Bakterien Unsere kleine Darmfarm

Alle reden über den Darm. Zu Recht: In ihm wohnen haufenweise Untermieter, die uns stärker beeinflussen, als wir vielleicht ahnen. Jens Lubbadeh will daher seine Darmflora optimieren. Geht das überhaupt?

Menschlicher Darm (künstlerische Darstellung): Unbekanntes Potenzial für die Gesundheit
Corbis

Menschlicher Darm (künstlerische Darstellung): Unbekanntes Potenzial für die Gesundheit


"Wer bin ich - und wenn ja wie viele", hat Richard David Precht mal gefragt. Eine Antwort ist einfach und unvorstellbar zugleich: Jeder von uns sind zehn Billionen. Aus so vielen Zellen besteht der Körper. Das sind rund hundertmal mehr Puzzlesteine, als unsere Milchstraße Sterne hat. Jeder Mensch eine wandelnde Galaxie.

Zehn Galaxien tragen wir außerdem im Darm umher. Was die hundert Billionen Bakterien da unten machen, hat die Wissenschaft lange nicht interessiert. Verdauungsgedöns halt. Denkste! Darmbakterien sind mittlerweile zum Modethema der Medizin geworden. Sie könnten viele Krankheiten verursachen. Die Industrie will uns für teuer Geld die Darmflora optimieren. Und Bestsellerbücher wie "Darm mit Charme" haben das unterschätzte Organ zum Partytalk gemacht.

Der Darm ist dick im Geschäft

Bei den Krankheiten geht es nicht nur um Naheliegendes wie Reizdarm oder Darmkrebs. Möglicherweise spielen die Einzeller auch bei der Entstehung von Allergien, Parkinson, Arteriosklerose, Depression, Angststörung, Alzheimer und Autismus eine Rolle. Wie, weiß noch niemand. Aber bei vielen Erkrankungen haben Forscher Veränderungen in der Darmflora gefunden.

Nur: Sind sie Folge oder Ursache? Falls Letzteres, könnte das die Medizin revolutionieren, meint der Gastroenterologe Emeran Mayer im Interview. Und wir würden statt Pillen Einläufe verschrieben bekommen. Darin: die perfekte Darmflora.

Schon jetzt laufen Studien, in denen Mediziner Kranken die Darmflora Gesunder transplantieren. Bei einer Indikation rettet der Stuhltransfer bereits Leben: bei einem Befall des Darms mit dem Keim Clostridium difficile. Wir tragen ihn alle in uns. Wenn wir unsere Darmflora mit Antibiotika plattmachen, kann es passieren, dass er sich breitmacht. Seine Gifte verursachen einen lebensbedrohlichen chronischen Durchfall. Die Stuhltransplantation stellt eine normale Darmflora wieder her und beendet den Spuk.

Die Kollegen im Darm könnten sogar unser Verhalten steuern. In einem denkwürdigen Experiment verpflanzten Forscher ängstlichen Mäusen die Darmflora mutiger Tiere. Die Angsthasen-Mäuse trauten sich danach tatsächlich mehr. Trotzdem lohnt es sich noch nicht, Jagd auf den Stuhl tapferer Feuerwehrmänner zu machen: Mäuse sind keine Menschen. Ihre Gehirne ticken anders.

Emeran Mayer hat deshalb Probanden vier Wochen lang Joghurt mit speziellen Milchsäurebakterien zu essen gegeben. Keine Verhaltensauffälligkeiten. Aber: In den evolutionär sehr alten Hirnregionen des limbischen Systems, das Emotionen verarbeitet, fand Mayer eine verminderte Aktivität. Hatte der Joghurt die Leute entspannt? Bei Mäusen klappt das erwiesenermaßen mit dem Milchsäurebakterien-Stamm Lactobacillus rhamnosus.

Es gibt keine Wunderjoghurts

Wie sieht sie aus, die perfekte Darmflora, die uns gesund, schlank, entspannt und mutig macht? Welche der Tausenden unterschiedlichen Bakterienstämme in uns sind "gut", welche "schlecht"? Mayer: "Momentan gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Darm wie ein Ökosystem in der Natur ist - da ist hohe Diversität immer vorteilhaft." Die, das ist klar, entsteht schon mal nicht mit einseitiger Ernährung. Und auch vermeintliche Superjoghurts werden uns keine perfekte Darmflora zaubern.

Überhaupt Probiotika: Sie müssen sich klarmachen, dass die Kollegen aus dem Joghurt erst einmal das Säurebad im Magen überstehen müssen. Wer tot im Darm ankommt, tut dort bestimmt nichts Gutes mehr.

