Chronische Krankheit Forscher lösen Rätsel um mysteriöses Nierenleiden

Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen, Dialyse, Transplantation: FSGS ist eine Erkrankung, die nach und nach die Nieren zerstört. Mitunter hilft nur ein Spenderorgan - doch das Risiko eines Rückfalls ist hoch. Jahrelang rätselten Forscher über die Ursache, jetzt haben sie eine Erklärung dafür gefunden.

Von Cinthia Briseño

Chirurgen bei einer Nierentransplantation: Chronische Erkrankung kann zu Versagen führen
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Chirurgen bei einer Nierentransplantation: Chronische Erkrankung kann zu Versagen führen


Erst kamen die geschwollenen Beine. Sie waren so dick, erzählt Daniela* in einem Medizin-Forum, dass sie ihre Schuhe eines Tages nicht mehr von den Füßen bekommt. Das passiert ihr so oft, dass Danielas Mutter schließlich mit ihr zum Arzt geht. Dieser nimmt ihr Blut ab. Befund negativ, lediglich ihr Blutdruck ist auffällig hoch. Später entdeckt der Arzt aber doch einen Hinweis für Danielas Beschwerden: In ihrem Urin finden sich Unmengen an Eiweiß.

Als Daniela die Diagnose erhält, ist sie 13 Jahre alt. Fünf beschwerliche Jahre - zwei Nieren-Biopsien, längere Krankenhausaufenthalte, hoch dosiertes Kortison, eine Medikamenten-Arie nach der anderen - liegen zu dem Zeitpunkt noch vor ihr. Daniela hat FSGS. Die Fokal segmentale Glomerulosklerose ist eine chronische Krankheit, bei der Teile des Nierengewebes nach und nach vernarben. Die Filterfunktion der Niere setzt aus, so dass Wasseransammlungen im Gewebe nicht nur die Füße anschwellen lassen. Viele Betroffene sprechen auf eine Medikamententherapie (mit erheblichen Nebenwirkungen) nicht an, müssen irgendwann zur Dialyse. In manchen Fällen ist die Nierenfunktion so stark gestört, dass nur noch eine Transplantation ihr Leben rettet.

Die Krankheit beginnt damit, dass die sogenannten Podozyten nicht mehr funktionieren. So heißen jene Zellen in den Nierenkörperchen, die für die Filterfunktion der Niere verantwortlich sind: Sie verhindern, dass Eiweiße aus dem Blut in den Urin gelangen. Wie es zur Schädigung der Podozyten kommt, war jahrzehntelang für Wissenschaftler ein Rätsel - dieses hat ein internationales Forscherteam jetzt möglicherweise gelöst.

An der Zellmembran verankert oder frei im Blut?

Wie Ärzte um Jochen Reiser und Changli Wei von der Miller School of Medicine der University of Miami im Fachjournal "Nature Medicine" berichten, ist eine wichtige Ursache für FSGS im Blut der Betroffenen zu finden: Es handelt sich dabei um ein bestimmtes Protein, dem sogenannten Urokinase-Rezeptor (uPAR). Dieser Faktor ist für gewöhnlich in der Zellmembran verankert, existiert aber auch in einer löslichen Form, die frei im Blut zirkuliert (suPAR). In ihrer Arbeit analysierten die Forscher Mäuseblut und durchforsteten Blutbanken von Patienten. Dabei fanden sie heraus: In zwei Dritteln der Blutproben von Patienten mit FSGS war der suPAR-Level deutlich erhöht.

Der Faktor, so die Schlussfolgerung der Mediziner, könne deshalb bei zwei Dritteln aller FSGS-Fälle die mögliche Ursache sein. Bisher war bis auf wenige Ausnahmen, in denen genetische Defekte eine Rolle spielen, die Ursache für die primäre FSGS unbekannt.

"Das ist eine bedeutende Entdeckung", sagt Jan T. Kielstein von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Nierenexperte war nicht an der Studie beteiligt, glaubt aber, dass diese grundlegende Erkenntnis vielen Patienten bald helfen könnte. Kielstein denkt dabei zunächst an kommerzielle Bluttests, von denen unter anderem jene Patienten profitieren könnten, denen aufgrund einer fortgeschrittenen FSGS nur noch eine Nierentransplantation helfen kann.

Rückschlag binnen weniger Minuten

"Mit einem Bluttest könnte man im Vorfeld bestimmen, wie hoch das Risiko für den Patienten ist, nach einer Transplantation erneut an FSGS zu erkranken", sagt Kielstein. Aus klinischen Berichten der vergangenen Jahrzehnte wissen die Wissenschaftler, dass FSGS binnen Minuten bis wenigen Stunden nach der Transplantation wieder ausbrechen kann. Demnach tritt das in etwa 86 Prozent der Fälle ein. Doch bisher hatten die Forscher keine Erklärung dafür. Die Vermutung, dass es sich um einen im Blut zirkulierenden Faktor handelt, lag zwar nahe, entdeckt hatte ihn aber bisher keiner.

Jetzt, da man diesen Faktor kenne, so Changli Wei, Erstautor der aktuellen Studie, werde man die Therapien sowohl vor als auch nach der Transplantation erheblich verbessern können. Für Kielstein kommt beispielsweise eine Blutwäsche in Frage, bei der der lösliche Faktor suPAR mit Hilfe eines Antikörpers aus dem Blut gefiltert werden könnte. "Dass dies prinzipiell funktioniert, haben die Kollegen in ihrer Veröffentlichung bereits zeigen können", so der Nephrologe.

FSGS galt einst als eher seltene Erkrankung. Doch die Häufigkeit ist in den letzten Jahrzehnten drastisch gestiegen. So weiß man, dass sich die Zahl der FSGS-Fälle in den USA in den vergangenen 20 Jahren etwa verzehnfacht hat. "FSGS ist diesbezüglich eine mysteriöse Nierenerkrankung", sagt Kielstein. "Es gibt sicherlich nicht nur einen Faktor, eine Erklärung dafür, warum sie dramatisch ansteigt."

Fest steht lediglich, dass FSGS eine der häufigsten Erkrankungen ist, die zum nephrotischen Syndrom - einer deutlich erhöhten Eiweißausscheidung mit Ödemen und Verminderung der Bluteiweiße - führt. In Spanien beispielsweise liegt die Rate bei 15 Prozent, in den USA sind sogar 35 Prozent aller Fälle von nephrotischem Syndrom im Erwachsenenalter auf eine FSGS zurückzuführen. Jährlich werden dort rund 5000 neue FSGS-Fälle registriert. Wie hoch die Zahl in Deutschland ist, lässt sich laut Kielstein nur schwer sagen, weil es dafür kein nationales Register gibt.

"Jetzt können wir die Menge von suPAR im Blut bestimmen", sagt Jochen Reiser, Leiter der Studie. "Das ermöglicht uns auch, gezielte Therapien zu entwickeln, die gegen diesen Faktor gerichtet sind."

Zwar räumen die Forscher ein, dass der Faktor nicht alle FSGS-Fälle erklären könne: Unter den Blutproben gab es auch welche von Patienten mit FSGS, in denen das suPAR-Level dem von gesunden Probanden entsprach. "Trotzdem ist der Faktor ein wichtiger Baustein, den man nachverfolgen muss", sagt Kielstein.

*Name von der Redaktion geändert



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