Technik im Operationssaal: Teurer Eingriff mit Dr. Robo

Von

Weniger Schmerzen, kürzerer Klinikaufenthalt, präzisere Schnitte: Roboter im OP sind nach Meinung vieler Ärzte die Helfer der Zukunft. Doch die teuren Geräte haben ihre Tücken. Eine Studie stellt jetzt den Nutzen eines Systems in Frage, das auch in Deutschland eingesetzt wird.

Operationen: Roboter nutzen wenig und kosten viel Fotos
AP

Die Patientin liegt auf dem Operationstisch, an ihrem Kopf überwacht ein Anästhesist die Lebenszeichen. Doch neben der Frau steht kein Chirurg. Der Arzt sitzt in einer Ecke des OP-Saals, blickt auf ein dreidimensionales Bild und steuert so Roboterarme im Körper der Frau.

Was wie eine Erzählung aus der Zukunft klingt, passiert bereits heute in vielen Krankenhäusern. Operationsroboter vom Typ "da Vinci" des US-Herstellers Intuitive Surgical werden auch in Deutschland eingesetzt, zum Beispiel um Patientinnen die Gebärmutter zu entfernen. Hysterektomie nennt sich der Eingriff - einer, dessen Nutzen bei Medizinern ohnehin umstritten ist. 2011 führten Ärzte ihn an etwa 130.000 Frauen durch.

Den Großteil der Patientinnen operieren Gynäkologen entweder durch die Vagina oder endoskopisch am Bauch (laparoskopisch), indem sie ihre Instrumente durch kleine Schnitte in der Haut ins Körperinnere schieben und mit Hilfe einer Kamera operieren, während sie auf einen Bildschirm blicken. Der Hersteller des Roboters wirbt, mit Hilfe des "da Vinci" könnten Ärzte dank besserer Sicht präziser und kontrollierter operieren. Doch eine neue Studie bezweifelt den Nutzen der teuren Geräte.

Nach der Auswertung von mehr als 260.000 Gebärmutterentfernungen kommen Jason Wright von der Columbia University in New York und seine Kollegen zu einem vernichtenden Urteil. Zwischen den herkömmlichen endoskopischen Operationen und den Robotereingriffen gebe es vor allem einen Unterschied, schreiben die Autoren im Fachmagazin "Jama": den Preis. Im Schnitt kostete demnach eine Roboter-OP über 2000 Dollar mehr als ein endoskopischer Eingriff. Die Zahl der Komplikationen, der benötigten Bluttransfusionen und die Dauer des Krankenhausaufenthalts waren dagegen vergleichbar.

"Feineres Arbeiten mit bester Sicht in 3D"

Die Zahl der Roboter-OPs stieg in den Vereinigten Staaten innerhalb von vier Jahren von einem Prozent aller Gebärmutterentfernungen auf 9,5 Prozent im Jahr 2010 an. In den US-Kliniken waren 2011 mehr als 1400 OP-Roboter im Einsatz. Deutschen Ärzten stehen insgesamt 52 dieser Geräte zur Verfügung, die bis zu zwei Millionen Euro kosten.

Michael Waldner ist einer von jenen, die mit dem "da Vinci" arbeiten. Seit mehr als zwei Jahren operiert der Urologe mit dem Roboter, etwa 220 Eingriffe sind es im Jahr. Der Chefarzt des Kölner St.-Elisabeth-Krankenhauses entfernt damit bei Männern die erkrankte Prostata und rekonstruiert bei Frauen den Beckenboden. "Bei der laparoskopischen Operation sehe ich zweidimensional und mein Bewegungsraum ist stark eingeschränkt", sagt Waldner. "Das System ermöglicht mir feineres Arbeiten mit bester Sicht in 3D."

Die Kosten steigen unter anderem wegen des Verbrauchsmaterials wie Scheren oder Nadelhalter. "Die Instrumente lassen sich nur zehnmal verwenden. Das System zählt bei jedem Einsetzen mit", sagt Marc-Oliver Grimm, Direktor der Urologie am Universitätsklinikum Jena. Jedes der Geräte muss danach für jeweils 300 Euro pro Einsatz neu eingekauft werden. "Uns kostet eine 'da Vinci'-OP etwa 1800 Euro mehr als eine normale Laparoskopie", sagt Grimm.

In Köln bedeutet die Rechnung, dass der Krankenhausträger bei jeder Roboter-OP draufzahlt: Für eine Gebärmutterentfernung bezahlen die Krankenkassen den Kliniken in Nordrhein-Westfalen eine Pauschale zwischen 3300 und 4300 Euro - ganz gleich, welche Methode zum Einsatz kam - die Kosten liegen mit Roboter bei rund 6500 Euro.

Mehrkosten ohne Nutzen

Dennoch profitieren Krankenhäuser offenbar davon, die moderne Methode einzusetzen: "Wir sprechen damit neue Patientengruppen an und erfahren viel indirekte Werbung. Unsere Patienten sind sehr zufrieden, werden schneller gesund- und erzählen das. Für uns als Klinik mit einer Marktstellung ist es wichtig, so ein OP-Gerät anzubieten", sagt Waldner.