Ich will Probiotika testen und bestelle mir Saccharomyces boulardii, eine Hefe, die sich in Studien gegen Durchfall als wirkungsvoll erwiesen hat. Nach Antibiotika-Behandlung soll sie die Darmflora wieder aufbauen helfen. Außerdem erhöhe ich meinen Joghurtkonsum. Bei Ebay bestelle ich Kulturen des Mäuse-Entspanners Lactobacillus rhamnosus. Damit ziehe ich mir eigenen Joghurt.

Gute Laune aus dem Darm

Nach drei Wochen stelle ich tatsächlich einen Effekt fest. Allerdings nicht den erwarteten. Meine Verdauung ist unverändert, aber meine Laune nicht. "Du bist total euphorisiert und extrovertiert geworden", sagt meine Freundin. War das wirklich die Boulevard-Hefe? (So nennen wir den Spaßmacher). Hat sie heimlich Alkohol in meinem Darm produziert?

Oder war's doch Rhamnosus? Meine gute Laune schwindet jedenfalls schnell, als ich diese Studie lese: Milchsäurebakterien, heißt es darin, könnten dick machen. Tatsächlich haben Forscher bei Übergewichtigen eine Verschiebung des Verhältnisses von Firmicutes- zu Bacteroides-Bazillen gefunden. Zu den Firmicutes zählen auch Milchsäurebakterien. Dünne Menschen haben weniger Firmicutes und mehr Bacteroides in sich. Und ich schaufele die in mich rein!

Firmicutes können normalerweise für uns nicht verwertbare Ballaststoffe in gut verdauliche kurze Fettsäuren umwandeln. Wer mehr dieser Bakterien im Darm hat, bekommt permanent Extrakalorien zugeschustert. Die kann ich gar nicht gebrauchen. Also: Schluss mit Joghurt. Und Schluss mit Darmoptimierung. Am Ende zählt eh, was hinten rauskommt.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ManRai 09.02.2015
1. alles Bloedsinn
die Bakterien oral aufgenommen müssen durch den Magen und wie ist der pH da?
ruhepuls 09.02.2015
2. Alles nicht so einfach...
Zuerst einmal: Im Darm vermehrt sich, was die geeignete Nahrung findet. Wer sich z.B. sehr eiweißreich ernährt "züchtet" vermehrt proteolytische Bakterien, die u.a. Ammoniak erzeugen und damit den Darm-pH erhöhen (was u.U. die Leber nicht so mag). Wer viele Ballaststoffe zu sich nimmt, vermehrt die Lactos usw. Es nützt also nicht sehr viel, einfach Probiotika zu schlucken, wenn man nicht gleichzeitig die Ernährung ändert. Außerdem weiß bis heute niemand, wie genau eine "optimale" Darmflora aussehen müsste. Überhaupt, müsste man erstmal definieren: Optimal für was? Lactobacillus rhamnosus ist normalerweise ein ungefährlicher und hilfreicher Bewohner des menschlichen Darmes. Allerdings können Lactobacillus rhamnosus-Stämme in einzelnen Fällen eine Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis) hervorrufen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11545575). Übrigens sind die kurzkettigen Fettsäuren, die von Firmicuten hergestellt werden, keinesfalls "leere Kalorien", sondern wichtige Energiequellen für den Darm - und das Gehirn. Nur, eines ist klar: Auch Ballaststoffe haben Kalorien. Für die einen mehr, für die anderen eben etwas weniger. Eben alles nicht so einfach...
ruhepuls 09.02.2015
3. Nicht ganz...
Zitat von ManRaidie Bakterien oral aufgenommen müssen durch den Magen und wie ist der pH da?
Viele Probiotika sind in magensaftresistenten Kapseln konfektioniert. Außerdem gibt es Stämme die recht säureresistent sind. Selbst vom Joghurt kommen immer wieder "ein paar" durch, wenn es auch in keinem Fall ausreicht, um hier eine neue Kultur hochzuziehen. Eher ist der Joghurt Futter für die Bakterien, die bereits im Darm sind und durch die Milchsäure werden bestimmte Stämme begünstigt.
phboerker 09.02.2015
4.
Wenn im Darm ohnehin alle Sorten von Bakterien vorhanden sind, warum sollte ich durch die Gabe von ein paar Gramm von dem Zeug die zahlenmäßigen Verhältnisse zwischen den verschiedenen Sorten großartig verschieben können? Wenn das Nahrungsangebot für die Bakterien frei vorhanden wäre, dann würden sich doch die Bakterien ganz von allein entsprechend vermehren? Aus einem Kiefernwald mache ich auch keinen Obstgarten, indem ich Äpfel hineinwerfe...
Dengar 10.02.2015
5. 1,5
1. alles Bloedsinn ManRai gestern, 14:47 Uhr die Bakterien oral aufgenommen müssen durch den Magen und wie ist der pH da?" Zitatende. -------------- Aber es gibt auch acidophile Bakterien. Als wandelndes Universum sollten Sie alle pflegen, denn die sitzen nicht nur im Darm...:o)
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