BUND-Studie: Ein Drittel der Kosmetika enthält hormonähnliche Stoffe

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Hormonähnliche Substanzen stehen im Verdacht, unfruchtbar zu machen oder Krebs auszulösen. Dennoch enthält ein Drittel aller Pflegeprodukte die Chemikalien, zeigt eine Studie des BUND. Besonders häufig belastet: Sonnencremes und teure Markenprodukte.

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Kosmetika: Mit hormonähnlichen Substanzen haltbar gemacht

Berlin - Sie wirken ähnlich wie Hormone und stecken in alltäglichen Pflegeprodukten wie Shampoos, Sonnencreme oder Lippenstift: endokrinaktive Substanzen. Bei Tierversuchen hat sich gezeigt, dass die Stoffe Verhaltensauffälligkeiten, Unfruchtbarkeit und Krebs begünstigen. Beim Menschen vermuten Forscher eine ähnliche Wirkung - auch wenn sich diese schwer belegen lässt.

Für eine aktuelle Studie haben Aktivisten des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Kosmetik aus Drogerien und Parfümerien im Detail untersucht. Dabei zeigte sich, dass knapp ein Drittel der Kosmetika hormonähnliche Stoffe enthält. Die Umweltschützer fordern strengere Gesetze. Experten vom Institut für Risikobewertung (BfR) hingegen sehen das anders.

Insgesamt wertete der BUND 62.000 Einträge aus einer Online-Datenbank zu den Inhaltsstoffen verschiedener Kosmetikprodukte aus. Eingetragen wurden die Informationen von Verbrauchern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei jedem Produkt überprüfte der BUND, wie viele der 16 laut europäischer Kosmetikverordnung zugelassenen hormonähnlichen Stoffe enthalten waren. Das Ergebnis:

  • Etwa jedes dritte Produkt enthält mindestens eine hormonähnliche Substanz, jedes fünfte Produkt mindestens zwei.

  • Besonders häufig belastet waren Haarwachs und Sonnenschutzmittel (etwa 35 Prozent) sowie Rasierschaum (30 Prozent). Unter den Zahnpasten enthält etwa jedes fünfte Produkt hormonell aktive Substanzen.

  • Die großen Marken schneiden schlecht ab: Bei Beiersdorf (Nivea), Procter & Gamble (Wella, Head and Shoulders) und L'Oréal (Garnier) beinhaltet laut Auswertung jedes zweite Produkt hormonähnliche Substanzen. Keine der Stoffe fanden die Umweltschützer in Naturkosmetik mit den Siegeln von NaTrue und BDIH.

  • Am häufigsten, in 24 Prozent der Pflegeprodukte, war der Konservierungsstoff Methylparaben enthalten. Darauf folgten die verwandten Stoffe Propyl-, Ethyl- und Butylparaben mit einem Anteil von 18, zwölf und zehn Prozent.

  • Andere endokrin aktive Substanzen kamen nur sehr selten vor - jeweils in maximal fünf Prozent der Produkte, meist in weniger als einem Prozent.

Die Autoren der Studie fordern ein Verbot hormonell aktiver Substanzen. "Zur Belastung durch Kosmetikprodukte kommen noch hormonelle Schadstoffe aus anderen Produkten dazu wie etwa Phthalat-Weichmacher und Bisphenol A aus Kunststoffen", so der BUND.

Hormonähnliche Stoffe sind nicht per se schädlich

Der BfR gibt dennoch Entwarnung: "Ein häufiger Fehler bei der Diskussion in der Öffentlichkeit ist, dass endokrin aktive Substanzen und endokrine Disruptoren gleichgesetzt werden", sagt Thomas Platzek, Toxikologe am BfR. Endokrin aktive Substanzen wirkten zwar ähnlich wie Hormone, "der entscheidende Unterschied ist aber, dass nur bei endokrinen Disruptoren auch eine schädliche Wirkung in Tierversuchen bekannt ist."

