Umgang mit dem Vergessen "Demenz ist keine Krankheit"

Demente annehmen, wie sie sind: Für ihren Umgang mit dem Altersleid wurde die US-Sozialpädagogin Naomi Feil anfangs für verrückt erklärt. Hier erklärt sie, wie ihre Methode funktioniert.

Naomi Feil
Barbara Bollwahn

Naomi Feil

Ein Interview von Barbara Bollwahn


Zur Person
    Die US-Amerikanerin Naomi Feil, Jahrgang 1932, hat eine Methode entwickelt, mit der Demente wertgeschätzt und nicht korrigiert werden. Pfleger setzen die Praxis im Umgang mit Dementen vielfach in ihrer Arbeit ein. Feil hat mehrere Bücher zum Thema verfasst, die auch auf Deutsch erschienen sind.

SPIEGEL ONLINE: Frau Feil, laut Welt-Alzheimer-Report sind gegenwärtig weltweit 47 Millionen Menschen dement, in Deutschland sind es mehr als 1,5 Millionen. Ist die Gesellschaft gewappnet, so viele Betroffene zu betreuen?

Naomi Feil: Sicher nicht. Es gibt zu wenig Pflegekräfte und Stiftungen und Pharmaunternehmen geben Millionen für die Forschung aus, um eine Therapie gegen Demenz zu finden. Der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen Angst davor haben. Dabei gehört das zum ganz normalen Prozess des Alterns. Auch wenn es immer noch viele glauben: Demenz ist in meinen Augen keine Krankheit.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Feil: Ich nenne Demenz Altenleid und sage, dass Demente unglücklich orientiert sind. Jeder Mensch altert anders. Wir haben rund 100 Milliarden Neuronen, und im Laufe des Lebens gehen zahlreiche davon zugrunde. Wenn man sehr alt ist, vergisst man nun mal. Das sollte man akzeptieren, so wie man Falten bekommt - mit 85 hat man davon mehr als mit 70 Jahren, bei den Neuronen ist es anders herum. Eine Tablette dagegen gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation definiert sehr deutlich: Demenz ist ein Syndrom, das Folge einer meist chronischen Krankheit des Gehirns ist.

Feil: Herr Dr. Alzheimer hat einmal das Gehirn einer verstorbenen, 51-jährigen Frau geöffnet und dabei Plaques, also Ablagerungen gefunden. Daraufhin hat er gesagt, das sei eine Krankheit. Aber bei 80- oder 90-Jährigen sind diese Ablagerungen ganz normal und nicht jeder, der sie hat, ist verwirrt. Niemand lernt, wie es ist, alt zu sein. Ich bin daher dafür, dass Kinder schon in der Schule lernen sollten, dass Menschen im Alter vergesslich werden können oder ganz komisch sprechen.

Hintergrund
    Die Validation ist sowohl eine Methode als auch eine Haltung im Umgang mit Menschen mit Demenz, die nach Gefühl und nicht mit logischer Vernunft reagieren. Validation akzeptiert die Menschen so, wie sie sind. Der emotionale Gehalt ihrer Aussagen und ihres Verhaltens wird aufgegriffen und "validiert", also für gültig erklärt, ohne zu analysieren, zu bewerten oder zu korrigieren. Weltweit arbeiten etwa 30.000 Einrichtungen mit dem Prinzip der Validation.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in einem Altersheim in Cleveland aufgewachsen, das Ihre Eltern leiteten. Wie war Ihre Kindheit inmitten alter, zum Teil verwirrter Menschen?

Feil: Ich war sieben oder acht Jahre alt, als wir in das Altersheim zogen, und ich hatte vor allem Angst. Ich fürchtete mich vor diesen alten Menschen. Weil wir zuvor in einer anderen Stadt gelebt hatten, fehlten mir Freunde. Das wurden daher die Alten. Ich habe gelernt, dass sie nicht verrückt sind, auch wenn viele davon überzeugt waren - meine Eltern übrigens auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Methode der Validation entwickelt, die den Betroffenen mehr Lebensqualität ermöglichen soll. Mittlerweile arbeiten nach dem Prinzip Tausende von Menschen mit Dementen. Was ist das besondere an Validation?

