Diagnose bei Charlie Sheen Moderne Therapie hält HIV in Schach

"HIV-positiv" - die Diagnose, die auch Charlie Sheen erhalten hat, ist längst kein Todesurteil mehr. Viele Infizierte können ein fast normales Leben führen. Die wichtigsten Fakten zur Infektion des TV-Stars im Überblick.

Symbol gegen Aids: Noch immer sterben jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen an den Folgen einer HIV-Infektion
DPA

Symbol gegen Aids: Noch immer sterben jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen an den Folgen einer HIV-Infektion


Weltweit leben 37 Millionen Menschen mit einer HIV-Diagnose. 83.400 von ihnen in Deutschland, etwa 1,2 Millionen in den USA. Einer der Betroffenen ist Charlie Sheen, wie der ehemalige "Two and a Half Men"-Schauspieler nun selbst bestätigt hat. Bereits im Vorfeld berichteten viele Klatschblätter abfällig über den Schauspieler und seine Infektion. Noch immer haben Betroffene mit Stigmatisierung zu kämpfen.

Heilen lässt sich die Infektion tatsächlich nicht. Doch moderne Medikamente ermöglichen es vielen Infizierten, ein langes und weitgehend normales Leben zu führen - zumindest in westlichen Staaten, wo die medizinische Versorgung gut ist und die Menschen sich Medikamente leisten können, die das Virus in Schach halten.

So funktioniert die Therapie

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) befällt Zellen des Immunsystems, baut seine eigene Erbinformation in die DNA der Zellen ein und bringt sie so dazu, immer neue Viren herzustellen. Antiretrovirale Medikamente können das unterbinden. Sie verhindern, dass das Virus Zellen befällt, seine DNA dort einbaut oder dass die Zellen beginnen, Viruskopien herzustellen.

In der Regel nehmen Infizierte mehrere solcher Präparate gleichzeitig. So lässt sich die Zahl der Viren in ihrem Blut (Viruslast) teils so stark reduzieren, dass sie nicht mehr nachgewiesen werden können. Allerdings lagern nach wie vor Viren in Reservoiren in ihrem Körper.

Was bringt die Behandlung?

Kann sich das Virus nicht ungestört im Körper ausbreiten, bleiben die Infizierten länger gesund. Der Ausbruch der tödlichen Immunschwächekrankheit Aids lässt sich so über viele Jahre und Jahrzehnte hinauszögern. Aids tritt infolge einer HIV-Infektion auf, wenn das Virus das Immunsystem so stark geschädigt hat, dass es den Körper nicht mehr ausreichend schützen kann.

Durch die Therapie sinkt auch das Risiko, dass Infizierte das Virus weitergeben. Ein absolut sicherer Schutz ist das aber nicht (siehe unten).

Wie jede wirksamen Therapie können allerdings auch antiretrovirale Medikamente zu Nebenwirkungen führen. Häufig fühlen sich die Patienten zu Beginn der Behandlung müde, leiden unter Übelkeit, Durchfall, Hautausschlägen und Kopfschmerzen. Selten kommt es auch im Verlauf der Behandlung zu schwereren Nebenwirkungen.

Wie beeinflusst die Infektion Alltag und Sexleben?

Die meisten Betroffenen, die sich heutzutage mit dem Virus infizieren und rechtzeitig eine Therapie bekommen, können ein weitgehend normales Leben führen, arbeiten gehen, Sport treiben, Freunde treffen, unter Berücksichtigung von Schutzmaßnahmen Sex haben und eine Familie gründen.

Das HI-Virus wird über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma oder Scheidenflüssigkeit weitergegeben. Die meisten Menschen infizieren sich beim Geschlechtsverkehr. Kondome schützen davor. Ist die Viruslast durch die antiretrovirale Therapie dauerhaft unter der Nachweisgrenze, kann auch das nach derzeitigem Wissenstand eine Ansteckung ähnlich zuverlässig verhindern wie ein Kondom. Studien hierzu laufen noch.

Einen Schutz bietet die Methode allerdings nur dann, wenn der Infizierte seine Medikamente richtig einnimmt. Für flüchtige Begegnungen ist sie daher nicht geeignet. Auch aus rechtlicher Sicht, sind HIV-Infizierte nur vor Klagen wegen versuchter Körperverletzung geschützt, wenn sie ein Kondom verwenden - außer ihr Partner wusste von der Infektion und hat bewusst entschieden, auf die Therapie-Methode zu vertrauen.

Über Speichel, Tränenflüssigkeit oder Urin wir das HI-Virus nicht übertragen. Daher stellt Küssen, Umarmen, aus dem gleichen Glas trinken wie ein HIV-Infizierter oder Niesen kein Risiko dar.

Wer wird behandelt?

Im Oktober 2015 berichtete die WHO, alle HIV-Infizierten sollten künftig direkt nach der Diagnose Medikamente bekommen, um die Ausbreitung des Virus im Körper so früh wie möglich zu unterdrücken. Die WHO empfiehlt zudem allen gesunden Menschen, die ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben, eine Präexpositionsprophylaxe (PrEP) anzubieten. Sie soll vor einer Infektion schützen. Allerdings müssen Nutzen und Nebenwirkungen hier gründlich abgewogen werden.

Ein wesentliches Problem bei der HIV-Therapie sind die hohen Kosten. Laut einer Kosten-Nutzen-Analyse der US-amerikanischen "Centers for Disease Control and Prevention" kostet die HIV-Behandlung pro Patient im Schnitt etwa 23.000 Dollar (umgerechnet etwa 21.000 Euro) im Jahr (Stand 2010). HIV-Infizierte in den USA müssen Teile der Behandlung in der Regel selbst zahlen. Wer nicht krankenversichert ist und zu wenig Geld hat, kann staatliche Hilfe oder Förderung bei privaten Stellen beantragen.

In Deutschland sind die Kosten ähnlich hoch, werden aber zum größten Teil von den Krankenkassen übernommen. Weltweit erhalten laut WHO aber nur etwa 40 Prozent der Betroffene eine antiretrovirale Therapie (Stand Ende 2014). Noch immer sterben jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen an den Folgen einer HIV-Infektion (Stand 2013). Die meisten von ihnen in Afrika.

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jme

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