Diagnose Krebs "Je ne regrette rien"

Dominique Bertinotti war französische Familienministerin und hatte Brustkrebs. Monatelang schwieg sie über ihre Krankheit und arbeitete einfach weiter. Im Gespräch erzählt sie von Auftritten mit Perücke und warum das Thema Krebs noch immer ein Tabu ist.

Dominique Bertinotti: "Auch eine an Brustkrebs erkrankte Ministerin kann schwierige Entscheidungen treffen"
Myr Muratet/ Der Spiegel

Dominique Bertinotti: "Auch eine an Brustkrebs erkrankte Ministerin kann schwierige Entscheidungen treffen"

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • AFP
    Dominique Bertinotti, 60, war französische Familienministerin. Die Sozialistin kämpfte für die sogenannte mariage pour tous, die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare - und damit gegen halb Frankreich. Im Februar 2013 erkrankte Bertinotti während ihrer Amtszeit an Brustkrebs. Sie wurde operiert und unterzog sich einer Chemotherapie. Im November 2013 machte Bertinotti ihre Krankheit öffentlich, im Februar 2014 schied sie nach den Kommunalwahlen aus dem Parlament aus. Erstmals spricht sie in einem deutschen Medium über ihre Erlebnisse in der Zeit ihrer Krebserkrankung.
SPIEGEL ONLINE: Frau Bertinotti, außer dem französischen Präsidenten François Hollande und einer Handvoll Vertrauter wusste niemand von Ihrer Krebserkrankung. Warum hielten Sie die Krankheit zunächst geheim?

Bertinotti: Ich wollte nicht, dass die Krankheit in den Mittelpunkt meines Leben und meiner Politik gerückt wird. Dazu waren mir die Themen, für die ich politisch kämpfte, zu wichtig. Ich habe bewiesen, dass auch eine an Brustkrebs erkrankte Ministerin schwierige Entscheidungen treffen kann. Mein Verstand funktionierte schließlich noch genau so gut wie vor der Diagnose. Niemand hat etwas bemerkt.

SPIEGEL ONLINE: Selbst als Sie mit Perücke vor die Kameras traten.

Bertinotti: Ja, das war schon verrückt. Bei der ersten Pressekonferenz war ich furchtbar nervös, ich hatte Angst, die Perücke könnte rutschen und alles auffliegen. Aber niemand nahm davon Notiz. Im Gegenteil, in dieser Zeit bekam ich von manchen Kollegen Komplimente für meine neue Frisur oder mein Make-up.

SPIEGEL ONLINE: Sie gingen samstags zur Chemotherapie, und montags debattierten Sie schon wieder bis spät in der Nacht in der Nationalversammlung. Wie haben Sie das geschafft?

Bertinotti: Die Wochenenden waren wirklich schrecklich. Aber ich habe das große Glück, eine stabile Physis zu haben. Auch die Arbeit hat mir in dieser Zeit immer wieder Kraft gegeben, all die Widrigkeiten, die diese Krankheit mit sich bringt, zu bekämpfen. Das war meine persönliche Überlebensstrategie.

SPIEGEL ONLINE: Darf man als Politikerin keine Schwäche zeigen?

Bertinotti: Das ist ja nicht nur in der Politik ein Problem. Wenn du Krebs hast, sehen dich die Menschen mit anderen Augen. Das ist Fakt. Wir leben in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft - wer gesundheitliche Probleme hat, wird schnell aussortiert.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Bertinotti: Krebs ist heute eine Volkskrankheit, Millionen Menschen überleben und leben mit dieser Krankheit. Daher müssen wir Krebskranke in den Arbeitsalltag integrieren statt sie weiter als Todgeweihte zu stigmatisieren. Wer arbeiten kann und will, den sollten wir dabei unterstützen. Das ist der Grund, warum ich über meine Krankheit rede.

Mehr zum Thema im SPIEGEL WISSEN 3/2014
SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, Sie würden andere Krebskranke damit unter Druck setzen.

Bertinotti: Das ist absurd. Ich will kein Vorbild sein. Es gibt nicht den Krebs. Im Französischen sagen wir: "Une maladie - mille histoires" ("Eine Krankheit - tausend Geschichten"). Jeder Krebs, jeder Krankheitsverlauf, jeder Patient ist anders. Mir war natürlich bewusst, dass ich mit meinen Äußerungen polarisiere. Aber ich bin Politikerin, das ist mein Job. Und ich will meinen Teil dazu beitragen, das Thema Krebs zu enttabuisieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Attacken waren sehr persönlich, Ihr monatelanges Schweigen wurde als Lüge tituliert. Haben Sie diese Anfeindungen verletzt?

