Genetisch erhöhtes Krebsrisiko Brust entfernen - oder nicht?

Frauen mit einem veränderten BRCA-Gen haben ein drastisch erhöhtes Brustkrebsrisiko. Deuten Fälle in der Familie in diese Richtung, bringt ein Gentest Gewissheit. Doch danach stellt sich die Frage: engmaschige Früherkennung oder Brust-OP?

Tumor in der Brust (Grafik): Einige Genveränderungen erhöhen das Risiko enorm
Corbis

Tumor in der Brust (Grafik): Einige Genveränderungen erhöhen das Risiko enorm


Am Anfang steht ein Test. Der schafft Gewissheit: Nicht, ob die Krankheit bereits zugeschlagen hat, sondern ob das Risiko hoch ist, sie zu bekommen. Es geht um Brust- und Eierstockkrebs. Bei bestimmten Genmutationen ist das Risiko stark erhöht. Und dann stehen Frauen vor einer schwierigen Entscheidung: Sollen sie sich vorsorglich die Brüste und Eierstöcke entfernen lassen? Hollywoodstar Angelina Jolie hat sich dafür entschieden. Vor gut zwei Jahren ließ sie sich die Brüste abnehmen und später auch die Eierstöcke entfernen. Ihre Großmutter, Tante und Mutter waren an Krebs gestorben.

Auf genetische Veranlagung wird in Deutschland nur unter bestimmten Voraussetzungen getestet - und das ist auch sinnvoll: Denn sie steckt längst nicht hinter jedem Brust- und Eierstockkrebs. Von den etwa 70.000 Frauen, die jährlich an Brustkrebs erkranken, basieren weniger als zehn Prozent auf Hochrisikogenen, sagt Kristin Bosse vom Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Tübingen.

Test ist nicht für alle Frauen sinnvoll

Deshalb müssen für den genetischen Test bestimmte Kriterien erfüllt sein. Sind zum Beispiel zwei Frauen in der Familie erkrankt, eine davon vor dem 50. Lebensjahr, liegt die Mutationswahrscheinlichkeit bei der Betroffenen laut Bosse bei etwa zehn Prozent. "Getestet werden dabei zwei Gene, das BRCA1- und BRCA2-Gen", sagt Christian Albring vom Berufsverband der Frauenärzte. BR steht für "Breast", CA für "Cancer" - englisch für Brust und Krebs.

Mutationen in den BRCA-Genen erhöhen das Risiko massiv. Man geht davon aus, dass etwa acht von zehn Frauen mit diesen Genveränderungen im Laufe ihres Lebens Brustkrebs bekommen. Oft geschieht dies schon in jüngerem Alter.

Bosse hat nicht die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen den Test aus Angst vor dem Ergebnis meiden. "Das Nichtwissen ist mittel- und langfristig nicht besser zu ertragen als das Wissen und die damit verbundenden Möglichkeiten, handeln zu können."

Das kann Cindy Eibisch bestätigen. Sie arbeitet für den Psychoonkologischen Dienst mit dem Krebszentrum Dresden zusammen: "Die meisten Patienten lassen sich testen." Und nur selten komme danach eine Rückmeldung wie: "Ach, hätte ich das nur nicht gewusst."

Hat die Frau ein verändertes Gen, kommt sie in ein engmaschiges Früherkennungsprogramm. "Damit kann man Krebs nicht verhindern, aber früh entdecken", sagt Christof Sohn von der Universitätsfrauenklinik Heidelberg.

Diese Untersuchungen sollten in einem der spezialisierten universitären Zentren des deutschen Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs stattfinden. Dort werden Risikopatientinnen auch über die vorsorgliche Entfernung der Brüste und Eierstöcke beraten - eine Alternative zur engmaschigen Früherkennung.

