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Drogenkonsum: So wirkt Crystal Meth

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Crystal Meth

Crystal Meth steigert die Konzentrationsfähigkeit; Konsumenten fühlen sich leistungsstärker und fast unbesiegbar. Nicht jeder verwandelt sich in ein Wrack - hochgefährlich ist sie trotzdem. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Droge.

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Horrorbilder von Menschen, die sich in kürzester Zeit in Wracks verwandeln - das verbindet man mit Crystal Meth. Auch, weil die Fotos immer wieder in Presse und sozialen Medien auftauchen. Sie sollen abschrecken. In vielen Fällen geht das Bild vom kaputten Meth-Junkie jedoch an der Realität vorbei und verfehlt dadurch teils sein abschreckendes Ziel.

"Was wir zu sehen bekommen, ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Kristin Ferse, Suchtbeauftragte der Stadt Dresden. Oft rutschten Menschen aus einem normalen Alltag heraus in die Sucht. Viele Erstkonsumenten fühlten sich ausgelaugt, etwa nach einer langen Nacht oder durch die Aufgaben in der Familie und im Beruf.

"Dann kennt man jemanden, der einem eine Tablette anbietet und verspricht, dass sie helfen wird", sagt Ferse. Oft entspricht der Bekannte dann so gar nicht dem Schreckensbild, das man von Crystal-Meth-Konsumenten kennt. "Die meisten Menschen gehen erst mal davon aus, dass sie die Sucht schon nicht treffen wird." Und zunächst hilft der Stoff auch.

Wie wirkt Crystal Meth?

N-Methylamphetamin kann in kristalliner Form geraucht werden, manche spritzen es sich auch, was die Suchtgefahr noch einmal deutlich erhöht. Meist wird N-Methylamphetamin aber als Pulver geschnupft oder als Tablette geschluckt. Dann ist der Rausch weniger intensiv, hält aber länger an.

Über Stunden putscht Crystal Meth auf, steigert Leistungsfähigkeit, Konzentration und sexuelles Verlangen. Gleichzeitig unterdrückt es Angstgefühle. Der Körper stellt massenhaft Botenstoffe wie die Glückshormone Serotonin und Dopamin oder das Stresshormon Noradrenalin zur Verfügung. "Konsumenten fühlen sich wie Superhelden, als könnten sie alles schaffen", berichtet Ferse.

Im Zweiten Weltkrieg bekamen deshalb auch deutschen Soldaten den Stoff als Pillen. Die Rede war damals auch von "Panzerschokolade" oder "Hermann-Göring-Pillen".

Welche Folgen hat der Konsum?

Die Suchtgefahr ist groß. Im Jahr 2010 untersuchten britische Forscher, welche Drogen die größten Schäden bei den Konsumenten anrichten. Crystal Meth landete hinter Heroin und Crack auf Platz drei. Bezogen die Forscher auch die Schäden für andere mit ein, liegt Alkohol auf Platz eins der schädlichsten Drogen, gefolgt von Heroin und Crack.

Auf Dauer kann Crystal Meth Nervenzellen im Gehirn unwiderruflich schädigen, manche Betroffene leiden unter Paranoia, Depressionen und können tagelang nicht schlafen. Sie verspüren keinen Hunger mehr, keinen Durst und keine Schmerzen.

Auch äußerlich macht sich regelmäßiger Konsum, je nach Ausmaß, früher oder später bemerkbar. Wer nicht mehr richtig isst, nimmt ab, die Haut wird aschfahl und pickelig, die Wangen fallen ein, Zähne aus. Mit Kosmetik und moderner Medizin lässt sich vieles zunächst verbergen. "Wenn man weiß, worauf man achten muss, kann man in vielen Fällen aber allein am Bewegungsmuster erkennen, ob jemand Crystal Meth nimmt", sagt Ferse.

