Genetisches Brustkrebsrisiko Wann eine vorbeugende Amputation sinnvoll ist

Ein Gentest bescheinigte Angelina Jolie ein extrem hohes Brustkrebsrisiko, die Schauspielerin ließ sich beide Brüste vorsorglich amputieren. Auch in Deutschland sind solche Tests möglich. Die wichtigsten Fragen zum Brustkrebsrisiko, den Genen und der Operation im Überblick.

Brustkrebs: Häufigste Krebserkrankung bei deutschen Frauen
Corbis

Brustkrebs: Häufigste Krebserkrankung bei deutschen Frauen


Welche Gene beeinflussen das Krebsrisiko?

Frauen erkranken häufiger an Brust- oder Eierstockkrebs, wenn einer von zwei DNA-Abschnitten defekt ist. Diese Gene werden als BRCA1 und BRCA2 bezeichnet, benannt nach dem englischen Wort für Brustkrebs, "breast-cancer". Sie sind mit bis zu 8500 Bausteinen relativ umfangreich und liegen auf den Chromosomen 13 und 17. Zuständig sind sie für die Herstellung wichtiger Reparaturproteine. Mehrere hundert verschiedene Mutationen sind für die beiden Gene derzeit bekannt. Sie werden sowohl von der Mutter als auch vom Vater vererbt.

Wie hoch ist das Risiko, eine Mutation zu vererben?

Jeder Mensch trägt zwei Varianten der beiden Gene in sich. Eine wird von der Mutter vererbt, eine vom Vater. Trägt eine Person ein mutiertes BRCA1- oder BRCA2-Gen in sich, kann sie entweder dieses defekte Gen weitergeben oder die unveränderte Alternative. Daher beträgt das Risiko 50 Prozent, ein defektes Gen von einem Elternteil zu erben.

Wie hoch ist das Krebsrisiko für Betroffene?

Sind Teile des Erbguts geschädigt, können Gene ihre Funktion nicht mehr ausüben. Im Fall von BRCA1 und BRCA2 fehlen dann bestimmte Proteine im Stoffwechsel der Zelle. "Genetische Schäden können dann nicht mehr repariert werden", sagt Brigitte Schlegelberger vom Institut für Zell- und Molekularpathologie der Medizinischen Hochschule Hannover. "Je mehr Schäden dadurch bestehen bleiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Zellen beginnen, sich unkontrolliert immer weiter zu teilen." Auf diese Weise entarten die Zellen, Krebs entsteht.

Bei Frauen mit defekten BRCA1- oder BRCA2-Genen ist das Krebsrisiko massiv erhöht - und der Krebs tritt oft schon in jüngerem Alter auf. Man geht davon aus, dass etwa eine von zehn Frauen in ihrem Leben an Brustkrebs erkrankt. Unter Betroffenen mit genetischer Veranlagung sind es acht von zehn Frauen. Für Eierstockkrebs erhöht sich das Risiko unterschiedlich stark, bei Mutationen des BRCA1-Gens auf 60 Prozent, bei der Variante BRCA2 auf 25 Prozent. Normalerweise beträgt es nur 1,4 Prozent.

Wie viele Frauen erkranken in Deutschland an Brustkrebs?

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Im Jahr 2008 bekamen fast 72.000 Patientinnen erstmals die Diagnose. Hinzu kommen etwa 8000 Fälle von Eierstockkrebs. Man schätzt, dass genetische Faktoren für bis zu zehn Prozent der bösartigen Tumore verantwortlich sind - und damit nur für einen relativ kleinen Teil der betroffenen Frauen.

Das Risiko unterscheidet sich je nach Lebensabschnitt. Jüngere Frauen bekommen vergleichsweise selten die Diagnose, ab einem Alter von 40 bis 50 steigt die Zahl der Brustkrebsfälle an. Im Mittel erkranken die Frauen mit 65.

Wie lässt sich das Brustkrebsrisiko senken?

Auf das genetische Risiko können Frauen keinen direkten Einfluss nehmen. Ratsam ist allerdings, vor allem nach den Wechseljahren auf das Gewicht zu achten und zu viele Kilos abzubauen. Wer ein Kind bekommt, sollte nach Möglichkeit stillen. Ebenfalls wichtig ist, das Risiko von hormonellen Verhütungsmitteln mit dem Arzt zu besprechen und möglichst auf eine Hormonersatztherapie nach den Wechseljahren zu verzichten.

Wer sollte einen Gentest in Betracht ziehen - und wo kann man diesen durchführen lassen?

Ein Gentest kann klären, ob eine Frau eine oder mehrere der Genvarianten trägt, die das Krebsrisiko steigern. Sind bereits mehrere Verwandte an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt, empfehlen Ärzte einen solchen Test. Ebenso raten sie zum Test, wenn beispielsweise Mutter, Schwester oder Tochter in jungen Jahren an einer der beiden Krebsformen erkrankt sind. (Die genauen Kriterien finden Sie auf Seite 26 der Leitlinie.)

