Verdauung und Psyche Darmalarm

Im menschlichen Darm leben etwa hundert Billionen Bakterien. Forscher beginnen erst, ihr Zusammenspiel zu verstehen. Eines aber ist sehr wahrscheinlich: Die Untermieter haben einen großen Einfluss - vielleicht sogar auf unser Verhalten.

Menschliches Verdauungssystem (Grafik): Großer Einfluss auf physische und psychische Gesundheit
Corbis

Menschliches Verdauungssystem (Grafik): Großer Einfluss auf physische und psychische Gesundheit

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Mayer, stimmt es, dass in unserem Darm mehr Bakterien leben, als wir Körperzellen haben?

Mayer: Ja, etwa hundert Billionen, das sind zehnmal mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es zu dieser erstaunlichen Wohngemeinschaft?

Mayer: Die ist evolutionär sehr alt, schon die primitivsten Tiere hatten Bakterien im Darm. Es ist eine Symbiose: Wir geben den Bakterien ein geschütztes Umfeld und Nahrung. Und sie helfen uns bei der Verdauung.

SPIEGEL ONLINE: Forscher haben die Darmflora als neues Thema entdeckt. Sie vermuten, dass die Bakterien unseren Körper erheblich beeinflussen und uns beispielsweise dick machen können.

Mayer: Das ist richtig. Wir können pflanzliche Fasern nicht verdauen, die sogenannten Ballaststoffe. Manche der Darmbakterien aber können das und wandeln sie in für uns verdauliche kurze Fettsäuren um. Übergewichtige haben möglicherweise besonders effiziente Bakterien.

SPIEGEL ONLINE: Die Darmflora könnte sogar unser Verhalten beeinflussen. Es gibt ein sehr interessantes Experiment: Ängstlichen Mäusen wurde die Darmflora von mutigen Tieren übertragen. Danach waren sie mutiger.

Mayer: Man muss diese Studie mit Vorsicht betrachten. Das waren keimfreie Mäuse, also Tiere ohne eine Darmflora. Das ist schlecht auf den Menschen übertragbar.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen haben Sie eine Studie an Menschen gemacht. Sie haben Probanden vier Wochen lang Joghurt mit bestimmten Bakterienstämmen gegeben. Wurden diese auch mutiger?

Mayer: Nein. Das kann daran liegen, dass sie völlig gesund waren. Möglicherweise hätten wir eine Wirkung bei Angst- oder Depressions-Patienten gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben Sie Veränderungen in den Gehirnen beobachtet.

Mayer: Die Probanden mussten im Hirnscanner Gesichtern, die Trauer, Angst oder Wut zeigten, so schnell wie möglich Emotionen zuordnen. Tatsächlich waren die Hirnregionen des limbischen Systems, die negative Emotionen verarbeiten, in der Joghurt-Gruppe weniger aktiv. Aber das schlug sich nicht im Verhalten nieder. Das menschliche Gehirn ist nun mal viel komplexer als das einer Maus, möglicherweise haben höhere Gehirnregionen die Funktion dieser sehr alten Hirnregionen überlagert. Aber wir werden die gleiche Studie noch mal mit Angstpatienten machen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Bakterien davon, dass sie auf unser Hirn einwirken?

Mayer: Es geht den Bakterien um ihr Überleben, dafür brauchen sie Futter. Es gibt Forscher, die glauben, dass unser mächtiges Hungergefühl von den Darmbakterien erzeugt wird.

SPIEGEL ONLINE: Animiert uns eine gesunde Darmflora also dazu, uns weiterhin gut zu ernähren - und umgekehrt?

Mayer: Es ist nicht mal völlig klar, wie eine gesunde Darmflora aussieht. Im menschlichen Darm leben Tausende verschiedene Bakterienstämme. Momentan gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Darm wie ein Ökosystem in der Natur ist - da ist hohe Diversität immer vorteilhaft. Aber das ist nur eine These. Ich glaube eher, dass diese Symbiose unter völlig anderen Bedingungen entstand und auf unsere heutige Ernährung mit hoch verarbeiteten Lebensmitteln nicht eingestellt ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Industrie versucht, mit Probiotika Geld zu verdienen, mit Joghurts und anderen Produkten mit Heilsversprechen. Wie sehen Sie das?

