Bill Gates im Interview "Ich habe Trump erklärt, wie großartig Impfstoffe sind"

Zwischen Kriegen, Fake News und Donald Trump ist das Risiko einer Pandemie mit Millionen von Toten kaum präsent. Im Interview warnt Microsoft-Gründer Bill Gates vor dramatischen Konsequenzen.

Bill Gates auf der Sicherheitskonferenz in München
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Bill Gates auf der Sicherheitskonferenz in München

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr Gates, Experten haben immer wieder vor katastrophalen Pandemien gewarnt - 2002 war es Sars, im Jahr 2005 war es die Vogelgrippe, im Jahr 2009 die Schweinegrippe. Die globale Katastrophe blieb jedes Mal aus. Jetzt sagen Sie, dass es in den nächsten zehn bis 15 Jahren zu einer Pandemie mit 30 Millionen Toten kommen könnte. Glauben Sie, dass die Menschen immer noch zuhören?

Gates: Dass es in der jüngsten Geschichte keine katastrophale Pandemie gegeben hat, bedeutet nicht, dass es nie wieder eine geben wird. Und wir sind ganz sicher nicht auf die nächste Pandemie vorbereitet. Es ist schwierig, die Wahrscheinlichkeit einer großen natürlichen Seuche oder einer absichtlich verursachten Bioterrorismus-Epidemie zu nennen. Aber sie ist nicht gleich null, und deshalb glaube ich, dass wir mehr tun müssen.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 1918 tötete die spanische Grippe bis zu 50 Millionen Menschen. Warum glauben Sie, dass die Welt fast 100 Jahre später noch immer unvorbereitet ist?

Gates: Ein Grund ist, dass die Menschen vergessen. Wenn man jemandem sagt, dass es nach dem Ersten Weltkrieg eine Pandemie gegeben hat, die mehr Menschen getötet hat als der Krieg selbst, wird er antworten: "Soll das ein Witz sein? Ich kenne den Ersten Weltkrieg, aber es gab keinen Weltkrieg 1.5, oder?" Doch nach dem Krieg reisten die Menschen umher, und das hat die Infektionen gesteigert. Das Problem ist, dass die Reiseaktivität damals dramatisch geringer war, als sie es heute ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche anderen Gründe gibt es für die mangelnde Vorbereitung?

Gates: Prioritäten beispielsweise. Ich habe eine sehr positive Sicht auf die Welt. Ich glaube, dass sie immer besser wird. Die Liste der Dinge, die riesige Rückschläge bedeuten könnten, ist nicht sehr lang: ein Atomkrieg, Klimawandel und Epidemien. Heute würde ich sagen, dass wir das Risiko des Atomkrieges ernst nehmen, den Klimawandel nicht so sehr und Epidemien am wenigsten. Aber kein einziges Land ist gut darauf vorbereitet, nicht einmal die Vereinigten Staaten. Und selbst wenn ein Land die richtigen Dinge tut, um sich zu schützen, muss es eine globale Zusammenarbeit zur Vorbeugung und Vermeidung von Epidemien geben - genauso wie wir zusammenarbeiten, um die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Ein Problem im Kampf gegen Epidemien ist, dass ein Großteil der entsprechenden Forschung sowohl für den Schutz vor Viren als auch für die Entwicklung von Biowaffen genutzt werden kann.

Gates: Es ist eine gute Nachricht, dass die Wissenschaft Werkzeuge zur Diagnose, zur Behandlung und zum Schutz gegen Infektionskrankheiten entwickelt. 1990 etwa starb weltweit jedes zehnte Kind vor dem fünften Lebensjahr. Heute ist es nur noch jedes Zwanzigste, und Impfstoffe sind dafür der wichtigste Grund. Wenn es bei einer Todesrate von zehn Prozent geblieben wäre, wären 122 Millionen Kinder zusätzlich gestorben. Die schlechte Nachricht ist, dass die Forschung es nicht-staatlichen Akteuren auch erleichtert, Krankheitserreger zu entwickeln, die eine Epidemie verursachen könnten. Aber die Maßnahmen zum Schutz vor einer natürlichen und einer bioterroristischen Epidemie sind nahezu die gleichen.

SPIEGEL ONLINE: Dass Regierungen Vorbereitungen treffen, ist eine Sache. Aber werden auch genug Leute bereit sein, sich impfen zu lassen? Die Skepsis scheint wieder größer zu werden, möglicherweise auch wegen des sinkenden öffentlichen Vertrauens in Experten.

Gates: Eine Epidemie würde die Menschen bestimmt dazu bringen, Impfstoffe zu mögen. Natürlich hoffe ich nicht, dass es dazu kommt - aber eine Epidemie würde alle daran erinnern, wie wunderbar Impfstoffe sind. Wir haben die Pocken vollständig ausgerottet, die Kinderlähmung nahezu. Das Wunder der Impfstoffe ist noch größer als das der Antibiotika. Impfstoffe sind sehr gut getestet, sie sind bekanntermaßen sicher. Die Falschbehauptung, dass Impfstoffe Autismus verursachen, ist widerlegt. Aber sie hat immer noch einen Nachhall, der die Menschen verwirrt.

SPIEGEL ONLINE: "Nachhall" klingt wie ein Euphemismus angesichts der Tatsache, dass US-Präsident Trump mehrfach behauptet hat, Impfungen verursachten Autismus. Während der Kampagne hat er sich mit Andrew Wakefield getroffen, jenem Wissenschaftler, der die Autismus-Theorie mit gefälschten Daten verbreitet und dafür ein Berufsverbot erhalten hatte. Schädigt Trumps Verhalten das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfstoffe, und was sagt es generell über die Bedeutung von Wissenschaft und Fakten in seiner Politik?