Methyl- und Ethylparabene, die laut BUND-Studie mit am häufigsten in Kosmetik vorkommen, seien demnach als unproblematisch anzusehen, so der Toxikologe. Sie werden laut Platzek auch in Lebensmitteln verwendet. "Im Zusammenhang mit Parabenen erinnern sich viele Verbraucher an eine Studie, die angeblich einen Zusammenhang zwischen den Substanzen und Brustkrebs belegt", sagt Platzek. Das BfR fand jedoch erhebliche Schwächen in der Untersuchung und "sieht einen wissenschaftlichen Nachweis für einen Zusammenhang zwischen parabenhaltigen Deodorants und Brustkrebserkrankungen durch die Untersuchungen nicht als gegeben".

Für Butyl- und Propylparabene schlagen das BfR und das Scientific Committee on Consumer Safety der EU (SCCS) jedoch strengere Grenzwerte vor. "Kinder müssen hier nach aktuellem Kenntnisstand besser geschützt werden", sagt Platzek. In welchen Mengen Propylparaben, das laut BUND-Studie in 18 Prozent der Pflegeprodukte vorkommt, verwendet wurde, lässt sich aus der Untersuchung jedoch nicht entnehmen. "Ohne dass man die Dosis kennt, lässt sich die Gefahr unmöglich abschätzen", so der Toxikologe. "Das einzelne Produkt macht uns nicht krank, wohl aber die Summe der Belastung durch die Vielzahl der Quellen", schreibt auch der BUND.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat endokrine Disruptoren in einem Bericht von Ende 2012 als globale Bedrohung bezeichnet. Seit einigen Jahrzehnten beobachtet die WHO, dass gesundheitliche Beschwerden zunehmen, die mit dem Hormonsystem zusammenhängen. Dazu zählt etwa, dass die Spermienqualität junger Männer in vielen Staaten Europas nachlässt. Zudem kommen in den USA und Europa Mädchen im Durchschnitt immer früher in die Pubertät. Auch die Zahl der Brust-, Prostata-, Schilddrüsen oder Hodenkrebsfälle steigt. Dass hormonähnliche Stoffe und nicht andere Faktoren dafür verantwortlich sind, lässt sich wissenschaftlich jedoch kaum nachweisen.


Wie hormonähnliche Stoffe im Körper für Chaos sorgen

Hormonähnliche Substanzen können den Körper auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Entweder sie binden sich an Stellen im Körper, die eigentlich für eine körpereigene Substanz vorgesehen sind, und lösen auf diese Weise die gleiche Reaktion aus, wie der körpereigene Stoff. Oder sie blockieren die Bindestellen der Hormone im Körper. Ebenfalls möglich ist, dass sie die Produktion, den Abbau oder Transport stören.

Als Quelle für endokrine Disruptoren kommen neben Kosmetika Pestizide oder Medikamente wie die Antibabypille in Frage. Aber auch Farben und Weichmacher aus Kunststoffen und Bestandteile von Pflanzen, etwa Isoflavone aus Sojabohnen, stehen im Verdacht, bei bestimmten Konzentrationen den Hormonhaushalt des Menschen durcheinanderzubringen.


Eigenmarken der Drogerien schneiden gut ab

Dass hormonell aktive Stoffe in Kosmetik deutlich reduziert werden könnten, zeigen die Drogeriemarktketten Rossmann und DM. In den Kosmetikartikeln der Eigenmarken war der Anteil hormonähnlicher Stoffe mit knapp einem Drittel (27 Prozent) und einem Fünftel (17 Prozent) deutlich geringer als bei den Marktriesen Beiersdorf und L'Oréal.

