Computertomografie Nicht jedes Kind muss in die Röhre

Lösen Aufnahmen mit dem Computertomografen bei Kindern Krebs aus? Seit Jahren streiten Radiologen über die Langzeitfolgen von Röntgenstrahlen. Jetzt liefert eine Studie erste Ergebnisse: Das Risiko steigt, Grund zur Panik gibt es aber nicht.

Liz D'Arcy/ Wexford General Hospital Ireland

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Eben noch saß das Kind lachend auf der Schaukel. Doch dann verlor es plötzlich das Gleichgewicht und landete kopfüber auf dem harten Boden. Nicht immer genügt ein "Heile, heile Segen" der Eltern. Manchmal sind die Folgen eines solchen Unfalls dramatischer. Um im Notfall rasch zu wissen, was im Körperinneren passiert ist, machen Ärzte häufig eine Aufnahme mit dem Computertomografen (CT). In wenigen Sekunden durchleuchten moderne CT-Röhren den Schädel eines Kindes.

Damit steht die Diagnose meistens schnell fest. Problematisch sind aber die Röntgenstrahlen, die bei der CT den jungen Körper durchdringen. Seit Jahren streiten sich Radiologen darüber, wie hoch das Risiko für Kinder ist, später im Leben durch die CT an Krebs zu erkranken.

Jetzt gibt eine Studie erstmals Auskunft: Nach zwei bis drei Kopfaufnahmen im Kindesalter verdreifache sich das Risiko, später im Leben an einem Hirntumor zu erkranken, schreiben Ärzte um Mark Pearce von der britischen Newcastle University im Medizinjournal "The Lancet". Nach fünf bis zehn solcher Kopfscans sei auch das Risiko einer Leukämie dreifach erhöht.

Insgesamt bleibt das Risiko für beide Krebsarten aber sehr gering: Ein dreifach erhöhtes Risiko bedeutet, dass von 10.000 im Tomografen am Kopf untersuchten Kindern unter zehn Jahren ein Kind mehr an einem Hirntumor im Laufe seines Lebens und ein weiteres an einer Leukämie erkrankt, als ohne CT zu erwarten ist.

Debatte beendet: Die Risiken der Computertomografie sind echt

"Die Ergebnisse beenden die Debatte der letzten Jahre, ob die Risiken der Computertomografie real sind oder nicht", sagt David Brenner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Physiker von der New Yorker Columbia University stieß die Debatte um Strahlengefahren durch CT-Aufnahmen im Kindesalter vor mehr als zehn Jahren mit an. "Im vergangenen Jahrzehnt gab es darüber noch viele Diskussionen, trotzdem hat sich die klinische Praxis bereits verändert. Es wird heute schon mehr Wert auf Untersuchungen mit niedriger Strahlendosis gelegt."

Die Mediziner überprüften für die aktuelle Studie die Daten von knapp 180.000 britischen Kindern ohne Krebs, die zwischen 1985 und 2002 im Computertomografen untersucht wurden. Anschließend berechneten sie, wie hoch die Strahlendosis in einzelnen Organen der Kinder war. Aus dem Zentralregister des britischen Gesundheitssystems NHS bekamen die Forscher Zahlen, wie viele der Kinder später im Leben an einem Hirntumor oder an Leukämie erkrankten. Bei ihrer Berechnung, nach wie vielen CT-Untersuchungen das Krebsrisiko ansteigen kann, berücksichtigten sie auch, dass die Strahlenbelastung durch moderne Computertomografen deutlich geringer ist, als bei jenen, die zwischen 1985 und 2002 bei den Studienpatienten eingesetzt wurden.

Im Einzefall genau abwägen, ob es wirklich keine Alternative gibt

Besonders in den USA schieben Ärzte auch Kinder und Jugendliche verhältnismäßig häufig in den Tomografen, berichtet Christoph Heyer, Kinderradiologe an der Ruhr-Universität Bochum. "Die Situation in Deutschland ist heute schon besser, bei uns ist das Bewusstsein für die Gefahren der Strahlen stärker vorhanden", sagt Heyer. "Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, im Einzelfall genau abzuwägen, ob eine Computertomografie wirklich notwendig ist oder nicht. Der Nutzen für den Patienten muss immer höher sein als das Risiko."

Es gibt Verfechter der Computertomografie, die bisher kein Krebsrisiko durch die Untersuchungen sahen. Die "American Association of Phycisists in Medicine" bestritt in einer Stellungnahme noch 2011, dass solche Risiken überhaupt bestehen, wenn Patienten ähnlichen Strahlendosen wie in der aktuellen Studie ausgesetzt sind. Vorsichtige Röntgenärzte sehen das zwar schon lange anders, hatten bisher allerdings keine harten Fakten zur Hand, mit denen sie argumentieren konnten.

