Organspende: Neues Transplantationsgesetz passiert Bundesrat

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Organspendeausweis: Die Bereitschaft zu einer Spende nach dem Tod dokumentieren

Die Organspendereform hat die letzte Hürde passiert: Der Bundesrat hat die Entscheidungslösung und Änderungen im Transplantationsgesetz gebilligt. Fortan sollen mehr Bürger ihre Bereitschaft zur Organspende dokumentieren.

Die Menschen in Deutschland sollen sich künftig stärker mit dem Thema Organspende befassen. Die parteiübergreifend unterstützte Neuregelung der Organspende nahm am Freitag im Bundesrat die letzte parlamentarische Hürde. Damit wird jeder Bürger ab 16 Jahre künftig regelmäßig per Brief aufgefordert, seine Bereitschaft zur Organspende zu dokumentieren - die Erklärung bleibt aber freiwillig.

Der sogenannten Entscheidungslösung ging eine jahrelange politische Debatte voraus. Sie stützt sich auf einen fraktionsübergreifenden Kompromiss im Bundestag, der die Neuregelung im Mai verabschiedet hatte.

Noch in diesem Jahr sollen die Bürger von ihrer Krankenkasse erstmals schriftlich über die Organspende informiert und zur Abgabe einer Erklärung aufgefordert werden; ein Organspendeausweis wird gleich mitgeschickt. Auch die Behörden werden bei der Ausgabe von amtlichen Ausweisen Infomaterial mit auf den Weg geben. Ziel ist es, die Zahl der Spenderorgane zu erhöhen. Die Organspendebereitschaft soll auch auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden.

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Organe als Geschenk: Wie Nieren, Lebern und Herzen Leben retten

Der zweite Teil der Reform indes, das sogenannte Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes, ist umstritten. Vor allem die darin geregelte Rolle der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) steht in der Kritik. Die Stiftung soll nach anonymen Vorwürfen nun komplett neugeregelt werden. Der jetzige Vorstand Günter Kirste geht Anfang 2013 altersbedingt in den Ruhestand, auf ihn folgt voraussichtlich der Münchner Chirurg Helmut Arbogast. Das Gesetz soll für mehr Transparenz, Sicherheit und Qualität sorgen und EU-rechtliche Vorgaben umsetzen. Es sieht unter anderem vor, dass jedes Entnahmekrankenhaus einen Transplantationsbeauftragten benennt. Dieser soll alles rund im eine Organspende organisieren.

Die Redner im Bundesrat betonten am Freitag, dass die Organspende freiwillig bleibe. Die Bürger würden nicht gezwungen, eine Erklärung zu ihrer Spendebereitschaft abzugeben, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). "Wir akzeptieren, dass Menschen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht entscheiden können." Der baden-württembergische Bundesrats-Minister Peter Friedrich (SPD) betonte: "Die Organspende bleibt immer ein freiwilliges Geschenk der Spender."

Das Gesetz tritt in Kraft, wenn Bundespräsident Joachim Gauck es unterschrieben hat und es im Bundesgesetzblatt verkündet wurde.

Bundesweit stehen derzeit rund 12.000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. "Viele Menschen warten viel zu lange und leider oft vergebens", sagte Minister Bahr im Bundesrat. Alle acht Stunden stirbt nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) eine Mensch auf der Warteliste, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ zur Verfügung steht. Im Jahr 2011 spendeten rund 1200 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe, das waren rund sieben Prozent weniger als im Jahr davor. In der Folge sank 2011 auch die Zahl der gespendeten Organe von rund 4200 auf mehr als 3900.

