Blasenentzündung: Ärzte rätseln über Schutzwirkung der Cranberry

Von Cinthia Briseño

Cranberry: Kleine Beere - große Wirkung?
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Viele Frauen schwören auf Cranberrysaft als Schutz vor einer unangenehmen Blasenentzündung. Mediziner haben jetzt untersucht, ob die Beere wirklich Harnwegsinfektionen verhindern kann.

Das Übel beginnt mit einem leichten Ziehen im Unterleib. Was kurz darauf folgt, sind die äußerst unangenehmen Begleiterscheinungen einer typischen Blasenentzündung: Beim Wasserlassen brennt es wie Feuer, der Bauch schmerzt, ständig hat man das Gefühl, auf die Toilette zu müssen, und manchmal ist sogar Blut im Urin.

Mediziner nennen das, was etwa die Hälfte aller Frauen Statistiken zufolge mindestens einmal in ihrem Leben erfahren muss, eine Zystitis, also eine untere Harnwegsinfektion. Gemeinhin gilt sie als "unkompliziert". Nämlich dann, wenn "im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen". So ist es in den offiziellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) zu Harnwegsinfektionen nachzulesen.

Blasenentzündungen kehren häufig wieder

Betroffene empfinden eine Zystitis aber häufig alles andere als unkompliziert. Viele von ihnen plagt eine Blasenentzündung gleich mehrmals im Jahr. Sie erproben jedes erdenkliche Hausmittelchen, um eine Zystitis zu vermeiden. Besonders beliebt ist die Großfrüchtige Moosbeere, Vaccinium macrocapron, besser bekannt unter ihrer englischen Bezeichnung: Cranberry.

Doch vermag die Heilpflanze wirklich vor einem Harnwegsinfekt zu schützen?

Ärzte haben sich jetzt des Themas angenommen und die meisten der verfügbaren Studien über die schützende Kraft der Beere ausgewertet. Dabei kommen Chih-Hung Wang von der National Taiwan University in Taipeh und Kollegen von der Harvard School of Public Health in Boston zu einem Ergebnis, das Ärzte wie auch Patienten ziemlich ernüchtern dürfte.

Ja, heißt es im Fazit dieser Metaanalyse, die in den "Archives of Internal Medicine" veröffentlicht wurde, die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Cranberry möglicherweise vor Harnwegsinfektionen schützen könne. Der Effekt, den die Mediziner bei der Analyse von insgesamt mehr als 400 Studien dabei ausmachen, ist statistisch aber nur schwer zu belegen.

Die Cranberry-Studie im Detail
Die Forscher aus Taipeh und Boston analysierten insgesamt 414 Studien, in der eine Schutzwirkung von Cranberry-Produkten vor Harnwegsinfektionen untersucht wurden. Eine Übersichtsarbeit, die den aktuellen Stand einer Vielzahl von Studien zusammenfasst, wird Metaanalyse genannt. Nur zehn Studien erfüllten die formalen Kriterien der Forscher, um als relevant anerkannt zu werden: Dabei handelte es sich um sogenannte placebo-kontrollierte randomisierte Studien ("randomized controlled trials" - RCT).
"Methodisch gesehen ist die Qualität dieser Arbeit sehr gut", sagt Christian Gratzke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Doch die Schlussfolgerung ist bewusst schwammig formuliert." Das sei aber ein grundsätzliches Problem bei der Untersuchung von pflanzlichen Produkten, erklärt der Urologe und Oberarzt am Klinikum der Universität München (LMU). "Wir kennen meist die genaue Dosierung der verschiedenen Extrakte nicht, die für den gewünschten Effekt notwendig wäre", sagt Gratzke.

Die Fahndung nach dem wichtigsten Cranberry-Wirkstoff

Auch nach Analyse der Cranberry-Studien ist nicht klar, wie hoch die Konzentration des pflanzlichen Wirkstoffs im Blut jener Probandinnen war, bei denen ein positiver Effekt messbar war. Die Beere enthält mehr als 200 aktive Substanzen. Als für die Gesundheit wirksame Bestandteile kommen einige davon in Frage: Einer alten Theorie zufolge sollen Vitamin C, Zitronensäure und eine Reihe anderer Säureverbindungen aus der Cranberry den Urin ansäuern und so vor Bakterienwachstum schützen. Diese Idee ist aber überholt. Selbst wenn eine Person mehrere Liter Cranberrysaft in sich hineinschüttet, verändert das den Säurewert im Urin (pH-Wert) nicht ausreichend, um Bakterien den Garaus zu machen.