BRCA-Test - übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Bestehen bestimmte Hinweise darauf, dass die Frau die Genmutation in sich trägt, zahlen die Kassen in der Regel, sagt Christof Sohn, Geschäftsführender Ärztlicher Direktor der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. Normalerweise setzen sich die Patientinnen und betreuenden Ärzte vor dem Test mit der Kasse in Verbindung.
Wird eine BRCA-Mutation gefunden, zahlt die Kasse auch die engmaschige Früherkennung und die Behandlungsmaßnahmen - einschließlich des Wiederaufbaus der Brust, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte.
Vor einem solchen Eingriff stehen laut Eibisch viele Sorgen, die besprochen werden müssen. Wie wird das Ergebnis? Wie reagiert mein Partner? Werde ich in der Bewegung eingeschränkt sein? Über die Ängste sprechen die Patientinnen vorab mit Eibisch und ihren Kollegen aus der Psychoonkologie. Zum Teil treffen sie sich auch mit Frauen, die sich schon haben operieren lassen. Über das BRCA-Netzwerk können sich Betroffene untereinander austauschen.

Bosse hat eine steigende Tendenz bei der vorsorglichen Brustdrüsenentfernung beobachtet. Gründe dafür seien, dass der Eingriff keine seltene OP mehr ist, nur so das Erkrankungsrisiko maximal reduziert werden kann und die kosmetischen Ergebnisse immer ansprechender werden.

Die Eierstöcke werden meist erst später entfernt

Die vorsorgliche Entfernung der Eierstöcke steht besonders bei jüngeren Frauen erst einmal weniger zur Debatte. Denn die Familienplanung sollte dafür abgeschlossen sein. Die prophylaktische Entfernung wird in der Regel erst ab dem 40. Lebensjahr empfohlen, sagt Bosse. Das Krebsrisiko steige erst mit 40 deutlicher an.

"Wenn die Eierstöcke entfernt werden, werden keine Östrogene und Gestagene mehr produziert", sagt Albring. "Es entsteht dann eine Situation wie in den Wechseljahren." Auch psychisch kann so ein Eingriff nachwirken. Manchmal komme ein Gefühl des Verlustes von Weiblichkeit hoch, schildert Eibisch. Aber gar nicht so häufig. "Eigentlich geht es mit einer deutlichen Angstreduktion einher", hat Bosse beobachtet. "Darüber hinaus kann auf die engmaschigen, durchaus auch belastenden Früherkennungsuntersuchungen verzichtet werden."

Vor allem wenn ein intensiver Entscheidungsprozess vor dem Eingriff stattgefunden hat, kommen Patientinnen im Anschluss in der Regel gut damit zurecht, sagt auch Eibisch. Und Albring fügt hinzu: "Die Frauen haben den Eindruck, wenn auch mit einem großen Opfer, die Macht über ihr Leben wieder zurückzubekommen."

