Borreliose Achtung, Zecken auf der Suche nach Blut!

Es ist wieder Zeckenzeit. Eine Borrelieninfektion kann unbemerkt verlaufen - oder Haut, Gelenke und Nervensystem angreifen. Die Diagnose ist oft schwierig, der Leidensweg lang. Eine frühzeitige Antibiotikatherapie verspricht gute Heilungschancen.

Zecke auf Grashalm: Selbst wenn der Stich frühzeitig erkannt wird, bleibt die Diagnose Borreliose schwierig
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Zecke auf Grashalm: Selbst wenn der Stich frühzeitig erkannt wird, bleibt die Diagnose Borreliose schwierig


Sie sind wieder da, möglicherweise waren sie in diesem milden Winter nie ganz weg: Zecken auf der Suche nach einer Blutmahlzeit. Nach dem Waldspaziergang, dem Versteckspiel im Gebüsch oder der Wanderung durch hohe Gräser wird es demnächst des Öfteren zu bösen Überraschungen kommen. Hoffentlich schon dann, wenn die Zecke gerade erst zugestochen hat. Denn zu diesem Zeitpunkt stehen die Chancen gut, dass noch keine sogenannten Borrelia-burgdorferi-Bakterien auf das Opfer übertragen wurden.

Schätzungsweise jede dritte Zecke trägt diese für Menschen potentiell gefährliche Fracht in sich. Die Infektionsrate bei einem Zeckenstich liegt aber nur zwischen 1,5 und 6 Prozent - auch deshalb, weil das menschliche Immunsystem mitunter schnell mit den Erregern fertig wird. Je länger die Zecke aber saugt, desto größer ist das Risiko, dass Borrelien in den Menschen gelangen. Zecken verhaken sich gern in warmen, gut durchbluteten Körperregionen wie etwa der Kniekehle oder dem Genitalbereich. Diese Stellen sind oft schlecht einzusehen, so dass Zecken dort mitunter tagelang unentdeckt bleiben können.

Thomas Fuchs* hat genau das vor rund 20 Jahren erlebt. Als er schließlich die Zecke entdeckte, wurde sie im Krankenhaus entfernt. Damals dachte niemand in der Ambulanz an die medizinisch noch wenig bekannten Borrelien. Die typische Wanderröte, von Ärzten als Erythema migrans bezeichnet, trat nicht auf. Doch etwa eineinhalb Jahre später konnte der sportliche Dreißigjährige kaum noch Treppensteigen: Sein rechtes und linkes Knie waren abwechselnd stark geschwollen und schmerzten heftig.

Die Symptome sind leicht zu verwechseln

Seine Frau erinnerte sich schließlich daran, dass sie über solche Symptome bereits im Zusammenhang mit einem Zeckenstich gelesen hatte. Thomas Fuchs machte seinen Arzt auf die mögliche Ursache seiner Beschwerden aufmerksam. Und tatsächlich war der daraufhin veranlasste Bluttest auf Borrelien-Antikörper im Blut positiv. Aufgrund der vorhandenen Antikörper und der typischen Gelenkbeschwerden stellte der Arzt die Diagnose Lyme-Arthritis. Dabei handelt es sich um eines der Spätstadien einer Borrelien-Infektion.

Weil die Symptome so unterschiedlich ausfallen, oft erst Wochen oder Monate nach einem Zeckenstich auftreten und mitunter den Erscheinungsbildern anderer Krankheiten ähneln, unterlaufen Ärzten immer wieder Fehler bei der Diagnosestellung. Mitunter dauert es viel zu lang, bis die Beschwerden den richtigen Namen und die Betroffenen eine wirksame Therapie bekommen. Wie häufig eine Borreliose gar nicht erkannt wird, ist unklar.

Eines der dabei auftretenden Probleme ist, dass Antikörpertests mitunter zu früh gemacht werden. "Die Tests selbst sind ziemlich empfindlich", sagt Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien in Oberschleißheim. "Aber sie können nur dann Antikörper nachweisen, wenn diese auch auftreten." Erst drei bis sechs Wochen nach einem Zeckenstich wird ein Bluttest positiv. Zudem treten die sogenannten IgM-Antikörper auch nur bei jedem zweiten Patienten mit einer Wanderröte auf, sagt der Neurologe Hans-Werner Pfister, stellvertretender Leiter der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern, das zur Ludwig-Maximilians-Universität gehört. "Zum Glück ist aber die Wanderröte selbst ein eindeutiges klinisches Zeichen für eine akute Borrelieninfektion", so Pfister. Allerdings tritt sie nur bei 70 bis 90 Prozent der Betroffenen auf.