Feil: Wichtig ist zum Beispiel, die Menschen nicht zu korrigieren. Wir dürfen nicht von außen urteilen, sondern wir müssen uns in die Welt der Dementen begeben. Wenn jemand sagt, dass er sterben will, sollte man das nicht ignorieren und hoffen, dass er es schon wieder vergessen wird. Man sollte besser zurückfragen: "Sie wollen nicht mehr leben?" Statt die Menschen abzulenken, fragt man sie nach den schlimmsten oder schönsten Dingen im Leben.

SPIEGEL ONLINE: Verunsichert das nicht unnötig?

Feil: Wenn schmerzhafte Gefühle ausgedrückt, akzeptiert und durch einen vertrauensvollen Zuhörer validiert, also für gültig erklärt werden, dann nehmen sie ab. Gefühle hingegen, die man ignoriert und unterdrückt, werden stärker.

SPIEGEL ONLINE: Im Alltag ist es für Pfleger sehr schwer, für jeden Dementen so viel Zeit und Geduld aufzubringen. In vielen Seniorenheimen in Deutschland herrscht eher der Grundsatz "satt und sauber".

Feil: So ist es leider. Schon mein Vater, ein Psychologe, hatte verstanden, dass verwirrte Menschen mehr Personal brauchen und dass man ihnen zuhören und sie analysieren muss. Eine Frau in seinem Altersheim sagte immer, dass ein fremder Mann in ihrem Zimmer sei. Sie war früher missbraucht worden, hatte diese Emotionen aber nie herausgelassen. Die einen sagen: Diese Frau hat Wahnvorstellungen, sie braucht Medizin. Die Validation sagt: Diese Frau muss ihre Gefühle loswerden, damit sie in Ruhe leben und sterben kann.

SPIEGEL ONLINE: Trifft Ihre Methode überall auf offene Ohren?

Feil: Mir wurde einmal von einer Heimleitung gesagt, ich sei so verrückt wie die Leute, mit denen ich arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man Demente beschäftigen?

Feil: Man muss kreativ sein im Umgang mit ihnen und vor allem Empathie, Energie, Aufmerksamkeit und Liebe mitbringen. Nonverbale Kommunikation ist sehr wichtig, Gruppen sind meist gut. Vielen gefällt Tanzen und Singen. Aber es muss Musik sein, die die Menschen kennen. Das merke ich auch ganz deutlich bei meinem Mann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit dem Filmproduzenten Edward Feil verheiratet. Ist er dement?

Feil: Oh ja, und das ist schwer. Er ist 93 Jahre alt, und wir sind seit 1963 verheiratet. Er weiß nicht immer, wer ich bin. Manchmal fragt er, wenn ich bei ihm bin, "Wo ist Mimi"? Das ist mein Spitzname. Ich frage dann: "Wo ist die Mimi jetzt?" Und er antwortet meistens: "Du bist die Mimi." Manchmal spricht er auch sehr laut über Masturbation, auch wenn unsere Familie dabei ist. Ich weiß nicht, warum er das macht, aber vor den Enkelkindern will ich ihn nicht fragen.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie dann zu Hause mit ihm darüber?

Feil: Ja, aber meistens hat er es schon wieder vergessen. Mein Mann war früher immer reserviert und eher zurückhaltend. Über Sex hat man nicht gesprochen. Und jetzt kommt das alles raus. Ich akzeptiere das. Manchmal will er, dass ich ihn streichle. Dann berühre ich ihn, wo er will, und es ist okay.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst Angst, dement zu werden?

Feil: Nein. Trotzdem ist es sehr schwer für mich, wenn meine Kinder sagen, dass ich vergesslich werde. Ich antworte dann immer, dass ich mich an alles erinnere, was wichtig ist. Ich konzentriere ich mich auf das, was noch geht und nicht darauf, was nicht mehr geht.



