Leid der Brillenträger: Blindlings durchs Leben

Von Frederik Jötten

Was machen Kurzsichtige, die ihre Brille verlieren? Sie tasten sich mühselig zum Augenarzt - und versuchen, unterwegs peinliche Begegnungen zu vermeiden. Ist der Sehtest absolviert, kommt die viel schwierigere Aufgabe: sich für eine neue Brille zu entscheiden.

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Brillenträger: Ohne Sehhilfe kann es schnell schwierig werden

Im Nachhinein ist es erstaunlich lange gutgegangen, dieses Leben auf der Überholspur, ohne Netz und doppelten Boden. Ich spreche von meinen zehn Jahren ohne Ersatzbrille, das ist für einen Brillenträger, der keine Kontaktlinsen hat, so wie 200 Stundenkilometer fahren ohne Bremse oder wie Fallschirmspringen ohne Rettungsschirm - für Brillenträger, da gelten andere Maßstäbe.

Ehrlich gesagt lebte ich so nicht etwa aus Mut, sondern aus Unfähigkeit, mich für einen neuen Rahmen zu entscheiden. Ich mochte meine Brille, sie war altmodisch, irgendwann sogar so sehr, dass ein Freund sagte, sie sei jetzt wieder modern. Die Jahre vergingen, alte Brillen zerbrachen beim Sport, und es kam nie eine neue dazu. Es war klar, dass es nicht ewig so weitergehen konnte, und jetzt ist es vorbei: Ich habe meine Brille verloren, das Gestell wird nicht mehr hergestellt - und ich habe keine Zeit zu trauern. Ich brauche was gegen meine Kurzsichtigkeit, sonst finde ich nicht mal mehr die Küche.

Ich kann nicht mehr Auto fahren, keine Anzeigentafeln mehr lesen - und am schlimmsten: Ich erkenne Menschen nicht, die weiter als drei Meter entfernt sind. Ich gehe über den Bürgersteig und starre eine Frau an. Ist das vielleicht Steffi? Könnte sein, aber ich muss näher ran. Dann bin ich zu nah, sie ist es doch nicht, und ich stehe einen Meter vor ihr und sage: "Äh, äh, sorry, ich habe dich verwechselt." Es ist schrecklich, schlecht zu sehen, ich hatte das vergessen. Durch einen diffusen Nebel wandele ich zu meiner Augenärztin.

Schwierige Entscheidung

Die Augenärztin ist eine Dame um die 60, die das R rollt wie ein weiblicher Marcel Reich-Ranicki. "Zehn Jahre dieselbe Brille?" Sie klingt, als müsse ich verrückt sein. "Da müssen wir mal die Augen testen." Ich lese also Zahlenfolgen, die sie an die Wand projiziert und die von links nach rechts kleiner werden. Dann gibt sie mir immer zwei Sehstärken zur Auswahl. "Ist es besser so - oder so?" Ich sehe keinen Unterschied, antworte: "Äh, könnte ich das von eben noch mal sehen?" Während sie die erste Zahlenfolge noch mal zeigt, habe ich vergessen, wie scharf diese mit der zweiten Stärke war. Bei der nächsten Runde kann ich mich nicht entscheiden, mit welchem Glas ich besser sehe.

Es geht sechsmal hin- und her. Und hier gibt es ja jeweils nur zwei Möglichkeiten, im Gegensatz zu Tausenden von Brillengestellen! Mir schwant, dass es sehr lange dauern wird, bis ich eine neue Brille haben werde. Nach quälenden zehn Minuten sagt die Augenärztin: "Wir haben uns entschieden für eine Brillenstärke, das ist wichtig!" Es hört sich an wie ein Mutmacher aus einem Ratgeber für entscheidungsunfähige Menschen.

"Haben Sie einen guten Optiker?", fragt sie. "Nein", sage ich, meine letzte Brille habe ich noch in einer anderen Stadt gekauft. "Ach, ist auch nicht so wichtig, nehmen Sie ruhig einen billigen", sagt sie. "Ich kaufe meine Brillen immer bei Aldi oder Tchibo." Sie trägt eine Lesebrille vorne auf der Nase und jetzt, wo ich sie genau ansehe, merke ich - das linke Glas fehlt! "Warum haben Sie nur ein Glas in der Brille?", frage ich. "Besser als keins!", sagt sie. "Ich setzte mich ständig auf die Brille, und wenn nicht, verliere ich sie, da lohnt sich nichts Teures."

