Ein rätselhafter Patient Löffelweise Gift

Ein Mann kann nicht mehr richtig schmecken. Sein Magen schmerzt so sehr, dass es bis in die Schultern und den Nacken ausstrahlt. Tagelang können die Ärzte keine Ursache finden, dann stoßen sie im Blut auf die entscheidende Spur.

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Verzierter Löffel (Originalbild aus dem Fallbericht): Ursache der Beschwerden?
NEJM

Verzierter Löffel (Originalbild aus dem Fallbericht): Ursache der Beschwerden?


Drei Tage vor seinem ersten Besuch in der Klinikambulanz geht es dem Mann noch gut. Dann beginnt sein Magen stark zu schmerzen, verschiedene Gelenke schwellen an. Er fühlt sich gestresst, kann nicht schlafen und ihm ist übel, sein Geschmacksempfinden ist gestört.

Bei einer ersten Untersuchung fällt den Medizinern außer oberflächlichen Krampfadern nicht viel auf. Die Blutanalyse ergibt jedoch Anzeichen einer Anämie, einer Blutarmut, die der Patient nur vier Monate zuvor noch nicht hatte. Die Mediziner vermuten eine entzündliche Magenerkrankung, möglicherweise blutet es im Magen aus einem Gefäß, schreiben Lawrence Friedman und seine Kollegen in einem Fallbericht im "New England Journal of Medicine".

Der 59-Jährige erhält vorsorglich magenschützende Medikamente, außerdem suchen die Mediziner nach Anzeichen einer Bakterieninfektion und nach verstecktem Blut im Stuhl. Für die nächsten Tage vereinbaren sie eine Endoskopie. Bis dahin soll der Patient Diät halten und wiederkommen, falls sich die Beschwerden verschlechtern.

Bereits am nächsten Tag meldet sich der Patient erneut bei seinem Hausarzt: Jetzt schmerzen auch die Beine, die Geschmacksstörung hat sich verschlechtert, sein Stuhl ist weicher als sonst. Am darauffolgenden Tag untersucht ihn der Hausarzt, der Mann klagt über Bauchschmerzen, Schmerzen im rechten Knie und den Schultern, außerdem sei er seit mittlerweile einer Woche andauernd müde und kraftlos. Nach einer Untersuchung, bei der er außer dem schmerzhaften Knie wenig findet, schickt der Arzt seinen Patienten wieder nach Hause.

Bauchschmerzen strahlen in Schulter, Nacken und Arm

In der Nacht darauf kommt der Mann in die Notaufnahme des Massachusetts General Hospital in der US-Großstadt Boston. Seine Bauchschmerzen haben sich verschlimmert, sie strahlen in den linken Brustkorb, die Schulter, den Nacken und den Arm aus. Nach einigen Untersuchungen, die ohne konkretes Ergebnis bleiben, erhält der Patient Schmerzmittel und wird in den frühen Morgenstunden wieder entlassen.

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Am folgenden Tag untersucht ihn noch einmal der Hausarzt, bevor am mittlerweile vierten Tag mit Schmerzen die Magenspiegelung folgt - eine Magenblutung ergibt sie nicht. Am Tag danach berichtet der Mann seinem Hausarzt von sehr starken Schmerzen, die ihn vom Schlafen abhalten, von Atemproblemen und seit Tagen anhaltender Verstopfung und Übelkeit. Der Patient wird direkt in die Notaufnahme des Krankenhauses gefahren.

Nachdem sich sein Zustand tagelang verschlechtert hat, wird der Mann schließlich ins Krankenhaus aufgenommen. Akut gefährliche Krankheiten haben die Mediziner bereits durch Labortests, die Magenspiegelung, Röntgenbilder und eine Computertomografie ausgeschlossen. Es gibt keinen Hinweis auf einen Tumor, ebensowenig auf eine Blutung, die die Blutarmut erklären würde. Was fehlt dem Mann?

Blaue Punkte in roten Blutkörperchen

Die Mediziner erwägen eine Blutbildungsstörung, die Porphyrie. Allerdings könnte die Krankheit das veränderte Geschmacksempfinden nicht erklären, auch eine Laboruntersuchung widerspricht der Diagnose. Stattdessen führt die Untersuchung die Ärzte auf die richtige Spur. Sie entdecken unterm Mikroskop eine charakteristische Veränderung der roten Blutkörperchen, eine sogenannte basophile Tüpfelung, bei der blaue Punkte in den roten Erythrozyten erscheinen.

Die Punkte treten bei verschiedenen Erkrankungen auf, eine davon ist die Bleivergiftung, die auch die Symptome des Mannes erklären würde. Tatsächlich ergibt eine Untersuchung, dass der Patient deutlich zu viel Blei im Blut hat. Auffällig sind auch seine starken Stimmungsschwankungen: In einem Moment lacht er über sich selbst, im nächsten fürchtet er zu sterben.

Blei schadet diversen Körpersystemen, darunter der Blutbildung, den Nerven, der Psyche und der Verdauung. Die Ärzte sind überrascht, wie schnell der Mann sich krank gefühlt hat und wie ausgeprägt seine Beschwerden waren. Um sein Blut vom Schwermetall zu befreien, bekommt der Mann Medikamente mit sogenannten Chelatbildnern, die das Blei binden. Innerhalb von zwei Tagen verschwinden seine Schmerzen und Stimmungsschwankungen.

