Medizinhistorischer Bildband: Schön krank

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Medizingeschichte: Warum es uns heute gut geht Fotos
US National Library of Medicine, Bethesda

Alle Wissenschaften haben ihre Geschichte - mal ist sie skurril, mal rührend, mal beeindruckend. Dumont widmet den medizinischen Meilensteinen einen Prachtband mit Nachschlage- und Lesebuch-Qualitäten, der nicht nur Wissenschafts-, sondern auch Kulturgeschichte bietet.

Zu den schönen Dingen am nahenden Winter zählt die Vorstellung, gemütlich mit einem Buch auf den Knien auf der Couch zu sitzen, während draußen der Schneesturm tobt. Gerne auch mit einem opulent gestalteten Bildband, der neben intelligenten Texten beeindruckende Bilder zu bieten hat. Wie wäre es mit einem, in dem man historische Abbildungen von Obduktionen und Transplantationen, von Pesttoten oder Sezieranleitungen, Krankheiten und martialischen medizinischen Instrumenten geboten bekommt?

Das klingt erst einmal weder verlockend, noch gemütlich oder wirklich unterhaltsam. Auch gibt es medizinhistorische Werke wie Sand am Meer, wirklich neu wäre die Idee also nicht. Was also ist anders an dem nun bei Dumont erschienenen, fast 1,5 Kilogramm schweren und 304 Seiten dicken Wälzer "Die großen Entdeckungen der Medizin" von William und Helen Bynum?

In erster Linie ist es die Zielgruppenorientierung. Medizinhistorische Werke sind gemeinhin entweder Fachbücher, die den Laien schnell langweilen oder überfordern, oder populärwissenschaftliche Schmöker oder Stöberbücher, die den Nicht-Mediziner gern mit einem Mix aus Horror und Humor bei der Stange halten und den fachkundigen Leser damit abschrecken. Kurzum: Das eine ist oft zu ernst, das andere zu wenig.

Das Buch der Bynums ist da anders. Beide Autoren widmen sich seit etlichen Jahren der Aufbereitung der Medizingeschichte: Helen Bynum beschäftigt sich als Autorin und Dozentin mit dem Thema, William Bynum arbeitete bis zu seiner Emeritierung viele Jahre als Professor für Medizingeschichte am University College in London. Er ist Autor und langjähriger Herausgeber der vierteljährlich erscheinenden, international renommierten Fachzeitschrift "Medical History". Beide sind zudem für die Oxford-University-Buchreihe "Biographies of Disease" verantwortlich.

Das zusammen hört sich für Fachleute so kompetent wie für Laien bedrohlich an, auf jeden Fall nicht nach einem Schmöker für den Feierabend. Tatsächlich ist das Buch vor allem sachlich - in Anbetracht der Skurrilität vieler Themen wäre an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Lockerheit wünschenswert. Zugleich ist es aber auch sorgfältig lektoriert, gut lesbar und erscheint trotz einer Vielzahl beteiligter Gastautoren wie aus einem Guss.

Der Ton hat oft etwas lexikalisches - klar, wenn man versucht, die Geschichte der Psychiatrie, der Alternativmedizin oder Herztransplantation auf vier Seiten zu erzählen. Auch so lässt sich das Buch nutzen, als fachspezifisches Nachschlagewerk, das die Herkunft und Geschichte medizinischer Entdeckungen und Methoden kurz und knackig erklärt.

Es ist dabei üppig illustriert, verständlich formuliert und am Ende dann doch wieder nicht gänzlich humorfrei - dafür sorgen die zeitgenössischen Abbildungen, die einen aus heutiger Sicht nostalgischen, aberwitzigen oder mitunter makabren Kontrapunkt zu den sachlichen Texten setzen. Sie erst machen den Schmöker zum Stöberbuch für die abendliche Stunde auf dem Sofa.

Auch Sachlichkeit kann unterhaltend sein

Die Autoren gehen das große Thema der maßgeblichen medizinischen Entdeckungen in sieben Kapitelblöcken an. Das Spektrum reicht von der Erkundung des Körpers in der traditionellen Medizin verschiedener Kulturkreise über die Entdeckung der Ursachen von Krankheiten und die Entwicklung wichtiger Instrumente bis hin zur Geschichte der großen Seuchen, zu Meilensteinen der Chirurgie und zu den Durchbrüchen der Medizin.

Welche Themen könnten für unser Leben relevanter sein? Viele von uns hätten die Gelegenheit, vom medizinischen Fortschritt zu lesen, ohne diesen nie erlebt. Diese Erkenntnis allein macht den Stoff lesenswert. Medizinischer Fortschritt war und ist eine der wichtigsten Grundbedingungen unserer heutigen Lebensweisen und -chancen.

Die Autoren bemühen sich dabei um verdauliche Lektüre. Doch "Entdeckungen" ist unter dem Strich bei aller visuellen Opulenz natürlich ein klassisches Sachbuch. Das Buch ist gar nicht dafür gedacht, es von vorn bis hinten zu lesen. Es ist vielmehr eine medizinhistorische Wundertüte, in der man blättern und entdecken kann. Manchem Leser reichen vielleicht ein, zwei Happen am Abend, um den Wissenshunger zu sättigen. "Entdeckungen" ist also ein Stück durchaus anspruchsvoller Unterhaltung - Infotainment von der guten Sorte.

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  • Frank Patalong ist Rheinländer mit Ruhr-Wurzeln und seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE.

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