Gleichwohl haben Forscher inzwischen zeigen können, dass Cranberrysaft einige Bakterienarten daran hindert, sich an die Zellwände der Harnwege zu heften. Verantwortlich für diese Wirkung ist demnach eine Substanz namens Proanthocyanidin. Sie gehört zu einer großen Gruppe von pflanzlichen Wirkstoffen, den Flavonoiden. Auch Blaubeeren enthalten Proanthocyanidin.

Als erste Studien zeigten, dass Kapseln mit Cranberry-Extrakten bei Frauen, die unter wiederkehrenden Blasenentzündungen litten, scheinbar ähnlich wirkungsvoll wie eine tägliche Antibiotika-Pille vor erneuten Harnwegsinfektionen schützen, war die Euphorie groß. Sogleich sponserte der Cranberrysaft-Hersteller Ocean Spray eine große Studie, um die Wirkung von Cranberrysaft gegen einen Placebo-Saft antreten zu lassen. Aber der Saft versagte: Im Vergleich zum Placebo konnten die Wissenschaftler keinen deutlichen Unterschied ausmachen.

Placebo-Saft wirkt auch

Doch das Risiko für das erneute Auftreten einer Entzündung schien insgesamt bei allen Probandinnen zu sinken. Als sie die Studie letztes Jahr veröffentlichten, schrieben die Forscher um Betsy Foxman von der University of Michigan dazu: Es sei möglich, dass in dem Placebo-Saft irrtümlicherweise die aktiven Substanzen aus dem Cranberrysaft enthalten waren. Dieser sei zwar frei von der vermeintlichen Schlüsselkomponente Proanthocyanidin gewesen, aber nicht etwa von Vitamin C.

Cranberry-Produkte, so ein Fazit der aktuellen Übersichtsanalyse aus Taiwan, scheinen insbesondere einen Nutzen für Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen zu haben. "Man sollte auch keinesfalls den Placebo-Effekt vernachlässigen", sagt der Urologe Christian Gratzke. Und so findet sich auch in den Leitlinien des Europäischen Urologen-Verbands ein kleiner Absatz, der die Prophylaxe mit Hilfe von Cranberrysaft empfiehlt. Er schade keinesfalls, sagt Gratzke. Patienten, die ihm erklären, sie würden Cranberrysaft trinken, hält er jedenfalls nicht davon ab.

