Krebstherapie: Mit dem Cyberknife gegen den Tumor

Von Dennis Ballwieser

Münchner Ärzte behandeln Krebspatienten mit dem weltweit modernsten Strahlenchirurgie-Roboter. Das Cyberknife lässt eine Utopie wahr werden: das Operieren ganz ohne Skalpell. Die Methode kann einzelnen Patienten helfen - und ist doch keine Wunderwaffe gegen Krebs.

Strahlenchirurgie: Chirurgie ohne Skalpell Fotos
Accuray

Scheinbar aus dem Nichts rieselt zurückhaltende Musik, dunkles Holz verkleidet die sanft geschwungenen Wände, in der Ecke stehen Getränke bereit, verdeckte Leuchten erhellen das Wartezimmer. Es sieht nicht aus wie beim Arzt, fühlt sich nicht an wie eine Praxis - und auch Menschen im weißen Kittel sucht man hier vergebens: Alles im Münchner Cyberknife-Zentrum auf dem Campus der Uni-Klinik Großhadern ist darauf ausgelegt, dass Gäste sich nicht als Patienten fühlen.

Dabei sind die Menschen schwerkrank, die hier behandelt werden. Bei vielen wuchert ein Tumor im Gehirn, andere leiden an Lungenkrebs. Wenn sie zu Alexander Muacevic kommen, geht es bei manchen von ihnen schon nicht mehr darum, den Krebs zu heilen. Oft sollen Metastasen behandelt werden, also im Körper verteilte Tochtergeschwulste.

Der Neurochirurg Muacevic und seine Kollegen behandeln ihre Patienten mit Hilfe von Strahlen. Auf weiße Kittel und den Geruch nach Desinfektionsmitteln können die Mediziner auch deshalb verzichten, weil sie etwas Paradoxes schaffen: Sie operieren ohne Skalpell.

Raumschiff Enterprise im Untergeschoss

In den Räumen der Praxis gibt es keinen Operationssaal: Während der Behandlung liegen die Patienten in ihrer Straßenkleidung im Untergeschoss in einem Raum, der an die Kommandobrücke vom Raumschiff Enterprise erinnert. Von der Decke aus wird das Herzstück des Cyberknife-Zentrums abwechselnd in rotes, blaues, grünes und gelbes Licht getaucht. Der Behandlungsraum wirkt merkwürdig leer. Allein eine unscheinbare Liege und ein Roboterarm, ähnlich denen in einer Autofabrik, mit einem Kopf, der aussieht wie ein Projektor, sind zu sehen. Das soll er sein? Der weltweit modernste strahlenchirurgische Strahlenroboter?

Mit den eigenen Sinnen kann man die gewaltige Energie aus der Strahlenquelle des M6 getauften Roboters nicht wahrnehmen, mit der die in diesem Linearbeschleuniger erzeugten Photonen den Krebs im Körper bekämpfen. Auf weniger als einen Millimeter genau konzentriert der Beschleuniger mit Hilfe einer wahnwitzigen Rechenleistung die Strahlenenergie - die Strahlen schädigen das Erbgut der Krebszellen so, dass diese sich nicht mehr teilen können. "Gutartige Tumoren vernarben, bösartige zerfallen", erklärt Alexander Muacevic.

Seit Jahrzehnten bestrahlen Ärzte mit Röntgenstrahlen die Tumoren von Patienten. Diese Bestrahlungen erfolgen über einen längeren Zeitraum, die Strahlendosis wird auf mehrere Termine verteilt, das bremst das Wachstum der Krebsherde. Weil das Cyberknife und ähnliche Verfahren die zerstörerische Energie der Strahlung wesentlich besser konzentrieren können, reicht dagegen in den meisten Fällen eine einzelne Behandlung aus.

Keine Wunderwaffe gegen Krebs

"Das Cyberknife ist keine Wunderwaffe gegen Krebs", stellt Muacevic klar. Doch in bestimmten Fällen könne das futuristisch anmutende Gerät bei Patienten eine Behandlung erlauben, die in dem normalen Operationssaal wenige hundert Meter entfernt nicht mehr möglich wäre. In Sichtweite des Cyberknife-Zentrums erhebt sich der Bettenturm vom Großhaderner Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Das Klinikum ist Kooperationspartner des Cyberknife-Zentrums, ihre Fälle besprechen Muacevic und sein Kollege Berndt Wowra mit den Ärzten der Uni-Klinik.

Nach einem Abkommen mit der AOK Bayern übernehmen nun auch viele gesetzliche Kassen die Behandlungskosten von rund 10.000 Euro im Münchner Zentrum.