Verschiedene Formen von Borreliose

Eine früh erkannte Borreliose ist mit Antibiotika heilbar. "Wenn ausreichend mit einem Antibiotikum behandelt wurde und der Patient das Medikament richtig eingenommen hat, ist nicht zu erwarten, dass die Borreliose chronisch wird", sagt Pfister. "Resistenzen der Borrelien gegen die eingesetzten Antibiotika sind nicht bekannt."

Eine falsche oder zu späte Diagnose kann für die Betroffenen allerdings heftige Folgen haben: Bleibt die medikamentöse Behandlung aus, können Folgeschäden an den Gelenken und den Nervenzellen auftreten, die mitunter zu chronischen und nur schwer therapierbaren Schmerzen führen.

Denn außer der Lyme-Arthritis gibt es noch andere Spätformen der Borreliose, so etwa die seltenere chronische Neuroborreliose, bei der Nervenzellen in Rückenmark oder Gehirn aufgrund einer Entzündung geschädigt werden können. Quälende, brennende Schmerzen sind die Folgen, Schmerzmittel kommen kaum dagegen an. Zudem können Taubheitsgefühle, Bewegungsstörungen oder auch eine Lähmung des Gesichtsnerven, eine sogenannte Fazialisparese, auftreten.

Die Bakterien können außerdem auch die Haut befallen: Ganze Hautbereiche verfärben sich dann bläulich, werden dünn und faltig wie Zigarettenpapier. Mediziner sprechen von einer Acrodermatitis chronica atrophicans.

Thomas Fuchs hingegen hatte Glück: Nachdem der Arzt die Borrelien-Infektion festgestellt hatte, folgten vier Wochen einer konsequent durchgeführten Antibiotikatherapie. Am Ende war Fuchs beschwerdefrei.

*Name von der Redaktion geändert.