Einzelne Forscher halten die Warnungen vieler Suchtexperten allerdings für übertrieben. Carl Hart, Professor und Drogenforscher an der Columbia University in New York, berichtet etwa, er könne bei gemäßigten Langzeitnutzern weder Hirnschäden noch Unzurechnungsfähigkeit diagnostizieren. Seine Kritik: In vielen Fällen sei nicht Crystal Meth Schuld am Verfall, sondern die Perspektivlosigkeit der Nutzer. Kritiker werfen ihm Verharmlosung vor.

Wer nimmt Crystal Meth?

Gesicherte Daten, in welchem Umfeld und welchen Gesellschaftsschichten Crystal Meth am stärksten verbreitet ist, gibt es nicht. Lange Zeit galt es als Straßen- und Partydroge. "In der Partyszene ist Crystal Meth sicher weiterhin verbreitet", sagt Ferse. Zudem gebe es in der Schwulenszene eine kleine Gruppe, die sich immer wieder zu Sex auf Crystal Meth verabredet.

Grundsätzlich gehe man aber davon aus, dass die Droge in allen gesellschaftlichen Schichten genutzt wird, unter Top-Managern, Angestellten, Studenten und Hausfrauen. "Inzwischen haben wir in den Krankenhäusern auch vermehrt Babys von konsumierenden Müttern", so Ferse.

Nicht ohne Grund veröffentlichte die Stadt Dresden 2015 ein Plakat, auf dem eine Familie zu sehen war, darüber stand: "Karriere, Kinder, Haushalt? Schaffen wir... ohne Crystal. Und ihr?" "Wir wollten provozieren", sagte Ferse damals der "Süddeutschen Zeitung". Man habe eine Zielgruppe ansprechen wollen, die man bislang mit der Drogenberatung kaum erreicht habe.

In welchen Bundesländern ist Crystal Meth verbreitet?

2013 haben Forscher in einem Bericht des "European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction" (EMCDDA) die Abwassersysteme von 42 Städten untersucht. Damals erreichte Crystal Meth in Dresden einen vergleichsweise hohen Wert. 131 mg auf 1000 Personen fanden die Wissenschaftler sonst nur in Oslo und in osteuropäischen Städten wie Prag und Piestany.

Fernse warnt allerdings davor, das Crystal Meth-Problem nur auf die Bundesländer in Ostdeutschland zu beziehen. Zwar wird der Stoff hauptsächlich in Laboren in Tschechien produziert und gelangt zunächst in die angrenzenden deutschen Regionen. Von dort habe es sich aber längst im ganzen Land ausgebreitet.

Krankenhausdaten zeigten, dass praktisch in ganz Deutschland jedes Jahr mehr Menschen in der Folge von Crystal-Meth-Konsum ins Krankenhaus kommen. Auch die Drogenmenge, die jährlich in Deutschland beschlagnahmt wird, spricht für eine flächendeckende Zunahme: 2014 wurden laut BKA in Deutschland 74 Kilogramm des kristallinen Methamphetamins beschlagnahmt. Zum Vergleich: Noch 2009 entdeckten die Beamten nur 7,2 Kilogramm des Stoffes.

Zur großen Ausbreitung trägt wohl auch der vergleichsweise niedrige Preis bei: Dieser schwankt stark und liegt laut Ferse zwischen 20 und 70 Euro pro Gramm. "Mancher Konsument berichtet mir, er käme mit Crystal Meth günstiger durch die Woche als mit Alkohol", sagt die Suchtexpertin.


Zusammengefasst: Methamphetamin gehört zu den Drogen mit dem größten zerstörerischen Potenzial für Konsumenten. Es kann das Nervensystem unwiderruflich schädigen und Depressionen auslösen. Dennoch entwickelt sich durch den Konsum nicht jeder innerhalb kurzer Zeit in ein Wrack. Je nach Ausmaß des Konsums werden körperliche und psychische Schäden erst nach längerer Zeit sichtbar. Die Suchtgefahr ist vergleichsweise groß. Crystal Meth wird in ganz Deutschland und in allen Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten konsumiert.

SPIEGEL TV Magazin (2015)

Zur Autorin
Julia Merlot
Lisa Meinen

Julia Merlot ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Wissenschaft/Gesundheit.

  • E-Mail: Julia.Merlot@spiegel.de

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