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Seite 1
shooop 21.11.2017
1. Zustimmung
Ich habe mal in einem Krankenhaus erlebt, wie eine demente Frau, die davon überzeugt war, dass Mittwoch ist, von der Pflegerin ständig korrigiert wurde, dass doch erst Montag sei. Das hat die Frau logischerweise total verwirrt und ich fragte mich, warum die Pfleger das tun. Es ist doch viel wichtiger, dass es der Frau gut geht und sie emotional angenommen wird, als auf irgendwelchen unrelevanten Wochentagen rumzureiten.
axlban 21.11.2017
2. Oberfläche
Es wird wie so häufig nur die Oberfläche angekratzt. Im Prinzip müsste es eine 24/7 Betreuung geben. Dazu müsste aber unsere Gesellschaft umgebaut werden. Weiterhin ist die Veränderung des Menschen nicht nur zum "vergesslichen Opa und lustiger Oma". Oftmals ist nicht nur das Vergessen das Problem, sondern auch zunehmende physische Auseinandersetzungen und generelle Charakteränderung. Für Angehörige die dies neben einem normalen Leben mit Familie und Beruf stemmen sollen, ist es schlichtweg unmöglich. Und alle die nur einmal einen dementen Menschen für 5 Minuten gesehen haben, können sich nicht einmal annähernd ein Urteil erlauben. Versuchen sie es mal über 6 Jahre und dann können sie mitreden.
RealSim 21.11.2017
3. Ich sehe das so
Die Überschrifft ist natürlich ein riesen Quatsch. Natürlich ist Demenz eine Krankheit. Eine der fiesesten Krankheiten die es gibt. Da ist auch völlig egal ob man das im Alter ganz "natürlich" bekommt oder nicht. Niemand braucht Demenz wenn er alt wird, es gibt genug Leute die werden 100 und haben auch keine. Wenn Demenz irgendwann mal heilbar sein sollte, dann würde auch keiner auf die Idee kommen das so zu lassen weils ja angeblich keine Krankheit wäre. Meine Mutter und ich pflegen die Oma bei uns zu Hause. Es ist klar, dass man die Leute nicht zu korrigieren braucht auch wenn die Person glaubt der vor über 60(!) Jahren verstorbene Vater würde zusammen mit der Mutter noch im alten Haus leben was man dann immer gern mal besuchen würde obwohl da längst neue Mieter drinnen wohnen. Na dann ist das eben so, da sagt man, klar morgen fahren wir da hin. Am Anfang ist natürlich immer der Reflex da, dass man versucht die Leute zu korrigieren, weil man es so aus dem normalen Altag gewohnt ist, aber das sollte man sich verkneifen.
till_wollheim 21.11.2017
4. Was ist eine Krankheit?
Krankheit ist natürlich nur in Relation zu einem gewünschten Zustand zu definieren. Bei Stalin war krank, wer den Kommunismus ablehnte. Man kann es vielleicht in etwa so objektivieren: die im Durchschnitt aller Menschen zu erwartende Funktion des Körpers (der geist ist nichts anderes als der Körper!). Demzufolge wäre Demenz sehr wohl eine Krankheit!
schlauchschelle 21.11.2017
5. Meine Mutter erkrankte 2005 an Demenz
Zum Glück haben wir in der Familie die Veränderung ihres Wesens sehr schnell erkannt, seit 2005 ist sie in Behandlung. Klar, diese Krankheit schreitet voran, jeder Tag kann neue Überraschungen bringen. Meine Erfahrung im Umgang mit Mum: Laufen lassen, auch wenn es schwer fällt, den Ablaufplan durcheinander bringt, man sehr oft improvisieren muss. Demente Menschen werden wieder zu Kindern, verhalten sich so, und so, wie man Kinder gelassen, aber lenkend führen sollte, muss ich es mit Mum machen. Ihr Leben lang war sie gewohnt, zu helfen, für Andere da zu sein. Das steckt noch drin, daher versuche ich sie so viel wie möglich helfen zu lassen, auch, wenn es meist "daneben" geht und mich Zeit kostet. Wie oben geschrieben, korrigieren bringt nix. Wenn Mum sagt, sie will nicht ins Bett, sie will TV sehen, obwohl es fast 22 Uhr ist und ich um 3 raus muss, tue ich z.B. ganz überrascht und sage, warum die Sonne dann nicht scheint, bringe sie zur Haustür. Sieht sie dann die Dunkelheit ist sie erstaunt, ich zeige ihr die Uhr und sie sagt dann, dass sie müde sei, und es klappt :) (noch). Was viele nicht verstehen: Demente "funktionieren" nicht mehr, machen nie, was sie "sollen", auch Aggressivität kommt vor, besonders, wenn sie sich "unter Zwang gesetzt" fühlen. Hat man das verinnerlicht (fällt oft schwer), bringt ihnen Liebe, Emotion, Spaß und Empathie entgegen, kann man sehr gut mit ihnen umgehen. Jeder ist individuell, wenn man auf sie eingeht, ist vieles leichter...
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