Die wichtigsten Fakten zur Borreliose

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
ricarda 24.04.2014
1. Noch weitere Gefahren
Zitat von sysopDPAEs ist wieder Zeckenzeit. Eine Borrelieninfektion kann unbemerkt verlaufen - oder Haut, Gelenke und Nervensystem angreifen. Die Diagnose ist oft schwierig, der Leidensweg lang. Eine frühzeitige Antibiotikatherapie verspricht gute Heilungschancen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/borreliose-diagnose-nach-zeckenstich-und-therapie-mit-antibiotika-a-963690.html
[QUOTE=sysop;15497520]Es ist wieder Zeckenzeit. Eine Borrelieninfektion kann unbemerkt verlaufen - oder Haut, Gelenke und Nervensystem angreifen. Die Diagnose ist oft schwierig, der Leidensweg lang. Eine frühzeitige Antibiotikatherapie verspricht gute Heilungschancen. Es gibt leider auch noch andere, im Artikel nicht erwähnte, Risiken bei nicht oder nicht ausreichend therapierter Borreliose: auch Borrelien können eine Hirnhautentzündung hervorrufen, die wiederum Lähmungen der Extremitäten zur Folge haben kann. Und leider ist eine einzige Antibiotika-Therapie nicht immer ausreichend. Nach der Therapie können sich Erreger auch noch halten und wieder vermehren, weswegen es angezeigt ist, auch nach zunächst erfolgreicher Therapie gelegentlich auf Antikörper zu untersuchen. Darüber hinaus gibt es bei erfolgter Infektion keine Immunisierung und das bedeutet, dass man durch den nächsten Zeckenbiss auch wieder erneut erkranken kann.
tingel7 24.04.2014
2. Früherkennung
Mein Tipp bei einem Zeckenbiss: Die Zecke aufbewahren und direkt nach dem Biss durch ein Labor der Wahl auf Borrelien untersuchen lassen. Das kostet etwa 30 € und danach hat man meist die beruhigende Gewissheit, dass die Zecke keine Borellien in sich trug.
big t 24.04.2014
3. optional
viel schöner ist, dass es schon seit fast 20 Jahren eine Impfung gegen Borreliose gibt, die aber nicht vermarktet wird, wohl weil die Rechte nicht bei einem großen Pharmakonzern liegen. D.h. es muss solange gewartet werden, bis der Patentschutz verfällt, damit Merck, Byer und Co endlich die Impfung auf den Markt werfen.
HHB48 24.04.2014
4. Meine eigene Therapie
Ich lebe in Suedschweden und bewege mich viel in der Natur und wurde schon oft von Zecken gebissen. Völlig unwissenschaftlich desinfiziere ich mein Taschenmesser mit einem Feuerzeug und danach stecke ich die Zecke aus der Haut. An der Stelle blutet es dann ein wenig und die Wunde wird dadurch ausgespuehlt.
napu 24.04.2014
5. Eine richtige Diagnose durch Haus- und Kassenärzte ist kaum bis nicht möglich.
Vor einigen Jahren habe ich eine Borreliose-Infektion durchlitten. Besuche bei mehreren Hausärzten, Orthopäden, Neurologen und Rheumatologen blieben ohne Erfolg. Ich wußte damals nicht, woran ich litt und keiner der Ärzte konnte die Ursache meiner Beschwerden finden. Die Diagnosen wechselten zwischen Arthrose an allen Gelenken, Multipler Sklerose, Fibromyalgie, "keine Ahnung, wenn es in einem halben Jahr nicht weg ist, kommen sie nochmal" und dem Vorwurf ein Hypochonder zu sein oder "vielleicht was Psychosomatisches". Als Ingenieur verdiene ich recht gut, daher hatte ich einige Mittel zur Verfügung. Ich nahm Urlaub und suchte als Selbstzahler mehrmals eine Privatklinik auf. Das war das erste mal, dass sich Ärzte die Zeit nahmen, den Verlauf und die Symptomschilderungen anzuhören, ohne nach drei Minuten demonstrativ die Augen zu verdrehen und mich mit einer Schnelldiagnose zu unterbrechen. Ich sprach mit einer Reihe von Spezialisten. Ein Infektologe und Facharzt für Tropenerkrankungen schloss anhand der Symptome zunächst auf Syphillis, als dieser Test aber negativ ausfiel, wurde auf Borreliose getestet. Beide Erreger, Borreliose und Syphillis sind sogenannte Spirochäten, daher gibt es gewisse Ähnlichkeiten der Symptome. Titer, Westernplot und wie das alles hieß, und das die Krankenkassen einem als Kassenpatient vorenthält. Danach war die Diagnose gesichert. Mit dem Befund ging ich zu meinem Hausarzt. Der weigerte sich jedoch prompt, auch nur den Umschlag mit dem Befund anzufassen. Schaute demonstrativ zur Decke und stecke die Hände unter den Tisch, als ich den Umschlag öffnete und den Befund vor ihn hinlegte. "Das will ich garnicht wissen, ich behandle nur, was ich selbst diagnostiziert habe. Bitte gehen Sie jetzt!" Schließlich ließ ich die Behandlung und die Folgeuntersuchungen wiederum als Selbstzahler von einem Privatarzt durchführen. Das ist inzwischen fünf Jahre her und inzwischen bin ich wieder wohlauf. Die Antibiotikabehandlung dauerte bei mir 10 Wochen und ich bekam ausser hohen Antibiotikadosen noch weitere Medikamente, da der Erreger bei für ihn ungünstigen Bedingungen eine zystische Form annehmen und so eine Antibiotikabehandlung überstehen kann. Danach dauerte es mehrere Monate, bis sich die Beschwerten besserten. Insgesamt sollte man drei weitere Jahre abwarten und Nachuntersuchungen machen lassen. Erst wenn nach dieser Zeit nichts mehr zurückkommt, hat man die Borreliose überstanden. Was ich erschreckend fand, war vor allem die Ahnungslosigkeit und Ignoranz der besuchten (Haus-)Ärzte. 2013 hatte ich ein interessantes Gespräch mit unserer Betriebsärztin. Das heißt, sie war diejenige, die mich über die Behandlung der Borreliose, die Symptome und den Behanldungserfolg interviewte. Der Grund war der dauerhaft sehr hohe Krankenstand bei Forstarbeitern in der Region. Andererseits sagte sie aber auch, dass Berufsgenossenschaften alles nur erdenkliche unternehmen, um eine Anerkennung der Borreliose als Berufskrankheit, oder Krankheit überhaupt zu verhindern und diesbezüglich einiges an Lobbyarbeit investieren.
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