Mythos oder Medizin Verursacht Sitzen auf kaltem Boden eine Blasenentzündung?

Sonnenschein und warme Luft locken ins Freie. Aber Vorsicht: Oft ist der Boden noch kalt. Wer zu lange darauf sitzt, riskiert eine Blasenentzündung. Oder?

Warme Luft, kalter Boden
Getty Images/ Westend61

Warme Luft, kalter Boden

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was oben reinläuft, muss unten wieder raus. Das gilt auch für den Körper. Zuständig sind dort die Nieren. 60-mal am Tag filtern sie das gesamte Blut, eliminieren Giftstoffe, sortieren Abfälle der Körperzellen aus und entsorgen überschüssiges Wasser. Über die Blase und die Harnröhre finden die Stoffe den Weg nach draußen. Im Unterschied zum Darm bleibt das System dabei absolut keimfrei. Das kann allerdings auch zum Problem werden.

Dringen Bakterien von außen in die Harnröhre ein und kriechen zur Blase hinauf, entsteht eine schmerzhafte Entzündung. Jeder Toilettengang wird dann zur Tortur und endet oft mit nur wenigen Tröpfchen in der Kloschüssel. Frauen sind besonders häufig von einer Blasenentzündung betroffen. Jede zweite klagt mindestens einmal in ihrem Leben über die Beschwerden.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren verleitete Forscher das zu einer Vermutung: Typisch weibliche Kleidungsstücke, Röcke, dünne Strumpfhosen und knappe Unterwäsche, könnten das Risiko für eine Blasenentzündung erhöhen. Indem der Unterleib auskühle, werde er anfälliger für Infektion, so die Theorie.

ANZEIGE
Irene Berres, Julia Merlot:
Mythos oder Medizin

Brauchen Wunden Luft oder Pflaster? Die spannendsten Fragen und Antworten aus der beliebten Kolumne bei SPIEGEL ONLINE

Heyne; 224 Seiten; 8,99 Euro

Kalte Füße, entzündete Blase

Als eine der ersten untersuchte Betsy Foxman von der University of Michigan 1985 den Zusammenhang zwischen luftiger Kleidung und Harnwegsinfekten - konnte ihn allerdings nicht bestätigen. Sieben Jahre später fanden Forscher dann aber doch Hinweise darauf, dass Kälte Harnwegsinfekte begünstigt. In ihrem Experiment hielten 29 Frauen ihre Füße eine halbe Stunde in kaltes Wasser. Alle Testerinnen hatten in den zwölf Monaten vor dem Versuch bereits mindestens drei Blasenentzündungen gehabt. Nach dem Fußbad entwickelten fünf die Erkrankung erneut.

Obwohl die Untersuchung klein und damit nicht so aussagekräftig ist, raten Experten empfindlichen Frauen bis heute, sich vorsichtshalber vor Kälte zu schützen. "Wer anfällig ist, sollte seine Füße warmhalten und sich auch nicht zu lange auf kalte Böden setzen. Kälte schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko für Entzündungen", sagt Urologin Daniela Schultz-Lampel vom Kontinenzzentrum Südwest im Schwarzwald-Baar Klinikum. Unempfindliche Menschen müssen sich allerdings nicht unnötig verrückt machen. Denn Kälte allein kann keine Blasenentzündung verursachen.

Sex als Spielverderber

Grundvoraussetzung für eine Infektion ist, dass Keime in die Harnwege vordringen. Meist handelt es sich dabei um sogenannte uropathogene E. coli (UPEC), die Spezialfähigkeiten für das Überleben in der Blase entwickelt haben. Bei Frauen haben sie es deutlich leichter, was auch erklärt, warum diese häufiger erkranken: Während die Keime beim Mann eine 20 bis 25 Zentimeter lange Harnröhre hinaufklettern müssen, bevor sie die Blase erreichen, beträgt der Weg bei Frauen gerade mal vier Zentimeter.

"Meistens stammen die Erreger aus dem Darm der Patientinnen", sagt Schultz-Lampel. Die Strecke zwischen After und Harnröhre überwinden die Keime mithilfe mechanischer Kräfte. So wird die schönste Nebensache der Welt zu einem der größten Risikofaktor für Blasenentzündungen: Sex. Nicht ohne Grund ist die Erkrankung auch als Flitterwochenkrankheit ("Honeymoon Disease") bekannt. Auch sind Harnwegsinfekte unter Nonnen deutlich seltener als bei der Durchschnittsfrau.

