Chronisches Leiden Wie Kinder den Schmerz verlernen können

Hunderttausende Jugendliche leiden unter Schmerzen. Oft sind sie chronisch und machen ein unbeschwertes Leben unmöglich. Die Betroffenen stoßen häufig auf Skepsis: Alles nur Einbildung? Ein Zeichentrickfilm will Vorurteile wie diese abschaffen.

Deutsches Kinderschmerzzentrum

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Schmerzen sind ein Teil des Lebens, sie kommen und gehen, und meistens haben sie eine Ursache, die wir nachvollziehen können: Überbeanspruchung, Verletzungen, Erkrankungen. Doch wegen solcher Dinge kommt niemand nach Datteln.

Datteln ist ein 35.000-Einwohner Städtchen zwischen Ruhrgebiet und Münsterland, nennt sich selbst "größter Kanalknotenpunkt der Welt" und ist ansonsten eher beschaulich. Doch für rund 1200 minderjährige Besucher, die über das Jahr in Datteln behandelt werden, bedeutet das Städtchen vor allem Hoffnung: Hier gibt es an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke das Deutsche Kinderschmerzzentrum.

Kinder und Jugendliche, die nach Datteln kommen, stehen ständig unter Schmerzen. Allein das ist für die Betroffenen ein nur schwer zu bewältigender Zustand. Doch häufig haben sie zudem damit zu kämpfen, ihr Leid auch glaubhaft und nachvollziehbar zu machen.

Chronische Schmerzen sind anders als jene, die wir alle kennen: Sie mögen mal stärker oder schwächer sein, ganz aber verschwinden sie nie, sondern kommen immer wieder. Zugleich scheinen sie oft ohne sichtbare, nachvollziehbare Ursache zu sein.

Eine der zentralen Botschaften eines kleinen Aufklärungsfilms, den das Kinderschmerzzentrum am Dienstag der Öffentlichkeit vorstellte, ist darum dieser Satz: "Du bildest Dir das nicht ein!"

"Den Schmerz verstehen - und was zu tun ist 10 Minuten!"
Für Mobilnutzer: Hier geht es zum Video.

Dass der chronische Schmerz bei Kindern echt ist, sagt Boris Zernikow, Gründer und Leiter des Schmerzzentrums, sei mitunter ein Vermittlungsproblem: Wenn eine physische Ursache zu fehlen scheine, falle es vielen schwer, an die Realität der Krankheit zu glauben. "Aber man kann chronischen Schmerz testen und nachweisen." Und man kann etwas dagegen tun - allerdings nicht mit den herkömmlichen Methoden: "Auch Ärzte wissen da oft nicht hinreichend Bescheid", sagt Zernikow.

Das aber gilt auch für das Umfeld, Eltern und Familie, Freunde, die Schule. Vor allem aber, sagt Zernikow, gelte es für die Betroffenen selbst: "Mit Medikamenten ist ihnen auf Dauer nicht zu helfen. Die Kinder müssen lernen, wie ihr Schmerz entsteht und wie sie damit fertig werden können." Letztlich müssten die Kinder lernen, "ihren Schmerz zu verlernen".

Die körperliche Fehlwahrnehmung schaukelt sich auf

In der Therapie bekommen sie Strategien vermittelt, wie sie sich selbst von starken wiederkehrenden Schmerzattacken ablenken können, statt sich auf ihren Schmerz zu fokussieren. Letztlich, erklärt Zernikow, sei der chronische Schmerz das Resultat verschiedener ineinandergreifender und sich gegenseitig verstärkender Mechanismen. Diese erinnern an eine Feedbackschleife: Der ursprünglich oft durch eine konkrete Ursache auftretende Schmerz - ein körpereigenes Warnsignal, das eigentlich der Wahrung unserer Unversehrtheit dient - werde mit Stressfaktoren verbunden, die Körper und Gehirn wieder mit dem Schmerz verbänden.

Es komme zu einer kontinuierlichen Absenkung der Schwelle, ab der man Schmerz als solchen empfinde. Irgendwann verursache dann nicht nur der Schmerz Stress, sondern auch der Stress verursache Schmerz - die körperliche Fehlwahrnehmung schaukelt sich also quasi auf.

Bei chronisch Schmerzkranken ist die Reizschwelle aus dem Lot

Das alles ist keineswegs ein eingebildetes Phänomen, sondern letztlich eine neurologische Fehlleistung: Die Stärke unserer Schmerzempfindung hängt nicht von der Heftigkeit des Reizes ab, sondern davon, wie unser Gehirn den Reiz interpretiert. Eine gesunde Schmerzschwelle sorgt dafür, dass wir mindere Reize als kleine und starke Reize als dringliche, körperlich extrem unangenehme Warnungen empfinden. Bei chronisch Schmerzkranken ist diese Schwelle aus dem Lot - bis nicht nur leichteste Berührungen qualvoll werden, sondern sogar Reize und Stressoren wie Lärm, Licht oder auch bestimmte soziale Situationen.

Auf die Vermittlung solcher grundlegenden Informationen zum chronischen Schmerz, der in Deutschland rund 350.000 Kinder und Jugendliche betrifft, setzt der Aufklärungsfilm "Den Schmerz verstehen". In einfacher Form erklärt er Art, Herkunft und mögliche Hilfen gegen den chronischen Schmerz.

Ziel des Zehn-Minuten-Trickfilms ist es, überhaupt ein Bewusstsein für die Schmerz-Problematik zu schaffen. "Wir planen, den Film bis Ende des Jahres in zwanzig Sprachen anbieten zu können", sagt Zernikow. Erreichen soll er vor allem die betroffenen Kinder, aber auch ihr Umfeld: "Freunde reagieren anfänglich oft sehr verständnisvoll und mitfühlend. Und dann wenden sie sich irgendwann ab."

Am Ende drohe neben der körperlichen Qual auch noch Isolation. Die aber sei Teil des Problems und verstärke es noch weiter. Viele Kinder und Jugendliche fallen so regelrecht aus dem normalen Leben, kommen mit Schule und Ausbildung nicht mehr zurecht.

Aus kranken Kindern, sagt Günter van Aalst, Leiter der Landesvertretung NRW der Techniker Krankenkasse, die den Film maßgeblich finanzierte, würden irgendwann auch kranke Erwachsene. Neben dem karitativen Aspekt der Förderung sei für die Krankenkasse darum auch der Präventionsgedanke wichtig.

Zu den Förderern des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln gehört auch die Rudolf Augstein Stiftung.

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