Kampf gegen Cellulite Die Delle der Frau

Jedes Jahr vor der Badesaison beginnen Frauen ihr Anti-Cellulite-Programm. Schwitzen bei der Bauch-Beine-Po-Gymnastik, stundenlange Creme-Massagen. Besser wäre es, sie würden sich mit ihren Dellen anfreunden.

Von

Corbis

Pippa Middleton hat Cellulite! Die Nachricht verbreitete sich schnell in den internationalen Klatschmedien. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Kate hatte die Engländerin gestrahlt - die "Daily Mail" kürte sie zu "Her Royal Hotness". Dann kam das Paparazzi-Foto: Dellen gruben sich beim Joggen in die nackten Oberschenkel der Schönheit.

Dies war nicht der erste Hautskandal, den das englische Königshaus durchleben musste. Auch bei Lady Diana hatten Reporter im Jahr 1996 Grübchen an den Oberschenkeln gesichtet. Die Prinzessin der Herzen dementierte prompt: Sie habe zuvor auf einem Barhocker gesessen, auf unvorteilhaften Noppen natürlich. Sogar zehn Jahre nach ihrem Tod, im Jahr 2007, beschäftigte sich die "Daily Mail" noch mit dem Fall: Die Vorwürfe hätten die Prinzessin tief getroffen, schrieb die Zeitung nach einem Gespräch mit Harry und William.

Mit zuverlässiger Regelmäßigkeit herrscht Cellulite-Alarm in den bunten Blättern, neben Pippa Middleton traf es in den vergangenen Monaten auch Halle Berry und Jennifer Lopez. Verwunderlich ist das nicht. Dass eine Frau im Laufe ihres Lebens Dellen an Oberschenkeln, Po oder Bauch entwickelt, ist fast so wahrscheinlich, wie dass ihr Brüste wachsen.

Wer die Studien zu dem Thema durchforstet, erfährt, dass 80 bis 90 Prozent aller Frauen über 20 Jahren Anzeichen für die Hubbelhaut besitzen. Männer hingegen bleiben fast immer verschont. "Männer bekommen dicke Bäuche, aber in der Regel keine Cellulite", sagt Tatjana Pavicic, die als Dermatologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitet. Nur wenn es ihnen an männlichen Sexualhormonen mangele, entwickelten auch sie die Dellen.

Die Dellen wegzaubern? Quasi unmöglich!

Ursache der Cellulite ist eine aus ästhetischer Sicht unglückliche Art der Fettspeicherung. Während Männer ihre Fettreserven vor allem zwischen den Organen im Bauchraum anlagern und einen Kugelbauch bekommen, lenken weibliche Sexualhormone die Reserven bevorzugt unter die Haut an Po und Oberschenkeln.

Treffen sie dort auf ein schwaches Bindegewebe, können sich die Fettzellen zu vergleichsweise großen Paketen zusammenschließen und in die Haut drücken. Es entstehen Hubbel, die Cellulite tritt zutage, liebevoll auch Orangenhaut oder Hagelschaden genannt.

Wie stark die Cellulite ausfällt, ist auch genetisch programmiert. Eine dünne Haut etwa, eine schlechte Durchblutung, Wassereinlagerungen oder ein aufgeräumtes Bindegewebe können Ursache für Cellulite sein.

Zwar können die Betroffenen mit Sport, einer gesunden Ernährung und Massagen das Hautbild glätten. Mit den Anlagen zur Cellulite bekommen jedoch selbst dünne Sportlerinnen die Dellen nie ganz weg.

Cellulite ist wie Penisneid oder Haarausfall

Trotzdem investieren Frauen weltweit jedes Jahr rund drei Milliarden Dollar in Anti-Dellen-Produkte. Cremes, Roller, Öle und Pflaster sollen es richten, mit Extrakten aus weißem Tee oder Klettenfrucht die Produktion von Kollagen und Hyaluronsäure anregen, das Bindegewebe stärken und die Haut straffen.

Tatsächlich hält kaum ein Produkt, was es verspricht, wie ein Bericht der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2009 zeigt. 300 Frauen cremten, massierten, pflasterten und hofften - vergeblich. Alle zehn Produkte fielen durch, Cellulite-Wirkung mangelhaft. Noch fehlt ein Wundermittel, auch weil es kaum objektive, unabhängige Forschung zu den Dellen gibt.

Die Cellulite existiert in der medizinischen Fachliteratur quasi nicht. Eine Suche im renommierten "British Medical Journal" etwa liefert nur einen Treffer: Ein Artikel aus dem Jahr 2002, in dem der damalige Herausgeber über "Nicht-Krankheiten" wettert. Cellulite nennt er in einem Atemzug mit Penisneid, Sommersprossen, Altern und Haarausfall. Selbst in Dermatologie-Büchern reicht das Hautbild meist nur für einen Randvermerk.

