Datenbank 2016 Wie viel Geld hat mein Arzt bekommen?

Für mehr als 16.500 Ärzte und Fachkreisangehörige in Deutschland ist jetzt bekannt, wie viel Geld sie 2016 von Pharmafirmen erhalten haben. Gehört Ihr Arzt dazu? Unsere interaktive Karte zeigt die Details.

SPIEGEL ONLINE

Von und und Stefan Wehrmeyer


Mehr als 562 Millionen Euro ließen Pharmakonzerne im vergangenen Jahr Ärzten, Apothekern, Heilberuflern und medizinischen Institutionen zukommen. Ein Teil davon lässt sich bis ins Detail nachvollziehen: Mehr als 16.500 Ärzte und Fachkreisangehörige haben zugestimmt, als Zahlungsempfänger namentlich genannt zu werden. Die Recherche von SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" zeigt, wohin das Geld geflossen ist.

Erkunden Sie die freigegebenen Zahlungen in unserer interaktiven Karte

Sind an einer Adresse mehrere Personen oder Institutionen eingetragen, dann zeigt das Tooltip den Empfänger mit der höchsten Gesamtsumme. Über einen Link im Tooltip können Sie in der Datenbank alle weiteren Empfänger sowie eine Aufschlüsselung nach Kategorien einsehen.

Die Daten haben Rechercheure von SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" aus mehreren Dutzend Listen zusammengetragen, die von den Pharmaunternehmen einzeln veröffentlicht wurden - darunter viele nicht computerlesbare PDF-Dateien mit teilweise schwieriger zuzuordnenden Angaben.

Wem und wofür wurde das Geld gezahlt?
Offengelegt wurden die Zahlungen an Ärzte, Apotheker und Angehörige medizinischer oder pharmazeutischer Heilberufe - zusammengefasst als "Angehörige der Fachkreise". Ärzte und Fachkreisangehörige haben Geld für Vorträge, Fortbildungen und Beratung erhalten, dazu gehört auch die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten sowie Tagungs- und Teilnahmegebühren. Medizinische Institutionen bekamen zudem Geld für Sponsoring, Spenden und Stiftungen.
Welche Firmen haben ihre Daten preisgegeben?
Beim Transparenzkodex handelt es sich um eine Eigeninitiative des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen (VfA) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). Die teilnehmenden Unternehmen decken nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Pharmamarkts für verschreibungspflichtige Medikamente ab.
Wie transparent ist der Kodex wirklich?
Noch bietet er zu viele Schlupflöcher. So mussten zwar alle teilnehmenden Unternehmen ihre Zahlungen an Ärzte offenlegen. Die Namen der Mediziner aber nannten sie nur, wenn diese der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Stimmten Ärzte nicht zu, wurden ihre Daten zusammengefasst und anonymisiert veröffentlicht. Im Vergleich zu den Veröffentlichungen von 2015 hat die Transparenz für die Zahlungen in 2016 sogar noch deutlich abgenommen.
Sind alle Zahlungen an Ärzte ein Problem?
Ein Interessenkonflikt kann sich auf die Urteilskraft eines Mediziners auswirken, muss es aber nicht. Jede finanzielle Verbindung von Ärzten zur Industrie birgt die Gefahr, dass die Mediziner nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Werden Mediziner gefragt, ob die Zusammenarbeit einen Einfluss auf ihr professionelles Urteilsvermögen habe, antworten sie zwar meistens mit Nein. Mehrere Studien konnten jedoch zeigen, wie die Verbindungen das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen können.
Gleichzeitig kann die Gesellschaft mitunter Nutzen aus diesen Verbindungen ziehen, etwa wenn Ärzte Pharmafirmen bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe unterstützen und beraten.
Was bedeutet es, wenn mein Arzt in der Liste auftaucht - und was, wenn nicht?
Wer in der Liste auftaucht, hat Geld bekommen von mindestens einer Pharmafirma. Die Gesamtsumme entspricht nicht unbedingt dem tatsächlich erhaltenen Geld, weil ein Arzt der Veröffentlichung seiner Daten bei einer Firma zustimmen, es bei der anderen aber ablehnen kann.
Taucht ein Arzt nicht in der Datenbank auf, kann das entweder bedeuten, dass er kein Geld angenommen hat, oder dass er seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Ebenso können Geldgeber in der Auflistung für einen einzelnen Empfänger fehlen, weil nicht alle Unternehmen ihre Daten offenlegen.
Seit 2017 können sich Mediziner, die im zurückliegenden Jahr kein Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben, beim Projekt 'Null-Euro-Ärzte' registrieren lassen. Diese Ärzte sind in der Datenbank von "Correctiv" und SPIEGEL ONLINE entsprechend gekennzeichnet.
Wie viele Personen haben der Veröffentlichung zugestimmt?
Rund 66.000 Mediziner erhielten den Daten zufolge Zahlungen von Pharmaunternehmen. Davon stimmten 25 Prozent der Veröffentlichung ihres Namens zu, immerhin rund 16.000 Mediziner. Wie im vergangenen Jahr erlauben die Daten somit einen Einblick in finanzielle Verbindungen von Ärzten und Industrie, den es in Deutschland so noch nie gab.

Auch die Qualität der Daten erschien in einzelnen Fällen zweifelhaft, etwa wenn die angegebenen Summen nicht mit den aufgelisteten Zahlungen übereinstimmen. Die angegebenen Adressen waren zudem teilweise unvollständig, sodass einzelne Punkte auf der Karte nicht ganz präzise verortet werden konnten.

