Frage nach dem "Tatort" Erhöht Cannabis das Risiko für Hodenkrebs?

Kiffende Männer haben ein erhöhtes Risiko für Hodenkrebs. "Da gibt es eine Studie", behauptet Professor Boerne im Münsteraner "Tatort". Stimmt das? Der Faktencheck.

Kiffer auf der Berliner Hanfparade: Risiko Hodenkrebs?
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Kiffer auf der Berliner Hanfparade: Risiko Hodenkrebs?


Professor Boerne, der sich wegen einer eigenhändig diagnostizierten Leberkrankheit selbst in die onkologische Station einer Klinik eingewiesen hat, ist groß darin, andere zu belehren. Auch im aktuellen Münster-"Tatort", der am Sonntagabend die Zuschauermarke von 13 Millionen knackte, prahlte Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers, mit seinem umfassenden Medizinerwissen: "Kiffen erhöht das Hodenkrebsrisiko um 70 Prozent", behauptete der Professor. Stimmt das?

Wirft man einen Blick in die Fachliteratur, findet man tatsächlich drei Studien, die alle in den USA durchgeführt wurden und zeigen: Männer, die Marihuana konsumieren, erkranken statistisch gesehen häufiger an Hodenkrebs als Gleichaltrige, die nie zum Joint greifen. Den Untersuchungen zufolge war insbesondere die Gefahr sogenannter Nichtseminome - das ist die aggressivere Form von Hodenkrebs - gesteigert. Zudem nahm das Hodenkrebsrisiko zu, je häufiger und länger die Kiffer Cannabis konsumierten.

In einer der drei Studien hatten Forscher um Janet Dailing vom Fred Hutchinson Cancer Research Center, Seattle (US-Bundesstaat Washington) 369 Hodenkrebspatienten und 979 Männer gleichen Alters, die nicht erkrankt waren, zu ihrem Cannabis-Konsum befragt. Ergebnis: Wer Marihuana rauchte, hatte demnach tatsächlich ein um etwa 70 Prozent höheres Risiko für Hodenkrebs, berichteten die Wissenschaftler 2009 im Fachmagazin "Cancer". Vermutlich bezieht sich Boernes Aussage auf diese Studie.

Das Team um Britton Trabert vom National Cancer Institute in Rockville, Maryland, hatte ebenfalls 187 Hodenkrebspatienten und 148 Gesunde in Texas, Louisiana, Arkansas und Oklahoma befragt. Laut dieser Studie war das Risiko für einen Tumor in den Hoden für Cannabis-Konsumenten etwas mehr als doppelt so hoch wie für Nichtkonsumenten, berichteten die Forscher 2010 ebenfalls in der Fachzeitschrift "Cancer".

John Charles Lacson von der University of Southern California in Los Angeles und sein Team präsentierten 2012 ähnliche Daten: Die Forscher hatten 163 Hodenkrebspatienten und 292 Gesunde zu ihrem Drogenkonsum befragt. Das Krebsrisiko der Cannabis-Konsumenten war etwa doppelt so hoch wie das der Nichtkonsumenten. Männer, die Kokain nahmen, hatten dagegen ein niedrigeres Hodenkrebsrisiko als Nichtkonsumenten.

Lacson und Kollegen haben auch eine Idee, wieso Cannabis das Krebsrisiko erhöhen könnte: Der Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) interagiert mit den sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren, die unter anderem in der Hirnanhangdrüse, im Hypothalamus, aber auch in den männlichen Geschlechtsorganen zu finden sind. Die Rezeptoren, schreiben die Forscher, beeinflussten höchstwahrscheinlich die Spermienproduktion.

"Es ist also plausibel, dass ein zeitlich unpassendes Signal durch zugeführtes THC die Gesundheit der Hoden beeinträchtigt, weil es die ausgeklügelte Signalkette durch körpereigene Cannabinoide stört." Bekannt sei bereits, dass Cannabis-Konsumenten einen niedrigeren Testosteronspiegel hätten.

Alle drei Studien haben allerdings dasselbe Grundproblem: Die bloße Beobachtung, dass Cannabis-Konsumenten häufiger an Hodenkrebs erkranken, bedeutet keinesfalls, dass Marihuana tatsächlich die Gefahr für die Tumoren erhöht. Es könnten ebenso andere Faktoren dafür verantwortlich sein, die die Wissenschaftler bei ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt haben. Laut einer Übersichtsarbeit von 2012 sind weitere Untersuchungen nötig, um den direkten Zusammenhang von Cannabis-Konsum und Hodenkrebs zu belegen.

In Deutschland erkranken im Jahr etwa 4000 Männer im Jahr an Hodenkrebs. Die meisten Fälle gibt es in der Altersgruppe von 25 bis 49 Jahren.

HODENKREBS - RISIKOGRUPPEN, HEILUNGSCHANCEN, THERAPIE

Mehr zum Thema im SPIEGEL WISSEN 3/2014

wbr

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
denkpanzer 22.09.2014
1. Tabak?
Da viele ja ihr Cannabis mit Tabak mischen, könnte nicht auch der Tabak das Krebsrisiko erhöhen?
jujo 22.09.2014
2. ...
Dann hat Mann die Wahl, kiffen und poppen geht nicht zusammen ohne Risiko, Mann kann nicht alles haben!
dazuhabichauchnemeinung! 22.09.2014
3.
Aha, also kann man durch den Genuß von Cannabis den Krebs gezielt im Körper verteilen,... interessant! Die Gelder, die in solche "Studien" gestopft werden, sollten sinnvoller angelegt werden.
andihh75 22.09.2014
4.
Sucht die Lobby der Alkohol und andere Genussmittel produzierenden Industrie nun wieder Argumente gegen kiffen? Nachdem es in den USA zum Teil legalisiert wurde, habe ich den Eindruck es wird an allen Ecken und Enden versucht etwas negatives über Marihuana zu finden damit es hierzulande bloß verboten bleibt! ? Gewiss sollte es nicht verharmlost werden, allerdings erkranken dank der Alkohol Lobby und den gewollt niedrigen Preise für deren Fusel jährlich sehr viele Menschen an Lebererkrankungen usw. Dies stört in meinen Augen niemanden bzw.niemand (in diesem Fall unsere lieben Volksvertreter) traut sich mit der Alk.Lobby anzulegen!
hobbyleser 22.09.2014
5. Fiktion?
Dieser Mann behauptet, Prof. Börne zu sein. Aber ist er es wirklich? Investigative Recherchen haben ergeben, dass es sich bei diesem Mann lediglich um einen Schauspieler mit dem Namen Jan Josef Liefers handelt. Auch ist der Tatort anscheinend nichts weiter als ein Sonntagabendkrimi und nicht Realität.
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