"Lächeln Sie bitte", sagt der Fotograf, und eine Assistentin hilft nach: "Denk einfach an die Milliarde, die wir heute eingesammelt haben." Da lächelt Bill Gates.
Er sitzt in einem Besprechungszimmer des Etihad Tower, eines denkbar luxuriösen Kongresshotels in Abu Dhabi, in dem auch die örtliche Cartier-Dependance untergebracht ist. Der Global Vaccine Summit 2013 ist der erste weltweite Impfgipfel, der hier stattfindet. Die etwa 300 Delegierten und Global Leaders sitzen im kalten, blauen Licht ihres Konferenzsaales, Minister, Impfexperten, lokale Stammesführer, Pharmavertreter und Philanthropen, islamische Gelehrte und langgediente Gesundheitsbeamte diverser internationaler Organisationen.
Kommissionspräsident Barroso ist da, Kofi Annan, der frühere Uno-Generalsekretär, auch der Sultan von Sokoko in Nigeria, einer Region, wo die meisten der gegenwärtigen Polio-Fälle gezählt werden. Ban Ki Moon und Bischof Desmond Tutu schicken per Video Grußbotschaften. Doch die Hauptperson der Veranstaltung ist ein schmächtiger Herr, der einmal der reichste Mann der Welt war: Bill Gates, der Gründer von Microsoft.
SPIEGEL ONLINE: Herr Gates, wie bringt man eine Regierung wie die deutsche dazu, trotz Sparpolitik 150 Millionen Dollar für den Kampf gegen Polio bereitzustellen? Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz meinte am Donnerstag auf dem Podium, Ihr Charme sei schuld und legte gleich noch einmal fünf Millionen drauf.
Bill Gates: Das war wirklich nicht allein unser Verdienst. Deutschland hat die Polio-Kampagne seit langer Zeit mitfinanziert. Bis 2003 lief alles gut, doch dann hörte die Zahl der Neuinfektionen auf zu sinken, fast neun Jahre lang. Das ist ein Dilemma. Keiner will der erste sein, der aussteigt und das Ende der ganzen Kampagne riskiert. Wir Hauptgeldgeber haben uns dann, das war 2009, gefragt, was hier falsch läuft. Fehlt es an Helfern, an Impfstoffen, an Nachschub, sind die Karten zu ungenau? 18 Monate haben wir daran gearbeitet, die besten Experten geholt und zum ersten Mal überhaupt eine Datenbank eingerichtet.
SPIEGEL ONLINE: So kam es zu dem 5,5-Milliarden-Dollar-Plan Global Polio Eradication Initiative (GPEI) von 2011. Das ist eine Menge Geld im Kampf gegen eine Krankheit, von der in diesem Jahr bisher nur sechzehn Fälle bekannt geworden sind.
BILL GATES
Mit der Gründung des Weltkonzerns Microsofts verdiente er Milliarden - inzwischen reist Bill Gates um die Welt und besucht Entwicklungsländer, um dort den Kampf gegen Infektionskrankheiten voranzutreiben. Einer seiner größten Missionen ist die weltweite Ausrottung von Polio, jenem Virus, das die Kinderlähmung verursacht.
Mit einem geschätzten Privatvermögen von etwa 50 Milliarden Dollar (2009) gehört er zu den reichsten Menschen der Welt. 1994 begann er damit, Teile seines Vermögens in Stiftungen zu stecken. Die 1997 gegründete "Bill and Melinda Gates Foundation" ist mit Abstand die mächtigste private Wohltätigkeitsstiftung. Sie hat ein Kapital von 36,4 Milliarden Dollar und vergab allein 2012 dreieinhalb Milliarden an Stipendien. Das jährliche Budget der Weltgesundheitsorganisation WHO beträgt im Vergleich 1,65 Milliarden Dollar.
Gates: Es ist eine historische Chance, das Polio-Virus weltweit auszurotten. Wir haben jetzt zugesagt, ein Drittel der Kosten zu übernehmen, 1,8 Milliarden Dollar. Und ich habe versprochen, noch für weitere zehn Prozent der Kosten andere Philanthropen zu finden. Es ist das erste Mal, dass Nichtregierungsorganisationen bei einer derartigen Kampagne über 40 Prozent des finanziellen Aufwands übernehmen. Gewöhnlich sind es zwei, drei Prozent. Entscheidend war der Erfolg in Indien, wo wir seit zwei Jahren keinen einzigen Polio-Fall mehr haben. Da konnten wir den Leuten sagen: Erhöht jetzt bitte euren Beitrag.
