Blutabnahme beim Arzt "Sie haben aber schlechte Venen"

Wer kennt das nicht: Die Arzthelferin tadelt, weil sie bei der Blutentnahme wieder danebengestochen hat. Kolumnist Jens Lubbadeh hat Rollvenen und weiß nie, was ihn erwartet, wenn die Arzthelferin mit der Spritze kommt.

Blutspende: In der Armbeuge ist das Setzen der Kanüle am wenigsten schmerzhaft
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Blutspende: In der Armbeuge ist das Setzen der Kanüle am wenigsten schmerzhaft


Mit meinen guten Zähnen habe ich hier schon ordentlich angegeben. Zeit, jetzt mal über einen körperlichen Makel zu reden: meine Rollvenen. Will man sie anpieksen, ducken sie sich weg. Aber ganz ehrlich: Würden Sie sich nicht wegducken, wenn ein riesiges, spitzes Ufo vom Himmel auf Sie herabschösse?

Einerseits hat das Vorteile: Ich kann kein Heroinjunkie werden - nie im Leben würde ich meine eigene Vene treffen. In den Arztpraxen dieser Republik hat man mit Rollvenen jedoch verloren. Jedes Mal, wenn Arzthelferinnen auf mich losgelassen werden, muss ich zittern, weiß ich doch nie, was passieren wird, wenn ich meinen Ärmel hochkrempele und die pumpende Becker-Faust mache. So gut wie immer delegieren Ärzte diese offenbar "niederen" Tätigkeiten an ihre Arzthelferinnen. Wobei ich mich darüber nur wundern kann: Schließlich kann man jemanden mit einer Spritze umbringen - wenngleich es auch nicht so leicht ist, wie man immer glaubt.

Trial-and-Error-Prinzip

Manchmal hat man Glück und gerät an erfahrene Stecherinnen, die jede Rollvene gleich beim ersten Mal erwischen - und hat sie sich noch so tief im Arm versteckt. Aber meistens ist es ein Stochern im Nebel. Nur dass der Nebel mein Arm ist.

Da gibt es die Verbissene. Sie verfährt nach dem Trial-and-Error-Prinzip, was okay ist beim Häkeln oder Memoryspielen, aber nicht beim Venensuchen. Jedenfalls sticht sie solange zu, bis sie zufällig irgendwas trifft und endlich das Blut in die Kanüle sprudelt. Nach solch einer Blutabnahme brauche ich kein Pflaster, sondern einen Verband.

Noch schlimmer aber ist die Maulwürfin. Sie sticht zwar nur einmal zu, fängt dann aber an zu wühlen. Wie sich das anfühlt, möchte ich hier nicht weiter vertiefen. Man sieht jedenfalls danach wochenlang aus, als hätte man einen Rorschach-Test in der Armbeuge - erst blau, dann grün, dann gelb.

Aber meist gerät man an die Zaghafte, die sich sehr viel Zeit nimmt, bevor sie das erste Mal zusticht. Genügend Zeit für den Alkohol auf der Armbeuge, vollständig zu verdunsten und einen frösteln zu lassen - was nicht gerade dazu beiträgt, furchtsame Rollvenen hervorzulocken. Und dann ist da immer dieser Moment, wenn mein entblößter Arm auf der schalenförmigen Halterung liegt, der Gurt am Bizeps festgezurrt, ich hilflos den Gummiball in meiner Faust pumpe und die Arzthelferin ratlos auf meine Armbeuge blickt, auf das Keinstromland. In diesem Moment versucht sie Fassung zu bewahren, aber sie kann schwerlich verbergen, wie auch in ihr die Angst hochkriecht. Um die angespannte Stimmung und vor allem die Arzthelferin aufzulockern, sage ich dann in aller Regel: "Ja, ich weiß, ich habe schlechte Venen." Dann nickt sie heftig und atmet erleichtert aus. Und bevor sie zusticht, entschuldigt sie sich mehrfach. Als Vampirin, das steht fest, würde sie jämmerlich verhungern.

Sie hatte keinen guten Tag

Mein bisher schlimmstes Venen-Erlebnis hatte ich in einer schicken Hamburger Klinik, wo ich ein MRT machen lassen musste. Dafür musste mir ein Kontrastmittel injiziert werden. Diesmal geriet ich an eine Arzthelferin vom Typ Trial and Error, dazu entpuppte sie sich noch als eiskalte Stecherin. Und: Sie hatte keinen guten Tag.

