Diagnostik-Durchbruch Bluttest könnte viele Antibiotika überflüssig machen

Ein Tropfen Blut, einen Moment Zeit und ein eindeutiges Ergebnis: Viren oder Bakterien? Ein derartiger Test könnte helfen, den Antibiotika-Einsatz auf der Welt erheblich zu reduzieren. Forscher sind ihm jetzt einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

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Blutproben: Blick ins Labor der Duke University
AP/ Duke Medicine

Blutproben: Blick ins Labor der Duke University


Die Frage nach Viren oder Bakterien ist für die Behandlung einer Krankheit in etwa so bedeutend wie die Frage, ob man an einer Kreuzung nach rechts oder links abbiegen sollte: Während Infektionen mit Bakterien in der Regel innerhalb kurzer Zeit mit Antibiotika engedämmt werden können, reagieren Viren auf diese Medikamente überhaupt nicht.

"Besonders bei Kindern entwickeln sich eine bakterielle Infektion und eine virale Infektion der Atemwege anfangs komplett gleich", sagt Octavio Ramilo, vom Children's Hospital in Columbus, im US-Bundesstaat Ohio. Wie also sollte der Arzt reagieren, wenn er den Patienten vor sich hat? Bei Fieber und Erkältungssymptomen ein Antibiotikum verschreiben? Nur für den Fall, dass es sich um eine bakterielle Infektion handelt? Oder doch abwarten und komplexe Labortests durchführen?

Ein neuer Bluttest könnte in Zukunft dabei helfen, virale Infektionen der Atemwege schnell und unkompliziert zu erkennen. Das hätte einen entscheidenden Vorteil: Ärzte rund um den Globus verschreiben immer mehr Antibiotika. Doch durch den massenhaften Einsatz der Medikamente kommt es zunehmend zu gefährlichen Resistenzen. Das belegen auch aktuelle Zahlen aus deutschen Kliniken, wonach die Fälle mit resistenten Erregern in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Wie die Forscher um Amiee Zaas der US-amerikanischen Duke University jetzt im Fachjournal "Science Translational Medicine" berichten, könnte der neue Test den unnötigen Einsatz von Antibiotika reduzieren.

Aktivität von 30 Genen analysieren

Reichen die Symptome nicht aus, um eine Infektion eindeutig zu diagnostizieren, ordnet ein Arzt heute eine Reihe von Tests an. Oft werden dabei im Blut des Patienten nach den Spuren bestimmter Erreger gesucht - ein langwieriges und komplexes Verfahren, bei dem man etliche Details der Erreger gut kennen muss. Hinzu kommt, dass Tests, die schnell in der Praxis durchgeführt werden, häufig zu ungenau sind. "Das ist etwas, mit dem wir in der Klinik jeden Tag kämpfen müssen", sagt Ramilo, der nicht an der Studie beteiligt war.

Der jetzt entwickelte Test verfolgt einen viel generelleren Ansatz. Statt nach der Ursache der Infektion, dem Erreger selbst, zu suchen, analysiert er die Reaktion des Immunsystems - und kommt dadurch zu einer einfachen Aussage: Virus oder kein Virus. Hat das Immunsystem mit Viren zu kämpfen, reagiert es anders, als wenn Bakterien im Spiel wären. Je nach Erreger-Typ werden im Körper unterschiedliche Gene aktiviert - diese weist der Test nach.

Um herauszufinden, welche Gene bei viralen Erkrankungen der Atemwege eine besondere Rolle spielen, infizierten die Wissenschaftler zunächst 41 Freiwillige mit zwei verschiedenen Grippeviren (H3N2 und H1N1) und analysierten die Reaktionen des Erbguts. Dabei identifizierten sie 30 Gene, die besonders reagierten.

Bei rund 90 Prozent richtig erkannt

Um den Bluttest unter realen Bedingungen zu erproben, gingen die Forscher in einem nächsten Schritt in eine Notfallambulanz und untersuchten das Blut von rund 79 Patienten mit einer fiebrigen Infektion der Atemwege. Zur Kontrolle analysierten sie außerdem das Blut von 35 gesunden Personen. Bei 89 Prozent der Patienten erkannte der Test eine virale Infektion korrekt, bei den Patienten ohne virale Infektion lag er bei 94 Prozent richtig. "Es hat uns sehr gefreut, dass der Test die Patienten mit einer viralen Infektion mit einer so hohen Genauigkeit erkannt hat", sagt Zaas.