SPIEGEL ONLINE: Das hat dem Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel eingeleuchtet?
Gates: Mit Niebel haben wir immer wieder überlegt, wo das Geld am effektivsten angelegt wäre, und wie gewährleistet wird, dass die Öffentlichkeit mitzieht. Aber es gibt kaum etwas Nachhaltigeres als Impfungen, das muss jedem einleuchten.
SPIEGEL ONLINE: Es ist immer gut, bei einer erfolgreichen Kampagne an Bord zu sein.
Gates: Klar, man kann sein Geld für alles mögliche ausgeben. Aber hier ist etwas, das eine 99 Prozent Chance auf Erfolg hat. Das ist bei der Entwicklung von Anti-Malaria-Impfstoffen anders, wo ich ebenfalls Geld investiert habe.
SPIEGEL ONLINE: Die Erziehungsministerin Pakistans, Sania Nishtar, hat auf der Konferenz in Abu Dhabi gemeint, sie bräuchte im Kampf gegen Polio vor allem eine klare Position der saudischen Korangelehrten. Das hätte "einen enormen Effekt". Ist eine gute Fatwa also mehr wert als 100 Millionen Dollar von Carlos Slim?
Gates: Nein. Ressourcen sind immer noch fundamental. Die meisten Kinder werden nicht erreicht, weil sie auf keiner Karte erfasst sind oder es an Nachkontrollen mangelt. Aber es stimmt, dass Gewalt ein entscheidender Faktor für Erfolg oder Misserfolg sein kann. Und natürlich ist es wichtig, dass die Islamgelehrten und Prediger, denen die Leute vertrauen, sich für die Impfkampagne aussprechen.
SPENDEN FÜR DEN KAMPF GEGEN POLIO
Auf dem internationalen Impfgipfel in Abu Dhabi sind von Gebern verbindliche Zusagen in der Höhe von über drei Milliarden US-Dollar gemacht, beziehungsweise bestätigt worden. 18 Staaten haben ihren Zuschuss zur Anti-Polio-Initiative zum Teil deutlich erhöht, so Norwegen (um 240 Mio.), Großbritannien (457 Mio.) und Kanada (219 Mio.). Der Kronprinz von Abu Dhabi legte 120 Millionen dazu, Michael Bloomberg 100 Miollionen und der Welt neuer reichster Mann, Carlos Slim, noch einmal 100 Millionen. Damit ist der strategische Plan zur Ausrottung von Polio zum überwiegenden Teil finanziert: 4,03 Milliarden Dollar liegen jetzt für die nächsten sechs Jahre bereit.
Gates: Beides ist eng verbunden. Wir sprechen von Routine-Immunisierung. Da hinein fließt auch der größte Teil der 5,5 Milliarden. Natürlich geht es auch gegen Masern, Lungenentzündung, Durchfall, bessere Kontrollen. In Nordnigeria haben wir die Basisversorgung von etwa 30 Prozent auf 80 Prozent der Bevölkerung steigern können. Es geht immer darum, Kinder am Sterben zu hindern.
SPIEGEL ONLINE: Wenn das Polio-Virus tatsächlich bis 2018 ausgerottet sein sollte, was wäre für Ihre Stiftung die zweitwichtigste Kampagne?
Gates: Malaria, ohne jeden Zweifel. Nur fehlen uns da noch die geeigneten Instrumente. Das dauert noch zwei bis drei Jahre. Wer heute Mittel gegen Malaria nimmt, behält jene Stoffe im Blut, die von Moskitos aufgenommen und weitergetragen werden. Wir brauchen also ein Medikament, das diesen Mechanismus unterbricht. Mein Traumszenario ist, Polio in drei, vier Jahren komplett ausgerottet zu haben und dann die gewonnenen Erfahrungen und die Logistik im Kampf gegen Malaria einzusetzen, mit geeigneten Instrumenten.
Das Interview führte Alexander Smoltczyk
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