Sterbehilfe 104-jähriger Australier will nicht mehr leben

In einer Woche wird David Goodall wahrscheinlich tot sein. Der Australier will sich das Leben nehmen - obwohl er nicht krank ist. Nun reist er deshalb ans andere Ende der Welt.

David Goodall mit Enkel
SOPHIE MOORE/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

David Goodall mit Enkel


Als sich David Goodall am Flughafen von Perth von Freunden und Familienangehörigen verabschiedet, wissen alle, dass sie sich wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen werden. Es ist ein Abschied für immer. Denn der 104-Jährige hat sich für Sterbehilfe entschieden und reist deshalb nun von Australien in die Schweiz.

Die nächsten Tage will Goodall laut Sterbehilfe-Aktivisten mit Angehörigen in der südfranzösischen Stadt Bordeaux verbringen. Danach reise er in die Schweiz, um dort beim Sterbehilfeverein Lifecircle in Basel am Donnerstag kommender Woche sein Leben zu beenden.

Der 104-jährige Biologe gilt als ältester Wissenschaftler Australiens. In einem Interview mit dem australischen Sender ABC bedauerte Goodall, dass er wegen des Sterbehilfeverbots in Australien nicht in seiner Heimat sterben könne. "Ich möchte nicht in die Schweiz, obwohl es ein nettes Land ist", sagte er. "Aber ich muss das tun, um die Möglichkeit zu einem Suizid zu erhalten, die das australische System nicht erlaubt." Wegen dieser Situation sei er "sehr aufgebracht".

Aktive Sterbehilfe, die sogenannte Tötung auf Verlangen, ist in den meisten Ländern nicht erlaubt. Auch in Deutschland ist geschäftsmäßige Sterbehilfe seit 2015 verboten. Wer einem Sterbewilligen ein tödliches Medikament gewährt, kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Zuvor agierten Sterbehilfevereine in einer rechtlichen Grauzone.

In Australien ist Sterbehilfe ab Juni 2019 zwar im Bundesstaat Victoria erlaubt, allerdings nur für unheilbar kranke Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind und nur noch weniger als sechs Monate zu leben haben.

Doch Goodall ist nicht unheilbar krank, er klagt aber über einen fortschreitenden Verlust an Lebensqualität. Die Organisation Exit International, die Goodall unterstützt, hatte es als ungerecht kritisiert, dass einer der ältesten und bekanntesten Australier gezwungen sei, "ans andere Ende der Welt zu reisen, um in Würde zu sterben".

Die Organisation startete eine Spendenkampagne für Erste-Klasse-Flugtickets für Goodall und einen Begleiter und sammelte schnell mehr als 20.000 australische Dollar ein, umgerechnet mehr als 12.500 Euro.

Goodall arbeitete an der Edith Cowan Universität in Westaustralien. 2016 war er weltweit bekannt geworden, als ihn seine Universität im Alter von 102 Jahren endgültig in den Ruhestand schicken wollte - obwohl er seit seiner offiziellen Pensionierung unentgeltlich arbeitete.

Nach Protesten und Solidaritätsbekundungen von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt nahm die Universität die Entscheidung zurück. Goodall hat Dutzende Forschungsarbeiten veröffentlicht und noch bis vor Kurzem für verschiedene Fachzeitschriften gearbeitet.

koe/AFP



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