Ein rätselhafter Patient: Knöcherner Brustschmerz

Von

Schmerzen in der Brust: Hormonstörung oder Schulterkompressions-Syndrom? Fotos
Corbis

Brustschmerzen sind für jeden Arzt ein Alarmzeichen, dem Herzen könnte Gefahr drohen. Eine 42-jährige Patientin gibt britischen Medizinern aber ein Rätsel auf, denn für ihre Beschwerden entdecken sie zunächst keine Ursache. Bis sie tief im Inneren des Körpers fündig werden.

Schmerzen durchfahren die Brust der Patientin, es zieht bis in den Rücken hinein. Die Frau, die vor Ahmed Fahim und seinen Kollegen im britischen Castle Hill Hospital in Cottingham sitzt, ist erst 42 Jahre alt. Bei akuten Brustschmerzen denken Ärzte zuerst an einen Herzinfarkt, dafür ist die Frau ein wenig jung, ein schnell angefertigtes EKG entkräftet den Verdacht. Doch die Patientin leidet auch noch unter einer chronischen Krankheit: Sie wird wegen einer Unterfunktion ihrer Nebennierenrinde, dem sogenannten Morbus Addison, bereits behandelt. Kann der die Brustschmerzen auslösen?

Beim Morbus Addison produziert die Nebennierenrinde zu wenig ihrer Hormone Cortisol und Aldosteron, eine Folge der Krankheit ist die auffällig "gesunde", bronzene Hautfarbe der Patienten. Typische Symptome der Unterfunktion sind eher Abgeschlagenheit, Schwindel und ein niedriger Blutdruck. Tatsächlich ergibt die Blutdruckmessung bei der Frau einen Wert von nur 87 mmHg zu 54 mmHg - viele Menschen könnten sich damit kaum mehr auf den Beinen halten. Den Ärzten fällt auch auf, dass sie mit zwanzig Atemzügen pro Minute etwas schneller atmet als normal. Sie schicken ihre Patienten zur Röntgenaufnahme der Lunge, die aber nichts Auffälliges erkennen lässt, wie die Mediziner im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten.

Die Ärzte untersuchen das Blut der kleinsten Blutgefäße in der Haut, der Kapillaren, aus dem sie ablesen können, ob die Patientin in Problem mit der Atmung hat. Ihr Verdacht: Vielleicht leidet die Frau an einer Lungenembolie, bei der ein Blutgerinnsel, häufig aus den tiefen Beinvenen, mit dem Blutstrom in die Lunge geschwemmt wird, dort die Blutgefäße verstopft und so den Sauerstoffaustausch zwischen Blut und Atemluft behindert. Diese lebensgefährliche Gefäßerkrankung ist auch bei jüngeren Frauen relativ häufig, insbesondere wenn sie rauchen oder auch noch zusätzlich mit der Pille verhüten. Doch die Blutgasanlyse gibt keinen Hinweis auf eine Lungenembolie. Den Ärzten fällt nur auf, dass im Blut der Patienten zu wenig Natrium und zu viel Kalium enthalten sind, was zu ihrem Morbus Addison passt. Immer noch keine Erklärung für die Brustschmerzen.

Das plötzliche Verschwinden einer Vene

Schließlich untersuchen Fahim und seine Kollegen ihre Patientin im Computertomografen. Während der Untersuchung spritzen die Radiologen der Frau ein Kontrastmittel, um sehen zu können, ob nicht doch irgendwo ein Blutgerinnsel die Gefäße verstopft - wieder nichts. Allerdings sehen die Mediziner eine andere mögliche Erklärung für die Schmerzen: Unter dem rechten Schlüsselbein fließt in einer großen Vene, der Vena subclavia, das Blut aus dem Arm normalerweise in Richtung Herz. Durch das Kontrastmittel leuchtet die Vene in der Computertomografie weiß auf - doch etwa auf halbem Weg zwischen Schlüsselbein und erster Rippe scheint das Blutgefäß plötzlich zu verschwinden, das Kontrastmittel ist nurmehr als dünnes Rinnsal in kleineren Venen zu entdecken. Die Ärzte kennen das Problem, die Patientin leidet unter einem Schulterkompressions-Syndrom.

Noch einmal befragen die Mediziner die junge Frau. Die Hand fühlt sich nicht taub an, kein Ameisenkribbeln stört ihren rechten Arm, die Schmerzen strahlen auch nicht dorthin aus. All das wären typische Symptome für das auf englisch "Thoracic Outlet Syndrome" genannte Phänomen, bei dem Muskeln oder Knochen die Blutgefäße und Nerven auf dem Weg in den Arm behindern. Die meisten Patienten klagen über Schmerzen oder Taubheit in Arm und Schulter, die beim Druck auf die Nervenbündel in der Schlüsselbeinregion entstehen. Ausgelöst wird das Syndrom meist durch Hals- und Schulterverletzungen bei Verkehrsunfällen, selten auch durch Tumoren. Ebenso betroffen sind Arbeiter, die in ungünstigen Positionen verharren. Manche Menschen haben eine zusätzliche Rippe oberhalb der eigentlich ersten Rippe, auch diese Halsrippe kann das Schulterkompressions-Syndrom verursachen. Selbst übermäßig ausgeprägte Muskeln führen manchmal zu den Schmerzen.