Gates: Ich habe Trump im Dezember nach der Wahl getroffen und hatte die Chance, ihm zu erklären, wie großartig Impfstoffe sind.

SPIEGEL ONLINE: Anscheinend waren Sie nicht besonders erfolgreich. Im Januar wurde bekannt, dass Trump mit dem Gedanken spielt, den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus von einer Kommission untersuchen zu lassen. Leiten soll sie angeblich Robert F. Kennedy junior - kein Wissenschaftler, dafür aber ein prominenter Impfgegner.

Gates: Die Regierung hat in dieser Hinsicht noch nichts Offizielles unternommen. Im schlimmsten Fall würden sie eine Kommission einrichten, was zu dumm wäre, denn es gibt bei diesem Thema wirklich keine offenen Fragen mehr. Deshalb würde die Kommission - vorausgesetzt, sie bestünde aus Wissenschaftlern - genau dieses Ergebnis liefern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie sind Optimist, und dass die Welt mit der Zeit eine immer bessere wird. Fühlen Sie sich manchmal allein mit dieser Vorstellung?

Gates: Tatsache ist, dass der "Es wird immer besser"-Ansatz nicht allgemein anerkannt ist. Ich behaupte nicht, dass es keine großen Probleme gibt. Aber gute Dinge geschehen im Allgemeinen allmählich, während Gewalt oder Katastrophen stärker in den Nachrichten vorkommen. Wenn man den Leuten sagt, dass es heute weniger Gewalt gibt als früher, sind sie oft erstaunt. Doch es stimmt, auch wenn in Syrien oder im Sudan schreckliche Dinge passieren.



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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
sven2016 22.02.2017
1.
Mit seinen Ausführungen hat Herr Gates bestimmt weitgehend recht. Allerdings folgen auch die positiven Entwicklungen im Kampf gegen bakterielle/virale Bedrohungen der sozialen Landkarte: in Ländern der Ersten Welt weit fortgeschritten, in denen der Dritten Welt auch besser, aber auf niedrigem Level. In Ländern wie Haiti und Somalia eher stagnierend.
rkinfo 22.02.2017
2. Die Geschichte der Polio-Imfungen 50er und 60er Jahre / Pest und Cholera
Abgestuft über mehrere Impfstoffentwicklungen und Länder kollabierte die Erkrankungsrate drastisch ab den Impfungen. Deutschland hatte bis zum Beginn der Schuckimpfung zwischen 2.000 und 5.000 Neuerkrankugen jährlich, was dann auf 250 bis 50 innerhalb von 5 Jahren zerfiel. Heute gibt es nich 5-10 Neuerkranken je Jahr. Früher waren alle Arten von ansteckenden Krankheiten in Europa und weltweit stark verbreiteter Schrecken. Impfgegner sind daher eher Verbreiter amoralischer Sekten, als Freunde des gesunden Lebens für Alle.Grauenhaft, dass es solche Leute heute noch gibt !
kwoik 22.02.2017
3. Eine
Kommission die wissenschaftliche fundierte Ergebnissse liefern soll aber keine Wissenschaftler sind sondern von vorn herein voreingenommen sind. Aha das ist also Trumps Wahrheit. Ich hoffe das alle Trump Wähler als erstes Dran sind.
max_schwalbe 22.02.2017
4. Gates vergisst ein viertes Risiko
Neben Atomkrieg, Seuchen und Klimawandel gibt es eine vierte, noch größere Bedrohung des Fortschritts: Das Barbarentum. In der Geschichte der Menschheit wurden - kaum seltener als von Seuchen - immer wieder ganze Kulturen dahingerafft, durch "Ungebildete", man nennt sie oft Barbaren. Die den Fortschritt aufhalten, wenn nicht gar rückgängig machen. Der aufblühende Rechtspopulismus weltweit, ist der Keim dieses Barbarentums. Die Kehrtwendung weg vom Progressiven hin zu einer konservativ-isolierenden Weltsicht. Noch läuft niemand mit Lendenschurz und Fackel brüllend herum, aber wenn man sich Trump anschaut fragt man sich, ob es wohl doch bald soweit sein würde... auch der fundamental ausgelegte Islam ist etwas rückwärtsgetriebenes, da ist er sich dem Rechtspopulismus überraschend ähnlich. Herr Gates, Sie glauben an den Kapitalismus weil er Bestandteil ihrer Erfolgsgeschichte war, aber ich kann Ihnen sagen: Über Epidemien brauchen Sie sich Impfstoffmäßig nur in zweiter Priorität Gedanken machen, die größte und gefährlichste Epidemie ist der Kapitalismus. Denn er und die Zerwürfnisse die er produziert, sind der Nährboden auf dem der Rechtspopulismus erblüht. Das lässt sich doch nur schwerlich leugnen!
arikimau 22.02.2017
5. Reicher Mann der uns die Welt erklärt
Wenn Bill Gates für die Gewinne seiner Unternehmen weltweit einen fairen Lohn und Nachhaltigkeits-Abgaben leisten müsste, wären auch schon vielen Menschen geholfen. Ich mag es nicht wenn Mnenschen die einen so gewaltigen ökologischen Fußabdruck, wie ein kleines Land haben, über verbesserungen schwafeln.
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