Blutabnahme "Nicht minutenlang mit der Nadel im Arm herumwühlen"

Sind "schlechte Venen" wirklich schlecht? Oder nur schlecht für die Arzthelferin? Im Interview verrät Experte Markus Stücker, wie Patienten sich auf die Blutabnahme vorbereiten können - und ob sie Angst vor Luftbläschen in der Spritze haben müssen.

Blutprobe: Nur wenn der Venenzugang richtig liegt, fließt das Blut ohne Probleme
Corbis

Blutprobe: Nur wenn der Venenzugang richtig liegt, fließt das Blut ohne Probleme


ZUR PERSON
    Markus Stücker ist Leitender Arzt am Venenzentrum der dermatologischen und gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (die Lehre von der Erkrankung der Venen).
SPIEGEL ONLINE: Herr Stücker, bei der Blutentnahme klagen die Arzthelferinnen immer über meine schlechten Venen. Sind sie denn auch funktional gesehen schlecht?

Stücker: Nein. Das heißt nur, dass man sich schwer tut, bei Ihnen Blut abzunehmen. Mit der Venenfunktion hat das nichts zu tun. Der Hauptteil des Blutabstroms des Körpers, etwa 95 Prozent, fließt sowieso nicht über die Venen unter der Haut ab, sondern durch die tiefer gelegenen.

SPIEGEL ONLINE: Schlechte Venen also nur für Arzthelfer und Arzthelferinnen...*

Stücker: Genau. Das ist der Klassiker. Wenn danebengestochen wird, heißt es immer: "Sie haben aber schlechte Venen".

SPIEGEL ONLINE: Sind schlechte Venen dasselbe wie Rollvenen?

Stücker: Man muss unterscheiden. Probleme bei der Blutentnahme können auftreten, wenn die oberflächlichen Venen entweder sehr dünn und schwer zu finden sind. Oder sie sind normal dick, aber unter einer dicken Fettschicht versteckt. Die dritte Möglichkeit sind Rollvenen, die sich im Bindegewebe leichter verschieben, als das normalerweise der Fall ist. Da reicht dann tatsächlich schon die Nadelspitze aus, um die Vene zur Seite zu schieben.

SPIEGEL ONLINE: Lernen medizinische Fachangestellte in ihrer Ausbildung, wie sie mit den unterschiedlichen Venentypen umgehen müssen?

Stücker: Es sollte schon so sein, dass sie mit den Schwierigkeiten beim Blutabnehmen vertraut gemacht werden. Und wie man sich dabei behilft.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nehmen die Ärzte fast nie das Blut selber ab, sondern lassen es durchführen? Es ist doch eigentlich gar nicht so ungefährlich - eine Luftinjektion kann tödlich sein.

Stücker: Das stimmt zwar, und viele haben Angst davor, dass versehentlich Luft eingespritzt wird. Aber um jemanden umzubringen, braucht es schon beträchtliche Mengen. Ein kleines Luftbläschen in die Vene zu drücken, ist harmlos. Beim Legen einer Infusion, wo unter Druck größere Mengen in den Körper eingebracht werden, kann eindringende Luft ein Problem sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Blutentnahme denn wirklich so ein Routinejob?

Stücker: Ja, denn das Risiko ist relativ gering. Es können doch eigentlich nur drei Dinge passieren: Der Patient bekommt blaue Flecken, die sicher jeder schon mal gehabt hat. Das zweite: Der Arzthelfer oder die Arzthelferin trifft nicht auf Anhieb und muss mehrmals zustechen. Und drittens: Durch eine Verunreinigung bei der Blutentnahme tritt ein Infekt auf. Das sind aber alles Dinge, die auch einem Arzt passieren könnten - und das vielleicht sogar eher als einer Arzthelferin, die das 20-mal am Tag macht.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Vene nicht getroffen, gibt es unterschiedliche Strategien: Manche stechen mehrfach zu, was entsprechend schmerzhaft sein kann. Andere lassen die Nadel im Arm, wühlen dann aber mit ihr darin herum. Welche Strategie ist besser?

Stücker: Die Schmerzrezeptoren sitzen im Wesentlichen an der Hautoberfläche. Ein erneuter Einstich ist schmerzhafter, als die Nadel im Unterhautfettgewebe zu bewegen. Wenn man das Gefühl hat, schon ganz nahe an der Vene zu sein, kann es im Falle von Rollvenen für den Patienten angenehmer sein, wenn man nicht nochmal zusticht und stattdessen noch einmal nachtastet, die Haut strafft und mit der Nadel im Gewebe bleibt, um die Vene zu treffen. Aber klar: Auch das ist unangenehm, ich will das nicht bagatellisieren. Allenfalls sollte man deshalb nachjustieren und nicht minutenlang mit der Nadel im Arm herumwühlen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man seine Venen auf die Blutentnahme vorbereiten?

