Chronische Schmerzen Spezialisten beklagen Versorgungslücken

Knapp drei Millionen Deutsche leiden unter schweren chronischen Schmerzen - doch nicht immer verläuft die Therapie optimal. Schmerzmediziner und Kassen streiten darüber, ob Betroffene zwingend von einem Spezialisten behandelt werden sollten.

Schmerzen: Jahrelange Suche nach der richtigen Behandlung
Corbis

Schmerzen: Jahrelange Suche nach der richtigen Behandlung


Berlin - Rund 2,8 Millionen Bundesbürger leiden unter schweren chronischen Schmerzen - Schmerzmedizinern zufolge werden die meisten aber nicht optimal versorgt. Darauf macht der Berufsverband der Schmerzmediziner (BVSD) in Berlin aufmerksam. Hinter der Kritik an der Versorgungslücke steckt ein Streit in der Ärzteschaft darüber, wie die optimale Versorgung der betroffenen Patienten sein soll.

Das Problem schwerer chronischer Schmerzen betrifft viele: Wenn etwa nach einem Bandscheibenvorfall oder einer Entzündung starke Beschwerden immer wiederkehren, kann Dauerschmerz entstehen. Mediziner sprechen von einem Schmerzgedächtnis, das die Gesundheit der Betroffenen stark beeinflussen kann - viele von ihnen werden immer verzweifelter. Und längst nicht jeder weiß, dass es Mediziner gibt, die sich auf die Therapie von chronischen Schmerzen spezialisiert haben.

2013, das geht aus den jüngsten Daten des Bundesversicherungsamts hervor, diagnostizierten ambulant tätige Ärzte bei 2.814.109 Patienten schwere chronische Schmerzen. Diese Daten werden zum Zweck des Finanzausgleichs zwischen den Krankenkassen erhoben; zwischen den Versicherungen fließen hohe Beträge je nach ihrer jeweiligen unterschiedlichen Krankheitslast.

Nur jeder achte Schmerzpatient landet beim Schmerzspezialisten

Doch bei der Versorgung der Betroffenen klafften Riesenlücken, kritisiert der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin (BVSD). "Nur etwa jeder achte Patient kann von einem der 1102 ambulant tätigen Schmerzärzte, die auf die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen spezialisiert sind, versorgt werden", sagt der BVSD-Vorsitzende Joachim Nadstawek.

Bei der Betreuung von Patienten mit chronischen Schmerzen gibt es besondere Qualitätskriterien: Die auf Schmerztherapien spezialisierten Ärzte dürfen zum Beispiel jeweils nur 300 Patienten pro Quartal behandeln, weil die Therapie häufig komplex ist und viel Zeit benötigt. Demnach könnten von den Experten höchstens 330.600 Patienten mit chronischen Schmerzen pro Vierteljahr versorgt werden. Die übrigen werden von anderen Ärzten aufgefangen. "Wir vermuten, dass sich einige Experten aus der Schmerztherapie wieder zurückziehen, weil die Vergütung zu schlecht ist", sagt Wolfgang Straßmeir, Geschäftsführer des BVSD. Zudem fehle auch der medizinische Nachwuchs.

Eine besondere Expertise auf dem Gebiet ist auch deshalb wichtig, weil die Betroffenen in der Regel eine lange Krankheitsgeschichte von mehreren Jahren hinter sich haben. "Viele brauchen eine multimodale Behandlung, die aus Physiotherapie, Medikamenten und Psychotherapie besteht", sagt Straßmeir. "Das Ziel ist, die oft sehr schlechte Lebensqualität der Schmerzpatienten wieder zu verbessern."

Streit ums Geld

Der BVDS wirft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) vor, zu wenig gegen diese Mängel zu tun. Bei der KBV weist man die Vorwürfe zurück. "Die schmerztherapeutische Versorgung gehört zu den Grundkenntnissen aller patientennahen Fachgebiete", sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Seiner Ansicht nach sind nicht nur spezielle Schmerzärzte in der Lage, auch schwere Fälle zu behandeln.

Hinter dem Konflikt steckt ein Streit ums Geld. Bereits im vergangenen Sommer drängten die Schmerzärzte die KBV, bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen über das Ärztehonorar für eine Vergütung für sie außerhalb der normalen Honorarbudgets einzutreten. KBV-Chef Andreas Gassen lehnte dies laut dem Schmerzärzte-Verband ab, damit anderen Fachgruppen kein Honorar entzogen werde. Stahl erläuterte: "Die Kassenseite zeigt sich erfahrungsgemäß recht hartleibig, wenn es um zusätzliche Ausgaben geht."

