Tückische Diagnose Wenn Bauchschmerzen zur Dauerqual werden

Wiederkehrende Krämpfe, geblähter Bauch, Verdauungsprobleme: Chronische Bauchschmerzen können eine Folge von Stress sein. Doch oft sind die Ursachen auch physischer Natur. Sie zu finden, gleicht mitunter einem Detektivspiel.

Patient mit Magenkrämpfen: Nicht immer ist die Ursache für chronische Bauchschmerzen eindeutig
Corbis

Patient mit Magenkrämpfen: Nicht immer ist die Ursache für chronische Bauchschmerzen eindeutig


Immer wieder bläht sich ihr Bauch auf wie ein prall gespannter Luftballon. Gleichzeitig tue es so schrecklich krampfartig weh, erzählt Lena dem Arzt. Für den ist die Diagnose klar: Das sei psychosomatisch, schließlich haben sich die Eltern vor kurzem getrennt. Doch obwohl das Mädchen mit einer Psychologin spricht, werden ihre Beschwerden nicht besser. Der Arzt nimmt Blut ab, macht einen Ultraschall und schaut in Magen und Darm - nichts.

Drei Jahre lang lässt Lena Untersuchung um Untersuchung über sich ergehen, doch kein Arzt findet heraus, was sie hat. Siegbert Faiss, Chef-Gastroenterologe an der Asklepios-Klinik in Hamburg-Barmbek, erinnert sich noch gut daran, als die verängstigte 17-Jährige schließlich bei ihm vorstellig wurde.

Als er sie untersucht, ist von Trommelbauch nichts zu spüren. Lena zeigt dem Arzt aber ein Foto, das die Mutter in einem Schmerzschub aufgenommen hatte. "Sie sah aus, als wäre sie im achten Monat schwanger", sagt der Gastroenterologe. "Spätestens da wusste ich: Es muss etwas anderes dahinter stecken als psychische Probleme."

Besonders wichtig: Wie sieht der Stuhl aus

Chronische Bauchschmerzen sind solche, die länger als drei Monate dauern. Die Suche nach der Ursache gleiche einem Detektivspiel, sagt Gerhard Rogler, Professor für Gastroenterologie an der Uniklinik in Zürich. Hellhörig wird er bei sogenannten Alarmsymptomen (siehe Kasten).

ALARMSIGNALE BEI CHRONISCHEN BAUCHSCHMERZEN
    Bei diesen Symptomen ist es ratsam, ärztliche Hilfe zu holen:
· Fieber
· Nachtschweiß
· Ungewollter Gewichtsverlust
· Atemnot
· Man kann nicht schlafen wegen Durchfall oder Bauchschmerzen
· Blut im Stuhl
· Schwarzer Stuhl
· Bauchschmerzen werden innerhalb kurzer Zeit schlimmer
"Wird der Stuhl schwarz, nimmt man unfreiwillig Gewicht ab, schwitzt nachts stark oder kann wegen der Schmerzen nicht schlafen, sollte man dringend innerhalb von Tagen zum Arzt", sagt Rogler, denn das könne auf schlimme Krankheiten weisen, die umgehend behandelt werden müssten.

Bauchschmerzen können Hunderte von Ursachen haben. "Mit den richtigen Fragen hat man oft aber schon eine Idee", sagt Rogler. Besonders interessiert er sich dabei für den Stuhlgang. "Erzählt mir jemand, der Stuhl sei immer sehr viel und würde fettig glänzen, spricht das für eine Verdauungsstörung." Kleine, häufige Stühle mit Bauchkrämpfen lassen ihn an eine Krankheit im Dickdarm denken, etwa chronisch entzündliche Darmkrankheiten.

Sehr interessiert Rogler auch, in welchem Zusammenhang die Bauchschmerzen auftreten. Fingen sie nach einer Reise an, weise das auf eine Infektion mit Bakterien oder Parasiten hin, treten sie nach dem Essen auf, könnte es eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sein. "Wir Ärzte haben lange Zeit unterschätzt, wie häufig Zöliakie ist, also eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten", erzählt Rogler. Jeder Hundertste sei davon betroffen, "aber die meisten wissen nichts davon". Schmerzt es vor allem, wenn man Stress hat, aber nie nachts, und leidet man abwechselnd unter Durchfall und Verstopfung, könnten es funktionelle Darmbeschwerden sein. Dabei lassen sich keine Veränderungen an einem Organ nachweisen, aber der Patient hat trotzdem Schmerzen. "Das könnte daran liegen, dass die Nerven im Darm der Betroffenen empfindlicher reagieren", sagt Rogler.