"Die Studie zeigt, dass dieser Ansatz auch im wirklichen Leben funktioniert", bestätigt auch Infektionsgenetiker Klaus Schughart vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, der nicht an der Studie beteiligt war. Bis er wirklich in der Praxis eingesetzt werden kann, liegt trotzdem noch ein weiter Weg vor den Forschern. Als nächstes wollen sie die Ergebnisse ihrer kleinen Studie - pünktlich zu Beginn der Grippewelle - an einer größeren Gruppe Versuchsteilnehmer bestätigen.

Forscher hoffen auf einen Test wie für die Schwangerschaft

Auch an der Anwendung müssen die Forscher feilen. Noch dauert der Test zwölf Stunden und tauge damit nicht für den klinischen Einsatz, schreiben die Autoren. Statt 30 sollen in Zukunft auch weniger Gene untersucht werden. "Wir würden uns wünschen, einmal Virustests zu haben, die ähnlich einfach und schnell funktionieren wie heute Schwangerschaftstests", sagte Co-Autor Ginsburg den "Healthline News".

Der Kindermediziner Ramillo bezeichnet den Test ebenfalls als ein "vielversprechendes Tool", das nach seiner Einschätzung in etwa fünf Jahren marktreif sein könnte. Auch wenn der Test nicht Auskunft darüber geben kann, welches Virus hinter einer Infektion steckt, könnte er im Epidemie-Fall besonders hilfreich sein: Mediziner wüssten so, wer keine Viren in sich trägt, also nicht infiziert ist. Dies würde selbst funktionieren, wenn der Erreger unbekannt und nicht im Detail untersucht ist.

Mit Material von AP und dpa

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
testthewest 19.09.2013
1.
Zitat von sysopAP/ Duke MedicineEin Tropfen Blut, einen Moment Zeit und ein eindeutiges Ergebnis: Viren oder Bakterien? Ein derartiger Test könnte helfen, den Antibiotika-Einsatz auf der Welt erheblich zu reduzieren. Forscher sind ihm jetzt einen entscheidenden Schritt näher gekommen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/bluttest-erkennt-virale-infektion-anhand-der-gene-a-923186.html
Die Kosten für die Überprüfung der Aktivität von 30 (!!) Genen wird nicht genannt. Wenn man sich allein die Kosten für eine Einzelne Genanalyse (inkl. dem ganzen rechtlichen Drumherum) anschaut stellt sich dann eben die Frage, ob man pro Erkältung 1000€ (oder mehr) an Diagnostik verballern will, oder einfach ein Antibiotikum für 20 € gibt.
david_2010 19.09.2013
2. einfach mal ins Bett legen
Muss man denn bei jeder Erkältung oder etwas Fieber gleich zum Arzt rennen und sich was verschreiben lassen ?
Fettnäpfchen 19.09.2013
3. Die Pharmaindustrie wird die Bluttests verhindern
Die Bluttests können nicht im Sinne der Pharmaindustrie sein, da dadurch ihre Gewinne geschmälert werden. Ihre Lobbyisten werden dafür sorgen, dass sie nicht eingeführt werden und unser Gesundheitsminister, gleichgültig, wer es nach dem 22. September sein wird, wird der Pharmaindustrie brav gehorchen. So einfach ist das.
graphics 19.09.2013
4. Kosten
Weil immer nur kosten der bestimmende faktor sind, wird die welt irgendwann mal daran zu grunde gehen. Diese “billigere “ lösung sieht dafür dass es bald gar keine wirksamen antibiotika mehr gibt. Nur damit geld gespart wird. Super gemacht.
wavuu 19.09.2013
5.
Zitat von testthewestDie Kosten für die Überprüfung der Aktivität von 30 (!!) Genen wird nicht genannt. Wenn man sich allein die Kosten für eine Einzelne Genanalyse (inkl. dem ganzen rechtlichen Drumherum) anschaut stellt sich dann eben die Frage, ob man pro Erkältung 1000€ (oder mehr) an Diagnostik verballern will, oder einfach ein Antibiotikum für 20 € gibt.
Das Problem das wir gerade haben ist, dass die Krankheitserreger resistent werden weil Antibiotika wie Bonbons verteilt werden. War vor kurzem auch ein Artikel hier. Die Kosten für das Verfahren sind reine Spekulation und können evtl. auch noch deutlich sinken. Das hilft aber alles nichts gegen die erschreckend hohe Anzahl an Ärzten die nichteinmal wissen dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen...
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