US-Seuchenschutz Darum will Trump sieben Wörter verbieten

Fötus, Transgender, Vielfalt: Die US-Seuchenschutzbehörde CDC soll in ihren Budgetverhandlungen auf sieben Wörter verzichten. Was bedeutet es, wenn sie nicht mehr auftauchen?

US-Seuchenschutzbehörde CDC
AP/dpa

US-Seuchenschutzbehörde CDC

Von


Wenn die US-Seuchenschutzbehörde CDC Geld will, sollte sie in den Budgetverhandlungen fürs kommende Haushaltsjahr auf sieben Wörter verzichten: Laut Berichten der "Washington Post" und "New York Times" gab es diese Ansage bei einem Treffen am vergangenen Freitag. Für einige der nun offensichtlich unangebrachten Begriffe gab es demnach Ersatzvorschläge, für andere nicht.

Egal ob das nun ein von oben erlassenes Wortverbot ist oder nur eine innerbehördliche Empfehlung, die darauf zielt, der CDC möglichst viel Budget zu verschaffen - die Konsequenz ist dieselbe: Für bestimmte Themenfelder gibt es noch weniger oder gar kein Geld. Deshalb lohnt es sich, jedes dieser sieben Wörter genau zu betrachten. Was bedeutet es, wenn sie nicht mehr auftauchen?

1) Transgender

Wenn die Regierung nicht mehr das Wort Transgender lesen will, dann kann die CDC auch keine Programme dazu aufsetzen. Zur Erinnerung: Für Trump sind Transgender Menschen, die immense Summen kosten und stören und deshalb auch nicht im US-Militär dienen dürfen. Richter waren da allerdings anderer Meinung als der Präsident. Trump beschäftigte sich sogar damit, welche Toiletten und Umkleideräume Transgender-Schüler und -Studenten nicht nutzen dürfen.

2) Verwundbar, 3) Anspruch

Gibt die Regierung kein Geld frei, sobald sie verwundbar oder Anspruch ("Entitlement") liest, dann kann die CDC zum Beispiel schlecht untersuchen, inwieweit die durch Barack Obama eingeführte Krankenversicherung das Leben von rund 20 Millionen US-Bürgern verbessert hat, die nun erstmals eine solche Absicherung haben.

Denn unter den Empfängern des Affordable Care Acts sind sicher viele Menschen zu finden, die man aus Sicht der medizinischen Forschung als "verwundbar" einstufen kann. Es gilt nämlich: Wer wenig Geld hat, einen niedrigen sozialen Status, kein stützendes Umfeld, wer stigmatisiert wird und einen erschwerten Zugang zu medizinischer Versorgung hat, der hat ein erhöhtes Risiko, ein Gesundheitsproblem zu entwickeln.

Zurzeit haben viele "Verwundbare" einen "Anspruch" auf Krankenversicherung - weil Trump seine Pläne, Obamacare sofort abzuschaffen und zu ersetzen, bislang politisch nicht durchsetzen konnte.

4) Vielfalt

Taucht das Wort Vielfalt ("Diversity") nicht im künftigen Budgetplan der CDC auf, dann wird es die Behörde schwerer haben, der Vielfalt sexueller Präferenzen sowie der Vielfalt verschiedener Ethnien in den USA Rechnung zu tragen.

Eine Meldung der Nachrichtenagentur AP verdeutlicht, in welche Richtung es geht, wenn diese vier Wörter in den Budgetplanungen nicht auftauchen. Eine Quelle sagte der AP, CDC-Mitarbeiter wurde bereits aufgetragen, bei Präsentationen oder öffentlichen Vorträgen nicht mehr von "Health Equity" zu reden. Der Begriff steht für das Ziel, allen Menschen die gleiche Chance zu geben, in Gesundheit zu leben, indem man Hindernisse wie Armut oder Rassendiskriminierung ausräumt.

Es sieht also alles danach aus, als verfolge die Regierung das Ziel, Ungleichheiten zu fördern.

5) Fötus

Auch der Begriff Fötus ist unerwünscht. Ein Fötus ist ein Embryo, dessen innere Organe sich bereits gebildet haben, beim Menschen also ab der 9. Schwangerschaftswoche. Wie einige republikanische Präsidenten vor ihm erließ Trump ein Dekret, durch das die US-Regierung keine Entwicklungshilfe an Organisationen zahlt, die Abtreibungen unterstützen.

Der Fototermin zur Unterschrift verdeutlicht nebenbei, was Trump von Vielfalt hält: Sieben weiße Männer sehen ihm dabei zu, wie er ein Schriftstück unterschreibt, das vor allem die Gesundheit nicht-weißer Frauen betrifft.

Ein ähnliches Bild stammt von einer Veranstaltung, bei der die Auswirkungen der geplanten Gesundheitsreform auf die Versorgung von Schwangeren und Müttern diskutiert wurden.

