Experiment in China Angeblich genmanipulierte Zwillinge geboren

Ein chinesischer Forscher behauptet, zwei kürzlich geborene Mädchen während der Embryonalentwicklung genetisch verändert zu haben. Die internationale Forschergemeinde ist entsetzt.

Künstliche Befruchtung: Welche Erbkrankheiten sind so schlimm, dass sie vor der Geburt behoben werden sollten?
imago/ Science Photo Library

Künstliche Befruchtung: Welche Erbkrankheiten sind so schlimm, dass sie vor der Geburt behoben werden sollten?


Es wäre ein riesiger - und vor allem heftig umstrittener - Sprung in der Forschung: Einem chinesischen Wissenschaftler zufolge sind weltweit erstmals Babys nach einer Genmanipulation zur Welt gekommen. Es soll sich dabei um Zwillingsmädchen aus China handeln, die im Embryonalstadium mit der Genschere Crispr/Cas9 behandelt wurden. Der Eingriff habe die Kinder resistent gemacht gegen HIV, heißt es.

"Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt", sagte der Forschungsleiter He Jiankui von der Universität in Shenzhen. Bislang sind lediglich die Aussagen des Forschers bekannt, eine geprüfte wissenschaftliche Veröffentlichung zu den Eingriffen gibt es nicht.

Allerdings hat He Jiankui den Versuch in einem chinesischen Register für klinische Tests eingetragen. Seinen Angaben zufolge hat er auch die Embryos von sechs weiteren Paaren während der künstlichen Befruchtung genetisch verändert. Die Männer waren He zufolge HIV-positiv, die Frauen HIV-negativ. Die Idee seiner Forschung sei daher, die Embryonen dieser Paare gegen eine HIV-Infektion resistent zu machen.

Heutzutage ist es allerdings auch durch eine optimal eingestellte medikamentöse Therapie oftmals möglich zu verhindern, dass sich Partner gegenseitig anstecken oder das Virus auf ihr Kind übertragen.

Krankheiten heilen oder schöner machen?

"Falls die Nachricht stimmt, dass jetzt doch die ersten zwei Babys nach einer gezielten Keimbahnveränderung durch Crispr geboren wurden, wäre das ein deutliches Zeichen für ein unverantwortliches Vorpreschen einzelner Wissenschaftler", sagte Jochen Taupitz, geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht.

Auch die US-Forscherin Jennifer Doudna, eine der Entwicklerinnen von Crispr/Cas9, kritisierte am Montag in Hongkong: "Wenn sich das bestätigt, stellt diese Arbeit einen Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde bei der Anwendung von Crispr/Cas9 zum Editieren der menschlichen Keimbahn dar." Es sei dringend erforderlich, der Genmanipulation bei Embryos klare Grenzen zu setzen. Sie dürfe nur dort zum Einsatz kommen, wo eine deutliche medizinische Notwendigkeit bestehe und keine andere Behandlungsmethode existiere.

Das Besondere an genetischen Veränderungen eines Embryos ist, dass diese später auch in den Keimzellen wie Ei- oder Samenzelle zu finden sind und somit an die kommende Generation weitervererbt werden.

Mit der Genschere Crispr können Forscher Erbgut so genau und günstig verändern, wie nie zuvor. Sie können die Funktion von Genen verändern, sie ausschalten oder ein Gen durch ein anderes austauschen. Die Technik wird in der Forschung vielfach eingesetzt, etwa in Mikroorganismen und Pflanzen. Für den breiten Einsatz im Menschen gilt sie den meisten Forschern bislang allerdings noch als zu unsicher.

So funktioniert Crispr-Cas9

Befürworter der Technik schwärmen bei der Vorstellung, man könne mit Crispr-Cas9 Gendefekte im Embryo reparieren und damit schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, Sichelzellanämie oder Muskeldystrophie verhindern. Kritiker fürchten dagegen, dass die Technik dazu genutzt werden könnte, Menschen mit mehr Muskeln oder musikalischem Talent zu kreieren.

Im vergangenen Jahr meldeten Forscher aus den USA, dass es ihnen gelungen sei, Embryonen mithilfe von Crispr/Cas9 von Erbkrankheiten zu befreien. Allerdings ließen die Wissenschaftler die Embryonen nur bis zu einem frühen Stadium wachsen, in dem sie aus ein paar Dutzend Zellen bestanden. Babys wurden damals nicht geboren.

"Unverantwortliche Menschenversuche"

Die ethischen Fragen, die die neue Technik begleiten, sind komplex. Denn eine Genmanipulation im Embryo betrifft nicht nur einen einzelnen Menschen, zumindest dann nicht, wenn er oder sie sich fortpflanzt.

Wie stark dürfen Menschen nicht nur in das Erbgut eines Einzelnen, sondern in das folgender Generationen eingreifen? Welche Formen von Erbkrankheiten und Behinderungen sind so schlimm, dass sie vor der Geburt behoben werden sollten? Und wenn man Krankheiten verhindert, kann man dann nicht auch Gewünschtes einschleusen?

Aufgrund der schwerwiegenden Folgen ist die Haltung in Deutschland zu dem Verfahren und seiner Anwendung im Menschen klar.

"Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche", erklärte Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, zu Hes Verkündung. "Ob es stimmt oder nicht, was der chinesische Forscher He behauptet: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind solche Versuche und auch Ankündigungen aufs Schärfste zu kritisieren." Laut nahezu einhelliger Einschätzung sei die Grundlagenforschung noch weit entfernt vom Einsatz beim Menschen. "Die Neben- und Spätfolgen sind noch unabsehbar und schwer zu kontrollieren."

Auch international wurden Hes angebliche Versuche massiv kritisiert: "Das ist noch viel zu unausgereift", sagte Eric Topol, Leiter des Scripps Research Translational Institut of California in Bezug auf die Methode. "Wir operieren hier mit der Gebrauchsanweisung für einen Menschen." Kiran Musunuru, Genexperte von der University of Pennsylvania sagte: "Das ist skrupellos. Ein Experiment an Menschen, das weder moralisch noch ethisch vertretbar ist."

dpa/AP/hei/jme

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