Um endlich Klarheit zu bekommen, sammeln mehrere Forschergruppen seit Jahren Daten und untersuchen sie auf Zusammenhänge zwischen Röntgenaufnahmen und späteren Krebserkrankungen. Die "Lancet"-Studie des Teams um Pearce ist die erste dieser Untersuchungen. Unter den noch laufenden Untersuchungen ist auch eine deutsche Studie mit 140.000 Patienten, deren Ergebnisse für 2016 erwartet werden. Doch bis Ärzte sämtliche Daten ausgewertet und auch hinsichtlich anderer Krebsarten analysiert haben, werden noch Jahrzehnte vergehen. Viele Tumoren treten erst im hohen Alter auf - und haben vielfältige Ursachen. Alkoholkonsum, Rauchen, Umwelteinflüsse spielen bei der Entstehung von Krebs ebenfalls eine große Rolle und erschweren die Interpretation der Daten.

Botschaft an die Eltern: Es gibt keinen Grund zur Panik

"Das absolute Risiko, an einer dieser Krebsarten zu erkranken, ist gering. Das ist für die Eltern wichtig zu wissen", sagt der Kinderradiologe Heyer. "Nicht nur wir Röntgenfachärzte, sondern auch die Kollegen, die bei uns die Untersuchungen bestellen, müssen jetzt intensiv miteinander reden, wie wir am besten mit dem Risiko umgehen."

Bereits heute gibt es in Deutschland vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auch für Kinder Referenzwerte, wie hoch die Strahlenbelastung bei einer Röntgenuntersuchung sein sollte. Wie viele Computertomografien jährlich bei Kindern in Deutschland durchgeführt werden, weiß das BfS allerdings nicht, bekannt ist nur, dass die Zahl aller Computertomografien ständig steigt.

"Für den einzelnen Patienten ist das Risiko immer ziemlich gering", sagt Strahlenexperte Brenner. "Wenn eine Computertomografie klinisch notwendig ist, dann überwiegen die Vorteile die Risiken deutlich. Eine andere Frage ist, ob jede CT, die gemacht wird, wirklich sein muss." Eine Alternative ist zum Beispiel die Kernspintomografie (MRT). Sie funktioniert ohne Röntgenstrahlen, dauert aber länger. Kinder müssen häufig in Vollnarkose versetzt werden. Brenner schätzt, dass zwischen 20 und 50 Prozent aller CT-Aufnahmen in den USA durch andere, weniger strahlenbelastende Untersuchungen ersetzbar wären.