Im Jahr 2000 verglichen Forscher die sexuelle Aktivität von knapp 500 Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren:

  • Wer im vorangegangenen Monat durchschnittlich mehr als zweimal in der Woche Sex hatte, hatte ein zehnfach erhöhtes Risiko für eine Blasenentzündung.
  • Bei ein bis zweimal Sex in der Woche lag die Wahrscheinlichkeit sechsmal höher als ohne Geschlechtsverkehr.
  • Laut der Untersuchung kann zudem ein neuer Partner ein Risiko darstellen: Bei Frauen, die innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate ihren Partner gewechselt hatten, verdoppelte sich das Risiko einer Blasenentzündung.

Eine wichtige Rolle spielen aber auch die Veranlagung und der Hormonhaushalt. So erkranken manche Frauen, obwohl sie selten Sex haben - und umgekehrt. "Bei einigen ist die Blase nach den Wechseljahren schlechter durchblutet, die Schleimhäute sind dadurch trockener und anfälliger für Infektionen", sagt Schultz-Lampel. Auch der Abstand zwischen Harnröhre und After variiere von Frau zu Frau. Anfälliger ist zudem, wer schon mal eine Blasenentzündung hatte, besonders, wenn diese vor den 15. Geburtstag fiel.

SCHICKEN SIE UNS IHRE FRAGE: MYTHOS ODER MEDIZIN?

Ihre Schwiegermutter schluckt nach dem Essen überteuerte Omega-3-Kapseln, Sie sind skeptisch? Sie mögen triefende Wadenwickel, wissen aber nicht, ob die auch Ihr Fieber senken? Mailen Sie uns Ihre Fragen an medizinmythen@spiegel.de. SPIEGEL ONLINE recherchiert, was wirklich hinter Hausmitteln, Tipps und Tricks steckt. Eine Auswahl Ihrer Einsendungen wird veröffentlicht.

Zu viel Trinken ist auch nicht gut

Vorbeugen kann man dennoch. Die Tabelle zeigt, welche Präparate sich eignen. Zudem gibt es zahlreiche Hausmittel, die jedoch nicht alle empfehlenswert sind. So wird oft dazu geraten, viel zu trinken. Das ist auch richtig, übertreiben sollte man es aber nicht. Die Behandlungsleitlinie für Blasenentzündungen empfiehlt circa 1,5 Liter am Tag und warnt: Wer es mit dem Durchspülen übertreibt, verdünnt Substanzen im Urin, die das Wachstum von Bakterien hemmen.

Medikamente gegen häufig wiederkehrende Blasenentzündungen

Grad Medikament/Wirkstoff Anmerkung
B Immunprophylaktikum "UroVaxom" (OM-89) Verschreibungspflichtig. Soll in Form von Tabletten über drei Monate genommen werden.
B Antibiotika Verschreibungspflichtig. Die Gabe soll über drei bis sechs Monate erfolgen, jedoch nur, wenn nicht-antibiotische Mittel versagt haben und der Leidensdruck hoch ist.
C Immunprophylaktikum "StroVac" (vormals "Solco-Urovac") Verschreibungspflichtig. Drei Injektionen in wöchentlichen Abständen.
C D-Mannose In der Regel rezeptfrei. Der Zucker wird üblicherweise in einem Glas Wasser aufgelöst und getrunken.
C Pflanzliche Arzneien, etwa Präparate aus Bärentraubenblättern, Kapuzinerkressekraut, Meerrettichwurzel In der Regel rezeptfrei. Bärentraubenblätter dürfen maximal einen Monat eingenommen werden.

Für Frauen vor der Menopause laut Behandlungsleitlinie, Stand April 2017. Empfehlungsgrad A = sollen Patientinnen machen (in diese Kategorie fällt bei Blasenentzündung keins der Mittel), B = sollten Patientinnen machen, C = können Patientinnen machen. Besprechen Sie die Behandlung mit Ihrem Arzt.

Ganz sparen können sich Patienten laut einer Übersichtsstudie der renommierten Cochrane Collaboration Cranberry-Saft und -Kapseln. Ebenfalls nicht belegt ist, dass ein Toilettengang nach dem Sex schützt. Hier kann man es aber auf einen Versuch ankommen lassen. "Ich empfehle ihn den anfälligen Patientinnen", erklärt Schultz-Lampel. "Es scheint plausibel, dass Wasserlassen Bakterien aus der Harnröhre spült, und es gibt keine Risiken, außer dass sich das Kuscheln verschiebt."

