Demenz "Eingedämmt, aber nicht gestoppt"

Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz, die Zahl wird in den kommenden Jahren Schätzungen zufolge deutlich steigen. Dennoch sind Forscher optimistisch.

Senioren beim Gärtnern
imago/ Westend61

Senioren beim Gärtnern


Millionen Menschen leiden an Demenz, ein heilendes Medikament gibt es bislang nicht. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen gelten deshalb als eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit.

Doch zumindest in den wohlhabenden Ländern gibt es hoffnungsvolle Zeichen. Die Zahl der Neuerkrankungen scheint sich Studien zufolge zu stabilisieren oder sogar zurückzugehen.

"Diese Erkenntnisse sind vielversprechend", sagt Keith Fargo von der US-Alzheimervereinigung. "Sie legen nahe, dass es wirksam sein kann, Risikofaktoren für Alzheimer und andere Demenzerkrankungen zu identifizieren und zu senken."

So zeigt eine im April im Fachmagazin "Nature Communications" veröffentlichte Studie, dass das Demenzrisiko in Großbritannien binnen zwei Jahrzehnten um 20 Prozent sank. Ähnliche Trends zu der Krankheit, die unter anderem durch einen zunehmendem Gedächtnisverlust charakterisiert ist, wurden in den USA, den Niederlanden, Schweden und Spanien beobachtet.

Lesen, Basteln, Tanzen

Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht klar. Allgemein werden ein gesünderer Lebenswandel und rege Hirnaktivität als positive Elemente aufgeführt. Wissenschaftler vermuten, dass ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen - durch weniger Rauchen, weniger Übergewicht, mehr Sport und eine bessere Ernährung - auch ein geringeres Alzheimer-Risiko bedeuten könnte. Auch eine Behandlung von Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten scheint das Demenzrisiko zu senken.

Mehrere Studien zeigen zudem, dass rege Hirnaktivität das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung reduziert. Das kann durch eine anspruchsvolle Arbeit, Hobbys wie Lesen und Basteln oder durch Kreuzworträtsel und Sudoku geschehen. Kleinere Studien deuten auch darauf hin, dass tanzen, singen und musizieren dazu beitragen können, das Gehirn vor einer Demenz zu schützen.

"Es ist das alte Sprichwort: Wer rastet, der rostet", sagt David Reynolds von der britischen Organisation Alzheimer's Research UK.

Zugleich warnt Reynolds, die ermutigenden Zahlen aus den Industriestaaten dürften niemanden in Sicherheit wiegen. "Wir haben die Flut eingedämmt, aber nicht gestoppt."

Gesünder - aber auch ungesünder

So würden die Menschen heute in mancherlei Hinsicht zwar gesünder leben als früher - in anderer Hinsicht aber ungesünder. "Diabetes und Fettleibigkeit sind in den vergangenen 20 Jahren schnell angewachsen." Außerdem dürfte es in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu einem Anstieg der Alzheimer-Fälle kommen. Einer der Gründe ist die dort steigende Lebenserwartung. Das Alter ist der größte Risikofaktor für eine Erkrankung.

Bereits heute leiden laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 47,5 Millionen Menschen an einer Form von Demenz. Rund zwei Drittel der Patienten haben Alzheimer. Die WHO schätzt, im Jahr 2030 könnten weltweit 76 Millionen Menschen an Demenz leiden, im Jahr 2050 sogar 135 Millionen.

In Deutschland leben derzeit etwa 1,5 Millionen Demenzkranke, auch hier haben zwei Drittel von ihnen die nach dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer benannte Krankheit. Bis 2050 wird die Zahl der Demenzkranken in Deutschland Schätzungen zufolge auf rund drei Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

wbr/AFP

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