Meist jedoch zahlt der Verbraucher für den Verzicht auf eine fragliche Zusatzstoffgruppe einen hohen Preis. Um etwa Parabene zu umgehen, greifen Hersteller zu anderen umstrittenen Konservierungsmitteln - etwa Methylisothiazolinon (MI). MI aber löst bei vielen Menschen Allergien aus. "Irgendwie müssen die Hersteller ihre Produkte vor Keimen schützen", sagt Platzek. Es mache keinen Sinn, die zuverlässigen und lang erprobten Parabene gegen Konservierungsmittel auszutauschen, die andere schädliche Wirkungen haben oder deren Nebenwirkungen gar nicht genau bekannt sind.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Der BUND mal wieder...
Turin 24.07.2013
Es ist schon erstaunlich: Da zetert der BUND über hormonell aktive Substanzen, die im Tierversuch ggf. Krebs auslösen könnten. Und es ist der gleiche BUND, der Tierversuche ablehnt, weil angeblich die Ergebnisse gar nicht auf den Menschen übertragbar seien. Diese beiden Haltungen sind aber mEn nicht miteinander vereinbar. Entweder, ich halte Tierversuche vor sinnlos, dann sollte ich aber auch auf die Ergebnisse vollständig verzichten - und nicht nur dann akzeptieren, wenn sie mal wieder Ängste schüren.
2.
biobanane 24.07.2013
Zitat von TurinEs ist schon erstaunlich: Da zetert der BUND über hormonell aktive Substanzen, die im Tierversuch ggf. Krebs auslösen könnten. Und es ist der gleiche BUND, der Tierversuche ablehnt, weil angeblich die Ergebnisse gar nicht auf den Menschen übertragbar seien. Diese beiden Haltungen sind aber mEn nicht miteinander vereinbar. Entweder, ich halte Tierversuche vor sinnlos, dann sollte ich aber auch auf die Ergebnisse vollständig verzichten - und nicht nur dann akzeptieren, wenn sie mal wieder Ängste schüren.
Sind Sie sich da auch wirklich sicher, oder behaupten Sie einfach mal was. Ich kenne die Beschlusslage der BUND nicht, weiß aber, dass er sich für die Reach-Verornung ausgesprochen hat, die eine Reduzierung aber kein Verbot der Tierverusche vorsieht. Also Quellen her, dann glaube ich Ihre Behauptung. Ansonsten ist das Dilemma den Umweltschützern durchaus bewusst.
3. .....
Mel.M 24.07.2013
Zitat von TurinEs ist schon erstaunlich: Da zetert der BUND über hormonell aktive Substanzen, die im Tierversuch ggf. Krebs auslösen könnten. Und es ist der gleiche BUND, der Tierversuche ablehnt, weil angeblich die Ergebnisse gar nicht auf den Menschen übertragbar seien. Diese beiden Haltungen sind aber mEn nicht miteinander vereinbar. Entweder, ich halte Tierversuche vor sinnlos, dann sollte ich aber auch auf die Ergebnisse vollständig verzichten - und nicht nur dann akzeptieren, wenn sie mal wieder Ängste schüren.
Wie kommen sie darauf das der BUND Tierversuche ablehnt. Auf der gesamten Webseite des BUND findet sich keine derartige Aussage, auch nicht die Aussage, dass der BUND Tierversuche für nicht auf den Menschen übertragbar hält. Also vor dem nächsten Kommentar erstmal nachschauen und sich nicht einfach etwas aus den Fingern saugen.
4. labern und diffamieren
shatreng 24.07.2013
Zitat von TurinEs ist schon erstaunlich: Da zetert der BUND über hormonell aktive .....
Informieren sie sich, bevor sie Gruppen und Menschen diffamieren. Danke.
5. Schön erstmal den BUND kritisieren
jesse 24.07.2013
Hallo Turin, interessant, dass für Sie der einzige Aufreger im Text der inkonsequente Standpunkt des BUND zu tierversuchen ist. Das die Industrie Stoffe verendet die im Verdacht stehen die Gesundheit des Verbrauchers zu gefährden ist wohl nicht so relevant.
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

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