Sind Krebsfälle in der Familie aufgetreten, bedeutet das noch lange nicht, dass die gefährlichen BRCA-Varianten auch tatsächlich vererbt wurden. Das Risiko liegt in den Fällen, in denen zum Test geraten wird, lediglich bei "über zehn Prozent", heißt es in der medizinischen Leitlinie.

Vor dem Test finden außerdem umfassende Beratungsgespräche statt, damit die Frau informiert entscheiden kann, ob sie diesen Test - mit allen möglichen Konsequenzen - überhaupt will. In Deutschland gibt es mehrere interdisziplinäre Zentren, an denen die Frauen beraten, getestet und - falls nötig - therapiert werden. Eine Liste dieser Zentren veröffentlicht die Deutsche Krebshilfe.

Das Verbundprojekt Familiärer Brust- und Eierstockkrebs weist darauf hin, dass die Tests viel Zeit in Anspruch nehmen können und es in den Labors mittlerweile wegen sehr vieler Anfragen Wartezeiten gibt. Von der Entscheidung für den Test bis zur Übermittlung des Ergebnisses können also mehrere Monate, manchmal sogar ein Jahr vergehen. Auch auf diese Wartezeit, die ausgesprochen belastend sein kann, muss man sich einstellen. Die Zentren bieten zusätzlich eine psychologische Betreuung an.

Wann empfehlen Ärzte die prophylaktische Amputation der Brüste oder eine Entfernung der Eierstöcke?

Angelina Jolies Entscheidung für die Amputation wäre auch mit dem medizinischen Standard in Deutschland vereinbar. Das Gleiche wäre allerdings auch der Fall, wenn sie sich dagegen entschieden hätte.

Haben Frauen durch BRCA-Mutationen ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko, sollten Ärzte die Möglichkeit der Brustentfernung ansprechen - ausdrücklich empfohlen wird der Schritt in der aktuellen Leitlinie nicht. Auch kann eine Amputation das Risiko für Brustkrebs nicht hundertprozentig senken. Ist die Familienplanung abgeschlossen, wird allerdings zur Entfernung der Eierstöcke geraten. Diese Operation senkt nicht nur das Risiko für Eierstockkrebs. "Durch die Entfernung der Eierstöcke und Eileiter lässt sich auch das Risiko für Brustkrebs etwa um die Hälfte senken. Vermutlich steckt dahinter eine Absenkung der Hormonspiegel", sagt Brigitte Schlegelberger.

Wie jede Operation sind auch die Brustamputation, deren Wiederaufbau und die Entfernung der Eierstöcke mit Risiken verbunden. Die Eingriffe müssen in Vollnarkose durchgeführt werden. Bei Narkose und Operation kann es unter anderem zu Blutungen, Infektionen, Wundheilungsstörungen, Blutverlust, Belastungen von Herz und Kreislauf und Schäden zum Beispiel an Nerven oder Muskeln kommen. Die Technik des Wiederaufbaus der Brust ist weit entwickelt, allerdings gibt es für Patientinnen keine Garantie für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Außerdem setzt nach der Entfernung der Eierstöcke vorzeitig die Menopause ein, auf lange Sicht kann sich dadurch unter anderem Osteoporose (Knochenschwund) entwickeln.

Was sind die Alternativen zur Operation?

Wenn sich Frauen mit einem erhöhten familiären Brustkrebsrisiko gegen die Amputation entscheiden, ist eine engmaschige Früherkennung sinnvoll. Empfohlen werden sowohl Tastuntersuchung und Ultraschall alle sechs Monate sowie eine Kernspintomografie einmal jährlich, sobald die Frau 25 Jahre alt ist. Ab 30 raten Ärzte zusätzlich zu einer jährlichen Mammografie. All diese Untersuchungen sollten an Zentren stattfinden, die auf die Behandlung von familiärem Brustkrebs spezialisiert sind.

Außerdem sollten sich Frauen in regelmäßigen Abständen selbst die Brust abtasten. Wer einen Knoten ertastet, muss aber noch keinen Krebs haben. Mehr als 80 Prozent der Veränderungen sind harmlos. Es kann sich um Bindegewebe oder eine Zyste handeln, einen flüssigkeitsgefüllten Hohlraum. Dennoch sollten die Auffälligkeiten unbedingt von einem Arzt abgeklärt werden.

Abgesehen von der Amputation existiert die Möglichkeit, hormonelle Medikamente zur Vorbeugung der Erkrankung einzunehmen. Die Mittel blockieren die Wirkung des Sexualhormons Östrogen und werden eigentlich eingesetzt, um Brustkrebserkrankungen zu behandeln. Man hofft allerdings auch, dass sie die Krebserkrankung verhindern können. Dafür müssen die Frauen viele mögliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Bisher wird die vorbeugende Einnahme der Medikamente in Deutschland nicht empfohlen.

