) Sollen Facharztpraxen politisch verursacht Pleite gehen?? Wie kann es sein, dass ein Orthopäde pro Quartal pro Patient, egal wie oft der Patient zur Behandlung kommt einmalig einen Betrag unter 20€ bekommt. Ab einer gewissen Patientenzahl im Quartal werden weitere Behandlungen gar nicht vergütet. Vergleichend könnte man Mediamarkt von 100 verkauften Fernsehern nur 50 bezahlen. Wie soll das noch funktionieren.
4. Dafür werden sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen nicht gezahlt...
vogtnuernberg 20.03.2013
Dafür werden sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen nicht gezahlt... Beispielsweise eine Ultraschalluntersuchung bei Männern bezüglich Herzinsuffizienz. Aber sind ja "nur" Männer. Wohl dem, der privat zahlen kann. Ach ja: Masern wird geimpft, auch wenn man vorher den Impftiter bestimmen könnte. Doch das ist den Kassen ja zu teuer. Lieber rein mit der Spritze.
5. Wir könnte 9 Milliarden sparen...
vogtnuernberg 20.03.2013
Zitat von sysopDer Igel-Markt in Praxen boomt. Doch wem nutzen die Selbstzahlerangebote mehr - dem Geldbeutel des Artztes oder dem Patienten? Die Kassen sind der Meinung, dass viele Leistungen zweifelhaft sind. Bei Patienten allerdings sind Angebote wie professionelle Zahnreinigung oder Akupunktur beliebt. Bilanz Igel-Monitor: Kassen halten viele Igel-Leistungen für nutzlos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/bilanz-igel-monitor-kassen-halten-viele-igel-leistungen-fuer-nutzlos-a-889988.html)
Wir könnte 9 Milliarden sparen... Wenn es statt 100 Kassen nur noch eine gäbe. Wozu brauchen wir 100 überbezahlte Vorstände von nutzlosen Krankenkassen, die alle die gleiche Leistung anbieten? Daher liebe Kassen: Schaffen wir Euch nutzlosen Institutionen endlich ab und stecken die freiwerdenden 9 Milliarden jährlich in die Gesundheitsvorsorge! Wie wäre das?
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Früherkennung: Diese Untersuchungen zahlt die Krankenkasse



Diese Untersuchungen zahlt die Krankenkasse:


Darmspiegelung - Hintergründe und Fakten
Was wird bei der Darmspiegelung gesucht?
Die Verwandlung vom gutartigen Darmpolypen zum bösartigen Tumor, man spricht auch von Entartung, ist ein längerer Prozess. Es gibt Polypen, die einen Stiel haben und solche, die flach und rasenartig auf der Darmwand wachsen.

• Bei pilzartig ins Darmvolumen hineinwachsenden Polypen dauert der Prozess in der Regel zehn Jahre oder sogar länger.
• Rasenartig auf der Darmschleimhaut wachsende Veränderungen brauchen allerdings nur etwa fünf bis sechs Jahre.
Was wird als Früherkennungsmaßnahme von der Kasse erstattet?
Die endoskopische Darmspiegelung wird normalerweise ab 55 Jahren alle zehn Jahre von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Liegen Verdachtsmomente vor, kann die Spieglung auf Kassenkosten bereits früher erfolgen. Das gilt auch, wenn jemand familiär genetisch vorbelastet ist. Dann erfolgt die Darmspiegelung in Abständen von drei bis fünf Jahren. Die Altersgrenze von 55 Jahren wurde aus Kostengründen festgelegt. Experten empfehlen die Spiegelung eigentlich bereits ab 50 Jahren.

Die virtuelle Darmspiegelung ist als Früherkennungsmaßnahme in Deutschland nicht zugelassen. Sie wird nur in manchen Fällen von den Kassen erstattet (etwa bei starker Darmverengung). Ohne medizinische Notwendigkeit muss der Patient die Kosten selbst bezahlen.
Darmspiegelung mittels Magnetresonanztomografie (MRT)?
Es könnte bald noch eine dritte Methode zur Auswahl stehen, die strahlungsfreie Magnetresonanztomografie. Die MRT-Darmspiegelung könnte es, wie auch jene mit CT, irgendwann ermöglichen, die Reinigung des Darms laxer zu handhaben: Mit einem Kontrastmittel markierte Stuhlreste im Darm lassen sich nämlich per Computer herausrechnen. Allerdings befindet sich dieses Verfahren derzeit noch im experimentellen Status.

Außerdem hat die MRT derzeit das Problem, dass kleinste Bewegungen, wie sie sogar beim medikamentös ruhiggestellten Darm gegeben sind, die Aussagekraft der Bilder verschlechtern.
Welche weiteren Methoden zur Darmkrebsvorsorge gibt es?
Vorweg sei klar gesagt: Alle verfügbaren Tests auf Darmkrebs sind kein Ersatz für eine Darmspiegelung. Dennoch lohnt es sich, die zusätzlichen Vorsorgemöglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Hämokkulttest: Diesen Test sieht die gesetzliche Darmkrebsvorsorge ab einem Alter von 50 Jahren zweijährlich vor. Er weist im Stuhl verstecktes (okkultes) Blut nach. Ein positives Testergebnis muss aber noch nicht bedeuten, dass der Patient Darmkrebs hat, denn für Blut im Stuhl gibt es noch andere Quellen als einen Tumor: Es kann von einem Polypen, blutenden Hämorrhoiden oder von Darmentzündungen stammen. Auch eine Vitamin-C-Einnahme oder Fleischverzehr während der mehrtägigen Testzeit können zu einem falschen Ergebnis führen.

Der Test kann leider nur weniger als die Hälfte aller bereits vorhandenen Darmkrebserkrankungen und weniger als ein Viertel aller fortgeschrittenen Darmkrebsvorstufen erkennen. Obgleich seine Genauigkeit begrenzt ist, zeigen Studien, dass er regelmäßig durchgeführt trotzdem die Sterblichkeit senken kann. Ist der Hämokkultttest auffällig, bezahlen die Kassen auch vor dem 55. Lebensjahr für eine endoskopische Darmspiegelung.

Immunchemische Tests: Mittels Antikörper weisen sie nur menschliches Blut im Stuhl nach. Sie sind viel empfindlicher als der Hämokkulttest. Allerdings haben sie derzeit noch einen Haken: Einige der immunchemischen Tests sind derzeit teilweise noch nicht sauber eingestellt, so dass das Ergebnis zu oft falsch positiv ausfällt - also Hinweise auf einen Tumor gibt, obwohl alles in Ordnung ist.

Der Tumor M2-PK-Test: Er weist ein von entarteten Zellen gebildetes Enzym (Tumor M2-PK) nach und spürt so etwa 85 Prozent aller bösartigen Darmtumore auf (Kosten ca. 30 Euro, bei PKV wegen Kostenerstattung nachfragen).