Stücker: Es gibt ein paar einfache Dinge, die man tun kann: Bei Wärme treten die Venen stärker hervor. Halten Sie also den Arm warm, wenn Sie zur Blutabnahme gehen. Falls Sie es unmittelbar vorher einrichten können, wäre es sogar hilfreich, wenn Sie warm duschen oder besser noch baden. Auch Muskelaktivität steigert die venöse Aktivität, deswegen soll man ja die pumpenden Bewegungen mit der Hand machen. Trinken Sie genug vorher. Und ein ganz einfacher Punkt, der aber oft vergessen wird: Merken Sie sich gute Einstichstellen und klären Sie die Arzthelferin gleich auf.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird ja der linke Arm für die Blutentnahme gewählt. Gibt es eine Faustregel, welcher Arm besser ist?

Stücker: Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die besagen, dass bei der Blutentnahme von Rechtshändern der linke Arm besser geeignet wäre. Eigentlich müssten die Venen bei dem jeweils stärker gebrauchten Arm besser sein, also beim Rechtshänder der rechte. Wahrscheinlich nimmt man in der Regel den linken Arm, weil dann der - meist ja rechtshändige - Patient nicht so eingeschränkt ist, falls es doch zu einem schmerzhaften Bluterguss kommt.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird eigentlich immer an der Armbeuge Blut abgenommen? Am Handgelenk oder am Handrücken sind bei mir die Venen viel besser.

Stücker: Eine Blutentnahme an der Hand hätte mehrere Nachteile: Dort verlaufen mehr Nerven, man ist an der Hand schmerzempfindlicher, und Verletzungen des umliegenden Gewebes wären dort dramatischer als in der Armbeuge. Und letztlich wäre ein blauer Fleck und Schmerzen über mehrere Tage an der Hand unangenehmer für den Patienten.

*Anm. der Red.: Die korrekte Berufsbezeichnung lautet seit einigen Jahren Medizinische Fachangestellte, umgangssprachlich ist jedoch noch immer der Begriff Arzthelferin im Gebrauch. Statistiken zufolge sind etwa 99 Prozent der medizinischen Fachangestellten weiblich. Deshalb ist in diesem Interview öfter von der Arzthelferin die Rede statt vom Arzthelfer.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
uhu_13 05.03.2014
1. 3 versuche
also ich gebe der neuen schwester immer 3 versuche. danach bitte ich um einen personalwechsel - von wegen dem schwarzen tag.
profsurgical 05.03.2014
2. Es geht immer !
Rollvenen gibt es nicht, und wer von Anatomie Ahnung hat und Gefühl wie technisches Verständnis, findet immer eine Vene, und wenn es eine tiefe ist ! Ich habe schon Venen bei Korpulenten in 2 cm Tiefe erfolgreich punktiert, man muss eben nur Ahnung haben und Gefühl ! Es geht immer, und wenn nicht am Arm, dann in der Leiste oder am Fuss bei Bettlägrigen !
Exekutiv 05.03.2014
3. Bin ich froh...........
hier in den Foren immer echte Experten unter den Teilnehmern zu finden. Insbes. die selbst ausgestellte Expertise ist hierbei wichtig ("Ich habe schon Venen bei Korpulenten in 2 cm Tiefe erfolgreich punktiert, "). "Markus Stücker ist Leitender Arzt am Venenzentrum der dermatologischen und gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie" , "Die dritte Möglichkeit sind Rollvenen, die sich im Bindegewebe leichter verschieben, als das normalerweise der Fall ist. ". Nun Ihr Zitat "Rollvenen gibt es nicht". Ja da haben wir ja einen klassischen Widerspruch. Vielleicht sollten Sie dem Herrn Stücker mal ein paar Nachhilfestunden geben ! :-)
pat64 05.03.2014
4. Horrortrip
Als Betroffene kann ich dem zitierten Arzt nur widersprechen: Es gibt schlimmeres, als 2 oder 3x Mal nachstechen (lassen) zu müssen... Panikattacken, Schmerzen, Herzrasen, Tränenausbrüche, Übelkeits- und Ohnmachtsanfälle - das Ganze gekrönt von einer aggressiven, inkompetenten Person, die so tut, als wäre es meine "Schuld", dass sie es nicht kann. Ich leide seit meiner Kindheit unter tief verborgenen, nicht sichtbaren und schwer tastbaren Venen, die jede Blutabnahme zu einem echten Horrortrip machen. Mit fast 50 sollte ich cool genug sein, um das überstehen zu können... weit gefehlt. Es wird eher schlimmer als besser.
barlog 05.03.2014
5.
---Zitat von Artikel--- SPIEGEL ONLINE: Lernen medizinische Fachangestellte in ihrer Ausbildung, wie sie mit den unterschiedlichen Venentypen umgehen müssen? Stücker: Es sollte schon so sein, dass sie mit den Schwierigkeiten beim Blutabnehmen vertraut gemacht werden. Und wie man sich dabei behilft. ---Zitatende--- Eine Antwort auf diese Frage wäre für mich das Interessanteste an diesem Interview gewesen.
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