Experten warnen Immer mehr Kinder haben Bluthochdruck

Die Zahl der übergewichtigen Kinder nimmt zu, und mit ihr auch die Zahl der Kinder mit Bluthochdruck. Eine frühe Diagnose ist wichtig - doch die Krankheit bleibt oft unerkannt.

Den Blutdruck messen
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Viele Menschen verbinden einen zu hohen Blutdruck vor allem mit dem Alter. Die Krankheit betrifft jedoch zunehmend auch Kinder und Jugendliche. "Wir können in westlichen Ländern eine deutliche Zunahme an erhöhten Blutdruckwerten bei übergewichtigen Kindern feststellen", sagt Robert Dalla Pozza, leitender Oberarzt der Abteilung für Kinderkardiologie am Uniklinikum München.

Zwar habe es schon immer Kinder mit einem erhöhten Blutdruck gegeben, etwa aufgrund einer Nierenerkrankung, erklärt Dalla Pozza. Seit einigen Jahren aber kämen immer mehr übergewichtige Kinder wegen höherer Blutdruckwerte zum Kinderkardiologen. Um die gefährliche Entwicklung zu stoppen, müssten vor allem Übergewicht und Fettsucht reduziert werden.

Allerdings fehle oftmals das nötige Bewusstsein in Familien, aber auch bei Medizinern, kritisiert der Experte für Gefäßerkrankungen. "Diese Kinder werden dann völlig unnötigerweise mit Medikamenten behandelt, obwohl Gewichtsabnahme in Verbindung mit sportlicher Betätigung die richtige Therapie wäre", so der Medizinprofessor.

Verbot von Softdrinks an Schulen?

Dass die Zahlen steigen - manche Experten gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind - ist aus Sicht des Mediziners auch ein gesellschaftliches Problem. Das Robert Koch-Institut schätzte im Jahr 2008, dass ein bis drei Prozent der Kinder Bluthochdruck haben.

Mit Blick auf die schwerwiegenden Krankheiten, die den Betroffenen im Erwachsenenalter drohen - etwa Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen - sollte der Lebenswandel Heranwachsender stärker zum Thema werden, fordert Dalla Pozza. Ein Verbot von Softdrinks an Schulen müsse ebenso diskutiert werden wie eine Sonderabgabe auf Fast-Food-Produkte, sagt er. "Zu einem tatkräftigeren Handeln hat sich die Politik bisher nicht aufraffen können."

Auch Elke Wühl, Oberärztin am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Heidelberger Universitätsklinikum, sieht Übergewicht bei Kindern als einen Grund für die alarmierende Entwicklung. "Jedes vierte Kind mit Fettleibigkeit leidet unter Bluthochdruck", erklärt sie. Allerdings könnten auch normalgewichtige Kinder an Bluthochdruck erkranken. Eine frühzeitige Diagnose sei notwendig. Aber gerade das ist schwierig: Bluthochdruck führt nicht direkt zu Beschwerden und bleibt bei Kindern oftmals unbemerkt.

Ab drei Jahren den Blutdruck checken

Um dem entgegenzuwirken, hat die European Society of Hypertension ihre Leitlinien überarbeitet. Darin ruft die Gesellschaft Kinder- und Hausärzte dazu auf, bei allen Kindern und Jugendlichen den Blutdruck zu checken. In Deutschland halten sich bereits viele Ärzte an diese Empfehlung - aber es gibt auch Ausnahmen. "Ab dem dritten Lebensjahr sollte dies bei jeder ärztlichen Vorstellung erfolgen", fordert Wühl.

Das unterstützt auch der Göttinger Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette. Gleichwohl sei die Diagnose des Bluthochdrucks bei Kindern und Jugendlichen nicht einfach. So benötigten Kinderärzte etwa spezielle Blutdruckmanschetten, deren Breite und Länge den kleinen Oberarmen angepasst sein muss. Vor allem aber müssten Kinderärzte und Kardiologen enger zusammenarbeiten, um früh mögliche Fehlentwicklungen zu diagnostizieren.

Normale Blutdruckwerte bei Kindern

Altersgruppe Blutdruck (mm Hg)
Neugeborenes 60/30
Säugling 96/60
Kleinkind 98/64
Schulkind 106/68
Jugendlicher 114/74

Quelle: Deutsches Ärzteblatt

Hinzu kommt, dass die Werte bei Kindern anders einzuschätzen sind als bei Erwachsenen: "Ein Wert von 120 zu 80, der für Erwachsene optimal ist, ist bei einem Zwölfjährigen gerade noch normal, bei einem Sechsjährigen zu hoch, bei einem Dreijährigen ist es eine schwere Hypertonie und bei einem Neugeborenen ein Notfall", erklärt Wühl in einer Pressemitteilung der Deutschen Hochdruckliga.

