Umstrittene Therapie: Mykayla, 7, kämpft gegen den Krebs - mit Cannabis

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Mykayla ist sieben Jahre alt, hat Blutkrebs, macht eine Chemotherapie - und schluckt zweimal täglich eine Cannabis-Kapsel. Im US-Bundesstaat Oregon ist das gesetzlich erlaubt, die Eltern stehen hinter der Therapie. Doch der Fall hat in den USA eine stürmische Debatte ausgelöst.

Siebenjährige schluckt Cannabis-Öl: Brave Mykayla Fotos
AP/ The Oregonian

Mykayla Comstock sitzt auf dem braunen Sofa im Wohnzimmer. Sie trägt einen lilafarbenen Kapuzenpulli, die türkis-violette Strickmütze hängt ihr tief in das mit Sommersprossen gesprenkelte Gesicht. Mykayla wirkt verunsichert und lehnt den Kopf an die schützende Schulter ihrer Mutter. Schüchtern spricht die Siebenjährige in die Kamera: "Ich bin die tapfere Mykayla", sagt sie.

"Wie wurde aus dir die tapfere Mykayla?", fragt eine Reporterin hinter der Kamera. "Warum bist du nicht einfach nur Mykayla?" "Hm", sagt das Mädchen und zieht beide Schultern nach oben. Dann denkt es nach, atmet tief aus und sagt mit fester Stimme: "Ich war schon immer die tapfere Mykayla." Wieder fragt die Reporterin nach: "Wie kam es dazu, dass du tapfer sein musstest?" Mykaylas Antwort ist kurz: "Ich habe Krebs."

Das Video mit der Siebenjährigen. aufgenommen von Reportern der US-Zeitung "The Oregonian", hat in den USA eine stürmische Debatte ausgelöst - und Mykayla innerhalb von wenigen Tagen zu einem der berühmtesten krebskranken Kindern des Landes gemacht. Mykayla leidet an der Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL), einer aggressiven Form von Blutkrebs, die 80 Prozent aller an Blutkrebs erkrankten Kinder betrifft. Mykaylas Behandlung besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: Chemotherapie und Cannabis.

Mykayla ist eines von 52 Kindern im US-Bundesstaat Oregon, die am "Medical Marijuana Program" teilnehmen. Insgesamt haben etwa 2200 Krebspatienten in dem Staat die offizielle Erlaubnis, Marihuana als Medizin zu nutzen. Diese wird von einem Arzt erteilt, sofern dafür eine medizinische Notwendigkeit und bei Kindern das elterliche Einverständnis bestehen. Die Höhe der Dosis sowie die Häufigkeit der Einnahme bleibt den Betroffenen oder ihren Eltern überlassen. So sieht es das Gesetz in Oregon vor.

"Es macht mich lustig"

Jeden Morgen und Nachmittag schluckt Mykayla eine Kapsel mit Cannabisöl, insgesamt ein Gramm. Der Extrakt enthält den berauschenden Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, bekannt als THC, in einer viel höheren Dosis, als er in einem Joint vorkommt. "Es macht mich lustig", sagt Mykayla. Ihre Mutter kichert, Mykayla auch. "Und glücklich."

Das THC hilft dem Mädchen vor allem, die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu umgehen. "Wegen ihr kann ich nur schlecht essen. Und mir wird übel", erzählt die Siebenjährige von der Behandlung. "Ohne Cannabis fühle ich mich müder. Mit Cannabis habe ich mehr Energie zum Spielen." Keine Schmerzen mehr, keine Übelkeit, der Appetit ist zurückgekehrt - und der Krebs scheint sich zurückzubilden.

Seit dem Bericht im "The Oregonian" hat Mykaylas Familie, die in einfachen Verhältnissen in einem Ort namens Gladstone lebt, kaum Ruhe. Journalisten belagern sie, alle wollen ein Interview mit dem kleinen Mädchen oder ihren Eltern führen. Die Eltern, das sind für Mykayla ihre leibliche Mutter Erin Purchase und deren Freund Brandon Krenzler. Beide sind noch jung, Purchase bekam ihre Tochter im Alter von 17 Jahren. Von Mykaylas leiblichem Vater Jesse Comstock trennte sie sich früh. Comstock zahlt Unterhalt für die Siebenjährige und ihre Krankenversicherung.

