Pandemien Die vergessene Gefahr

Die nächste Pandemie kommt bestimmt, sie könnte Millionen Menschen töten - doch die Welt ist auf eine große Seuche kaum vorbereitet. Trumps forschungsfeindliche Politik droht die Lage noch zu verschlimmern.

Bestattung eines Ebola-Opfers in Sierra Leone (2014)
REUTERS

Bestattung eines Ebola-Opfers in Sierra Leone (2014)

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Hunderte Tote im Mittelmeer, Tausende in der Ukraine, Zehntausende in Syrien: menschgemachte Szenarien, wie sie zuletzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz beschrieben wurden. Allerdings nicht von einem Präsidenten, General oder Außenminister, sondern von Bill Gates. Ein hochansteckender Erreger "könnte 30 Millionen Menschen innerhalb eines Jahres töten", sagte der Microsoft-Gründer. Nach Angaben von Experten könne es mit einiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten zehn bis 15 Jahren zu einem solchen Ausbruch kommen.

Der Milliardär, der über die nach ihm und seiner Frau Melinda benannte Stiftung Millionen Dollar in den Kampf gegen Seuchen steckt, hatte sich nicht zufällig die mit Staats- und Regierungschefs, Ministern und Militärs gespickte Sicherheitskonferenz als Bühne ausgesucht. Drei Dinge könnten die gesamte Zivilisation zurückwerfen, sagte Gates: "Ein Atomkrieg, der Klimawandel und Seuchen." Die beiden ersten Risiken versuche die Welt mit großem Aufwand einzudämmen. "Aber Epidemien nehmen wir am wenigsten ernst", sagte Gates im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt Gates in diesem Punkt Recht. Laut einem im Mai veröffentlichten Report sind nur 65 von 193 Staaten einigermaßen in der Lage, Seuchen zu erkennen und zu bekämpfen. Um die restlichen 128 zur Kurskorrektur zu bewegen, müsse man auf Treffen wie der Sicherheitskonferenz mit Staats- und Regierungschefs reden, meint Louis Lillywhite. "Gesundheitsminister sind nicht einflussreich genug", sagt der ehemalige Generalleutnant und ranghöchste Sanitätsoffizier des britischen Militärs.

Der Ausgang vieler Krankheitswellen ist Glückssache

Wie groß die Gefahr ist, dass die Welt erneut von einer Pandemie überrumpelt wird, zeigte sich 2009 bei der Schweinegrippe. Der H1N1-Erreger war eng verwandt mit dem Virus, das 1918 die Spanische Grippe mit weltweit bis zu 50 Millionen Toten ausgelöst hatte. Zwar verlief die Schweingrippe mit rund 18.000 registrierten Todesfällen wesentlich harmloser, weshalb die WHO anschließend scharf für ihre Pandemie-Warnung kritisiert wurde. Doch der glimpfliche Ausgang hatte eher mit Glück als guter Vorbereitung zu tun - denn der Impfstoff wäre viel zu spät gekommen, um eine Katastrophe zu verhindern.

Seine Herstellung lief auf die altbewährte Art: Grippeviren werden in Hühnereier eingeschleust, wo sie sich vermehren und dann zur Produktion des Impfserums entnommen werden. Doch bis das Vakzin gegen die Schweinegrippe hergestellt, an Kliniken ausgeliefert und den Patienten verabreicht war, verging viel zu viel Zeit.

"Am Ende hatten wir nur 1,6 Prozent der mehr als 60 Millionen Infektionen in den USA verhindert", sagt der Genetiker Dan Wattendorf, der vor Kurzem von der Pentagon-Forschungsabteilung Darpa zur Gates-Stiftung gewechselt ist. "Dabei war dieser Impfstoff der bisher am schnellsten entwickelte." Wäre das Schweinegrippe-Virus so ansteckend und tödlich gewesen wie der H1N1-Erreger von 1918, "wären Millionen Menschen gestorben".

Zwar ist laut Wattendorf bereits der grundsätzliche Beweis erbracht, dass man in Zukunft dank neuer Technologien schnell genug sein kann. In den Zellen von Säugetieren etwa ließen sich Viren viel rasanter vermehren als in Eiern, denkbar sei auch die Herstellung von Antikörpern direkt aus verändertem Erbgut.