Wo finden betroffene Frauen Informationen?

Hilfe bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs bietet das BRCA-Netzwerk e. V., dort gibt es auch weiterführende Informationen zu den Operationen. Hintergründe zu Brustkrebs und vor allem der Vererbung stellt das Deutsche Krebsforschungszentrum in seinem Krebsinformationsdienst zur Verfügung. Bei Fragen stehen die Experten des Krebsinformationsdiensts auch per Telefon unter 0800 - 420 30 40 oder per E-Mail zur Verfügung. Aktuelles zum Brustkrebs bietet auch die Deutsche Krebsgesellschaft.

Wie oft wird der Eingriff in Deutschland vorgenommen?

Nach Angaben des AOK Bundesverbandes entscheiden sich in Deutschland nur wenige Frauen für eine vorsorgliche Brustamputation. Im Jahr 2011 gab es demnach bundesweit rund 119.000 Brustentfernungen oder brusterhaltende Operationen. Weniger als zwei Prozent davon waren vorsorgliche Eingriffe. Die meisten OPs erfolgten, weil die Frauen bereits Brustkrebs hatten. Und sie konnten zum Großteil (93.000) brusterhaltend geschehen.

che/irb/wbr/dpa

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
Growling Mad Scientist 14.05.2013
1. Schnipp, Schnapp... schneiden wir nutzlose Körperteile ab!
Zitat von sysopCorbisEin Gentest bescheinigte Angelina Jolie ein extrem hohes Brustkrebsrisiko, die Schauspielerin ließ sich beide Brüste vorsorglich amputieren. Auch in Deutschland sind solche Tests möglich. Die wichtigsten Fragen zum Brustkrebsrisiko, den Genen und der Operation im Überblick. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/brustkrebsrisiko-wann-eine-vorbeugende-amputation-sinnvoll-ist-a-899712.html
Vorbeugend darf man sich also Körperteile abschneiden lassen, damit das spätere Leiden nicht so groß wird. Warum darf Mann/Frau dies nicht auch so bei der Sterbebeihilfe so machen... vorsorglich Herz, Hirn oder Lunge amputieren, damit die Leiden später nicht so groß werden. Wo ist der Unterschied, wenn der Arzt sagt, Ich kann nichts dagegen tun, dass sie mit evtl. mit 70% an Krebs erkranken werden. Die Brüste dürfen abgeschnitten, werden damit das Leben selbst heilig bleibt. Aber bei gelähmten und schwer kranken Menschen, muss das Leiden auf JEDEN Fall verlängert werden, selbst wenn 100% fest steht, dass es für diesen Menschen keine Chance gibt. Ja selbst wenn der Mensch selbst nicht mehr leben will. Igitt, ist dieses Thema bigott!
Mo2 14.05.2013
2. Modern world
Alles abschneiden lassen, was potenziell irgendwie gefährdet sein könnte: Tischler können sich schon präventiv ein paar Finger amputieren lassen und ich lasse mir mal den Darm entfernen, weil Vadder Darmkrebs hatte. Ach ja, Bauchspeicheldrüse gleich mit, hatte Mudder. Und Lunge, hatte Opa. Was wirklich krank ist, ist genau diese Denkweise.
BettyB. 14.05.2013
3. Da sollen schon Leute bei kleineren Operationen gestorben sein...
Einer Bekannten reichte kurz vor ihrer Hochzeit eine Brustverkleinerung. Ob die Ärzte sie davor gewarnt haben, wissen wohl nur sie. Und die würden das auch beteuern...
EinGangLion 14.05.2013
4. Dieser Artikel war wichtig!
Ich glaube in der gerade aufgekommenen "Vorbild-Jolie" ? Diskussion war es sehr wichtig und richtig einen solchen Artikel hinzuzufügen! Gute Arbeit, EinGangLion
Altesocke 14.05.2013
5. Viele Frauen ....
... lassen aus reiner Kosmetik an den Bruesten rumschnippeln. Angelina Jolie hat eine medizinische Wahrscheinlichkeit, Brustrkrebs zu entwickeln. Und von daher einen echten Grund, sich Implantate anstatt des natuerlichen Brustgewebes einsetzen zu lassen. Haut und Brustwarze koennen (und wurden) bei den Eingriff erhalten werden. Von daher wuerde ich diesen Eingriff 2x positiv sehen: Krebswahrscheinlichkeit gegen 0, Gravitationsproblematik auf unabsehbare Zeit verschoben. Eine glueckliche Frau, der diese Entscheidung heutzutage ermoeglicht wird.
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