16. Januar 2013, 18:02 Uhr

Wir machen uns mal frei

Lasst mich und meine Noroviren allein!

Menschen, die von Noroviren infiziert wurden, sollte man nicht pflegen! Die Ansteckungsgefahr für Helfer ist zu groß - und es ist zu unangenehm für die Gepeinigten. Gebt ihnen Wasser und lasst sie dämmern, meint Frederik Jötten.

Es fängt an mit einem Rumoren im Magen - und dann kann man nur noch hoffen, rechtzeitig zur Toilette zu kommen. Im Moment gehen die Noroviren um, und wenn es einen erwischt hat, sollte man es sich vor dem Klo bequem machen. Es lohnt für die nächsten Stunden nicht, auch nur an einen anderen Aufenthaltsort zu denken. Denn entweder, es läuft einem gerade die Spucke im Mund zusammen, weil sich das nächste Erbrechen ankündigt oder man muss sich seines Durchfalls entledigen.

Nichts und niemand kann helfen, ja niemand sollte helfen, sofern der Erkrankte sonst fit und gesund ist. Denn schon feine Partikel in der Luft können zur Infektion führen. Und außerdem: Wer will schon von Freunden oder dem Partner in der jämmerlichsten aller Lagen beobachtet werden? Wer will schon, dass jemand den Sound des eigenen Brechdurchfalls mit anhört? Also bitte, wenn es mich erwischen sollte: Schiebt mir von weitem Elektrolytlösung zum Trinken rüber, verschwindet und lasst mich dann in Ruhe auf dem Klo dahindämmern bis alles vorbei ist.

Einen Freund hat das Norovirus am 31. Dezember erwischt, er lag also Silvester ganz und den Neujahrstag halb auf der Toilette. Als ich davon hörte, war bei mir alles wieder präsent: die schlimmste Nacht meines Lebens. Vor zehn Jahren reiste ich mit meiner damaligen Freundin durch Ecuador. Mit einem Bus wollten wir die Nacht hindurch aus der Hauptstadt Quito in den Osten des Landes fahren, eine Regenwald-Exkursion. Gerade als wir einsteigen wollten, merkte ich, dass mir ein bisschen übel wurde. Die fünftägige Tour samt Guide war aber bezahlt, ich stieg ein und dachte: Es wird schon gleich besser werden. Leider war das ein Irrtum, es wurde schlimmer, viel schlimmer.

Mit Schweißausbrüchen krümmte ich mich auf dem Sitz, warf mich hin und her. Ich wusste nicht, wohin mit mir, ich konnte nicht schlafen, dabei wäre mir nichts lieber gewesen, als das Bewusstsein zu verlieren. Der Bus sollte acht Stunden unterwegs sein! Eine Toilette gab es nicht. Als der Brechreiz kam, musste ich eine andere Lösung finden. Zum Glück brauchte man zum Öffnen der Fenster nicht wie in den Bussen hierzulande einen Nothammer, sie ließen sich aufschieben und so konnte ich mich im Viertelstundentakt nach draußen lehnen und abladen. Der Durchfall begann zum Glück erst nach unserer Ankunft. Am Zielort besorgte meine Freundin ein Hotelzimmer und Zwieback. Sie hat sich rührend gekümmert, nach zwei Tagen ging es mir wieder besser. Also ich berichtige: Wenn mich auf Reisen irgendwo ein Brechdurchfall erwischen sollte, dann lasst mich nicht alleine liegen, helft mir bitte, und tut alles für mich!

Wahrscheinlich verhinderte nur der Zufall eine Infektion

Damals hatte ich wohl keinen Norovirus, sondern eine Lebensmittelvergiftung, aber die Symptome sind ähnlich, und ich will so etwas Grässliches auf jeden Fall vermeiden. Ich habe extremes Glück gehabt - bis jetzt. An Silvester sah ich den Freund am U-Bahnsteig etwa eine Stunde, bevor er sich das erste Mal übergab. Nur weil ich sehr in Eile war, winkte ich von weitem, anstatt ihn zu umarmen und vermied so wahrscheinlich die Infektion! Denn alle anderen Menschen, die an Silvester auch nur in einem Raum waren mit dem Freund haben sich angesteckt (mit Ausnahme einer Himalaya-erprobten Ethnologin, die wahrscheinlich sogar gegen Hepatitis, Cholera und Malaria immun wäre).

Als ich den Freund das nächste Mal sah (da war die Attacke zwei Tage her), hielt ich einen Sicherheitsabstand von zwei Metern ein. So standen wir auf dem Bürgersteig, von weitem muss es ausgesehen haben, als tauschten wir Unfreundlichkeiten aus. Dabei sah ich nur so angewidert aus, weil ich schockiert war von dem Virus. Ich fragte, wo er sich infiziert haben könnte. Eine Lebensmittelvergiftung schied aus, weil der Freund das gleich gegessen hatte wie seine Familie und aus dem Rest der Sippe niemand krank geworden war.

Die einzige Spur war: Der Bruder einer Freundin hatte die gleichen Symptome gehabt. Mein Freund und ihr Bruder hatten sich aber nicht getroffen! Die Freundin hatte nur eine Gitarre und Bücher mitgebracht, die erst ihr infizierter Bruder und dann mein Freund berührt hatte. Waren darauf die Viren gewesen? Oder hatte mein Freund sie einfach an irgendeiner Türklinke mitgenommen, die ein anderer Virenträger angefasst hatte? Ich finde es schrecklich, wenn man nicht weiß, wo die Gefahr herkommt. Nur eines wurde glasklar: wie verdammt infektiös dieses Virus ist.

Als ich mich winkend von dem Freund verabschiedet hatte, ging ich sofort in die nächste Apotheke und kaufte mir ein Handdesinfektionsmittel, mit extra großem Virenvernichtungspotential. Großzügig träufelte ich es auf meine Hände. Trotzdem lebe ich seitdem in Angst. Inzwischen sind noch mehr Menschen aus meinem Umfeld erkrankt. Ich meide sie und versuche außerdem, mich mit extensivem Händewaschen und -desinfizieren zu schützen. Bis jetzt noch mit Erfolg. Das einzig Positive an der Sache ist: Die Symptome einer Noroviren-Infektion sind so klar und heftig, dass ich mir sie bestimmt nicht einbilden werde.

Für Mobilnutzer: Klicken sie hier, um im Experteninterview das wichtigste über Noroviren zu erfahren.


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