Die Ursprünge der Behandlung mit den konzentrierten Strahlen liegt in der Neurochirurgie: Weil sich das Gehirn nicht bewegt, ist es einfacher, Tumoren im Kopf mit der fokussierten Energie zu behandeln als zum Beispiel Geschwulste in Lunge oder Leber. Dieses Problem konnten Ingenieure und Physiker mittlerweile überwinden: Für eine Behandlung mit dem Cyberknife werden zunächst im Computertomografen Aufnahmen des zu behandelnden Tumors erstellt. Daraus errechnet der Computer eine Vielzahl denkbarer Positionen des Patienten auf der Behandlungsliege. Während der Bestrahlung vergleichen zwei digitale Röntgenkameras nahezu in Echtzeit die tatsächliche Position des Patienten mit diesen vorberechneten Bildern, der Roboterarm der Strahlenquelle und der Tisch tarieren selbst minimale Verschiebungen von weniger als einem Millimeter aus.

Das neueste Gerät des Münchner Zentrums, mit dem in diesen Tagen weltweit die ersten Patienten behandelt werden, überwindet noch ein weiteres Problem: Bisher mussten den Patienten für die Behandlung von Tumoren in der Lunge oder der Leber Metallmarkierungen implantiert werden, an denen sich das Cyberknife orientieren konnte. Der neue Roboter kann die Krebsherde in vielen Fällen ohne eine solche Markierung verfolgen. Dank dieses Fortschritts können Patienten operiert werden, ohne dass die Chirurgen ihre Haut verletzen müssen. Zudem können die Photonen mit Hilfe eines Blendensystems so in den Patienten geschickt werden, dass die Strahlen die Form auch unregelmäßiger Tumoren nachbilden können.

Zwar gibt es Studien, die bei bestimmten Patienten Vorteile einer Behandlung mit dem Cyberknife gegenüber anderen Verfahren belegen, unter Umständen ist diese sogar günstiger als eine normale Operation. Das bedeutet aber nicht, dass Cyberknife-Patienten länger überleben als anders Behandelte. Zuvor unbehandelbare Tumorerkrankungen werden durch die Technik auch nicht heilbar.

Das Cyberknife-Verfahren wird deshalb eine Methode für wenige Patienten bleiben. "Wir lehnen etwa 70 Prozent aller Anfragen für eine Behandlung ab", sagt Alexander Muacevic. "Und das muss auch so sein. Der Roboter kann zwar nahezu jeden Tumor bestrahlen, aber das ist leider häufig medizinisch nicht sinnvoll."