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insgesamt 38 Beiträge
Bathory 11.07.2012
Wohl eher Blut im Urin. Und bei jeder Untersuchung mit Verdacht auf Blasenentzündung wird der Urin auf Blut untersucht und in den allermeisten Fällen ist welches drin. Wobei man umgekehrt nicht drauf schließen kann, dass sobald [...]
Zitat von sysopViele Frauen schwören auf Cranberrysaft als Schutz vor einer unangenehmen Blasenentzündung. Mediziner haben jetzt untersucht, ob die Beere wirklich Harnwegsinfektionen verhindern kann. Cranberry bei Blasenentzündungen: Ärzte streiten über Schutz-Wirkung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,843361,00.html)
Wohl eher Blut im Urin. Und bei jeder Untersuchung mit Verdacht auf Blasenentzündung wird der Urin auf Blut untersucht und in den allermeisten Fällen ist welches drin. Wobei man umgekehrt nicht drauf schließen kann, dass sobald Blut im Urin ist, dieses auch aus der Blase stammt. Und die Saftkonzentration ist zu gering, als dass sie merkliche Veränderungen bringt. Irgendwie hab ich den Eindruck, als sei mit "Cranberryprodukten" im Artikel immer nur der Saft gemeint, auch wenn die Kapseln mal erwähnt werden. Gerade die scheinen ja etwas zu bringen, zumindest in meinem Umfeld und mit Urologiepatientinnen mit denen ich zu tun hatte, kam öfters mal auf, dass Cranberrykapseln genommen werden, mit Saft kam da niemand an. Ich denke, man hängt das mit den Cranberrykapseln deshalb nicht so an die große Glocke, weil man dann ja mal was anderes als Antibiotika gegen Blasenentzündungen hat (nein, Cranberry ist kein Allheilmittel gegen Blasenentzündungen), wofür man nicht extra zum Arzt rennen muss und es sich verschreiben lassen, bzw es durch die Einnahme von Cranberrys erst gar nicht so weit kommen muss. Zumal es auch manchmal so ist, dass man die Symptome einer Blasenentzündung hat (Brennen beim Wasser lassen, häufiger Harndrang jedoch kommen dann nur ein paar Tropfen), aber keine wirkliche Blasenentzündung, wo weder Bakterien noch Blut im Urin nachweisbar sind, und die sich durch die Einnahme von Cranberrykapseln bessern, eigene Erfahrung.
ObackoBarama 11.07.2012
Natürlich werden die Schulmediziner mit ihren "Studien" immer versuchen, jede Wirkung einer Pflanze, Frucht.. oder was auch immer in die Alternativmedizine geht,- sofort in Frage zu stellen und als Hokus-Pokus zu [...]
Natürlich werden die Schulmediziner mit ihren "Studien" immer versuchen, jede Wirkung einer Pflanze, Frucht.. oder was auch immer in die Alternativmedizine geht,- sofort in Frage zu stellen und als Hokus-Pokus zu diffamieren. Etwas anderes erwarte ich von ihnen auch nicht. Denn, die farmzeutische Industrie die mit den Schulmediziniern und Ärtzten weltweit eng zusammenarbeitet, muss ja ihre Pillen verkaufen.. Deswegen heisst es immer, jede alternative Medizin...zu versuchen.. lächerlich zu machen.
der_rookie 11.07.2012
Schön, dass einmal ein solcher Artikel über "Naturheilverfahren" ohne Glaubenskrieg auskommt (der wird in diesem Forum sicher noch folgen). Was ich allerdings nicht verstehe ist diese Studie zum Saft: Bei einer [...]
Schön, dass einmal ein solcher Artikel über "Naturheilverfahren" ohne Glaubenskrieg auskommt (der wird in diesem Forum sicher noch folgen). Was ich allerdings nicht verstehe ist diese Studie zum Saft: Bei einer Placebo-kontrollierten Studie soll unbekannt sein ob das Wasser Vitamin C enthielt? Also entweder ist diese Ursprungsstudie doch nicht so methodisch sauber - oder ich verstehe hier etwas nicht.
kiwikawa 11.07.2012
Seit einigen Jahren setzt sich D-Mannose als mildes Mittel gegen Blasenentzündungen durch. Es wirkt vor allem prophylaktisch, hilft aber auch bei der akuten Behandlung. Allerdings reicht die Wirkung nicht immer aus, deshalb muss [...]
Seit einigen Jahren setzt sich D-Mannose als mildes Mittel gegen Blasenentzündungen durch. Es wirkt vor allem prophylaktisch, hilft aber auch bei der akuten Behandlung. Allerdings reicht die Wirkung nicht immer aus, deshalb muss dann im Zweifel ein Antibiotikum genommen werden.
Harnwegsinfektionen sind neben Infekten der Luftwege die häufigsten Infektionen überhaupt. Sämtliche Abschnitte der Harnwege können von der Entzündung erfasst werden: Die Harnröhre, über die der Urin den Körper verlässt, die [...]
Harnwegsinfektionen sind neben Infekten der Luftwege die häufigsten Infektionen überhaupt. Sämtliche Abschnitte der Harnwege können von der Entzündung erfasst werden: Die Harnröhre, über die der Urin den Körper verlässt, die Blase, die Harnleiter bis zu den Nieren. Auf unserer Website haben Informationen für Interessierte und Betroffene zusammengestellt: Deutsche Nierenstiftung - Informationen fr Interessierte und Betroffene (http://www.nierenstiftung.de/webcom/show_article.php/_c-44/_nr-26/_p-1/i.html) Ihre, Deutsche Nierenstiftu
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  • Mittwoch, 11.07.2012 – 10:59 Uhr
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Der Autorin auf Twitter folgen:


Die Kraft der Cranberry
Die Cranberry genießt einen guten Ruf, gepriesen wird sie gerne als Nahrungsmittel und Medizin der amerikanischen Ureinwohner. Sie sollen mit ihr Krankheiten behandelt und Wunden geheilt haben. Als Hausmittel zur Vorbeugung von bakteriellen Harnwegsinfektionen wird sie heute am meisten geschätzt und verkauft. Aber auch ihr hoher Gehalt an Antioxidantien macht sie sehr beliebt. Diese Substanzen schützen die Zellen vor dem Angriff durch freie Radikale, aggressive Moleküle, die als Ursache für viele Erkankungen wie Krebs, Arteriosklerose oder vorzeitige Hautalterung gelten.

Hinweise auf die Wirkungen haben Forscher in zahlreichen Studien bereits festgestellt. Aber ein wissenschaftlicher Nachweis für eine Ursache-Wirkungsbeziehung konnte noch nicht erbracht werden.





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