Lea Sibbel, dpa

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Lügenimperium 29.07.2015
1. Wahrscheinlichkeit und Ursache und Wirkung
Tja. Wahrscheinlichkeiten existieren nicht, es sind nur Anhaltspunkte für Wetten falls man wetten möchte. Und nur weil sich jemand die Brust entfernt hat muss das nicht der Grund für ein langes Leben sein. Statistisch kann man recht oft sehen, dass operieren oder nicht operieren gar keinen Einfluss auf die Länge des Lebens hat wenn es nicht gerade ein akuter Notfall ist. Natürlich nicht immer und überall so, aber viele Operationen bringen nichts. Und selbst beim Krebs bringt Früherkennung nicht immer was - viele lassen sich dann einfach früh gutartige Tumore rausschneiden und haben somit eine gefährliche Operation gemacht obwohl kaum Nutzen. Es lohnt sich die Zahlen alle mal genauer anzuschauen. Wahrscheinlichkeiten sind nichts als Wetten auf die Zukunft und die Interpretation der Ergebnisse hat mehr mit den eigenen Ängsten zu tun als mit dem echten Leben.
chris8435 29.07.2015
2. Bitte ändern!
Ich finde es immer wieder unerträglich, wenn in den Artikeln von "Brust abnehmen" gesprochen wird! Den Frauen wird "nur" das Drüsengewebe entfernt. Haut und Brustwarze bleiben meist erhalten. Meist findet auch ein gleichzeitiger Wiederaufbau mit Silikon statt, so dass nur zwei Narben zurückbleiben und das Ergebnis sehr ästhetisch ist. Mit einer Brustamputation/ einem "Brust abnehmen" wird die Angst bei evtl. betroffenen Frauen geschürt und Frauen, die eine OP hinter sich hat, wird als "verstümmelt" stigmatisiert. Bitte bitte bitte stellt dies in Zukunft richtig dar und ändert den Artikel.
brotherandrew 29.07.2015
3. Na ja ,...
Zitat von chris8435Ich finde es immer wieder unerträglich, wenn in den Artikeln von "Brust abnehmen" gesprochen wird! Den Frauen wird "nur" das Drüsengewebe entfernt. Haut und Brustwarze bleiben meist erhalten. Meist findet auch ein gleichzeitiger Wiederaufbau mit Silikon statt, so dass nur zwei Narben zurückbleiben und das Ergebnis sehr ästhetisch ist. Mit einer Brustamputation/ einem "Brust abnehmen" wird die Angst bei evtl. betroffenen Frauen geschürt und Frauen, die eine OP hinter sich hat, wird als "verstümmelt" stigmatisiert. Bitte bitte bitte stellt dies in Zukunft richtig dar und ändert den Artikel.
... wie Sie das Kind nennen, ist doch nicht entscheidend. Ich gehe davon aus, daß jeder Frau, die sich vor einer solchen OP beraten läßt, genau erklärt wird, was da gemacht wird. Und irgendwie ist es ja die "Füllung", die eine weibliche Brust ausmacht und nicht die Hülle samt Brustwarze. Und diese "Füllung" wird halt ersetzt. Und die entscheidende Frage wird dann sein, wie gut das gelingt und wie sich die Frauen danach fühlen werden. Darüber kann es eigentlich kaum zwei Meinungen geben.
steffen.ganzmann 29.07.2015
4. Dennoch:
Zitat von chris8435Ich finde es immer wieder unerträglich, wenn in den Artikeln von "Brust abnehmen" gesprochen wird! Den Frauen wird "nur" das Drüsengewebe entfernt. Haut und Brustwarze bleiben meist erhalten. Meist findet auch ein gleichzeitiger Wiederaufbau mit Silikon statt, so dass nur zwei Narben zurückbleiben und das Ergebnis sehr ästhetisch ist. Mit einer Brustamputation/ einem "Brust abnehmen" wird die Angst bei evtl. betroffenen Frauen geschürt und Frauen, die eine OP hinter sich hat, wird als "verstümmelt" stigmatisiert. Bitte bitte bitte stellt dies in Zukunft richtig dar und ändert den Artikel.
Es ist, wenn man's richtig machen will (Ein Freund von mir forschte darüber.) eine ziemlich schwierige OP. Ich wollte sie nicht machen müssen. Die Rekonstruktion hingegen ist eine recht einfache OP - für einen rekonstruktiven Chirurgen. Also: Mastektomie vom Gynäkologen, Rekonstruktion vom Plastiker. Btw.: Etwas entfernen lassen zu wollen, was nicht krank ist, ist krank! Engmaschige Kontrollen reichen m.E. (Meine 2. Frau starb an einem Mamma-Ca!) völlig aus ...
paps 29.07.2015
5. brotherandrew
doch, es ist ein riesenunterschied: auf der einen seite komplette verstümmelung mit brustmuskeldefekt, lymphödem im betroffenen arm und auf der anderen seite brusterhaltende operation mit ästhetisch anspruchsvollem ergebnis. fragen sie mal betroffene.
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