In unserer Datenbank können Sie die zusammengeführten und bereinigten Angaben für rund 16.500 Ärzte und Fachkreisangehörige im Detail erkunden. Die Ärzte und Institutionen wurden von jedem Unternehmen um ihre Zustimmung für die Veröffentlichung der Daten gebeten.

  • "Correctiv" ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Es finanziert sich vor allem durch Spenden von Bürgern und Zuwendungen von Stiftungen.

    In seinen Recherchen kooperiert "Correctiv" mit Zeitungen, Magazinen, Radio- und Fernsehsendern. Mehr Projekte auf der Correctiv-Website.

Haben Sie eine Anmerkung zu den Daten oder eine Unstimmigkeit in den Angaben entdeckt? Dann melden Sie sich bitte unter der Adresse eurosfueraerzte@correctiv.org, damit wir die Datenbank weiter optimieren können.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Plasmabruzzler 14.07.2017
1. Sack Reis
Ob und wie viel mein Arzt bekommen hat, steht in keinem Zusammenhang zu seiner Kompetenz. Und wenn sich mein Dermatologe einen goldenen Fön kauft, ist mir das vollkommen Brause. Kein Arzt in meiner Nähe hat laut dieser Auskunft mehr als 500 EUR erhalten. Welchen Wert hat nun diese Information?
Tiananmen 14.07.2017
2. Typischer Beitrag zur Neid-Kultur...
Was nutzt es dem Patienten zu wissen, dass sein Arzt 50, 500, 5000 EUR erhalten hat? Mag sein, dass er dadurch veranlsst wird, eher Medikament B statt A zu verschreiben - sofern die Wirkstoffkombination die gleiche ist, bleibt das für die Therapie ohne belang. Vermutlich sind die Pharmafirmen, die Geld verteilen solche, die Markenmedikamente zu überteuerten Preisen verkaufen und die billigere Generika-Hersteller auf Distanz halten wollen. Eben zum Wohle der Patienten und vor allem der eigenen Tendite. Das müsste eher die Krankenkassen interessieren als die Patienten. Aber so kann SPON wieder mal einen (wiederholten) Beitrag zu Neid-Kultur in Deutschland leisten. Sommerloch?
zeisig 14.07.2017
3. Irrelevant.
Es ist mir egal, wieviel mein Arzt von wem bekommen hat. Es ist mir wichtig, daß er mich gut behandelt. Über Honorare und Zuwendungen von Pharmafirmen und ums Geld im Allgemeinen sollen sich doch wohl eher die Krankenkassen kümmern, oder nicht?
be_winkler 14.07.2017
4. Es geht um die Intransparenz
In meinen Augen geht es nicht um Neidkultur, sondern im Gesundheitssystem insgesamt um den vollkommenen Mangel an Transparenz, mit der Folge einer vollkommenen Verantwortungslosigkeit des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit. Ein Anderer zahlt ja. Der Andere ist aber immer ein Beitragszahler, in vielen Fällen ein Arbeitgeber, der mit Staunen zusehen muss, mit welcher Begründung seine Arbeitnehmer so oft fehlen. Dass die Allgemeinheit für die Exzesse einer Freizeitgesellschaft geradestehen muss, ist den meisten nicht klar. Warum soll der Beitragszahler, bzw. die Krankenkasse dafür bezahlen, wenn sich ein Krankenversicherter beim privaten Skiurlaub verletzt? Unser Gesundheitssystem ist komplett "krank", verkommen zu einem Selbstbedienungssystem von Patienten, Ärzten, der Pharmaindustrie samt Apotheken und ganz vorne weg, von den sogenannten Krankenkassen mit ihren vielen höchst überflüssigen Mitarbeitern und den dazugehörigen vielen Vorständen, Regionalvortsänden und Ortsvorständen. Es ist ein "Beamtensystem" für viele maximal unfleissige Leute, die sich mit der Verantwortungslosigkeit der "Versicherten" via Intransparenz einen recht angenehm faulen Lenz machen.
Hypolitho T.Beaston 14.07.2017
5. Wie flach ist die Erde für SPON?
Transparenz will SPON schaffen? Ganz schön einseitig der Ansatz: als Allgemeinmediziner bekomme ich von der AOK Baden-Württemberg jedes Quartal tausende von Euro dafür, dass ich bestimmte Präparate verschreibe. Wohl gemerkt: nicht für Untersuchung, Beratung, Impfung oder eine andere medizinische Dienstleistung. Sondern lediglich dafür, dass der richtige Firmenname oft genug auf meinen Rezepten stand. Da gibt es, ganz nach Kassenmanier akkurat ausgearbeitete "Budgets" (Rot1, Rot1, Blau, Rabatt-Grün1, Rabatt Grün2, Grün Nec-aut-idem usw.). Anders als die Pharmaindustrie verlässt sich die Kasse allerdings nicht auf Versprechen, sondern zählt jede einzelne verordnete Pille. Wo in Ihrer transparenten Datenbank kann ich diesen Teil meiner Einkünfte offen legen, den übrigens jeder Arzt bekommen kann, der über den Hausärzteverband am Hausarztvertrag in Baden-Württemberg teilnimmt. Und einen Hausarztvertrag muss ja laut Gesetzgeber jede Kasse in jedem Bundesland anbieten ...
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