Beschimpfungen und Verständnis zugleich

Als Comstock eines Tages im August zu Besuch kam, fand er seine Tochter, so erzählt er es, "vollkommen stoned" vor. Jetzt macht er sich Sorgen, seine Tochter könnte abhängig werden. "Sie ist nicht todkrank", sagt Comstock. Den Krebs werde sie besiegen. Aber mit dem "ganzen Hasch werden sie ihr Gehirnwachstum behindern". Ähnlich entsetzt äußern sich viele Leser in den Kommentaren zum "The Oregonian"-Artikel, sie beschimpfen Mykaylas Eltern wüst. Von Verantwortungslosigkeit ist die Rede und von möglichen schrecklichen Nebenwirkungen - besonders bei einem Kind.

Etliche andere aber verstehen die Aufregung nicht: "Sie geben dem Kind Gift (Chemo), um Krebszellen zu töten, und dann macht man sich Sorgen über das Hasch?", schreibt einer. Eine andere Frau glaubt im Forum gar zu wissen, dass es dem Cannabisöl zu verdanken sei, dass der Krebs zurückgeht.

Nicht nur viele Artikel, die den Fall aufgegriffen haben, titeln in die gleiche Richtung: "Siebenjährige besiegt mit Cannabis den Krebs", heißt es etwa. Auch Mykaylas Familie ist überzeugt, dass dem Mittel der Erfolg zu verdanken ist. Auf etlichen Fotos in ihrem Facebook-Profil posiert das kleine, fast kahlköpfige Mädchen mit den niedlichen Sommersprossen lächelnd mit einem Stück Karton. Auf dem steht: "Cannabis ist meine Medizin, und es hat meinen Krebs geheilt."

Ist Cannabis eine Hoffnung für Krebskranke?

Es ist eine Hoffnung, die das Mädchen und ihre Eltern mit vielen Krebskranken teilen - die Studienlage dazu ist bisher allerdings noch dünn. Zwar gibt es Untersuchungen, denen zufolge Cannabinoide, also die Wirkstoffe der Hanfpflanze, bei der Behandlung bestimmter Krebsarten helfen könnten. Immer wieder beobachten Forscher, dass sie die Ausbreitung von Tumorzellen blockieren oder zum Tod von Krebszellen führen können. Allerdings wurde der Effekt bisher nur in Zellkulturen oder bei Mäusen nachgewiesen, Studien mit Menschen fehlen noch.

Ebenso unklar ist, welchen Einfluss eine längerfristige Cannabis-Einnahme bei Kindern und Jugendlichen haben könnte. Zumindest der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten scheint Cannabis zu schaden: Erst im August erschien eine Langzeitstudie, die Hinweise darauf liefert, dass langjähriges Rauchen von Marihuana den IQ eines Menschen senkt, besonders bei Jugendlichen. Gut dokumentiert ist dagegen die Wirksamkeit von Cannabis gegen Übelkeit, Erbrechen und starke oder chronische Schmerzen. Deshalb dürfen seit Mai 2011 auch in Deutschland cannabishaltige Arzneimittel hergestellt und nach klinischer Prüfung in bestimmten Fällen verschrieben werden.

Grundsätzlich spricht viel dafür, dass das Cannabis die Nebenwirkungen der Chemotherapie zwar reduzieren kann. Dass Cannabis Mykaylas Erkrankung geheilt haben soll, lässt sich aber nicht nachweisen. Wahrscheinlicher ist, dass die Chemotherapie dem Mädchen half. Laut der Gesellschaft für Pädriatische Onkologie und Hämatologie (GPOH) können heutzutage mit Hilfe von Kombinations-Chemotherapien fast 80 Prozent der betroffenen Kinder dauerhaft von ALL geheilt werden. In manchen Fällen ist eine Bestrahlung oder eine Stammzelltransplantation notwendig. Beides blieb Mykayla erspart.

Erin Purchase und ihr Freund mussten nicht lange überlegen. Sie entschieden sich sofort für eine Chemotherapie - und beantragten nur wenige Tage nach dem ersten Behandlungszyklus den Cannabis-Schein für ihre Tochter. Beide sind von der heilenden Kraft von Cannabis überzeugt und kennen sich bestens damit aus: Auch Purchase war bereits Teilnehmerin des "Oregon Medical Marijuana Program". In einer US-Sendung erzählte sie, sie habe wegen Stoffwechselproblemen teilgenommen. Und Cannabis habe ihr gegen die Übelkeit bei der Schwangerschaft ihres zweiten Kindes geholfen.

