Britische Studie Ab Mitte Vierzig schwächelt das Hirn

Wann zeigen sich erste Anzeichen, dass die geistige Leistungsfähigkeit sinkt? Eine Langzeitstudie mit Tausenden Teilnehmern zeigt, dass logisches Denken und Gedächtnis schon ab 45 Jahren messbar nachlassen. Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse bei der Vorbeugung von Altersdemenz helfen können.

Geburtstag: Denkvermögen, Gedächtnis und Sprachkompetenz nehmen mit dem Alter ab
Corbis

Geburtstag: Denkvermögen, Gedächtnis und Sprachkompetenz nehmen mit dem Alter ab

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London/Hamburg - In alternden Gesellschaften gilt Demenz als eines der größten Gesundheitsprobleme der Zukunft. In Deutschland leben heute rund 1,3 Millionen Menschen mit der Erkrankung. Zum Jahr 2050 könnte sich diese Zahl verdoppeln, vermuten Experten. Eine Heilung von Alzheimer und anderen Formen der Demenz ist bislang nicht in Sicht. Mediziner suchen jedoch auch nach Möglichkeiten, dem geistigen Abbau vorzubeugen. Eine wichtige Frage lautet deshalb: Wann beginnt der Verfall? Denn daraus ergibt sich, ab welchem Alter Gegenmaßnahmen sinnvoll sind.

In einer Langzeitstudie mit 7390 Teilnehmern haben britische und französische Forscher nun untersucht, wie sich verschiedene kognitive Fähigkeiten von 45- bis 70-Jährigen binnen zehn Jahren verändern. Die Probanden haben in dieser Zeit dreimal an Tests teilgenommen. Dort sollten sie unter anderem in einer Minute alle Tierarten aufschreiben, die ihnen einfallen. In einer weiteren Minute galt es, so viele Wörter wie möglich zu notieren, die mit einem "s" beginnen - um die Sprachkompetenz zu testen. Das Denkvermögen wurde mit Rechenaufgaben und Logikfragen geprüft.

Selbst bei den jüngsten Teilnehmern beobachteten die Forscher, dass Denkvermögen, Gedächtnis und Sprachkompetenz während des zehnjährigen Untersuchungszeitraums abgenommen haben. Bei den älteren Probanden schwanden die Fähigkeiten allerdings stärker als bei den jüngeren, schreiben die Forscher im "British Medical Journal".

Ein Beispiel: Männer und Frauen, die am Anfang der Studie 45 bis 49 Jahre alt waren, schnitten beim Denkvermögen-Test nach zehn Jahren um 3,6 Prozent schlechter ab als zu Beginn. Bei den Männern, die beim ersten Test bereits 65 bis 70 Jahre alt waren, sank die Leistung in einem Jahrzehnt um 9,6 Prozent, bei Frauen um 7,4 Prozent.

Nur in einem Bereich - dem Wortschatz - zeigte sich mit zunehmendem Alter keine merkliche Veränderung, was die Forscher um Archana Singh-Manoux vom University College London auch vorab schon angenommen hatten.

Alle Testteilnehmer waren britische Behördenmitarbeiter

Die Teilnehmer der Studie waren ausnahmslos Mitarbeiter der Londoner Behörden, die im Rahmen der sogenannten "Whitehall II"-Gesundheitsstudie bereits seit Mitte der achtziger Jahre beobachtet werden. Diese Gruppe hat allerdings einen Nachteil, den die Forscher auch nennen: Es handelt sich größtenteils um Büroangestellte in einem relativ sicheren Arbeitsverhältnis.

Männer machen zudem zwei Drittel der Teilnehmer aus - die Gruppe entspricht damit keineswegs dem Bevölkerungsdurchschnitt. Das lasse vermuten, dass die Studie den mit dem Alter einhergehenden geistigen Verfall in der Gesamtbevölkerung unterschätze, meinen die Forscher. Offen lassen sie, ob der Rückgang der geistigen Fähigkeiten noch früher als mit 45 Jahren einsetzen könnte.

Was hat diese Erkenntnis mit der Demenzforschung zu tun? Zum einen kann sie die These stützen, dass Demenz das Ende eines langen Prozesses darstellt, der mindestens 20 bis 30 Jahre andauert - wenn nicht noch länger. Des Weiteren eröffnet sich die Möglichkeit, Menschen mit höherem Demenzrisiko früher zu erkennen als bisher. Einige Studien zeigen bereits, dass sich die Denkleistung von Betroffenen mehrere Jahre vor dem Ausbruch von Alzheimer merkbar verändert, schreibt die Forscherin Francine Grodstein in einem Begleitartikel im "British Medical Journal". Die Whitehall-Ergebnisse könnten darauf deuten, dass ein besonders starker Abfall der kognitiven Leistung im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt ebenfalls auf ein hohes Demenz-Risiko deutet. Betroffene, die darum wissen, könnten gezielter gegensteuern.

Studien deuten darauf hin, dass der Lebensstil im mittleren Lebensalter das Demenzrisiko beeinflusst: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterinwerte fördern demnach den geistigen Verfall. Der Altersvergesslichkeit könnte man demnach zumindest vorbeugen, indem man sich gesund enährt und regelmäßig bewegt. Ob sich die Demenz allerdings stoppen lässt, ist unbekannt.

Viele Experten halten sie für eine normale Begleiterscheinung des Alters, die sich höchstens herauszögern lässt. Doch in einem sind sich Singh-Manoux und ihre Kollegen sicher: "Es herrscht immer größere Einigkeit darüber, dass das, was unseren Herzen gut tut, auch gut für unsere Gehirne ist."

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