Hanf auf Rezept Krankenkassen bewilligen Mehrzahl der Cannabis-Therapien

Chronische Schmerzen, Krebs oder Aids: Ärzte dürfen schwerkranken Patienten in Deutschland Cannabis verschreiben. Krankenkassen übernehmen die Kosten mittlerweile viel häufiger als gedacht.

Medizinisches Cannabis
AP

Medizinisches Cannabis


Die gesetzlichen Krankenkassen genehmigen offenbar deutlich mehr Anträge für eine Cannabis-Therapie als zunächst angenommen. Bei der Barmer und der AOK gingen seit der Freigabe von Cannabis für medizinische Zwecke knapp 8300 Anträge auf Kostenübernahme ein, wie die "Berliner Zeitung" und die "Zeit" unter Berufung auf Zahlen der Kassen berichten.

Davon seien etwa zwei Drittel angenommen worden. Der Rest wurde abgelehnt. Die Ablehnungsrate ist damit geringer als erste Zahlen vermuten ließen. Noch im Sommer hieß es, bis zu zwei Drittel der Anträge seien abgelehnt worden.

Im vergangenen März wurde schwerkranken Patienten der Zugang zu Cannabis erleichtert. Cannabis kann seitdem vom Arzt verordnet werden - zu Lasten der Krankenversicherung. Die Kassen müssen dem aber zustimmen. Voraussetzung ist laut Gesetz, dass alle üblichen Therapien versagt haben. Vor der ´Änderung waren die gesetzlichen Kassen nur in Einzelfällen für die teure Therapie aufgekommen.

Cannabis wird unter anderem gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten sowie bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose eingesetzt. Weitere Anwendungsgebiete sind chronische Schmerzen, ein Glaukom, ADHS und das Tourettesyndrom. Der medizinische Nutzen ist allerdings nur selten mit großen Studien belegt. 2015 hatte ein internationales Forscherteam 28 Datenbanken auf der Suche nach Studien durchforstet, die sich mit der Wirkung von Cannabis als Medikament auseinandergesetzt hatten.

Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail:

Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Wie sehr Cannabis die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern kann, gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Therapiemöglichkeiten. Zu dem Thema fanden die Forscher 28 Studien mit mehr als 1700 Teilnehmern. Alle Untersuchungen sprachen dafür, dass Cannabis Übelkeit und Erbreche besser lindert als ein Placebo oder ein anders Medikament. Die Unterschiede waren allerdings in allen Studien so gering, dass sie statistisch nicht signifikant waren.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich kleine Wirkung

Appetitlosigkeit durch HIV/Aids: Wie gut Cannabis den Appetit von Menschen mit HIV anregen kann, haben vier Studien mit etwas mehr als 250 Teilnehmern untersucht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Cannabis beim Zunehmen hilft, die Effekte waren allerdings gering. Eine Untersuchung kam so auch zum Schluss, dass Megastrol - ein anderes appetitanregendes Medikament - stärker wirkt als der untersuchte Cannabis-Wirkstoff.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Chronische Schmerzen: Die Wirkung bei chronischen Schmerzen ist im Vergleich sehr gut untersucht, die Forscher fanden 28 Studien, an denen mehr als 2400 Menschen teilgenommen hatten. Die Gründe für die Schmerzen waren allerdings sehr verschieden und reichten von Diabetes bis hin zu Krebserkrankungen. Die Daten deuteten grundsätzlich darauf hin, dass Schmerzpatienten von der Behandlung mit Cannabis profitierten, lautet das Fazit der Forscher. Allerdings seien die meisten gefundenen Unterschiede nicht statistisch signifikant.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Spastik durch Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung: Den Effekt auf Krämpfe untersuchten 14 Studien mit mehr als 2000 Patienten, davon beschäftigten sich elf (2138 Patienten) mit Menschen mit Multipler Sklerose und drei (142 Patienten) mit Menschen mit Querschnittslähmung. Auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant waren, sprechen die Untersuchungen dafür, dass Cannabis einer Spastik entgegensteuert.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Depressionen: Die Forscher fanden keine Studie, die sich auf die Wirkung von Cannabis und Depressionen konzentrierte und qualitativ gut war. Bei fünf Untersuchungen waren Depressionen einer von mehreren untersuchten Faktoren. Bei drei von ihnen ging es den Menschen nach der Einnahme nicht besser als nach der eines Placebos; eine kam sogar zum Ergebnis, dass sich die höchste untersuchte Cannabis-Dosis im Vergleich zum Placebo negativ auswirkt.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich keine Wirkung

Angststörungen: Nur eine Studie beschränkt sich auf die Wirkung von Cannabis im Zusammenhang mit der Therapie von Angststörungen; außerdem fanden die Forscher vier Studien, bei denen ein Teil der Patienten eine Angststörungen hatte. Sie alle sprechen dafür, dass Cannabis die Behandlung unterstützen könnte und besser wirkt als ein Placebo. Vor allem bei der ersten Studie gebe es allerdings ein hohes Risiko für Verzerrungen, schreiben die Forscher.

Fazit: Bislang kaum untersucht, Studien sprechen für positiven Effekt

Schlafstörungen: Auf den Effekt von Cannabis bei Schlafstörungen konzentrierten sich nur zwei Studien mit 54 Teilnehmern, bei 19 Untersuchungen waren Schlafprobleme eine von mehreren untersuchten Beschwerden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis etwa bei Schlaflosigkeit und Atemaussetzern im Schlaf helfen kann; beim Vergleich mit einem Schlafmedikament war der Stoff jedoch unterlegen.