Für Mykaylas Eltern steht fest: Trotz aller Kritik, sie würden jederzeit wieder so handeln.

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1.
boeseHelene 06.12.2012
Zitat von sysopAP/ The OregonianMykayla ist sieben Jahre alt, hat Blutkrebs, macht eine Chemotherapie - und schluckt zweimal täglich eine Cannabis-Kapsel. Im US-Bundesstaat Oregon ist das gesetzlich erlaubt, die Eltern stehen hinter der Therapie. Doch der Fall hat in den USA eine stürmische Debatte ausgelöst. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/cannabis-krebs-der-7-jaehrigen-mykayla-soll-mit-drogen-therapiert-werden-a-871095.html
eine schwere Entscheidung, aber ich denke die Eltern haben richtig entschieden. Die Kritiker sollen sich doch bitte mal überlegen was sie tun würden wäre Mykayla ihre Tochter. Im übrigen kann man viele Medikamente auch als Drogen missbrauchen, aber deswegen würde man sie kranken Menschen die sie benötigen weil Krankheiten heilen oder wie in diesem Fall Linderung verschaffen bei den Nebenwirkungen der Chemotherapie nicht vorenthalten.
2. doppelmoral
Marco_P. 06.12.2012
|Zitat|Und Cannabis habe ihr gegen die Übelkeit bei der Schwangerschaft ihres zweiten Kindes geholfen.|/Zitat| *stutz* öhm... gesunde Embryonen THC auszusetzen ist doch gefährlicher als die Verwendung im Zuge einer Chemo bei Kleinkindern, oder? Man sollte es nicht übertreiben mit dem Zeug. Dennoch: wunderbares Beispiel, warum die aktuelle Gesetzeslage (BtmG in D.) ein Produkt von missinformierender Lobbyarbeit der konservativen Pharmaindustrie ist-
3.
nordschaf 06.12.2012
Zitat von sysopAP/ The OregonianMykayla ist sieben Jahre alt, hat Blutkrebs, macht eine Chemotherapie - und schluckt zweimal täglich eine Cannabis-Kapsel. Im US-Bundesstaat Oregon ist das gesetzlich erlaubt, die Eltern stehen hinter der Therapie. Doch der Fall hat in den USA eine stürmische Debatte ausgelöst. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/cannabis-krebs-der-7-jaehrigen-mykayla-soll-mit-drogen-therapiert-werden-a-871095.html
Meine Mutter hat sich im Alter von nur 55 Jahren vor ca. 10 Jahren während der Chemo buchstäblich zu Tode gekotzt (was länger dauert, als man als Angehöriger mit ansehen möchte), nachdem die Standardmedikamentierung gegen die Nebenwirkungen der Chemo nicht half. Vermutlich würde Sie heute auch nicht mehr leben, wenn sie gegen die Nebenwirkungen hätte Cannabis nehmen können, aber vielleicht hätte sie wenigstens noch ihre zweite Enkeltochter kennengelernt. Voraussichtlich wird jeder dritte, der hier schreibt, irgendwann an Krebs erkranken. Ich hoffe nur, sollte es mich irgendwann erwischen, dass Cannabis dann endlich aus der Schmuddelecke raus ist und medizinisch eingesetzt werden kann.
4. Stürmische Debatte
pannen 06.12.2012
Ein paar Kinder, die medizinisch begründet Cannabis nehmen sind ein Riesenaufreger während tausende andere täglich Ritalin und Co. schluckenund sich keiner daran stört. Aber die leiden ja auch an schlimmen ADHS - nicht nur an Krebs und Ritalin ist ordentliches Medikament und keine Droge.
5. Heutige Gesellschaft
Rasheed Wallace 06.12.2012
Jaja, gibt ihr doch lieber Milliardenmedikamente der grossen Pharmafirmen, diese sind natürlich absolut ohne Nebenwirkungen... Wenn man nicht alles verteufeln wüde, könnte man seriöse Forschung mit gewissen "Drogen" betreiben, LSD oder MDMA könnten gewinnbringend eingesetzt werden um psychische Krankheiten zu heilen, oder wenigstens Ansätze dazu. Aber nein, es sind böse Substanzen und wer sich damit befasst ist automatisch ein Drogenjunkie. Viel Lieber säuft man sich als Politiker einen Bierrausch auf dem Oktoberfest an, als sich mit mächtigen "Drogen" zu befassen.
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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