Augenlasern über 30? Eher nicht

Ich gehe zum nächsten Optiker. Ohne nach den Gestellen zu schauen, frage ich, wie lange es dauert, eine Brille anfertigen zu lassen. Zehn Tage. Das gilt aber nur für ein Gestell, das vorrätig ist und dafür muss man sich erst einmal entscheiden. Ich bin zu allem bereit, um das zu vermeiden, taste mich zurück zur Augenärztin. "Könnte ich mir nicht die Augen lasern lassen?", frage ich sie. Die Ärztin schaut auf mein Geburtsdatum. "Ab Mitte 30 empfehle ich das nicht mehr", sagt sie. "Dann kommt ja schon bald die Altersweitsichtigkeit, und Sie brauchen eh wieder eine Brille - für die paar Jahre ohne lohnt sich die Investition doch gar nicht."

"Könnte ich theoretisch Kontaktlinsen tragen? Bislang war ich dafür allerdings zu ungeschickt", sage ich. Zweimal in meinem Leben habe ich das schon versucht, erfolglos, weil ich es nicht schaffte, mir mit den Fingern ins Auge zu fassen. "Zwischen 14 und 17 Jahren versuchen die Jugendlichen alles, um ihre Brille loszuwerden - man hat ein anderes Gesicht ohne." Sie lächelt mich an, als ob ich mit Brille bislang entstellt gewesen sei. "Aber aus dem Alter sind wir beide doch raus, oder?", sagt sie. Für immer 16, so bin ich. Ich bestelle die Linsen. Mittlerweile habe ich sie sogar schon ein paar Mal eingesetzt. Nur eine neue Brille habe ich noch nicht.

Risiken von Kontaktlinsen und Lasereingriffen

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Können alle Menschen Kontaktlinsen tragen?

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1.
Krisse 10.04.2013
Eigentlich braucht man (wenn die alte Brille durch Schaden oder Verlust ersetzt werden muss) Beistand durch eine Person, die beim Aussuchen helfen kann. Besonders blöd kam ich mir beim letzten Mal immer vor, als ich die Brille 20 cm vor meiner Nase hin und her schob und schon beim Blick in den Spiegel (ebenfalls auf Tuchfühlung gehend) nur die eine Hälfte scharf sehen konnte, während der Rest in Schemen verschwand. Mit den Kontaktlinsen geht es mir genauso. Meine letzte Brille musste ausgerechnet wenige Tage vor einer Trekkingtour zu Bruch gehen. Also habe ich beim Optiker wegen Kontaktlinsen angefragt und auch welche ausprobiert. Nachdem die Optikeren 20 Minuten brauchte um mir das Stück wieder aus dem Auge zu friemeln war die Option vom Tisch. Glücklicherweise kam die neue Brille dann gerade noch rechtzeitig um die Tour nicht absagen zu müssen. Besonders die Wahrnehmung ohne Brille ist für andere Menschen nur schwer vorstellbar. Da doch sehr viel ohne schlicht nicht mehr möglich ist. Selbst Bürojobs können ohne teilweise nicht mehr ausgeübt werden.
2. Frage des Geldes
os_agnostiker 10.04.2013
Ich laufe auch ohne Ersatzbrille herum. In Zeiten, in denen Brillen mit ordentlichen Gläsern (nicht den Billigteilen vom Chinamann) deutlich vierstellige Beträge Kosten, ist die Frage "Zweitbrille oder zweiwöchiger Familienurlaub" manchmal sehr einfach zu beantworten...
3. Optional...
K_Ranseier 10.04.2013
Eine vernünftige Brille reicht doch aus: Bei einem Gestell aus TitanFlex und gehärteten Kunstoffgläsern braucht man doch heutzutage keine Zweitbrille mehr. Ausgenommen sind natürlich dioptrierte Sonnenbrillen...
4. Vielleicht liegt das Geheimnis darin....
gwyar 10.04.2013
... die Brille nicht als Makel zu empfinden. Ich selbst tage seit 40 Jahren gerne Brille. Ich empfinde meine Brille als Accessoire, entsprechend kaufe ich etwa eine Brille pro Jahr, wähle die Brille zur Kleidung wie ein Paar Schuhe. Sicher, sehr gute Markengläser sind deutlich teurer als billige Chinaware, aber auch um Klassen besser. Wenn ich mir diesen Luxus nicht mehr leisten könnte, wären Kontaktlinsen wohl angebracht.
5. Update
rennflosse 10.04.2013
Zitat von os_agnostikerIch laufe auch ohne Ersatzbrille herum. In Zeiten, in denen Brillen mit ordentlichen Gläsern (nicht den Billigteilen vom Chinamann) deutlich vierstellige Beträge Kosten, ist die Frage "Zweitbrille oder zweiwöchiger Familienurlaub" manchmal sehr einfach zu beantworten...
Sie benötigen dringend ein Update der günstigsten Anbieter. Wer heute für eine Brille einen vierstelligen Betrag bezahlt, hat anscheinend zuviel Geld. Zumindest bei der Zweitbrille muss das nicht sein.
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