Woher kommt das Blei?

Die Quelle einer Bleivergiftung ist häufig der Arbeitsplatz der Patienten. Doch der Bostoner arbeitet als Innenarchitekt und hat sein Büro zu Hause. Die Ärzte beginnen, die Gewohnheiten ihres Patienten mit denen seines Lebensgefährten zu vergleichen, dessen Bleiwerte normal sind. Als mögliche Ursache kommen lediglich drei Dinge infrage: ein Kaffeebecher, ein Kaffeelöffel und importierte Kräuter. Im Labor stellt sich heraus, dass die Kräuter kein Blei enthalten; der Becher zwar etwas, doch ist dessen Glasur intakt.

Der metallene Kaffeelöffel hingegen, mit dem der Mann jeden Morgen seinen Kaffee umrührt, besteht tatsächlich zur Hälfte aus Blei. Hundertprozentig überzeugt von der Löffeltheorie sind die Ärzte zwar nicht, doch er ist die einzig mögliche Quelle, die sie identifizieren können. Nach der Behandlung sind alle Körperfunktionen des Mannes wieder normal, doch der Bleispiegel im Blut sinkt nur langsam ab.

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
craxz 24.05.2014
1. Kleckertherapie
Nach dem Artikel gestern über die horrenden Kosten bei ärztlichen Therapien erweckt diese Schilderung bei mir den Eindruck von Kleckertherapie: Nimm ein paar Tabletten und komm bald wieder, bezahlen kannst du an der Kasse, macht 1.234 $. Zähle ich richtig, wird erst beim 6.Arztbesuch eine Blutdiagnostik durchgeführt.
wertstoffsammlung 24.05.2014
2. Typisch
Diese Art der Behandlung ist in den USA und auch in Großbritannien üblich: Aufgrund von Symptomen wird erst die statistisch häufigste Krankheit angenommen und mit Medikamenten behandelt. Wenn es wirkt: gut. Wenn nicht, wird nach der zweithäufigsten Ursache Medizin gegeben. Halte ich auch für recht fragwürdig und bin eher für eine Analyse der Ursachen bevor man Pharmazeutika verschreibt.
Stefan_G 24.05.2014
3. Ganz im Gegenteil
Zitat von craxzNach dem Artikel gestern über die horrenden Kosten bei ärztlichen Therapien erweckt diese Schilderung bei mir den Eindruck von Kleckertherapie: Nimm ein paar Tabletten und komm bald wieder, bezahlen kannst du an der Kasse, macht 1.234 $. Zähle ich richtig, wird erst beim 6.Arztbesuch eine Blutdiagnostik durchgeführt.
Es istt klar zu lesen, dass bei den ersten Arztbesuchen vielerlei mögliche 8und gängige) Ursachen ausgeschlossen wurde, z.B. Tumorbildung. Und das geschieht unter anderem durch Blutdiagnostik. Ich würde schätzen, dass man -bevor Blutzellen lichtmikroskopisch untersucht und bei einem Büromenschen nach Schwermetallvergiftung gesucht wird- erstmal ~50...100 klinisch-chemische und sonstige diagnostische Parameter im Blut bestimmt wurden.
hooverphonic 24.05.2014
4. O Gott ... ich seh's schon kommen ...
Anhand solcher Meldungen bricht ja gerne der Selbstschutz-Hype aus. Mal sehen, wie lange ich noch mit Sn60Pb40-Radiolot löten darf, ich könnte mich ja auch vergiften, is' klar...
Newspeak 24.05.2014
5. ...
Zitat von wertstoffsammlungDiese Art der Behandlung ist in den USA und auch in Großbritannien üblich: Aufgrund von Symptomen wird erst die statistisch häufigste Krankheit angenommen und mit Medikamenten behandelt. Wenn es wirkt: gut. Wenn nicht, wird nach der zweithäufigsten Ursache Medizin gegeben. Halte ich auch für recht fragwürdig und bin eher für eine Analyse der Ursachen bevor man Pharmazeutika verschreibt.
Als ob das in Deutschland so viel anders wäre. Ich habe es z.B. noch nie erlebt, daß der Hausarzt einen Abstrich macht, um zu prüfen, was die Ursache einer Erkältung ist. Im Grunde ist das Vorgehen auch legitim. Die Statistik bildet nun mal die Häufigkeit von Krankheiten ab und hinter jedem Fall gleich seltene Krankheiten vom Dr. House Typ zu vermuten, würde ebenso bedeuten, zig Patienten falsch zu behandeln, Ressourcen zu verschwenden und das ganze System ineffizient zu machen. Der von Ihnen angesprochene Umstand wäre nur dann schlecht, wenn die Ärzte sich bei Mißerfolg ihrer ursprünglichen Diagnose/Therapie nicht schnell davon verabschieden würden und nicht offen genug für eine grundlegende Neubewertung der Lage wären. DAS findet man, meiner Meinung nach, aber eher in Ländern wie Deutschland, wo unter Ärzten noch ein Standesdünkel und Autoritätsgehabe herrschen, inklusive dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit, als in England und den USA, die wirklich professioneller arbeiten.
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