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14. September 2012, 18:51 Uhr

Streit um Brustkrebs-Screening

Neun Frauen gerettet, vier gepeinigt

Von Cinthia Briseño

Was bringt die regelmäßige Mammografie der Brust? Erstmals hat ein Ärzteteam die europäischen Programme zur Früherkennung von Brustkrebs ausführlich bewertet und kommt zu dem Schluss: Das Screening kann Leben retten - aber auch fatale Fehlalarme auslösen.

Mediziner streiten seit Jahren über Sinn und Nutzen von Mammografie-Screenings. Verhindern die Programme zur Früherkennung von Brustkrebs, dass Frauen daran sterben? Kritikern zufolge gibt es viele Gründe, die gegen das Verfahren sprechen: Einerseits ist noch nicht endgültig bewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu sterben, durch die Früherkennung tatsächlich sinkt. Andererseits führt die Untersuchung immer wieder dazu, dass Ärzte auch bei gesunden Frauen Auffälligkeiten entdecken. So kommt es häufig zu Behandlungen oder Operationen, die gar nicht notwendig gewesen wären.

Derzeit prüft das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) das deutsche Programm zur Früherkennung. Hierzulande haben Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf eine Mammografie. Herauszufinden, ob der Nutzen des Programms die Risiken überwiegt, ist eine statistische Mammutaufgabe. Da es Mammografie-Screenings in vielen europäischen Ländern erst seit einigen Jahren gibt, ist deren möglicher Langzeiterfolg noch nicht eindeutig messbar. Die BfS-Experten rechnen frühestens in sieben Jahren mit handfesten Ergebnissen.

Dennoch versuchen Forscher immer wieder, den möglichen Nutzen der Untersuchung anhand von klinischen Studien zu bewerten. Während sich in der letzten Zeit Veröffentlichungen von Studien häuften, die diesen anzweifeln, hat jetzt ein europäisches Ärzteteam um Eugenio Paci aus Florenz eine Analyse vorgelegt, die dem Brustkrebs-Screening insgesamt mehr Nutzen als Schaden attestiert.

Vier von 1000 Frauen werden unnötig behandelt

Wie die Mediziner im "Journal of Medical Screening" schreiben (online noch nicht verfügbar), könnten sieben bis neun von 1000 Frauen zwischen 50 und 69 Jahren gerettet werden, wenn sie regelmäßig zur Mammografie gehen. Und nur vier von 1000 Frauen, so das Fazit der Forscher, würden demnach überdiagnostiziert werden.

Das Besondere an der Studie sei, dass die Daten auf einer sehr großen Basis beruhten und von verschiedenen Screening-Programmen stammten, bewertet der selbst nicht beteiligte Mediziner Alexander Katalinic vom Institut für Krebsepidemiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein die Untersuchung. Das Team um Paci hatte für die Analyse die bisherigen Ergebnisse aus mehreren Studienprogrammen von insgesamt zwölf Millionen Frauen in 18 europäischen Ländern ausgewertet und daraus deren Nutzen und Risiken berechnet.

Trotz des positiven Fazits verweisen die Autoren auch auf die negativen Aspekte der Screenings - und erklären diese sehr anschaulich anhand einer fiktiven Geschichte: "Stellen Sie sich eine kleine europäische Stadt vor, in der 1000 Frauen im Alter von 50 bis 51 Jahren leben", schreiben sie. Gibt es in dieser Stadt kein Brustkrebsprogramm, so ist zu erwarten, dass in den nächsten 30 Jahren 67 Frauen die Diagnose Brustkrebs erhalten und 30 daran sterben.

Nun stelle man sich eine weitere Stadt vor, in der ebenfalls 1000 50- und 51-jährige Frauen leben, die aber über das Screening-Programm regelmäßig zur Mammografie eingeladen werden. Gehen alle 1000 Frauen in den kommenden 20 Jahren tatsächlich alle zwei Jahre zur Röntgenuntersuchung, ist damit zu rechnen, dass 21 bis 23 von ihnen innerhalb von 30 Jahren an Brustkrebs sterben. Ergo, so die Berechnung der Forscher, werden sieben bis neun von 1000 Frauen durch ein Screening-Programm gerettet.

Falsch positive Ergebnisse sind eine psychische Belastung

Allerdings, so geht die Geschichte weiter, fällt die Mammografie in den allermeisten Fällen korrekt negativ aus, liefert also keinen auffälligen Befund. Diese Frauen haben möglicherweise kurzfristig Angst vor dem Ergebnis. Zudem nehmen sie die Strahlenbelastung in Kauf. Einen weiteren Nutzen, außer die Bestätigung, dass sie gesund sind, haben sie jedoch nicht.

170 der 1000 Frauen aber bekommen die negativen Auswirkungen des Screenings zu spüren. Bei ihnen liefert die Mammografie zunächst einen auffälligen Befund - für jede Frau eine enorme psychische Belastung. Die Angst, Brustkrebs zu haben, lässt sich erst durch eine weitere Untersuchung ausräumen, bei der sich der Erstbefund als Fehlalarm herausstellt. Für 30 der 1000 Frauen wird es sogar noch belastender. Denn die Auffälligkeiten sind so schwer zu deuten, dass nur eine Biopsie, also die Untersuchung von Gewebeproben, Klarheit darüber bringt, dass die erste Mammografie fälschlicherweise positiv ausfiel. Vier der 1000 Frauen durchlaufen sogar das volle Programm mit all seinen Nebenwirkungen: von der Operation bis hin zu einer möglichen Bestrahlung oder Chemotherapie - und das, obwohl in ihrer Brust kein bösartiger Tumor schlummert.

Sieben bis neun von 1000, die gerettet würden, gegenüber vier, die die Horrorszenarien einer Brustkrebsbehandlung durchmachen müssen - wie wägt man ab?

Viele Kritiker halten diese Nachteile für so groß, dass sie in jedem Fall von einem Screening abraten. Stephen Duffy, einen der Koordinatoren der Analyse, sieht es anders: "Es ist eine gute Nachricht, dass die Zahl der Leben, die durch das Screening gerettet werden, die Zahl der überdiagnostizierten Fälle um den Faktor zwei zu eins überwiegt", so der Krebsepidemiologe der Queen Mary University of London.

Auch Alexander Katalinic sieht in der Analyse eine Bestätigung für das derzeit praktizierte Mammografie-Screening in Deutschland. Zudem hält der Epidemiologe die Zusammenfassung der Ergebnisse für die richtige Art und Weise, wie man sowohl Nutzen als auch Risiken der Früherkennung der Öffentlichkeit gegenüber kommunizieren sollte. So könne jede Frau am besten für sich entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte. Doch in Deutschland sei diese Kommunikation noch verbesserungswürdig.

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