Bertinotti: Nein, ich habe das nie persönlich genommen. Über meine Krankheit zu sprechen, war und ist ein politischer Akt. Die Reaktionen haben mir höchstens bestätigt, dass ich mich richtig entschieden habe. Es war gut zu schweigen, als meine politische Arbeit im Fokus der Öffentlichkeit stand, ich aber noch in Behandlung war. Und es war wichtig, nach der Therapie offen über die Krebserkrankung zu sprechen, weil wir dringend eine offene gesellschaftliche Debatte über dieses Thema führen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Krebskranke berichten, dass ihr Leben durch die Diagnose jede Unschuld verloren habe.

Bertinotti: Das kann ich verstehen, die Krankheit konfrontiert einen mit der eigenen Sterblichkeit. Alles konzentriert sich auf das Wesentliche. Für unnötiges politisches Kleinklein hatte ich während meiner Erkrankung überhaupt keine Nerven. Dafür war mir meine Zeit viel zu kostbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Archivarin für den inzwischen verstorbenen Präsidenten François Mitterrand gearbeitet. Dass er mehr als fünfzehn Jahre an Prostatakrebs litt, wurde Zeit seines Lebens geleugnet. Warum haben Sie es dreißig Jahre später anders gemacht?

Bertinotti: Das waren ganz andere Zeiten damals, das kann man nicht vergleichen. Ich habe viele Briefe von Leuten bekommen, die sich bei mir dafür bedankt haben, dass ich das Thema öffentlich angesprochen habe. Es gab danach sogar Bürgermeisterkandidaten, die sich im Wahlkampf zu ihrer Krebserkrankung bekannt haben. Das finde ich sehr mutig. Niemand sollte sich dafür schämen. Aber grundsätzlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er mit der Krankheit in der Öffentlichkeit umgeht. Ich würde es wieder genau so machen. Je ne regrette rien.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BettyB. 07.08.2014
1. Unschuld verloren?
Wie kann ein Leben durch Krebs schuldig werden? Wie kann Salden in dieser Form so einen Unsinn unterstützen? Sie hat damit ihre Unschuld als Journalistin verloren...
altebanane 07.08.2014
2.
Unschuld verlieren im Sinne von : man weiß plötzlich, dass das eigene Leben endlich ist und viel schlimmer noch, dass man es ganz alleine durchstehen muss, denn seltsamerweise kommt von den meisten Leuten, von denen man dachte, man wäre befreundet, außer "Blabla - gute Besserung" überhaupt nichts. Ich bin zum Beispiel auch Brustkrebspatientin, das sieht man mir lange nicht mehr an, aber theoretisch kann das jeden Tag wieder losgehen mit irgendwelchen Metastasen. Hat mich in den letzten 3 Jahren mal jemand ehrlich gefragt, wie es mir geht ? Nöh. Und so wurschtelt man sich eben bestmöglich durch und denkt sich eben seinen Teil.
bisenmann 07.08.2014
3. Eine starke Frau
Das ist eine starke Frau, man kann nur groessten Respekt zollen!! Ich weiss, wovon ich rede...
friedberta 07.08.2014
4. was heisst denn "ehrlich" ?
Zitat von altebananeUnschuld verlieren im Sinne von : man weiß plötzlich, dass das eigene Leben endlich ist und viel schlimmer noch, dass man es ganz alleine durchstehen muss, denn seltsamerweise kommt von den meisten Leuten, von denen man dachte, man wäre befreundet, außer "Blabla - gute Besserung" überhaupt nichts. Ich bin zum Beispiel auch Brustkrebspatientin, das sieht man mir lange nicht mehr an, aber theoretisch kann das jeden Tag wieder losgehen mit irgendwelchen Metastasen. Hat mich in den letzten 3 Jahren mal jemand ehrlich gefragt, wie es mir geht ? Nöh. Und so wurschtelt man sich eben bestmöglich durch und denkt sich eben seinen Teil.
und was soll das bringen ? Am besten verständigen sich Brustkrebspatientinnen mit Brustkrebspatientinnen. Dann weiss jede wovon die andere spricht - aus eigener Erfahrung. Aber es gibt keinen Grund, Menschen die diese Erfahrung (noch) nicht gemacht haben für irgendwas zu beschuldigen.
altebanane 07.08.2014
5.
Zitat von friedbertaund was soll das bringen ? Am besten verständigen sich Brustkrebspatientinnen mit Brustkrebspatientinnen. Dann weiss jede wovon die andere spricht - aus eigener Erfahrung. Aber es gibt keinen Grund, Menschen die diese Erfahrung (noch) nicht gemacht haben für irgendwas zu beschuldigen.
Ich glaube nicht, dass so etwas auf Brustkrebs beschränkt ist. Ein bisschen ehrliche Anteilnahme sollte eigentlich jeder Erwachsene zeigen können. Leider scheint das aber ein Problem zu sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.