Schöne Werbebotschaften, kaum Fachwissen

Stattdessen liegt die Cellulite-Forschung vor allem in der Hand der Kosmetikhersteller, die dem komplexen Hautbild kaum etwas entgegenzusetzen haben: Bindegewebe, Durchblutung, Hormone, Hautdicke und Wassereinlagerungen, zu viele Faktoren spielen eine Rolle.

"Zudem wollen die Unternehmen ihre Mittel schnell auf den Markt bringen und nicht erst die Ergebnisse aus Langzeitstudien abwarten", sagt Pavicic. Für die Behörden reicht es aus, wenn Kosmetikhersteller belegen, dass die Inhaltsstoffe neuer Produkte unbedenklich sind. Anders als Arzneimittel müssen Kosmetika keine nachgewiesenen Effekte haben. So forschen viele Unternehmen gerade genug, um schöne Werbebotschaften rechtfertigen zu können.

In den meisten Fällen testen 30 bis 40 Frauen die Neuentwicklungen und dokumentieren ihre Erfahrungen. Ein einfaches "Die Creme hat mir geholfen" reiche für Botschaften wie "vermindert die Cellulite bei 86 Prozent der Frauen" aus, berichtet Pavicic. Wissenschaftliche Aussagekraft haben solche Tests kaum: Die Anzahl der Teilnehmer ist zu gering, die Bewertung zu subjektiv. Eine wissenschaftlich fundierte Analyse der Cellulite, etwa mit Ultraschall, erfolgt kaum.

Auch teure Behandlungen durch Ärzte und Kosmetiker nutzen häufig wenig. Im Jahr 2010 analysierten Forscher mehr als 50 verschiedene Therapieverfahren. Ob Ultraschall, Rollmassage oder Laser, keine der Methoden konnte einen Erfolg garantieren. Selbst wer sich Fett absaugen lässt, verschlimmert das Hautbild im Zweifel eher, als dass er es verbessert.

Orientieren an der früheren Gelassenheit

Besser fährt, wer sich gesund ernährt, bewegt und ansonsten an der Gelassenheit der Vergangenheit orientiert. Ende des 16. Jahrhunderts malte Peter Paul Rubens seinen drei Grazien eine regelrechte Kraterlandschaft auf die Oberschenkel, bis Anfang der siebziger Jahre kannten selbst Frauenzeitschriften keine Dellen-Probleme.

Heute befindet sich die Gesellschaft stattdessen im Magerwahn. "Es reicht nicht mehr aus, einfach nur eine schlanke Frau zu sein. Auch Claudia Schiffer ist heute dünner als früher", sagt Pavicic. Mit dem schlanken Schönheitsideal ist die Cellulite zunehmend in Verruf geraten, obwohl selbst dünne Frauen betroffen sind.



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insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Ylex 20.06.2012
1. Nämlich
Eine Frau ohne Dellen ist wie Wasser ohne Wellen.
Dumme Fragen 20.06.2012
2. Oder aber:
Ihr Mädels sammelt mal ganz viel Geld und lasst eine Studie durchführen, die in der Zulassung des Wirkstoffs mündet, der Cellulite beseitigen kann. Den gibt es schon (da gab es vor Jahren mal eine Doku bei Arte oder 3sat oder so drüber), der ist aber schon so alt, dass niemand mehr ein Patent drauf hat. Es gibt aber noch keine Studie über die orale Aufnahme bzw. die Injektion in die betroffenen Hautregionen. Die Kollagenmatrix kann damit nämlich wieder aufgebaut/repariert werden. Die Substanz ist in vielen Cremes enthalten, weil bekannt ist, dass sie Kollagen reparieren kann - nur - !! sie dringt nicht durch die Haut durch! Würde sie das tun, wäre sie ein Medikament und dürfte nur noch nach Verschreibung in Apotheken verkauft werden - und dann würde die ganze Tiegelindustrie pleite gehen...
veromat 20.06.2012
3. wie passend...
... ist es doch, ein Foto von einem gephotoshoppten Oberschenkel ohne Poren und Dellen zu Nehmen! Das macht Mut und macht den Text noch mal extra-glaubwürdig!
Surgeon_ 20.06.2012
4. Na und ??
Ein gewisses Maß an Cellulite hat jeder Mensch und ist normal. NICHT normal sind dagegen allerdings spindeldürre Models und Frauen, die wie Plastikpuppen aussehen. Auch so glatt ! Ich will eine Frau sehen und fühlen, die ein Idividuum ist und keine Plastik-Barbie-Replik !
DieterKühne 20.06.2012
5.
Der Vergleich mit dem Penisneid ist herrlich treffend, und beides ist gleich lächerlich. Wie hoch ist der Mehrwert von glatter Haut und einem "Dicken in der Hose", wenn Frau/Mann so einfältig sind? Besser das Selbstbewusstsein und damit die Ausstrahlung trainieren als sich vor dem Spiegel "zu sezieren".
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