Neben der enttäuschenden Studie droht dem "da Vinci"-Hersteller Intuitive Surgical in den USA zudem Ärger aus einer anderen Richtung: Nach Informationen der US-Nachrichtenseite Bloomberg.com befragt die US-Zulassungsbehörde FDA derzeit Ärzte zur Sicherheit des Systems. Dem Bericht zufolge hat die Zahl der gemeldeten Zwischenfälle mit dem Robotersystem zugenommen. Außerdem wird Intuitive Surgical in einem Prozess im US-Bundesstaat Washington beschuldigt, in Krankenhäusern darauf gedrängt zu haben, dass Ärzte ohne ausreichendes Training mit Hilfe der Roboter operieren sollten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
drmtiede 01.04.2013
Was im Artikel angesprochen wird ist korrekt. Nur ist es nicht die ganze Wahrheit. eine Gebaermutteroperation ist nicht der Grund einen OP-Roboter anzuschaffen und zu betreiben, eher eine Verlegenheits-Nutzung. Seine Haupt-Daseinsberechtigung hat er bei Eingriffen wie einer Pankresasresektion, wo die Dreidimensionalitaet der Sicht und die dreidimensionale Beweglichkeit der Instrumente den Unterschied machen. Bei uns in Grosseto wird der Roboter auch zeitweise bei Eingriffen verwendet, bei denen es seitens aller Beteiligten keinen Sinn macht. Aber dadurch wird ein Trainingseffekt bei einfachen Eingriffen erziehlt, der sich bei schwierigen auszahlt. Man kann nicht alles an Schweinen ueben. Von nichts kommt nichts. Einen Eingriff endoskopisch durchzufuehren sieht fuer den Laien vielleicht aufgrund der Monitore aehnlich aus, ist ist aber von der Manualitaet komplett anders. Also muss man sich in die Methodik einarbeiten, sonst steigen die Komplikationsraten und das will keiner. Viel verwerflicher finde ich, dass die Kliniken meist den Werbeeffekt im oertlichen Kaeseblatt als Ziel haben anstatt der besseren Versorgung. Ich bin selber uebrigens weder Teilhaber einer der Firmen noch Chirurg, der damit arbeitet - aber diese Richtigstellung war meines Erachtens noetig.
2. Äpfel mit Birnen
spiegelwirdboulevard 02.04.2013
Da hat wohl wieder jemand was verwechselt... Die Untersuchung stellt den Einsatz des Geräts nur für die Entfernung der Gebärmutter in Frage. Der dazu befragte Urologe entfernt damit aber die Prostata, wofür die Datenlage deutlich besser ist, z.B. weniger Erektionsprobleme als Komplikation. Ist halt kein Zeit-Artikel...
3. Bis die Technik soweit ist
sunsan 02.04.2013
dass Roboter halbautomatisiert Operationen durchführen, die im Ergebnis handwerklich denen eines erfahrenen Arztes ebenbürtig sind und kein Restrisiko bei Routineoperationen haben, vergehen sicherlich noch viele Jahrzehnte. Da würde ich auch grössere Schnitte und Narben in Kauf nehmen, denn eine geschultes Auge eines Arztes sieht zwar zweidimensional, aber das Risiko von angesprochenen Zwischenfällen scheint ja bei diesen Maschinen zu existieren. Bei Routineoperationen ist es also meist besser direkt vor der zu operierenden Stelle zu stehen und flexibler regieren zu können. Vielleicht wäre eine 3D-Brille für den Operateur die ideale Lösung, wenn er damit noch seine eigenen Hände benutzen kann? Die amerikanische Lösung scheint sowohl im Krieg als auch bei Operationen immer mehr die joystick-Methode zu werden. Was kommt als nächstes? Zeugung von Kindern?
4. Medizin und Fortschritt
mwelt 02.04.2013
Die moderne Medizin besteht nach wie vor zu 90% aus "Aufschneiden, Rausholen, Zunähen". Und auch das kann man unter dem Diktat des Fortschritts und der Wirtschaftlichkeit nicht länger von der Robotik fernhalten. Zumal mehr und mehr med. Institutionen der wirtschaftlichen Arbeitsweise unterworfen werden. Der hippokratische Eid wird kurzer Hand für die Quote im Operationssaal geopfert. Da ist es nur gerecht dass die Quote von der Maschine erbracht wird. Ich kann mich an Mediziner (hier im Forum) erinnern die ob ihrer enormen Ausbildungszeiten Gehälter, Anerkennung ja den Zustand der Halbgottheit für sich einfordern. Aber auch sie werden von technologischem Fortschritt eingeholt. Ich persönlich plädiere sehr dafür dass Operationen von Computern durchgeführt werden. Sie sind 1. rational erfassbar und zweitens technologisch reproduzierbar. Es braucht also keinen überarbeiteten Chirurgen mehr der nach 70 Stunden Schicht, zitternd den Blinddarm entfernt. Die Medizin kann sich dann endlich von ihrer historischen Fixiertheit auf die Krone Chirurgie lösen, und sich den relevanten Forschungsfeldern wie der Onkologie, Virologie oder aber der neurologisch pathologischen Medizin zuwenden. Es wird endlich wieder Wissen geschaffen, nach 25 Jahren Dornröschenschlaf der Medizin.
5.
hollo43 02.04.2013
Zitat von drmtiedeWas im Artikel angesprochen wird ist korrekt. Nur ist es nicht die ganze Wahrheit.... Viel verwerflicher finde ich, dass die Kliniken meist den Werbeeffekt im oertlichen Kaeseblatt als Ziel haben anstatt der besseren Versorgung.
"örtliches Käseblatt" spielt die Bedeutung etwas herunter. Viele informieren sich vorab auf der jeweiligen Homepage. Da finden sich dann die modernsten Instrumente: Roboter, Green Laser (Prostata). Und operiert wird dann ganz konservativ. Vielleicht ist das bezogen auf die verfügbare Kompetenz das bessere Verfahren. Aber es wird mit den Geräten geworben. Das grenzt an Irreführung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Chirurgie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
Zum Autor
  • Matthias Lauerer
    Matthias Lauerer, Jahrgang 1975, freier Journalist. Hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.
Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: