Chronischer Schmerz bei Kindern: "Denkt mal daran, wie gut ein Leben ohne Schmerzen ist"

Von und Anne Backhaus (Video), Datteln

Für mehr als 300.000 Kinder in Deutschland ist ein schmerzfreies Leben kaum noch vorstellbar. Das Schmerzzentrum in Datteln ist für viele die letzte Hoffnung, doch die Wartelisten für einen Therapieplatz sind lang. Jetzt soll das Konzept auch in andere deutsche Kliniken kommen.

SPIEGEL ONLINE

Wäre Michael Dobe Lehrer, wäre er für seine Schüler vermutlich der sympathische Kumpeltyp. Einer, dem man sich gerne anvertraut und bei dem der Unterricht Spaß macht. In Wahrheit kann Dobe aber sehr streng sein.

Jene Kinder, die zu ihm kommen, müssen in der ersten Stunde richtig pauken. Es ist komplizierter Stoff, den sie verstehen sollen: Wie entsteht Schmerz im Gehirn? Um zu beweisen, dass sie alles begriffen haben, müssen die Kinder eine schriftliche Prüfung bei Dobe ablegen. Erst dann dürfen sie mit der Therapie beginnen, für die sie eigentlich ins Ruhrgebiet gekommen sind.

Dobe ist psychologischer Schmerztherapeut am Deutschen Kinderschmerzzentrum (DKSZ) der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln. Es ist deutschlandweit die erste Einrichtung dieser Art, in der sich ein Team aus Ärzten, Psychologen und Pflegenden auch stationär um Kinder und Jugendliche kümmert, die mitunter seit Jahren tagein, tagaus von Kopf- oder Bauchschmerzen, Migräneattacken oder anderen Schmerzleiden geplagt werden.

Auch der heute 18-jährigen Schülerin Merle* erging es so, sie hat anlässlich des bundesweiten Aktionstags gegen den Schmerz ihre Geschichte erzählt. Für andere Betroffene, um ihnen Mut zu machen, wie sie schreibt. Vier Jahre lang hatte sie Bauchschmerzen. Scheinbar harmlos fing es an, doch dann wurde es immer schlimmer. Etliche Ärzte suchte sie auf, schluckte jede Menge Medikamente und brachte einige Klinikaufenthalte hinter sich. Nichts half. Ihre Freunde machten sich lustig über sie und grenzten sie schließlich aus. "Sie glaubten meine Schmerzen nicht und machten mich fertig."

"Man richtet alles danach aus"

"Wenn Kinder zu uns kommen, haben sie fast andauernd Schmerzen", sagt Dobe. "Diese nehmen in ihrem Leben und in der Familie so viel Raum ein, dass man alles danach ausrichtet." Viele seiner jungen Patienten fehlen häufig in der Schule, ziehen sich zurück, sind depressiv. Eine große Belastung, auch für Eltern und Familie. Das DKSZ ist für viele die letzte Hoffnung.

Gegründet wurde das DKSZ, das von Boris Zernikow geleitet wird, offiziell 2012. Herzstück ist die Station "Leuchtturm", die Zernikow und seine Kollegen schon seit gut acht Jahren betreuen. Drei Wochen lang leben die jungen Patienten im "Leuchtturm" mit Gleichgesinnten. Dort sollen sie lernen, ihre Schmerzen in den Griff zu bekommen.

Ihre jahrelangen Erfahrungen mit der Schmerztherapie wollen Dobe und Zernikow jetzt an andere Einrichtungen weitergeben. Denn am DKSZ werden die Wartelisten immer länger: Zwanzig Kinder und Jugendliche finden auf der Station derzeit einen Therapieplatz, etwa tausend junge Patienten kommen jährlich in die Ambulanz. Das Problem: "Je länger es dauert, bis chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen effektiv behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Entwicklung nachhaltig gestört wird", sagt Zernikow.

Schlechte Versorgung der Patienten

Deutschlandweit leiden etwa 300.000 bis 350.000 Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren an chronischen Schmerzen, Tendenz steigend. Um deren Versorgung ist es schlecht bestellt. "Ein sehr großer Teil der bundesweit etwa 13 Millionen Schmerzpatienten wird derzeit unzureichend behandelt, darunter auch viele Kinder", sagt Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft. Das Thema müsse endlich zum Top-Thema der Gesundheitspolitik werden. "Aber auch im regionalen Gesundheitswesen sind dringend Verbesserungen notwendig."

Damit andere Kliniken von den Erfahrungen aus dem Dattelner "Leuchtturm" lernen können, haben Dobe und Zernikow vor kurzem ein Manual für Psychotherapeuten, Ärzte und Pflegepersonal veröffentlicht. "Therapie von Schmerzstörungen im Kindes- und Jugendalter" heißt das 250 Seiten dicke Werk, das als Anleitung und Schulungsmaterial verstanden werden darf und bei internationalen Schmerzexperten als Pionierwerk gilt.

Markus Blankenburg vom Stuttgarter Olgahospital ist einer von jenen Ärzten, die das Therapiekonzept aus Datteln bundesweit implementieren wollen. Von November an soll es im Neubau des Olgahospitals eine Station geben, auf der insgesamt 16 chronisch schmerzkranke Kinder therapiert werden können.

Wie die Dattelner Experten konfrontiert Blankenburg seine jungen Patienten in Stuttgart auch mit den unangenehmen Ursachen der Schmerzen. Selten sind chronische Schmerzen organischer Natur. Wie bei den meisten Kranken ohne Befund gibt es stattdessen einen psychosomatischen Hintergrund, die Ursachen sind vielschichtig und haben häufig mit Überforderung zu tun.

Der Schmerz-Teufelskreis

Eine der unbequemen Wahrheiten lautet deshalb: Eine vollständige Heilung gibt es nicht - nur einen anderen Umgang mit den Schmerzen. Längst haben diese sich tief im Gehirn verankert. Je mehr die Kinder die Aufmerksamkeit auf die Schmerzen lenken, desto mehr verfestigen sich die negativen Gedanken und die Hilflosigkeit. Die Anspannung steigt, der Körper schüttet Stresshormone aus, die das Schmerzzentrum im Gehirn weiter sensibilisieren. Ein Teufelskreis - den die Kinder nur durchbrechen können, wenn sie den Schmerz wieder verlernen.

Was einfach klingt, ist ein komplexer Prozess, der die Mitarbeit und Expertise von Psychologen, Pflege- und Erziehungskräften erfordert. Schließlich müssen es Kinder und Jugendliche langfristig schaffen, ihren Alltag so zu gestalten, dass der Fokus nicht mehr auf die Schmerzen gerichtet ist. Auch für die Familien bedeutet das Veränderungen im Alltag und das Auflösen von Denkfallen. Die Eltern müssen beispielsweise verstehen, dass es nicht in jeder Situation sinnvoll ist, ihr Kind zu schonen.

Zahlreiche Studien aus Datteln belegen, dass die Therapie zu funktionieren scheint. "Das Konzept ist weltweit führend, es gibt nichts Vergleichbares", sagt Blankenburg. Gleichwohl, so der ärztliche Direktor, fehle es an multizentrischen Studien. Noch sei unklar, ob das Konzept auch in anderen Kliniken so gut funktioniert wie in Datteln.

Dass die Wochen auf der Station "Leuchtturm" nicht unbedingt ein Zuckerschlecken sind, liest man in den vielen Patientengeschichten, die auf der Aktionsseite des DKSZ zu lesen sind. "Die Leute in Datteln können gemein werden und dich extrem fordern", schreibt die 18-jährige Merle. Seit der Therapie lebe sie hauptsächlich schmerzfrei. Der Weg, die Schmerzen loszuwerden, sei aber hart. "Wenn ihr ihn beschreitet, wird es oft genug sein, dass ihr euch einfach wieder in den Schmerzen verkriechen wollt, aber denkt mal daran, wie gut ein Leben ohne Schmerzen ist."

* Name von der Redaktion geändert

In diesem Video sehen Sie, wie der 13-jährige Noah auf der Station "Leuchtturm" behandelt wird.

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1.
enkidu78 21.06.2013
"gibt es stattdessen einen psychosomatischen Hintergrund, die Ursachen sind vielschichtig und haben häufig mit Überforderung zu tun." bei solch heftigen Fällen würd ich eher nach Traumata Ausschau halten. Wünsche Merle Gute Besserung!
2.
psychologiestudent 21.06.2013
Zitat von enkidu78"gibt es stattdessen einen psychosomatischen Hintergrund, die Ursachen sind vielschichtig und haben häufig mit Überforderung zu tun." bei solch heftigen Fällen würd ich eher nach Traumata Ausschau halten. Wünsche Merle Gute Besserung!
naja, so einfach ist das meistens nicht... Aber wenn Sie nach Traumata suchen werden Sie sicher überall eins finden.
3. Trauma - ganz neue Idee...
lsatur 22.06.2013
Da ist sicher vor Ihnen noch keiner drauf gekommen. Die Kinder haben jahrelange Karrieren bei somatischen und psychisch orientierten Therapeuten.
4.
isalö 23.06.2013
Ein Riesen großes Lob und an die festische Kinderklinik in Datteln! Auch ich war ein Kind mit chronischen Schmerzen und hatte keine Hoffnung mehr auf Besserung als ich nach Datteln kam. Heute bin ich Schmerzfrei und den Grundstein dafür hat definitiv dieses Krankenhaus gelegt
5. Zusatzstoffe im modernen Essen
f.geldmacher 25.06.2013
Ich litte auch jahrzehntelang unter chronischen Schmerzen. Hervorgerufen durch Zusatzstoffe im Essen. Die "Übeltäter" waren bei mir Glutamat in allen Formen und unter allen Decknamen, Süßstoffe, Schwefelverbindungen, Jod . Eher zufällig verschwanden die nicht therapierbaren Schmerzen, als ich meine Ernährung auf ausschließlich selbstgekochtes Essen umstellte, und seit ich keine Dinge mehr im Supermarkt kaufe, die eine Zutatenliste benötigen. Sobald ich wieder einmal woanders esse oder es nicht so genau nehme mit der Vermeidung, weil ich denke, so schlimm kann es ja nicht sein, gibt es einen Rückschlag. Bevor nun jemand mit der Psychosomatikmasche kommt, sollte er sich erst einmal informieren, wie Glutamat im Körper wirkt- es ist als Neurotransmitter maßgeblich bei der Schmerzsignalübertragung beteiligt und man reagiert schließlich "übersteuert", selbst auf kleine Reize. Deshalb verkauft sich auch Ibuprofen so gut, es ist ein Glutamatblocker. Wer also solche Schmerzen hat...selbst ausprobieren, wenn es hilft, kann man sich viel Leid ersparen. Oh, Natriumnitrit gehörte auch zu den Schmerzauslösern oder -verstärkern.
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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