"Heureka - wir haben die Ursache!" ruft der Gastroenterologe

Mit Blut- und Stuhluntersuchung, Ultraschall, Magen- und Darmspiegelung finden Gastroenterologen bei den meisten Patienten die Ursache. Doch bei einigen tappen sie trotzdem im Dunkeln. Dann sind Spezialuntersuchungen notwendig im Blut, Stuhl oder Urin oder technische Untersuchungen. Auch Lena rät Faiss, wieder einige Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. "Es war aber total frustrierend", sagt er. "Die Ergebnisse flatterten auf meinen Schreibtisch, und sie waren alle unauffällig."

Erneut wälzt er sein dickes Fachbuch und hakt Schritt für Schritt alle Ursachen ab - auch die allerseltensten. Im Ultraschall sieht er, dass einige Dünndarmschlingen weiter sind als normalerweise. Er bittet Lena, noch einmal eine Darmspiegelung machen zu dürfen. Dabei schneidet er einen Keil aus der Darmwand und schickt die Probe an ein Speziallabor in Basel. Nachdem das Ergebnis kommt, steht die Diagnose endlich fest: Lena leidet unter der extrem seltenen chronischen intestinalen Pseudoobstruktion (CIPO).

Der Dünndarm scheint von außen zusammengedrückt zu werden, obwohl dort nichts drückt. Der Dünndarm bläht sich auf und versucht krampfhaft, gegen das vermeintliche Hindernis anzuarbeiten. "Bei der CIPO gehen Muskel- oder Nervenzellen in der Darmwand zugrunde", sagt Faiss. "Deshalb verhält sich der Darm so komisch." Das Mädchen bekommt Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, und ist endlich ihre Bauchschmerzen los.

Blinddarm, Gallenblase und Co.

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spon-facebook-1488374248 10.03.2014
1. Gluten
Ist es schon mal jemand aufgefallen dass es vielleicht nicht Gluten ist sondern die Verwendung von Glukosesyrup im Brot usw. Ich habe 3 Jahre gebraucht um dass herauszufinden. Nicht jeder kann diesen Glukosesyrup vertragen und bekommt Blaehungen und Durchfall nach Verzehr. Seit ich nichts mehr oder wenig mit diesem Zucker esse, geht es mir viel besser.
Berliner42 10.03.2014
2.
Ich kriege ziemlich zuverlässig Bauchschmerzen von frischer Ananas, manchmal auch von Äpfeln. Ich denke mal, das ist die Fruktose. Erhitzt (Toast Hawai) gibt's dagegen kein Problem.
businesstoday 10.03.2014
3. Fructoseintoleranz
@ spon-facebook-1488374248: Meinen Sie wirklich Glukose, also Traubenzucker oder Fructose. Die meisten Menschen haben Probleme mit Fructose und vertragen Glukose besser. Generell ist Zucker in größeren Mengen nicht gerade gesund und es gibt dazu mittlerer weile noch eine Menge Zuckerarten, bei denen man erstmal rausfinden muss, woher der Zucker eigentlich kommt und ob er natürlich oder inwieweit er künstlich, also bearbeitet ist. Das ist eine Wissenschaft für sich.
susanneuser 10.03.2014
4. Laktoseintoleranz
Hier fehlt mir im Artikel auch ein deutlicher Hinweis auf Laktoseintoleranz. Ein häufiger Grund für Darmprobleme und immer häufiger. Wir essen zuviel Milchprodukte. Und das ist für Erwachsene in unserem Verdauungssystem so nicht vorgesehen.
tourenmartin 10.03.2014
5. 3 Jahre Odyssee
Ich habe auch eine Ärzte-Odyssee hier mir. 3 Jahre, ca. 12 Ärzte, u.a. Notärzte, ca. 30 oder Untersuchungen und am Ende endlich eine Diagnose. Hätte man die Ursache früher gefunden hätte mir das 3 Jahre Schmerzen, Stress und ALG2 erspart. Man kann nur jedem raten, selbstbewußt mit Ärzten und Diagnosen umzugehen, Dinge zu interfagen, sich selber zu informieren...
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