hei/afp

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1.
ollowain13 15.06.2012
Man kann zwar mit diesem Gesetz als Kompromiss leben, weil zumindest der nicht GG-konformen Widerspruchslösung eine Absage erteilt wurde und somit weiterhin jeder Organentnahme eine *persönliche, positive Entscheidung* des Spenders vorausgegangen sein muss, anstatt dass man das bloße Nichtauffinden eines Widerspruchs schon zum Anlass zur Organentnahme nimmt. Trotzdem finde ich es nicht gut, dass ganz offensichtlich der Bürger solange zur Entscheidung Pro-OS genötigt werden soll, bis er endlich zugestimmt hat. Das hat mit "freiwillig", also "aus eigenem Willen", nicht mehr viel zu tun. Bisher konnte jeder, der das wollte, sich ohne jedes Problem einen OS-Ausweis ausdrucken oder sonstig beschaffen. Jeder Arzt, den man gefragt hätte, hätte dafür gesorgt, dass man einen Ausweis bekommt, wenn man selbst nicht in der Lage gewesen sein sollte, einen PC zu bedienen (was aufgrund des tendenziell jüngeren Alters der Spender unwahrscheinlich ist). Der Aufwand wäre minimal gewesen. Komischerweise haben sich aber sehr viel weniger Leute einen Ausweis besorgt als in Umfragen als spendebereit verkündet wurden. Das lässt nur folgende Schlüsse zu: Entweder die Umfragen sind schlicht und einfach falsch und nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Dann taugen sie nicht als Entscheidungsbasis und das Gesetz wird das erklärte Ziel, mehr Transplantationen zu ermöglichen, nicht erreichen, weil es weiterhin nicht mehr Spender gibt als vorher. Das ist nicht unwahrscheinlich, weil sich die Befragten vielleicht einfach nur in ein vermeintlich besseres Licht stellen wollten, oder sich schlicht und einfach vor der Antwort keine großen Gedanken gemacht haben, aber trotzdem die Entscheidung pro OS noch gar nicht getroffen haben. Quasi "im Prinzip finde ich OS gut, aber für mich persönlich kann ich mich nicht dazu durchringen". Oder die Umfragen sind zwar korrekt, aber die meisten OS-Befürworter waren schlicht zu faul, sich einen Ausweis zu besorgen. Das würde dann aber bedeuten, dass den Befürwortern die Sache nicht mal wichtig genug war, sich einmalig einen OS-Ausweis zu besorgen, sprich nicht mal einen simplen Download vorzunehmen. In diesem Fall kann es mit der OS-Bereitschaft nicht weit her sein, wenn man nicht mal zu derart minimaler Eigeninitiative bereit ist. Dann läuft das Gesetz nach wie vor ins Leere, weil die Bereitschaft zur OS ebenfalls nicht vorhanden ist. Warum nicht einfach akzeptieren, dass eben nicht mehr Spendebereitschaft vorhanden ist? Es gibt nunmal keinen Anspruch auf den Erhalt eines Spenderorgans. Wer das Glück hat, ein passendes zu bekommen, wird es sicherlich als Geschenk begreifen. Wer dieses Glück nicht hat, für den ist das sicherlich bedauerlich, aber auch dann kann er bei aller verständlichen Verzweiflung nicht von anderen verlangen, gefälligst Organspender sein zu sollen, wenn die nicht von sich aus bereit dazu sind - und das waren sie nachweislich nicht, sonst hätten sie einen OS-Ausweis gehabt. Außerdem würden mehr vorhandene Organe auch dazu führen, dass die Transplantation nicht mehr das letzte Mittel sondern die Standardprozedur bei Organdefekten u.ä. würde. Man würde sie genauso leichtfertig durchführen, wie man heute ja auch schon viele Operationen durchführt, die eigentlich gar nicht notwendig wären, obwohl auch die sehr viel Geld kosten und für den Patienten nicht ohne Risiko sind. Man verliert schlicht und einfach den Respekt vor dem Leben, weil man den Tod, der eben auch dazu gehört, nicht akzeptiert.
2. Eine Entscheidung Wert
Juro vom Koselbruch 15.06.2012
Zitat von sysopDie Organspendereform hat die letzte Hürde passiert: Der Bundesrat hat die Entscheidungslösung und Änderungen im Transplantationsgesetz gebilligt. Fortan sollen mehr Bürger ihre Bereitschaft zur Organspende dokumentieren.