Meine Rollvenen müssen es gespürt und Angst bekommen haben: Sechs Mal stach sie zu - drei Mal in jeden Arm. Mit jedem Stich wurde sie aggressiver und fluchte noch mehr über meine schlechten Venen. Nach der Behandlung saß ich mit blutenden Armen auf der Bank und fühlte mich wie der gekreuzigte Heiland. Leider war alles weiß in der schicken Klinik. Bis sie mir endlich Verbände um die Arme gemacht hatte, hatte ich schon alles vollgetropft. Diesmal war der Rorschach-Test nicht in meiner Armbeuge, sondern auf der Bank. Dafür gab es dann extra Schimpfe.

"So schön prall und fest"

Wenn es doch nur immer so angenehm wäre wie beim Blutspenden. Dort sitzen echte Profis, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Venen aufzuspüren und möglichst schnell und angenehm einen halben Liter Blut aus einem herauszuholen. Schließlich soll man ja wiederkommen.

Dort trumpft meine Freundin regelmäßig auf. "Sie haben aber schöne Venen", sagen dann die Blutbank-Arzthelferinnen, wenn sie ihr die Kanüle setzen. "So schön prall und fest." Aus den Augenwinkeln beobachte ich immer leicht angegruselt, wie ihr die Arzthelferinnen mit den gummibehandschuhten Händen zärtlich über die Armbeuge streicheln. Auch für ihre Blutgruppe (Null positiv) und ihre "hervorragenden Eisenwerte" wird sie in den höchsten Tönen gelobt. Dann ist meine Freundin immer sehr stolz, manchmal sogar etwas zu sehr. Venenarrogant nenne ich sie dann. Aber ich schätze, so fühlt sie sich, wenn ich mal wieder zahnarrogant bin.

BLUTABNAHME BEIM ARZT - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
triquetrum 05.03.2014
1. Profis beim Blutspenden?!
Die Aussage dass beim Blutspenden nur Profis an der Nadel sind stimmt nicht ganz. Bei mir war zwei mal Blutspenden gleich zwei mal länger Schmerzen. Einmal noch sechs Wochen nach dem Spenden, warum weiß ich nicht. Das andere mal hat die gute Dame meine (gute) Vene einfach mal durchstochen und ich bin zwei Wochen mit nem fetten, schmerzhaften Bluterguss rumgerannt. Profis sind für mich was anderes!
paulsen2012 05.03.2014
2.
schon alles u. genauso habe auch ich es öfter erlebt auch im Krankenhaus. Dennoch gab u. gibt es Schwestern, die ihr Handerk verstehen u. damit auch den patienten. Ich habe in zwischen eine Phobie gegen Spritzen u.z. ernsthaft.
fatherted98 05.03.2014
3. Ich bin da....
...ziemlich rigoros...klappts beim 2. Stich nicht lass ich die nächste Schwester kommen...keine Chance für unfähiges Personal...habe mal 10 Versuche überlebt...dann kam ne andere Schwester uns sofort war die Nadel drin...liegt also meist am Personal und nicht an "Rollvenen" oder ähnlichen Ausreden....
jobrue 05.03.2014
4. Ausreden...
Venen rollen nicht. Venen sind verschieblich, die eine vielleicht etwas mehr als die andere. Dennoch kriegt man mit etwas Geschick auch die ziemlich einfach.
tiilly 05.03.2014
5. Ohje, das kenne ich auch!
Vor 14 Tagen war ich in der Aachener Uniklinik, um eine Herzuntersuchung machen zu lassen, zu der ein Venenzugang standardmäßig gesetzt wird. Der junge und sympathische Arzt, der die Kanüle setzte, wurde mir horrormäßig unsympathisch, als er anfing an meinen Armen "Venenlotto" zu spielen. Nachdem er schon 2x heftigst daneben gestochen hatte, hatte ich die Nase voll und zeigte mit den Worten "jetzt ist Schluß, Sie gehen mit dem Zugang bitte in die linke Hand" auf diesselbe. Da klappte es dann auch. Tja, dann hat mir die Assistentin mir auch noch die Brille geklaut, da wir venensuchenderweise beschäftigt waren. Mit riesigen blutgefüllten und lange haltbaren Beulen von den Fehlversuchen und ohne Brille bin ich dann wieder nach Hause gefahren worden. Mein Fazit: keine Kompromisse beim Stechen, sofort in die Handvene, keine Brille mitnehmen und keine Wertsachen, auch keine Zahnprotesen. So komme ich vielleicht nach der nächsten Untersuchung schadloser nach Hause.
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