So funktioniert die Strahlenchirurgie

Lesen Sie hier, wie die Strahlenchirurgie funktioniert.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Strahlentherapie?
hubertrudnick1 29.01.2013
Zitat von sysopMünchner Ärzte behandeln Krebspatienten mit dem weltweit modernsten Strahlenchirurgie-Roboter. Das Cyberknife lässt eine Utopie wahr werden: Das Operieren ganz ohne Skalpell. Die Methode kann einzelnen Patienten helfen - und ist doch keine Wunderwaffe gegen Krebs. Cyberknife München: Mit Strahlen gegen Krebs und Metastasen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/cyberknife-muenchen-mit-strahlen-gegen-krebs-und-metastasen-a-880008.html)
Ich setze mal hinter das Wort Strahlentherapie ein Fragezeichen. Sicherlich kann man in gewisser Weise damit was bewirken, aber wenn ein Teil erst bestrahlt ist, so kann man es nicht mehr operieren, denn die Umgebung ist zu sehr vernarbt. Mir haben Professoren gesagt, dass zuerst die OP ansteht und man danach wenn es nicht mehr geht bestrahlen sollte, aber nicht umgekehrt. Oder der Körper ist so weit geschädigt und es macht kaum noch einen Sinn ihm zu operieren. Ich selbst bin ein Krebspatient, habe schon einen Krebs überstanden, mit OPs und Chemos und man hatte mir keine Überlebenschance gegebenen und nun sind es schon über 20 Jahre her. Nun habe ich einen anderen, Prostatakrebs bekommen, man hatte es vor über zwei Jahren festgestellt, einige wollten sofort operieren, andere wollten mich bestrahlen und einge wollte den Hormonspielgel auf Null setzen. Ich habe viele amerikanische Berichte von Professoren gelesen und da schrieb man, dass man sehr wohl auch mit einem Prostatakrebs noch lange Jahre leben könnte. Ich habe eine sehr gesundheitsbewußte Lebenseinstelunng treibe auch sehr viel Sport und fühle mich recht gut. Bei der letzten Biopsie (im Dezember 2012)hat man festgestellt, dass mein Krebs im Anfangsstdium vorhanden ist, aber sich ruhig verhält und ich somit nur unter der Kontrolle bleibe. Bei uns wird zu viel und zu schnell operoiert, auch wenn es nicht immer gleich notwendig ist, aber ob man nur sicher gehen will, oder ob das Geldverdienen da eine Rolle spielt ich weiß es nicht. Gut ist es schon das man sich weiterentwickelt, aber nicht jede Entwicklung ist auch immer das Beste für alle. HR
2. Robi im OP-Saal?
check1 29.01.2013
Wer übrnimmt die Verantwortung wenn was schief läuft, oder im nachhinein rausstellt, das der Robi schlecht gearbeitet hat. Für bestimmte arbeiten könnte man ein robi einstellen (2Dimensional) ansonsten wird es schwierig.
3. Etwas mehr Genauigkeit
Gretl7 29.01.2013
Mal wieder eine Artikel, der die 5 Ws nicht bedient. Lt. Wikipedia steht in München schon seit 2005 ein Cyberknife der Firma Accuray. In Deutschland sind es jetzt 8 Geräte und weltweit über 200. Handelt es sich jetzt um einen Nachfolgertyp? Wann wurde er installiert? Die Frage sind alle in der Pressemitteilung des Europäischen Cyberknife Zentrums München-Großhadern. "Es ist die Generation M6, die im Dezember 2012 installiert wurde". Etwas mehr Genauigkeit kann man schon vom Spiegel erwarten http://www.cyber-knife.net/fileadmin/user_upload/Pressemeldungen/Cyberknife-Forschungskooperation-12.pdf Und mit 3500 Patentienten scheint sich die alte Anlage ja auch schon amortisiert zu haben.
4.
zila 29.01.2013
Zitat von hubertrudnick1Ich setze mal hinter das Wort Strahlentherapie ein Fragezeichen. Sicherlich kann man in gewisser Weise damit was bewirken, aber wenn ein Teil erst bestrahlt ist, so kann man es nicht mehr operieren, denn die Umgebung ist zu sehr vernarbt. Mir haben Professoren gesagt, dass zuerst die OP ansteht und man danach wenn es nicht mehr geht bestrahlen sollte, aber nicht umgekehrt. Oder der Körper ist so weit geschädigt und es macht kaum noch einen Sinn ihm zu operieren. Ich selbst bin ein Krebspatient, habe schon einen Krebs überstanden, mit OPs und Chemos und man hatte mir keine Überlebenschance gegebenen und nun sind es schon über 20 Jahre her. Nun habe ich einen anderen, Prostatakrebs bekommen, man hatte es vor über zwei Jahren festgestellt, einige wollten sofort operieren, andere wollten mich bestrahlen und einge wollte den Hormonspielgel auf Null setzen. Ich habe viele amerikanische Berichte von Professoren gelesen und da schrieb man, dass man sehr wohl auch mit einem Prostatakrebs noch lange Jahre leben könnte. Ich habe eine sehr gesundheitsbewußte Lebenseinstelunng treibe auch sehr viel Sport und fühle mich recht gut. Bei der letzten Biopsie (im Dezember 2012)hat man festgestellt, dass mein Krebs im Anfangsstdium vorhanden ist, aber sich ruhig verhält und ich somit nur unter der Kontrolle bleibe. Bei uns wird zu viel und zu schnell operoiert, auch wenn es nicht immer gleich notwendig ist, aber ob man nur sicher gehen will, oder ob das Geldverdienen da eine Rolle spielt ich weiß es nicht. Gut ist es schon das man sich weiterentwickelt, aber nicht jede Entwicklung ist auch immer das Beste für alle. HR
Wahrscheinlich kann man da medikamentoes noch viel machen. Fragen Sie ihren Oncologen mal nach Zytiga Abirateron (http://de.wikipedia.org/wiki/Abirateron) Viel Glueck!
5.
Kalle Bond 29.01.2013
Zitat von check1Wer übrnimmt die Verantwortung wenn was schief läuft, oder im nachhinein rausstellt, das der Robi schlecht gearbeitet hat. Für bestimmte arbeiten könnte man ein robi einstellen (2Dimensional) ansonsten wird es schwierig.
Bitte schauen sie vor der OP mal genau in die ganzen Vordrucke, die sie unterschreiben müssen, dann erübrigt sich die Frage. Schmerz beiseite, wie der Doktor zu sagen pflegt, ein Restrisiko bleibt, egal wer die Verantwortung nicht übernimmt.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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