Fazit: mittelmäßig untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Psychose: Zur Wirkung bei Psychosen stießen die Forscher auf zwei Studien mit 71 Teilnehmern. Alle Ergebnisse hätten ein hohes Risiko für Verzerrung, schreiben sie. Beide Untersuchungen konnten jedoch auch keinen Unterschied zwischen der Behandlung mit Cannabis, einem Placebo oder dem Wirkstoff Amisulprid nachweisen.

Fazit: wenig untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Grüner Star: Beim Grünen Star, auch Glaukom genannt, leidet das Auge unter einem zu hohen Augeninnendruck oder einer mangelnden Durchblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis den Augeninnendruck senken können. Zur Therapie des Glaukoms mit Marihuana fanden die Forscher jedoch nur eine winzige Studie mit sechs Teilnehmern - die keinen Unterschied zwischen einer Behandlung mit Cannabis oder mit einem Placebo feststellen konnte.

Fazit: kaum untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Tourettesyndrom: Bei dieser Suche fanden die Forscher nur wenige, aber ermutigende Ergebnisse: Zwei kleine Studien mit 36 Teilnehmern ergaben, dass eine Behandlung mit THC-Kapseln die für die Krankheit typischen Tics möglicherweise abmildert.

Fazit: wenig untersucht, Ergebnisse vielversprechend

"Medizinischer Cannabis ist aus der Versorgung schwerkranker Menschen heute nicht mehr wegzudenken. Es ist aber kein Allheilmittel", sagte Barmer-Chef Christoph Straub. Einer der Hauptgründe für die Ablehnung der Anträge ist laut Barmer der fehlende Nachweis, dass Behandlungsalternativen erfolglos probiert wurden oder nicht infrage kommen.

Bundesregierung schließt Legalisierung aus

Die Freigabe von Cannabis wird jedoch auch weiterhin auf den medizinischen Bereich beschränkt bleiben. Die Bundesregierung lehnt eine Legalisierung von Cannabis entschieden ab. Die Gesundheitsgefahren durch Cannabis-Missbrauch gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden seien medizinisch erwiesen, heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage der FDP-Fraktion. Eine kürzlich veröffentlichte Studie habe die Risiken des Cannabis-Konsums zu Rauschzwecken erneut bestätigt, so die Regierung. Das Cannabis-Verbot diene dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.

Nach Angaben der Bundesregierung haben bislang zwei Kommunen Modellprojekte zur kontrollierten Abgabe von Cannabis als Genussmittel beantragt: der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Stadt Münster. Beide Anträge seien abgelehnt worden. Die Modellprojekte trügen weder zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung bei, noch könnten sie den Missbrauch von Betäubungsmitteln sowie Drogenabhängigkeiten verhindern.

Wie aus der Antwort weiter hervorgeht, konsumieren schätzungsweise rund 1,2 Millionen Bürger im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Cannabis mindestens zehn Mal im Jahr.

koe/AFP/dpa



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
El_Brain 28.12.2017
1.
Nicht die Bundesregierung sondern im Prinzip nur die CDU lehnt Cannabis ab. Es ist Zeit diese laufende Inkompetenz von Marlenen Mortler zu ersetzen!
chris1910 28.12.2017
2.
Vielen dank CDU, dass man Jugendschutz so Ernst nimmt! Es ist eine so gute Lösung, denn Schwarzmarkt so frei zu lassen, so dass jeder an Cannabis ran kommt, auch Jugendliche! Jugendschutz kann es nur geben, wenn der Schwarzmarkt nicht mehr,in dem Maße,existiert und das gibt es nur dann, wenn es einen kontrollierten Verkauf gibt. Wie kann man so sehr die Augen verschließen und nicht akzeptieren, dass man falsch liegt liebe CDU?
ewert 29.12.2017
3. Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail
... sind wenig hilfreich, weil sie ausschließlich Doppleblind-Studien einbezieht, und richtig, diese sind rar gesät. Hier muss man aktuell noch fallbasierte Studien hinzuziehen oder auf Einzelfälle verweisen, wie damals der zu Glaukom bei einer Rentnerin im Raum Idar-Oberstein, den ich damals dem heutigen Noch-Gesundheitsminister Gröhe weiterreichte mit der Maßgabe einer Gesetzesanpassung. Ja, sie war austherapiert und nein, sie wurde vor Gericht wg. illegalem Eigenanbau verurteilt. Und so zieht sich das durch. Und gerade bei vielen seltenen Erkrankungen zB des Nervenbereichs bietet sich Cannabis an und man riskiert nur geringe bis steuerbare Nebenwirkungen ohne Organe zu schädigen. Klinische Studien wird es dort kaum geben, dafür sind diese Krankheiten zu selten. In Israel werden aktuell 28.000 Patienten mit Cannabis therapiert, da ist hier noch eine erhebliche Steigerung möglich.
MikelFriess 29.12.2017
4. Studie?
"Eine kürzlich veröffentlichte Studie habe die Risiken des Cannabis-Konsums zu Rauschzwecken erneut bestätigt, so die Regierung." ? Aber saufen dürfen wir? Wer bestreitet denn Risiken bei der Einnahme von Rauschmitteln? Natürlich gibt es die. Warum es aber eine willkürliche Trennung gibt, die im Prinzip besagt: "Leberzyrose, Abhängigkeit und Herzkreislauferkrankungen sind ok, seltenes Auftreten von Psychosen nicht", erschließt sich mir nicht.
derpif 29.12.2017
5.
Ist ja richtifg das Kinder und Jugendliche geschützt werden sollen, wie auch vor tausend anderen Sachen. Ich als Erwachsener muss nicht geschützt werden, was auch erwiesen ist Ich muss mir nicht sagen lassen was ich mit meinem Körper mache, der Versuch ist eine Frechheit. Das geht die Regierung nichts, aber auch gar nichts an, ist nicht ihre Entscheidung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.