FAZIT: Verursacht wird eine Blasenentzündung nicht durch Kälte, sondern durch Bakterien. Wer anfällig ist, sollte sich trotzdem vorsichtshalber nicht auf kalte Böden setzen, um das Immunsystem zu schonen. Alle anderen dürfen das Frühlingspicknick entspannt genießen.

Fotostrecke

18  Bilder
Mythos oder Medizin: Welche Gesundheitstipps stimmen wirklich?
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
1bc 24.05.2017
1. macht wenig Sinn
"Bei einigen ist die Blase nach den Wechseljahren schlechter durchblutet, die Schleimhäute sind dadurch trockener und anfälliger für Infektionen": Schleimhaeute, die ohne Zugang zur Aussenwelt "gelagert" sind, koennen nicht austrocknen. Bei schlechter Durchblutung werden sie allerdings duenner, die Schleimhautzellen werden vermehrt abgestossen und es kommt leichter zu Blutungen, so wie z.B. beim Stressulcer der Magenschleimhaut. Die Schleimhaut, die austrocknet ist in dem hier diskutierten Fall die Schleimhaut von Vulva und Vagina. Dadurch kann das schuetzende, pH maessig saure Milieu nicht mehr aufrechterhalten werden und es kommt zu vermehrten Wachstum von pathogenen Keimen, also Bakterien und auch Pilzen(candida), die dann auch leichter in die Blase aufsteigen koennen, vor allem wenn der Schliessmuskel nicht mehr so gut funktioniert. Und das kommt im Alter, also nach der Menopause, auch haeufiger vor (Stressinkontinenz). MfG
melcsi 24.05.2017
2. Typisch deutsch?
Hier in England werde ich blöd angeguckt, wenn ich meinem Kind sage, es soll nicht auf dem kalten Boden sitzen. Blasenentzündung wegen kaltem Boden kennt man hier nicht.
Unbekannt123 24.05.2017
3. kann man wirklich so wenig machen?
Es wundert mich beinahe, dass ich das hier nicht lese: Den besten Tipp den ich je bekam: Abends vor dem Schlafen noch etwas trinken, bzw. auch sonst darauf achten, dass die Blase nie über lange Zeit ganz leer ist. Damit sich die Bakterien nicht so leicht an der Blasenwand festsetzen können. (Sollte man also bei vermeintlich beginnender Blasenentzündung so selten wie möglich auf Toilette?) Quelle: Eine Freundin die es von irgendeinem Arzt gehört hatte, aber: Dafür muss man keine Unmengen trinken und seitdem habe ich nie wieder eine Infektion gehabt. Nachdem ich damit wirklich viel Ärger hatte. Ich bin mir ziemlich sicher dass es wirkt.
MargaritaFürste-Prill 25.05.2017
4. Cranberry-Kapseln
Die Aussage, dass man sich Cranberry-Kapseln sparen könne, stimmt nach meinen gemachten Erfahrungen nicht. Es gibt in der Schweiz das pflanzliche Mittel "Cranberry-Akut", das Blasenentzündungen im Anfangsstadium sehr gut in "den Griff" bekommt. Wann immer ich spüre, dass eine solche Entzündung im Kommen ist, nehme ich diese Kapseln und habe nach kürzester Zeit eine deutliche Besserung bis hin zum Verschwinden der Entzündung.
wincel 25.05.2017
5.
Urin ist nicht steril, das ist nun wirklich mittlerweile bekannt. Vor allem nicht bei Frauen, die Kinder geboren haben und leichten Blasenvorfall haben. Da "steht" Urin und Bakterien koennen sich sehr wohlfuehlen ... Abgesehen davon denke ich, dass da eine Zusammenhang vorliegen kann: Die Fuesse sind die am wenigsten isolierte Stelle im Koerper, durch die das grosse Blutgefaess geht - welches dann direkt in Nieren- und Blasennaehe verlaeuft und eine Abkuehlung der Kerntemperatur und damit verringerte Durchblutung verursachen kann. Vor allem wenn man langfristig auf kaltem Boden Barfuss laeuft (oder die Nierenregion unbedeckt laesst). Das erleichtert dann den Bakterien, sich anzuheften und nicht abgewehrt zu werden. Etc etc. Es hat ja seine Gruende, warum bei Fieber die Fussgelenke gekuehlt werden (Fusssohlen machen wohl mehr Sinn), um die Kerntemperatur zu senken - und nicht die Arme oder Beine etc.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.