Darmbakterium Eisige Stuhltransplantation hilft gegen chronischen Durchfall

Die Darmflora ist eigentlich unser Freund. Siedeln sich jedoch die falschen Bakterien an, kann es zu starkem Durchfall kommen. Studien zeigen, dass Betroffenen der Stuhl Gesunder hilft.

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Darm: Lebensraum für hundert Billionen Bakterien
Corbis

Darm: Lebensraum für hundert Billionen Bakterien


Etwa hundert Billionen Bakterien leben im Darm, sie helfen dem Menschen beim Verdauen, stützen sein Immun- und Hormonsystem. Siedeln sich jedoch die falschen Bewohner an, werden aus den Helfern Unruhestifter. Ein Beispiel dafür ist das Bakterium Clostridium difficile.

Der Erreger findet sich vor allem auf Oberflächen in Krankenhäusern, Erwachsene tragen ihn seltener auch ohne Probleme im Darm. Schwächt die Einnahme von Antibiotika die restlichen Bewohner des Darms oder gerät ihre Gemeinschaft aus einem anderen Grund aus dem Takt, können sich die Bakterien verbreiten und schweren Durchfall auslösen.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Antibiotika-assoziierten Durchfallerkrankungen seien auf Clostridium difficile zurückzuführen, schreibt das Robert Koch-Institut. Im Schnitt komme es bei einer von hundert Antibiotikabehandlungen zu der Infektion. Auch das Bakterium selbst lässt sich mit Antibiotika verdrängen. Bei mehr als 60 Prozent der Betroffenen kehren die Beschwerden jedoch zurück, bei anderen versagen die Medikamente gleich.

Dann hilft häufig eine Therapie, die absonderlich klingt, sich in ersten Studien aber als äußerst effizient erwiesen hat: eine Stuhltransplantation. Bei der Methode bringen Ärzte Stuhl gesunder Spender in den Darm der Erkrankten. Siedeln sich die gesunden Bakterien an, können sie die schädlichen wieder verdrängen. Die Therapie an sich ist schon lange bekannt, erstmals konnten Ärzte sie 1983 erfolgreich anwenden. Mit zunehmenden Antibiotikaresistenzen gewinnt sie jedoch an Bedeutung.

Der Stuhl kann auch tiefgefroren werden

Technisch gesehen ist eine Stuhltransplantation äußerst simpel, es reicht ein Einlauf. Die Logistik aber fordert heraus: Vor der Transplantation müssen Mediziner einen gesunden Spender finden; nach der Spende seinen Stuhl aufwendig untersuchen, um den Erkrankten nicht zusätzlich zu gefährden. Eine neue Studie könnte diesen Aufwand senken.

Demnach wirkt der Stuhl auch, wenn er tiefgefroren wurde. Spende und Behandlung ließen sich zeitlich und räumlich trennen - und sogar zentrale Stuhlbanken einführen, schreiben Preeti Malani und Krishna Rao von der University of Michigan Health System in einem begleitenden Editorial. Dann könnten auch Mediziner Stuhl transplantieren, die selbst keine schnellen, aufwendigen Laboranalysen durchführen können.

Für ihre Untersuchung teilten die Forscher mehr als 200 Patienten mit wiederkehrenden oder chronischen Clostridium-difficile-Infektionen in zwei Gruppen ein. Die eine Hälfte erhielt frische Stuhlproben per Einlauf (der Stuhl wurde mit Wasser verdünnt), die andere zuvor gefrorene. Weder die Mediziner noch die Patienten wussten, wer in welcher Gruppe war. Nur ein Laborant, der die Einläufe vorbereitete, war eingeweiht. Verbesserte sich der Durchfall nach vier Tagen nicht, folgte ein zweiter Einlauf.

In beiden Gruppen dokumentierten die Mediziner eine hohe Erfolgsquote. Bei den frisch Therapierten waren 83,5 Prozent noch 13 Wochen nach der Behandlung frei von schwerem Durchfall. In der Gruppe mit dem gefrorenen Stuhl lag der Anteil mit 85,1 Prozent sogar minimal höher, schreiben die Forscher um Christine Lee von der McMaster University in Ontario im Fachmagazin "JAMA".

Übergewicht nach Stuhltransplantation

Auch bei den Nebenwirkungen beobachteten die Forscher keine Unterschiede zwischen gefrorenem und frischem Stuhl. In beiden Gruppen kam es nach den Einläufen kurzzeitig zu Verdauungsproblemen wie Durchfall, Magenkrämpfen oder Blähungen. Schwerwiegende Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Therapie dokumentieren die Forscher nicht, obwohl innerhalb der 13-wöchigen Studienzeit 19 Teilnehmer starben, knapp neun Prozent aller Probanden.

Die Zahl erscheint hoch, doch sie deckt sich mit den Erfahrungen anderer Untersuchungen. Patienten mit einer schwerwiegenden Clostridium-difficile-Infektion haben oft weitere Erkrankungen, in der aktuellen Studie war bei vielen Patienten das Immunsystem geschwächt. Eine Auswertung aus Finnland zeigt zudem, dass auch die Variante des Erregers über seine Gefahr entscheidet.

Kamen Patienten mit einer herkömmlichen Clostridium-difficile-Infektion ins Krankenhaus, starben 8,5 Prozent innerhalb von 30 Tagen. Hatten sie sich hingegen mit einem hypervirulenten Strang des Erregers angesteckt, der auf Medikamente kaum reagiert und seit Anfang der 2000er-Jahre kursiert, starben 20 Prozent in dem Zeitraum. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig Alternativtherapien sind.

Trotzdem gibt es auch im Hinblick auf die Stuhltransplantation noch eine große Unsicherheit. Erst nach und nach begreifen Forscher, wie sehr Darmbakterien den Körper beeinflussen, vom Immunsystem bis zur Psyche. Welche langfristigen Folgen hat es, in dieses System so stark einzugreifen? Ein Bericht etwa beschreibt den Fall einer Frau, die nach der Stuhltransplantation übergewichtig wurde. Aber es wird auch Antworten in einem größeren Rahmen geben. Erste Forscher sind dabei, ihre Patienten zehn Jahre lang zu begleiten.

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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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