Genitalverstümmelung bei Frauen Wider die Scham

Tausende Opfer weiblicher Genitalverstümmelung leben in Deutschland. Sie leiden nicht nur unter den körperlichen Folgen des grausamen Rituals, sondern sind verunsichert, beschämt, traumatisiert. Im Berliner Waldfriede-Krankenhaus finden die Frauen Hilfe.

Scham: Die psychischen Verletzungen einer Genitalverstümmelung sind nur schwer zu lindern
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Scham: Die psychischen Verletzungen einer Genitalverstümmelung sind nur schwer zu lindern

Von Margarete Hucht


Tief im Berliner Süden, wo es grün ist und die Badeseen vor der Haustür liegen, liegt das Desert Flower Center. Seit knapp einem Jahr gibt es die Einrichtung am Waldfriede-Krankenhaus im Stadtteil Zehlendorf. Dort wird Opfern weiblicher Genitalverstümmelung medizinische und psychologische Unterstützung angeboten.

Die Frauen, die ihren Weg dorthin in die Sprechstunde finden, fühlten sich zerstört, sagt Cornelia Strunz. Die Ärztin spricht mit den Patientinnen und klärt sie über die Therapie- und Operationsmöglichkeiten auf. Es sei viel schwieriger, die psychischen Folgen einer Genitalverstümmelung zu lindern als die körperlichen, sagt die Chirurgin.

Trauer, Verunsicherung und Scham sitzen bei allen Betroffenen tief. Mindestens 25.000 Frauen, denen die äußeren Geschlechtsteile amputiert wurden, sollen laut der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes allein in Deutschland leben. Kaum ein Mädchen übersteht die Beschneidung ohne Trauma. Und die körperlichen Folgen können Lebensqualität und Gesundheit schwer beeinträchtigen.

"Dass sie mich verstümmelt haben, nimmt mir jede Moral"

Wie bei Abena Ahmed*. Die ältere Dame, die mit einem leuchtend roten Rock zur Nachsorge erscheint, hat das Waldfriede-Krankenhaus in höchster Not erreicht. Zwanzig Jahre lebte sie mit einem Enddarm, der einfach aus ihr heraushing. Vor einigen Wochen operierte Roland Scherer, Leiter des Dessert Flower Centers, das Organ wieder an die richtige Stelle.

Dass Abena Ahmed nie die Chance hatte, "ein Gefühl für einen Mann zu entwickeln", ist ihr Lebenskummer. "Dass sie mich verstümmelt haben, das nimmt mir jede Moral", sagt sie. Acht Jahre war sie damals alt. Sie wehrte sich, lief weg, aber niemand, auch nicht ihre Mutter, bewahrte sie vor dem Messer. "Die haben alles kaputt gemacht", sagt sie, "immer hast du Infektionen und Schmerzen, das ist unendlich, das geht das ganze Leben lang."

Strunz erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit der Patientin: "Sie sprang immer auf, wollte nicht sitzen." Weil der Kot ohne Kontrolle aus ihr rausfloss, hatte Abena Ahmed kaum noch etwas gegessen. Inzwischen hat sich die Verdauung der Patientin wieder normalisiert. Sie kocht sogar wieder für sich.

Die Sehnsucht nach wieder "ganz" und "normal"

In der kleinen Klinik am Waldrand können die Hilfesuchenden endlich reden. Wenn nötig, stehen Dolmetscherinnen zur Verfügung. "Viele Frauen möchten ihre Weiblichkeit zurückbekommen", sagt Strunz. Sie sehnten sich danach, wieder "ganz" und "normal" zu sein.

Die Ärztin ist Spezialistin für Klitoris-Rekonstruktion. Entwickelt wurde dieser Eingriff von Pierre Foldès, einem Pariser Chirurg vor mehr als 20 Jahren: "Die Klitoris ist etwa acht bis zehn Zentimeter lang", sagt Strunz. "Im Prinzip wird sie hochgezogen und neu angenäht." Das Narbengewebe, das sich auf der Beschneidungswunde gebildet hat, wird während der OP entfernt, und die Nervenbündel, die darunterliegen, ermöglichen oft wieder ein Lustempfinden.

Bei vielen Frischoperierten herrscht nach dem Eingriff Euphorie. "Sie tanzen manchmal zu Musik im Krankenzimmer", sagt Strunz. Die Freude, sich nun endlich wieder einem Mann zeigen zu können, sei für viele Patientinnen überwältigend. Aber die psychologische Betreuung dürfe nach dem Eingriff nicht abreißen, so die Chirurgin. Immer wieder habe sie erlebt, dass die Patienten auch nach der OP sehr viel weinen oder sich ausgestoßen und ausgegrenzt fühlen.

Nicht mehr gesellschaftsfähig

Nicht zufällig ist das Berliner Desert Flower Center am Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie der Klinik angesiedelt: Darm oder Harnröhre werden häufig bei Beschneidungen verletzt. Ebenso können Infektionen, die an der Beschneidungswunde entstehen, chronisch werden und sich im Unterleib ausbreiten.

Zu den schwerwiegendsten Veränderungen der Beckenbodenorgane gehören Fisteln, die sich zwischen Enddarm und Vagina bilden. Sie verursachen immer eine Inkontinenz. "Die Frauen sind nicht mehr gesellschaftsfähig", sagt Strunz. In Ländern mit hohen Beschneidungsraten kommen solche rectovaginalen Fisteln häufig vor.

"In diesem Krankenhaus habe ich Ruhe gefunden", sagt Abena Ahmed dankbar. Blickt sie auf ihr Leben zurück, graben sich aber düstere Furchen in ihr Gesicht. In den frühen Neunzigerjahren floh sie aus ihrem Heimatland Somalia. Immer wieder wurde sie unterwegs vergewaltigt. "Dabei ist es passiert", erzählt sie - die Sache mit dem Darm. Nachdem sie beschnitten worden war, machte ihr jeder Geschlechtsverkehr Probleme, den wiederholten Vergewaltigungen hielt ihr Unterleib nicht Stand.

Weltweit leben laut der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa 100 bis 140 Millionen genitalverstümmelte Frauen. Die Behörde schätzt, dass jährlich 60.000 bis 140.000 Mädchen unmittelbar nach der Beschneidung sterben. Mittel- und langfristig erhöht sich demnach die Todesrate auf 25 bis 30 Prozent: Beschnittene Frauen sterben unter anderem durch Komplikationen bei ihren Geburten.

Die Chirurgin Cornelia Strunz macht sich keine Illusionen: "Viele Frauen in Afrika sind so schwerstkrank, dass sie letztendlich gar nicht nach Deutschland bis zu uns vordringen, dass sie gar nicht den Weg bis ins Flugzeug schaffen."

*Namen von der Redaktion geändert

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