hei/dpa

insgesamt 6 Beiträge
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Freedom of Seech 23.03.2015
1. Schmerz ist ein Symptom - keine Krankheit
Die Spezialisierung auf Schmerzmedizin ist nur im begrenzten Umfang sinnvoll. Allzu häufig findet man in den Artberichten der Schmerzmediziner eine lange Liste von Diagnosen die letztlich nur Symptome (subjektive Beschwerden) verschlüsseln. Richtig ärgerlich ist, dass die meisten "Schmerzspezialisten die subjektiven Beschwerden kaum hinterfragen und nur hganz selten mit dem (Schmerz-)Verhalten während der Untersuchung oder der Alltagsgestaltung abgleichen. Das ganze wirkkt dan ziemlich hilflos und zwänglerisch ohne wirkliches Verständnis der eigentlichen Problematik. Hinzu kommt, Schmerzspezialisten sind häufig Anästhesisten - ohne Erfahrung in psychosomatischer Medizin. Das wird auch nicht durch Psychologen in den Schmerzzentren kompensiert, diese wiederum sind vielfach überspezialisiert (nur Schmerzen) und verlieren leicht den Blick auf das Ganze (z.B. Übersehen zugrunde liegende emotionale oder psychosoaziale Konflikte). Etwas absurd ist auch, dass der Deutsche Berufsverband für Schmerzmedizin eine ziemliche Abschottungspolitik betreibt die an den klnischen Realitäten vorbei geht. "Schmerzmediziner kann nur werden wer in einer "Schmerzklinik" o.ä. längere Zeit tätig war. und diese werden meist von Änästhesisten betrieben (die vor allem für Akutschmerzen qualifiziert sind) - Psychosomatiker/Psychiater die vielfach die profundere Kenntnisse bei chronischen Schmerzstörungen mit psychosomatischer Komponente besitzen bleiben dadurch außen vor.
CancunMM 23.03.2015
2.
So über den Daumen gepeilt heißt das, dass noch nicht einmal 15 % der Schmerzpatienten von den Spezialisten behandelt werden können. Die Frage ist auch ob es immer ein Spezialist sein muss oder ob es nicht auch ausreicht die übrigen Ärzte von der Regressgefahr zu befreien, so dass mehr Pyhsiotherapie und entsprechende Schmerzmittel augeschrieben werden können.
CancunMM 23.03.2015
3.
Zitat von Freedom of SeechDie Spezialisierung auf Schmerzmedizin ist nur im begrenzten Umfang sinnvoll. Allzu häufig findet man in den Artberichten der Schmerzmediziner eine lange Liste von Diagnosen die letztlich nur Symptome (subjektive Beschwerden) verschlüsseln. Richtig ärgerlich ist, dass die meisten "Schmerzspezialisten die subjektiven Beschwerden kaum hinterfragen und nur hganz selten mit dem (Schmerz-)Verhalten während der Untersuchung oder der Alltagsgestaltung abgleichen. Das ganze wirkkt dan ziemlich hilflos und zwänglerisch ohne wirkliches Verständnis der eigentlichen Problematik. Hinzu kommt, Schmerzspezialisten sind häufig Anästhesisten - ohne Erfahrung in psychosomatischer Medizin. Das wird auch nicht durch Psychologen in den Schmerzzentren kompensiert, diese wiederum sind vielfach überspezialisiert (nur Schmerzen) und verlieren leicht den Blick auf das Ganze (z.B. Übersehen zugrunde liegende emotionale oder psychosoaziale Konflikte). Etwas absurd ist auch, dass der Deutsche Berufsverband für Schmerzmedizin eine ziemliche Abschottungspolitik betreibt die an den klnischen Realitäten vorbei geht. "Schmerzmediziner kann nur werden wer in einer "Schmerzklinik" o.ä. längere Zeit tätig war. und diese werden meist von Änästhesisten betrieben (die vor allem für Akutschmerzen qualifiziert sind) - Psychosomatiker/Psychiater die vielfach die profundere Kenntnisse bei chronischen Schmerzstörungen mit psychosomatischer Komponente besitzen bleiben dadurch außen vor.
Und wieder muss man sich um die Tröge streiten. Wie wäre es ein Gesamtkonzept zu erarbeiten ? Hier gehört der Psychologe sicher genauso dazu wie der Anästhesist, oder der Internist oder Orthopäde. Aber dazu nimmt man wieder mal einem was weg, damit der andere es ausgeben kann. Und immer geht es an der Realität vorbei. Früher konnte ich Patienten direkt zur Schmerztherapie zum Beispiel beim Radiologen überweisen. Heute muss ich erst den Patienten zum Schmerztherapeuten schicken. Wartezeit teileweise bis zu 9 Monaten. Und der macht dann nichts anderes als ich auch.
dr.haus 24.03.2015
4.
Mache seit Jahrzehnten eine von entsprechenden Patienten als sehr erfolgreich angesehene Schmerz/Neuraltherapie, dazu Krebs-Schmerzbehandlung als Allgemeinmediziner (kein sogenannter Schmerzarzt). Problem ist die Bezahlung:für diese hochspezifische Behandlung in D ca. 2.20 Euro, in CH 80 CHF und mehr. Das Leben ist zu kurz,um für dieses Almosen weiterhin in D zu praktizieren,sorry.
karoper 25.03.2015
5. Schmerztherapie statt Ursachenbekämpfung
Beispiel chronischer Rückenschmerz: 85% der Fälle sind sogenannter "unspezifischer Rückenschmerz", d.h. auf CT-/MR-Bildern kann keine strukturelle Ursache gefunden werden. Physiologen ist seit langem klar, dass die Ursache in fast allen diesen Fällen eine Störung der Bewegungskoordination ist. Deutschen Medizinern fehlen aber die notwendigen Kenntnisse zur Behandlung (Impuls-Mechanik, Messtechnik, Mathematik), deshalb werden die Patienten darüber "aufgeklärt" es handle sich um eine Fehlfunktion des Schmerzsystems (Schmerzgedächtnis). Würde die Evolution so etwas generieren? Danach: Ab zum Schmerztherapeuten. Nach ein paar Jahren stellen sich dann die irreversiblen und sehr schwerwiegenden Strukturschäden ein. Also durchaus wünschenswert, dass die Krankenkassen so etwas nicht auch noch gezielt fördern.
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