Wer nicht Fötus schreiben darf, hat bei allem rund ums Thema Schwangerschaft ein Problem. Vielleicht darf die CDC auf den Begriff Embryo ausweichen? Oder sie spricht künftig von ungeborenen Babys? Oder wird sie sich künftig noch weniger um die Gesundheit von werdenden Müttern und ihren Föten kümmern, obwohl die USA schon jetzt eine für einen Industriestaat hohe Mütter- und Kindersterblichkeit haben?

6) Auf wissenschaftlicher Grundlage, 7) auf der Grundlage von Beweisen

Für die letzten beiden Begriffe auf der Liste wurden laut dem Bericht der "Washington Post" Alternativformulierungen vorgeschlagen. Nicht mehr erwähnen soll die CDC demnach "auf wissenschaftlicher Grundlage" ("science-based") und "auf der Grundlage von Beweisen/Belegen" ("evidence-based"). Stattdessen sollte es heißen, dass "die CDC ihre Empfehlungen auf die Wissenschaft unter Abwägung gesellschaftlicher Maßstäbe und Wünsche stützt".

Das mag auf den ersten Blick harmlos oder gar sinnvoll klingen, doch es ist das Gegenteil. Evidenz- und wissenschaftsbasierte Medizin bezieht Patientenwünsche selbstverständlich mit ein. Gesellschaftliche Maßstäbe und Wünsche aber sind etwas anderes. Muss die CDC etwa beim Thema Abtreibungen künftig also nicht nur das Wort Fötus umgehen, sondern auch immer mit einfließen lassen, dass es in den USA eine relevante Gruppe von Abtreibungsgegnern gibt?

Was passiert, wenn sich Gruppen wünschen, dass Kinder nicht mehr oder anders geimpft werden? Trump selbst hat häufiger behauptet, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus, obwohl die wissenschaftliche Beweislage diese Behauptung nicht stützt.

Muss die CDC dann ihre Empfehlungen dem Wunsch anpassen, trotz aller wissenschaftlichen Daten? Wissenschaftliche Fakten gegen Wünsche aufwiegen, untergräbt die Wissenschaft und öffnet das Tor für "alternative Fakten".

Vermutlich wünschen sich gerade viele Forscher, der wissenschaftliche Berater des US-Präsidenten würde in dieser Situation das Wort ergreifen und vermitteln. Doch Donald Trump hat bisher niemanden für dieses Amt ernannt und den Posten damit länger vakant gelassen als alle Präsidenten in den vergangenen Jahrzehnten.

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
egoneiermann 18.12.2017
1.
Das sind die Leute die klagten, dass PC Zensur wäre. Und was machen sie als erstes, nachdem sie an der Macht sind, bestimmte Worte verbieten. Wieder einmal zeigt es sich, dass Rechtspopulisten genau das machen, was sie vorher beklagen: Medien gleichschalten, Zensur etc.
Profdoc1 18.12.2017
2. eine Katastrophe
In einem Land, dass jahrzehntelang führend in der Wissenschaft war, wird 'gleichgeschaltet'. Für mich unerträglich! Dieser Unfug muss endlich beendet werden.
Europa! 18.12.2017
3. Untauglicher Versuch
Im Englischen gibt es den Ausdruck "weasel words". Das sind Euphemismen, mit denen Dinge verschleiert werden sollen. Einige dieser "weasel words" will Trump jetzt aus dem Verkehr ziehen. Leider wird ihm das nicht gelingen. Wiesel sind schwer zu fangen. Besser ist es wohl, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was solche Wörter verschleiern sollen. Ob der Artikel ein Beitrag dafür war, sei dahingestellt. Mir schien er eher darauf abgestellt, die Verschleierung zu verbessern.
unumvir 18.12.2017
4.
Die Geschichte wird sowohl von Dr. Brenda Fitzgerald (director des CDC) als auch von Matt Lloyd (Sprecher des department of health and human services - HHS) energisch dementiert.
disklord 18.12.2017
5. Bitte was?
Zitat von Europa!Im Englischen gibt es den Ausdruck "weasel words". Das sind Euphemismen, mit denen Dinge verschleiert werden sollen. Einige dieser "weasel words" will Trump jetzt aus dem Verkehr ziehen. Leider wird ihm das nicht gelingen. Wiesel sind schwer zu fangen. Besser ist es wohl, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was solche Wörter verschleiern sollen. Ob der Artikel ein Beitrag dafür war, sei dahingestellt. Mir schien er eher darauf abgestellt, die Verschleierung zu verbessern.
Seit wann ist denn bitte schön Fötus ein Euphemismus? Das selbe gilt für 'auf wissenschaftlicher Grundlage' oder 'auf Grundlage von Beweisen'. Das Wiesel ist der Potus, der sich die Welt so biegt, wie sie im gefällt. Der Status verwundbar ist vermutlich schon ein 'weasel word', aber leider in die andere Richtung (Durchs soziale Netz gefallen und bereits aufgeprallt). Also eigentlich noch zu harmlos für das was Trump gerne verschleiern würde. Trotzdem möchte er nicht, daß das Thema auf den Tisch kommen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.