Inzwischen sehe ich nach anfänglich deutlicher Ablehnung die Entscheidungslösung als positiv an. Erstens ist die haarsträubende Widerspruchslösung vom Tisch. Man kann nicht einfach über meine Leiche verfügen, wenn ich mich nicht entschieden habe. Das ist gut und entspricht meinem Anstandsgefühl und der Achtung vor dem anderen. Zweitens kann die Entscheidungslösung uns animieren, über die Organspende nachzudenken, besonders auch für den gern verdrängten Fall, dass ein Angehöriger für uns oder dass man selbst für einen Angehörigen oder für sein nicht volljähriges Kind entscheiden muss. Man kann in Ruhe alle Informationen einholen, mit seinen Angehörigen sprechen. Man kann sich eine Meinung bilden für das bittere Gespräch, soll man für ander in deren Sinn entscheiden. Man kann versuchen, sich auf diese stark belastende Situation ansatzweise vorzubereiten. In meinem Verwandtenkreis gab es ein solches Gespräch. Die Angehörigen des hirntoten Menschen wurden weder direkt noch indirekt nicht mit Schuldvorwürfen (Etwa: Denken Sie dran. Sie können Leben retten mit der Zustimmung!) konfrontiert. Nichts dergleichen. Ihnen wurde die Entscheidung fair überlassen. Das Abschiednehmen vom toten Angehörigen wäre im Falle einer positiven Entscheidung ebenso möglich gewesen wie der Abschied von einem an Herzversagen Verstorbenen. Die Nichtzusage der Verwandten wurde trotzdem klar respektiert. Und meine Verwandten plagen sich heute nicht selbst mit irgendwelchen Schuldvorwürfen. Im Übrigen kann man gegen anderslautende Aussagen durchaus auch in einer Patientenverfügung unerwünschte künstliche lebenserhaltende Maßnahmen ablehnen aber einer Organentnehme zustimmen. Die berüchtigten lebenserhaltenden intensivmedizinischen Maßnahmen, welche eher das Sterben als das Leben verlängern, sind von der Zusage zur Organspende nicht berührt. Beides sollte nicht miteinander verwechselt werden, es geht bei der Organspende z.B. nicht und das tage- oder wochenlange Legen einer Sonde. Darüber kann man sich z.B. genauer bei der Gesundheitszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder bei der Deutschen Stiftung für Organspende (DSO) oder anderweitig (Justizministerium, kompetenter Arzt usw.) informieren.
3. Würdevolles Sterben und Organtransplantation haben einen Zielkonflikt
MtSchiara 16.06.2012
Zitat von Juro vom KoselbruchMan kann nicht einfach über meine Leiche verfügen, wenn ich mich nicht entschieden habe. Das ist gut und entspricht meinem Anstandsgefühl und der Achtung vor dem anderen.
Mir persönlich ist es völlig egal, was mit meiner Leiche passiert. Wenn ich tot bin, bin ich nicht mehr Teil dieser Welt. Insofern können gerne andere Menschen von meinem toten Körper profitieren - wenn es denn möglich ist. Das Problem bei der Organspende ist allerdings, daß Organe nicht dem toten, sondern dem (vermutlich) sterbenden Körper entnommen werden. Der Spruch "nach dem Tod brauche ich meine Organe nicht mehr" ist insofern Propaganda, die nicht ehrlich mit dem Thema umgeht. Von der Zusage nicht, aber von der Chance, daß eine Organtransplantation erfolgreich ist. Je besser der Zustand der Organe ist, desto größer ist die Erfolgschance einer Transplantation. Insofern führt die Ablehnung künstlich lebenserhaltender Maßnahmen dazu, daß man die Chance einer erfolgreichen Organentnahme und Transplantation absenkt. Würdevolles Sterben und Organtransplantation haben somit einen Zielkonflikt. Die Krankenkassen sollten bei ihrer Befragung die Patienten klar, ehrlich und umfassend darüber aufklären, inwieweit die (intensivmedizinische) Behandlung am Lebensende durch die Entscheidung Pro/Contra Organspende beeinflußt wird.
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Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.
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Zahlen, Fakten, Trends: Organspende in Deutschland und Europa

Organspende-Gesetze in Europa
Erweiterte Zustimmungsregelung
Der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z.B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen über eine Entnahme entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Dieses Recht gilt in Deutschland, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Irland, der Schweiz und in den Niederlanden.
Widerspruchsregelung
Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, z.B. in einem Widerspruchsregister, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern (Belgien, Finnland, Norwegen) haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. Dieses Recht gilt in Belgien, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn.
Informationsregelung
Auch hier geht der Gesetzgeber grundsätzlich von einer Bereitschaft zur Organspende bei fehlendem Widerspruch zu Lebzeiten aus. Allerdings müssen die Angehörigen in jedem Fall über die geplante Entnahme unterrichtet werden. Ein Einspruchsrecht steht ihnen jedoch nicht zu. Dieses Recht gilt in Frankreich und Schweden.

quelle: deutsche stiftung für organtransplantation (dso); bundesministerium für gesundheit und soziale sicherung


DER SPIEGEL: Organspende