Mayer: Es gibt derzeit viele Studien, die Auswirkungen von Probiotika auf Krankheiten untersuchen, zum Beispiel auf das metabolische Syndrom, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmkrebs und viele andere. Sie finden bei vielen Krankheiten Veränderungen der Darmflora, aber niemand weiß, ob diese die Wirkung oder die Ursache der Krankheit sind. Es fehlt noch an großen guten Studien. Die Heilsversprechen sind deshalb derzeit nicht gerechtfertigt. Außerdem stecken Probiotika ja nicht nur in Joghurts, sondern in allen fermentierten Nahrungsmitteln - Sauerkraut, Kimchi, Weißbier...

SPIEGEL ONLINE: Die Bakterien müssen außerdem die Magensäure überleben und im Darm heil ankommen.

Mayer: Genau. Dieser Aspekt wird sehr oft vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Antibiotika machen die Darmflora kaputt. Wie schlimm ist das?

Mayer: Das ist je nach Antibiotikum unterschiedlich. Ein Breitbandantibiotikum zerstört bis zu 90 Prozent der Darmbakterien. Das regeneriert sich aber von selbst. Bei Kindern ist der Schaden möglicherweise größer und dauerhaft. Es gibt Wissenschaftler, die glauben, dass die exzessive Gabe von Antibiotika an Kleinkinder mit verantwortlich ist für die Übergewichtsepidemie.

SPIEGEL ONLINE: Bieten Antibiotika auch die Chance, sich eine bessere Darmflora aufzubauen?

Mayer: Diese Strategie wird bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms verfolgt. Aber bei gesunden Menschen bin ich skeptisch. Sie haben immer das Risiko, dass sich schädliche Erreger wie Clostridium difficile ausbreiten, wenn die Darmflora-Diversität stark vermindert ist.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Fall hilft eine Stuhltransplantation ja phänomenal.

Mayer: Ja, das ist bislang die einzige Indikation, bei der eine Verpflanzung der Darmflora so erfolgreich ist. Derzeit laufen sehr viele Studien, auch andere Krankheiten mit Stuhltransplantation zu behandeln - vom Reizdarm über Autismus bis hin zu Alzheimer. Aber es gibt noch keine Ergebnisse, und das Ganze hat Risiken. Was ist, wenn Sie eine Darmflora bekommen, die möglicherweise andere schädliche Wirkungen hat - Angstzustände, Suchtverhalten oder Alzheimer selbst?

SPIEGEL ONLINE: Stuhltransplantation klingt auch recht unappetitlich.

Mayer: Es gibt da mehrere Möglichkeiten: per Magensonde, Einlauf. Aber es gibt auch schon Kapseln. Das wird in den nächsten Jahren eine ganz heiße Sache, herauszufinden, was die beste Darmmischung für eine Indikation sein könnte. Es kann sein, dass Darmbakterien die Medizin revolutionieren werden. Es kann aber auch sein, dass Clostridium difficile die einzige Anwendung bleiben wird.

Zur Person
  • Emeran Mayer
    Emeran Mayer ist Gastroenterologe, Neurowissenschaftler und Arzt. Mayer ist ein Pionier auf dem noch jungen Gebiet der Neurogastroenterologie und erforscht, wie Darm und Gehirn miteinander interagieren. Der gebürtige Bayer lebt seit den Achtzigerjahren in den USA. Derzeit ist er Professor an der University of California in Los Angeles.
  • Kontakt Emeran Mayer

