Vorschlag eines Mediziners Blasenentzündung? Antibiotika - und zwar ohne Rezept!

Viele Frauen leiden mehrmals im Jahr unter Harnwegsinfekten, meist helfen Antibiotika. Das nötige Rezept stellt der Arzt aus. Ein britischer Forscher fragt nun: Muss das sein?

Rezeptpflichtig: Das Antibiotikum gibt es nur nach einem Arztbesuch
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Rezeptpflichtig: Das Antibiotikum gibt es nur nach einem Arztbesuch


Die erste Blasenentzündung war ein Schock: der ständige Harndrang, das starke Brennen, das Blut im Urin. Die zweite ein Ärgernis. Bei der dritten war es unangenehme Routine: zum Arzt gehen, Antibiotika verschrieben bekommen, einnehmen und abwarten.

Viele ansonsten gesunde, junge Frauen leiden unter wiederkehrenden Harnwegsinfekten, die schmerzhaft, aber recht harmlos sind. Die unterschiedliche Anatomie ist dafür verantwortlich, dass Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer.

Die Standardtherapie mit einem Antibiotikum dient dazu, die Beschwerden schneller abklingen zu lassen: Fast immer sind Bakterien für die Infektion verantwortlich, die sich vorzugsweise mit dem Wirkstoff Nitrofurantoin bekämpfen lassen.

Wenn die Patientin es wünscht, kann sie die Entzündung ohne Medikamente durchstehen. Auch dann heilt die Infektion in der überwältigenden Zahl der Fälle problemlos ab - die Frau muss nur einige schmerzvolle Tage überstehen. Manche schwören dabei auf Wärmflaschen zur Schmerzlinderung, spezielle Tees oder pflanzliche Mittel - in Studien belegt ist deren Wirksamkeit allerdings nicht.

Wer ein Antibiotikum will, kommt dagegen am Arzt nicht vorbei. Warum eigentlich, fragt Kyle Knox von der University of Oxford im "British Medical Journal". "In einer Zeit, in der man schnell an Informationen kommt und Patienten selbstständiger entscheiden, ist es eine gute Idee, dass Frauen eine sichere und effektive Behandlung ohne die Kosten und die Verzögerung erhalten, die ein Arztbesuch mit sich bringt", schreibt er.

Beratung in der Apotheke

Stellt sich eine ansonsten gesunde, nicht schwangere Patientin mit den typischen Symptomen einer unkomplizierten Blasenentzündung beim Arzt vor, verschreibt dieser das Antibiotikum in der Regel, ohne zum Beispiel den Erreger zu bestimmen. Eine genauere Untersuchung sah die Leitlinie zum Krankheitsbild, die derzeit überarbeitet wird, nur vor, wenn die Patientin erstmals über eine solche Infektion klagte oder der Arzt sie noch nie zuvor behandelt hatte.

In Großbritannien, rechnet Knox vor, sind Blasenentzündungen der Grund für ein Prozent der Arztbesuche. Dürften die Betroffenen sich das Antibiotikum ohne Rezept in der Apotheke holen, würde das die Ärzte also zumindest etwas entlasten, ein paar der knappen Termine freihalten und Kosten sparen. Die Beratung zur Antibiotika-Einnahme und möglichen Neben- und Wechselwirkungen könnte in der Apotheke stattfinden.

Zu klären wäre, ob durch die Rezeptfreigabe die Zahl der eingenommenen Antibiotika steigt und ob Patientinnen mit möglicherweise nicht so banalen Harnwegsinfekten dann erst zu spät einen Arzt konsultieren würden. In seltenen Fällen können die Bakterien bei einer Blasenentzündung in die Nieren wandern und eine Nierenbeckenentzündung auslösen. Sie kann chronisch werden und dann das Organ dauerhaft schädigen.

Ob Knox' Idee umgesetzt wird? Das hängt sicher auch davon ab, wie viel Eigenverantwortung man den Betroffenen tatsächlich zutraut. In Deutschland wurde bei einem anderen Medikament, der Pille danach, bis zuletzt erbittert gegen eine Befreiung aus der Rezeptpflicht gekämpft. Eine EU-Entscheidung führte schließlich zur Freigabe.

wbr

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insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
sequ 15.07.2015
1. Sinnvoller Vorschlag
Ich habe hin und wieder eine Blasenentzündung. Am liebsten kommt sie wenn das Wochenende startet und ich nicht zum Hausarzt kann. Dann muss ich zum Notdienst und dort nochmal extra bezahlen. Ganz abzusehen von der Anfahrt und der Wartezeit beim Arzt oder Notdienst, die mit einer Blasenentzündung wirklich einer Folter gleicht. Wärmflasche und andere frei verkäufliche Mittel haben bei mir eigentlich nie ausgereicht und ich habe mich tagelang geplagt.
El pato clavado 15.07.2015
2. Ja ,das muss sein
ohne Rezept wird sinnlos auf Vorrat gekauft und jedes weh-wehchen in Selbstdiagnose behandelt, nicht nur die gereitzte Blase, sondern auch die Erkältung der Kinder. Überflüssige Reste fliegen ins Klo, das freut die Ratten und versaut das Grundwasser. Dümmer gehts nicht
Sixpack, Joe 15.07.2015
3. Apotheker?
Das wäre so etwas wie Uberpop in Medizinerland. Die Apotheker streiken! Ohne rezept geht das nicht! Stimmt, die Kasse muss gefühlt werden sonst können die Apotheker sich ja keinen X5 erlauben. In Deutschland ist ja alles entweder ´nicht erlaubt´, ´verboten´ oder ´untersagt´!
chjuma 15.07.2015
4. Genau!!!
Antibiotika unkontrollierbar verteilen. Jeder nimmt das Zeug nach Gutdünken. Nebenbei züchten wir dann paar ordentliche Resistenzen, die ein paar 100 Millionen von uns erlegen. Wo ist dieser "Mediziner"?? Das muss ich wissen, nicht dass ich oder die Meinen aus Versehen da hin geraten. Dem sollte man sofort die Approbation känzeln.
fisschfreund 15.07.2015
5.
Schweine und Hühner bekommen ja auch dauernd Antibiotika-also macht das den Kohl wohl auch nicht mehr fett..*Kopfschüttel*
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