Auch Hulpke-Wette sieht es als notwendig an, bei der Lebensweise von Kindern und Jugendlichen anzusetzen. Sogenannte Energydrinks etwa könnten mit ihrem hohen Koffeingehalt den Bluthochdruck erhöhen und stellten ein großes Risiko für Heranwachsende dar. Es gebe Kinder, die nahezu täglich solche Getränke konsumieren.

irb/dpa

insgesamt 5 Beiträge
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nenene 16.05.2017
1.
Ja, klar! Die Schwelle zu Bluthochdruck ist seid Jahren immer wieder gesenkt worden, damit Blutdrucksenker verkauft werden können. Schickt die Kinder mal raus, bringt den Eltern das kochen bei und lasst den ganzen Elektronik Schnickschnack weg. Dann erledigt sich das sehr schnell mit dem Übergewicht! Ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel führen ganz schnell dazu! Ach ja, Ritalin fördert die Adipositas, das ist ja ein Standardmittel zur beruhigung der Kinder geworden. Könnte man auch als geschickt eingefädelt dahinstellen!
bernie4711 16.05.2017
2. Bitte mit viel Zucker
Wenn man Kindern ueberwiegend zucker- und staerkehaltige Lebensmittel gibt, duerfte das nicht verwundern. Lecker Limo oder Fruchtsaft, zum Fruehstueck Cornflakes oder Brot mit Nussaustrich. Die WHO sagt 6 Teeloeffel pro Erwachsenen und das hat man schnell verbraucht. Siehe Inhaltsstoffe auf jeder Packung - alles was auf -OSE endet.
spon_3055608 16.05.2017
3. alles in Butter?
Die schon beinahe epidemieartige, weltweite Ausbreitung von Fettsucht und Übergewicht ist ein multifaktorielles Geschehen. Derzeit sind keineswegs a l l e Faktoren bekannt. Neben Bewegungsmangel und überschießender Zufuhr hoch- kalorischer Nahrung, ist vor allem unklar, warum die natürliche Appetitbremsen bei bestimmten Menschen nicht funktionieren. Neben der reinen Nahrungszufuhr sind inzwischen noch weiter Mitspieler bekannt: zB. Weichmacher aus Verpackungen und Folien, Hormone und hormonähnliche Substanzen zB. aus dem Trinkwasser, Stress und zu wenig Schlaf, bestimmte Medikament und Spuren davon zB. im Fleisch, Veränderung der Darmflora ect. Es würde hier zu weit führen..... Eine Arbeit von chinesischen Forscher, die Mäuse Standluft,- die Kontrollgruppe reiner Luft,- aussetze, fand unerwartet (neben den erwarteten Veränderungen an den Atmungsorganen), dass die Abgasgruppe entzündlich Veränderungen an den inneren Organen aufwies und stark an Gewicht zunahm. Es ist also keineswegs damit getan, weniger zu essen und die Welt wird gut! Es gibt einfach viel zu viel Dicke um alleine damit die Pandemie der Fettsucht zu erklären.
lady_hesketh-fortescue 17.05.2017
4. Jetzt ist es wieder Ritalin und die Unfähigkeit der Eltern....
@nenene: Mit Ihrer Forderung nach mehr Bewegung und gesünderer Ernährung gehe ich konform; Ihre Ausführungen zu Ritalin möchte ich gerne relativieren. Sicherlich ist ein erhöhter Blutdruck eine Nebenwirkung dieses Medikaments, allerdings möchte ich anmerken, dass es dazu eingesetzt wird, eine Störung des Hirnstoffwechsels zu behandeln und nicht, um laute Kinder ruhig zu stellen. Ich schreibe dies nicht, weil ich die Medikamentengabe verherrlichen möchte oder irgendwelche Pharmaunternehmen unterstütze, sondern als Betroffene, die unter der Nichterkennung und -behandlung eben dieser Beeinträchtigung sehr gelitten hat. Ausführungen wie die Ihre führen mitunter dazu, dass ein gut erforschtes und sicheres Medikament aus ideologischen Gründen vorenthalten wird.
cs9 17.05.2017
5. @nenene. Ritalin fördert NICHT Adipositas!
Ritalin dämpft den Appetit. Deshalb beobachtet man bei den meisten Kindern eine Gewichtsabnahme während der Einnahme dieses Medikaments. Und Ritalin ist auch ebenfalls kein Beruhigungsmittel. Allerdings brauche ich jetzt genau das nach ihrem mit Vorurteilen und nicht vorhandenem Wissen angefüllten "Beitrag".
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