Ihrer Patientin helfen die britischen Ärzte zunächst einmal, indem sie ihren Morbus Addison mit Hormonen behandeln. Die Schmerzen der Frau verschwinden, auch ein Jahr nach dem Ereignis hat die Patienten keine typischen Beschwerden für ein Schulterkompressions-Syndrom. Ob tatsächlich der wegen der Nebennierenunterfunktion aus dem Gleichgewicht geratene Hormonhaushalt oder die Nervenbündel in der Schulter die Schmerzen hervorriefen, ist unklar. Beim "Thoracic Outlet Syndrome" hilft den meisten Patienten bereits eine Physiotherapie, nur in seltenen Fällen müssen die Betroffenen operiert werden. Den Morbus Addison der Patientin können die Ärzte dagegen nicht heilen, sie muss ein Leben lang Cortison einnehmen. Aufpassen muss sie bei Stress für den Körper, etwa während einer Infektion oder in der Schwangerschaft - dann braucht der Körper zusätzliches Cortison.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Rätselhaft
fmhummel 11.08.2012
Langsam mache ich einen roten Faden in dieser Artikelreihe aus: Irgendwelche medizinischen Fälle werden als "rätselhaft" Verkauft. Was kommt nächste Woche? Ein gebrochenes Bein?
2. Leitlinie..
Ist das wirklich so? 11.08.2012
Das "thoracic outlet syndrome" ist mitnichten eine seltene oder gar rätselhafte Erkrankung, im Gegenteil ist es sogar so gewöhnlich, dass es dazu von der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie eine S2-Leitlinie gibt.
3. Zitieren ist schwierig
Diwoka1 11.08.2012
Zitat von sysopBrustschmerzen sind für jeden Arzt ein Alarmzeichen, dem Herzen könnte Gefahr drohen. Eine 42-jährige Patientin gibt britischen Medizinern aber ein Rätsel auf, denn für ihre Beschwerden entdecken sie zunächst keine Ursache. Bis sie tief im Inneren des Körpers fündig werden. Brustschmerzen und trockener Husten bei Kompression am Schultergürtel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,849332,00.html)
Vor allen Dingen handelt es sich um ein Thoracic- inlet, nicht outlet- Syndrom ( syn. Paget-Schroeter- Syndrom) deshalb ist in dem zitierten BJM Artikel explizit ein thoracic-inlet Syndrom beschrieben, Das CT ist auch nicht beweisend, da bei der üblichen Armehochlagerung im ThoraCt nahezu immer eine Ueberkontrastierung der Vene Auftritt. Zur Diagnose braucht man eine Duplexsonographie oder Angiographie in Provokationsstellung. (klugscheissmodus aus)
4. Beinbruch? Kein Beinbruch!
Altesocke 11.08.2012
Zitat von fmhummelLangsam mache ich einen roten Faden in dieser Artikelreihe aus: Irgendwelche medizinischen Fälle werden als "rätselhaft" Verkauft. Was kommt nächste Woche? Ein gebrochenes Bein?
War das nicht schon? Olympia 2012: US-Sprinter läuft mit gebrochenem Bein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-2012-us-sprinter-laeuft-mit-gebrochenem-bein-a-849244.html)
5. noch ein Medizin - Rätsel
ruediger5050@googlemail.c 11.08.2012
Neben britischen Rätseln der Medizin gibt es auch sehr interessante deutsche Medizinrätsel. Nach Unfall mit Bandverletzung des linken Beines und folgenden 5 Fehldiagnosen, führt eine 16 Jährige Falschbehandlung letztlich zu einem linken lahmen Bein. Für Sportler sicher ein verständlicher Werdegang. Nicht so für deutsche Ärzte, sie entdecken mit erstaunlichen Wissen andere Ursachen für das linke lahme Bein. Die unsichtbare, schleichende Autoimmunkrankheit MS, eine Krankheit mit den tausend Gesichtern, hat das linke Bein heimtückisch lahm gelegt. Das es auch nach über 10 Jahren der MS – Diagnose keine Krankheitssymptome gibt, kann den genialen Befund der Ärzte nicht erschüttern. Vielleicht braucht der Bürger erst kriminellen Organhandel um Zweifel an die Großartigkeit des deutschen Gesundheitssystem entstehen zulassen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Ein rätselhafter Patient
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.