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
trompetenmann 08.02.2015
1. Darmgehirn
Die Erkenntnis, dass der Darm direkt mit unserem Gehirn "verbunden" ist und somit nicht nur für die körperliche, sondern auch für die psychische Gesundheit wichtig ist, ist nicht neu. Dass man durch Stuhltransplantation sich mit psychische Krankheiten anstecken kann, finde ich erstaunlich.
gerhard5260 08.02.2015
2. Übergewicht...
"Forscher vermuten... dass Bakterien uns dick machen können..." Völlig unabhängig von Darmflora, genetischer Veranlagung etc. kann ein Mensch NICHT zunehmen, wenn er nicht mehr Kalorien pro Tag zu sich nimmt, als er pro Tag verbraucht. Auch die Biologie ist letztendlich der Physik untergeordnet.
sok1950 08.02.2015
3. es ist aber ein Unterschied wenn
Zitat von gerhard5260"Forscher vermuten... dass Bakterien uns dick machen können..." Völlig unabhängig von Darmflora, genetischer Veranlagung etc. kann ein Mensch NICHT zunehmen, wenn er nicht mehr Kalorien pro Tag zu sich nimmt, als er pro Tag verbraucht. Auch die Biologie ist letztendlich der Physik untergeordnet.
zwei Menschen z.b. rohe Karotten oder Vollkornbrot essen. Der Eine verwertet die Karotten und das Vollkornbrot wesentlich besser als der Andere - schon haben beide die gleiche Anzahl von Kalorien gegessen, aber der Eine mit der besseren Verwertung hat de facto mehr Energie zu sich genommen. Der Mensch ist eben doch kein einfaches physikalischen System und die Biologie kann die Physik aus tricksen.
Ursprung 08.02.2015
4. Wie Sterne im All
Interessanter Artikel. Dem Thema folge ich als nachdenklicher Laie schon laenger. Es laesst sich auf dieser Grundlage vortrefflich und auch logisch spekulieren und nachdenken: wir sind demnach wohl nicht ein "Individuum", sondern schlicht eine Symbiose, die von mehr Symbionten "unterhalten" (gebildet) wird, als Astronomen an Sternenzahl ermitteln koennen. Und: womoeglich genau das (Darminhalt) macht uns zum unverwechselbaren Individuum. Die hohe Zahl der Symbionten in uns (auch Koerperzellen kann man mitzuzaehlen) macht es, dass wir annehmen duerfen, dass es jeden von uns kein zweites Mal so und in dieser Zusammensetzung im Universum noch einmal geben duerfte. Nicht jedenfalls nach mathematisch plausibler Waehrscheinlichkeit. Noch mehr: diese Billionen Symbionten koennen ja miteinander nicht nur auf eine Weise interagieren, sondern in Aberbillionen Interaktions-Varianten. Das potenziert noch die Chance zur Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit einer biologischen Entitaet aus Mikroorganismen, die jeder von uns (sogar eine Ameise ist aehnlich organisiert) nun mal ist. Wir verschleudern uebrigens zudem ganze Wolken von Mikrooerganismen in unsere Umgebung und hinterlassen so Spuren, die nur uns zuordnungsbar sind. Z. B. in jedem Hotelzimmer koennen deshalb nicht nur Hunde (oder Katzen) noch 24 Stunden nach der Abreise unser Dagewesensein identifizieren, sondern auch die NSA mit technischen Detektoren. Die Hirnforscher steuern uebrigens den Verdacht bei, dass unser Hirn nicht ganz unaehnlich dem Darm funktioniert: die Hirnzellen und deren Interaktionsmoeglichkeiten sind zwar theoretisch auch nicht unendlich viele. Aber doch so gross, dass Astronomen mit allen ihren Rechnern sie ebensowenig listen koennten, wie sie bislang ihre Sternenzahl im All annehmen.
fridagold 08.02.2015
5.
Zitat von gerhard5260"Forscher vermuten... dass Bakterien uns dick machen können..." Völlig unabhängig von Darmflora, genetischer Veranlagung etc. kann ein Mensch NICHT zunehmen, wenn er nicht mehr Kalorien pro Tag zu sich nimmt, als er pro Tag verbraucht. Auch die Biologie ist letztendlich der Physik untergeordnet.
Es ist doch unbestritten, dass es Menschen (und auch Tiere) gibt, die futtern können ohne Ende und trotzdem gertenschlank sind. Andere sündigen ab und zu und gehen auf wie Hefeteig. Physikalisch gut erklärbar, wenn die Verwertung der Energie aus der Nahrung indiviudell ist: Zwar enthält dann die Nahrung die gleiche Energie, aber was im Körper ankommt, ist unterschiedlich.
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