insgesamt 12 Beiträge
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Kalle79 07.06.2012
1. CT ist eine ernste Gefahr!
Die Gefahr von CTs wird systematisch ausgeblendet. Sowohl durch die Medizinier, wie auch durch Medien und Politik. Während sich die Bevölkerung um die 0,01 µSv im Jahr durch die Kerntechnik ziemlich grosse Sorgen macht, läßt man sich gerne mal mit ner CT den Bauchraum "wegbrennen". Macht ja hübsche 3D Bilder. Solche eine Bauchraum-CT verursacht in wenigen Minuten 20 mSv also 20000µSv! Das ist die Dosis, die ein Arbeiter in einem AKW MAXIMAL in einem ganzen Jahr bekommen darf! Bzw. ist das soviel wie ein Bundesbürger in 10 Jahren durch natürliche und zivilisatotische Strahlung bekommt! Bei Kindern ist die Gefahr noch viel dramatischer, da sich die Zellen häufiger Teilen und Tumore so viel schneller entstehen können. Ein weiterer Skandal ist, dass es immer noch Mediziner gibt, die unnötige CTs durchführen nur um diese teuren Geräte auszulasten und somit Geld einzustreichen. Einen Aufschreib gibts es und gab es nie. Die gefühlte Gefahr durch Fukushima ist Lichtjahre stärker im Vergleich zur CT, obwohl die reale Situation genau umgekehrt ist.
Wilder Eber 07.06.2012
2. CT Strahlenexposition
Zitat von Kalle79Die Gefahr von CTs wird systematisch ausgeblendet. Sowohl durch die Medizinier, wie auch durch Medien und Politik. Während sich die Bevölkerung um die 0,01 µSv im Jahr durch die Kerntechnik ziemlich grosse Sorgen macht, läßt man sich gerne mal mit ner CT den Bauchraum "wegbrennen". Macht ja hübsche 3D Bilder. Solche eine Bauchraum-CT verursacht in wenigen Minuten 20 mSv also 20000µSv! Das ist die Dosis, die ein Arbeiter in einem AKW MAXIMAL in einem ganzen Jahr bekommen darf! Bzw. ist das soviel wie ein Bundesbürger in 10 Jahren durch natürliche und zivilisatotische Strahlung bekommt! Bei Kindern ist die Gefahr noch viel dramatischer, da sich die Zellen häufiger Teilen und Tumore so viel schneller entstehen können. Ein weiterer Skandal ist, dass es immer noch Mediziner gibt, die unnötige CTs durchführen nur um diese teuren Geräte auszulasten und somit Geld einzustreichen. Einen Aufschreib gibts es und gab es nie. Die gefühlte Gefahr durch Fukushima ist Lichtjahre stärker im Vergleich zur CT, obwohl die reale Situation genau umgekehrt ist.
Ich sehe das genauso. Niemals auf den Arzt verlassen, wenn es um CT geht. Ich habe meinen Arzt auf die CT Strahlenexposition angesprochen und siehe da, es ging auch mit dem harmlosen MRT. Manchmal kommt man um ein CT aber nicht herum, da es bei eine hohe Auflösung hat und Veränderungen der Knochen darstellen kann. Da muss man Vorteil und Risiko des CT abwägen. TIP: Nach dem CT die CD und/oder Bilder mitnehmen, um redundante Untersuchungen zu vermeiden.
n+1 07.06.2012
3. in kaum
Zitat von sysopAP/Monteflore Medical CenterLösen Aufnahmen mit dem Computertomografen bei Kindern Krebs aus? Seit Jahren streiten Radiologen über die Langzeitfolgen von Röntgenstrahlen. Jetzt liefert eine Studie erste Ergebnisse: Das Risiko steigt, Grund zur Panik gibt es aber nicht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,837304,00.html
einem Land werden radiologische Leistungen derart hoch vergütet wie in Deutschland (ich selbst kenne nur Japan). Da darf es nicht verwundern wenn durchleuchtet wird auf Teufel komm raus.
sgmeyer 07.06.2012
4. Nicht nur die Àrzte...
sind die bösen Strahlenschleudern. In aller Regel Bedarf es in meiner Sprechstunde (ich bin Chirurg) mühsamster Überzeugungsgespräche, dass das vor 1 Stunde auf den Kopf gefallene und jetzt durchs Zimmer tobende Kindkein Röntgen oder gar ein Schädel-CT braucht. Das Problem sind überforderte Eltern, die gar nicht mehr wissen, was normale Schreck- und Schmerzreaktionen ihrer behüteten Kinder sind, und die Absicherunsphobie vieler Kollegen gegen juristische Konsequenzen unterlassener Untersuchungen.
LDaniel 07.06.2012
5. Naja
Zitat von Kalle79Die Gefahr von CTs wird systematisch ausgeblendet. Sowohl durch die Medizinier, wie auch durch Medien und Politik. Während sich die Bevölkerung um die 0,01 µSv im Jahr durch die Kerntechnik ziemlich grosse Sorgen macht, läßt man sich gerne mal mit ner CT den Bauchraum "wegbrennen". Macht ja hübsche 3D Bilder. Solche eine Bauchraum-CT verursacht in wenigen Minuten 20 mSv also 20000µSv! Das ist die Dosis, die ein Arbeiter in einem AKW MAXIMAL in einem ganzen Jahr bekommen darf! Bzw. ist das soviel wie ein Bundesbürger in 10 Jahren durch natürliche und zivilisatotische Strahlung bekommt! Bei Kindern ist die Gefahr noch viel dramatischer, da sich die Zellen häufiger Teilen und Tumore so viel schneller entstehen können. Ein weiterer Skandal ist, dass es immer noch Mediziner gibt, die unnötige CTs durchführen nur um diese teuren Geräte auszulasten und somit Geld einzustreichen. Einen Aufschreib gibts es und gab es nie. Die gefühlte Gefahr durch Fukushima ist Lichtjahre stärker im Vergleich zur CT, obwohl die reale Situation genau umgekehrt ist.
Das Risiko ist laaaaange bekannt. Um die Auslastung machen Sie sich auch mal keine Sorgen. Bei Monaten Wartezeit dürfte das ein eher geringes Problem sein. CT ist manchmal nötig - wenn nicht tuts auch ein MR (was übrigens nochmal teurer ist). Im wirklichen Notfall braucht man das CT, sollte es allerdings grade bei Kindern nicht leichtfertig verwenden.
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