"Die weniger gute Nachricht ist allerdings, dass diese Forschung es auch leichter macht, einen Erreger zu züchten, der eine Epidemie auslösen könnte", warnt Gates. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür sei, lasse sich nicht sagen. "Aber sie liegt nicht bei null." Entsprechend wichtig sei es, sich vorzubereiten. "Denn die Maßnahmen zum Schutz vor einer natürlichen oder einer bioterroristischen Epidemie sind fast genau die gleichen."

Gates redete mit Trump - mit bescheidenem Erfolg

Offen ist, wie erfolgreich Gates mit seinem Versuch sein wird, die Mächtigen der Welt zu überzeugen - insbesondere den mächtigsten von allen, den Präsidenten der USA. Donald Trump hat zum Entsetzen von Medizinern bereits mehrfach behauptet, die Kombi-Impfung gegen Masern, Röteln und Mumps löse bei Kleinkindern Autismus aus. Im Wahlkampf traf er sich gar mit Andrew Wakefield, dem Urheber der Theorie, die längst als Fälschung entlarvt ist und dem britischen Mediziner ein Berufsverbot eingebracht hat.

"Ich habe Trump im Dezember nach der Wahl getroffen und hatte die Chance, ihm zu erklären, wie großartig Impfstoffe sind", sagt Gates. Durchgedrungen ist er damit offenbar nicht. Im Januar wurde bekannt, dass Trump mit dem Gedanken spielt, den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus von einer Kommission untersuchen zu lassen. Leiten soll sie angeblich Robert F. Kennedy junior - kein Wissenschaftler, dafür aber ein prominenter Impfgegner.

Es wäre eine Entscheidung ganz im Stile Trumps, der den Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen hält, die Umweltbehörde EPA Umweltschutzgegnern unterstellt hat, das Geld für die Statistikämter kürzen will und Hilfszahlungen an ausländische Organisationen, die über Abtreibungen beraten, per Dekret verboten hat - ungeachtet der Gefahr, dass dies die Gesundheit Tausender Mädchen und Frauen gefährdet.

Kann ein solcher Präsident mit wissenschaftlichen Argumenten überzeugt werden? "Es ist zu früh, um das zu sagen", meint der britische Ex-Militärarzt Lillywhite. Allerdings hat Trump bereits angekündigt, die US-Zahlungen an die Vereinten Nationen um 40 Prozent zu kürzen und an politische Bedingungen zu knüpfen. Noch ist nicht klar, welche Programme betroffen wären. "Aber im Kampf gegen größere Seuchen hat die Uno schon jetzt starke Finanzierungslücken", sagt Lillywhite. "Einschnitte würden die Lage weiter verschlimmern."

Die USA, davon ist der Brite überzeugt, würden sich damit am Ende auch selbst schaden. "Seuchen scheren sich nicht um Grenzen", meint Lillywhite, "und auch nicht um Einreiseverbote."



insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
H-Vollmilch 22.02.2017
1. Was ist das jetzt?
Neue Panikmache?
to78ha 22.02.2017
2. Spenden?
Wenn jeder bisschen Geld spenden würde könnte man auf solche Schwachköpfe wie Trump bestimmt locker verzichten. Nur fraglich inwieweit solche Politiker die öffentliche Meinung zum Negativen bewegen können. Der Mensch ist eben ein Mitläufer, ein Herdentier. Und es gibt halt Rattenfänger wie Trump und Co. Vielleicht muss erst etwas schlimmes passieren das die Menschheit wieder zur Vernunft kommt. Aber keine Angst, ein paar überleben immer. Vielleicht nicht Sie oder Ich, aber die Überlebenden werden nachher schlauer sein. Vielleicht aber auch nicht.
71waldorf 22.02.2017
3. Univetseller Schutz
Trumps Mauer wird Amerika schon schützen.
zeisig 22.02.2017
4. Vergessene Gefahr?
Manchmal ist es besser, Dinge zu vergessen, anstatt sich ständig mit ihnen zu beschäftigen oder gar Ängste zu schüren vor etwas, was vielleicht nie passiert. Im Gegenteil. Wenn ich an die mediale Hysterie zurückdenke, die als Folge von Schweinegrippe oder Rinderwahn über das Land schwappte, so kann ich darauf gerne verzichten.
uhrentoaster 22.02.2017
5. Trump
Es muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, wenn Trump forschungsfeindliche Politik betreibt. Sobald ihn das Virus befallen hat, könnte sich einiges ändern.
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