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Demenz-Angst: Moment, wo hab ich denn meine Brille hingelegt?

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Corbis

Merkzettel: Temporäre Vergesslichkeit oder der Anfang einer Demenz?

Personalausweis verloren, Sonnenbrille im Zug vergessen und dann auch noch Geld im Automaten stecken lassen: Das ist Stress. Und das macht Sorgen. Handelt es sich bei der Vergesslichkeit um erste Anzeichen einer Demenz? Ein Professor klärt auf.

Es ist der Monat des Vergessens. Neulich habe ich mir eine neue Brieftasche gekauft. Im Laden versuchte ich mehrere Modelle, dabei steckte ich meine Karten in verschiedene Brieftaschen, um zu testen, ob auch alles reinpasst. Eine Woche später vermisste ich meinen Personalausweis. Irgendwann fiel mir ein, dass ich in dem Laden gewesen war. Ich ging zurück. Nachdem ich mit der Verkäuferin 20 Brieftaschen durchgeschaut hatte, fanden wir in einer meinen Ausweis. "Zum Glück haben wir die noch nicht verkauft", sagte die Verkäuferin. Ja, sagte ich und freute mich. Aber es war leider das letzte Mal in diesem Monat, dass meine Dusseligkeit durch Glück kompensiert werden sollte.

Eine Woche später ließ ich meine Sonnenbrille irgendwo liegen, wahrscheinlich im Zug. Keine Ahnung, wie das passieren konnte, ich schaue, bevor ich aussteige, immer noch auf und unter den Sitz und in jede Ritze. Eine weitere Woche später verlor ich meinen Sonnenhut, wieder keine Ahnung, wie das passieren konnte, wo ich doch den Schulterblick fest in meine Gewohnheiten eingebaut habe. Dann, vergangene Woche, der Gipfel: Ich ziehe am Geldautomat 200 Euro - nehme meine Karte aus dem Schlitz, das Geld lasse ich aber zur Sicherheit stecken. Sehr zur Freude des nächsten Kunden, die 200 Euro sind bei der Abrechnung des Automaten nicht mehr aufgetaucht. Videoüberwachung gab es auch nicht.

Die anderen legen Geld zurück, ich lasse liegen

Nun muss ich sagen, dass schon aus meiner Grundschulzeit zumindest eine Woche des Vergessens überliefert ist. Meine Mutter erzählt, dass ich binnen einer Woche mal fünf Jacken im Schulbus vergaß. Sie sei ständig damit beschäftigt gewesen, die Sachen wieder zu besorgen. Sie wirkt heute noch gestresst, wenn sie das erzählt. Zeigten sich damals schon Veranlagungen für Vergesslichkeit? Irgendwann zwischen Grundschule und heute muss es besser gewesen sein mit meiner Vergesslichkeit, aber vielleicht habe ich auch einfach vergessen, wie schlimm es in der Zwischenzeit war, woher soll ich das wissen?

Jetzt überlege ich, mir ein Haushaltsbuch zu besorgen. Andere machen das, um herauszukriegen, wie viel sie im Monat fürs Alter sparen können, für einen Urlaub, für einen Mercedes. Ich muss es tun, damit ich, nach Abzug der Fixkosten für vergessene Sachen, berechnen kann, wie viel mir noch zum Leben bleibt. Die anderen legen zurück, ich lasse liegen. Aber es gibt Schlimmeres als die materiellen Verluste. Manchmal fallen mir auch Wörter nicht mehr ein, neulich, am Tag nach einer Party, hatte ich sogar die PIN meines Handys vergessen! Könnten das Frühzeichen einer Demenz sein? Könnten sich die paar Räusche meines Lebens zu einem Hirnschaden summiert haben?

Beim Arzt war ich noch nicht damit. Aber meine Mutter hatte vor zwei Jahren einen Termin beim Neurologen. Sie erzählte ihm, sie sei vergesslich in letzter Zeit. Daraufhin legte er ihr Karten vor die Nase, die aussahen wie aus einem Kindergarten-Memory-Spiel, und fragte, was sie sehe - auf den Karten war ein Haus, ein Apfel und eine Maus. Sie ist entrüstet gegangen. Ich bin ziemlich sicher, dass Ärzte mit dieser exakten Methode auch bei mir nichts feststellen würden. Im Moment hoffe ich einfach, dass ich nur diesen Monat schnell vergessen werde.

Erfahren Sie im Experteninterview, ob die Vergesslichkeit des Kolumnisten tatsächlich auf eine Demenz hinweist:

Experten-Interview
Ist Vergesslichkeit ein erstes Anzeichen von Demenz?
Johannes Kornhuber ist Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Erlangen und forscht zum Thema Demenz. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, wo die Grenzen zwischen Vergesslichkeit und Demenz liegen.
Das Geld im Automat vergessen, die Sonnenbrille im Zug – können das erste Anzeichen einer Demenz sein?
Sie organisieren selbstständig Ihr Leben, ziehen Geld am Automaten, gehen allem Anschein nach einer Berufstätigkeit nach. Dafür ist sehr viel an Gedächtnis und Lernleistung notwendig. Und erst wenn das zugrunde geht, spricht man von einer Demenz. Vergesslichkeit kennt jeder, man geht in den Keller, weiß gar nicht mehr, was man da wollte, lässt irgendwo was liegen. Das ist ganz normal.
Wenn es aber ständig passiert….
Wenn es sich so häuft, würde ich erst einmal fragen: Wie ist der Nachtschlaf? Sind Sie am Morgen erholt? Haben Sie beruflich oder familiär Stress, so dass Sie gedanklich abgelenkt sind? Und dann gibt es da noch andere Störungen wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das bedeutet, dass man nicht richtig fokussiert ist auf das, was man tut. An all das ließe sich eher denken – aber die meisten Menschen, die solche Vorfälle erleben, denken tatsächlich als erstes an eine Demenz.
Wie unterscheidet man normale Vergesslichkeit und Demenz?
Die ersten Anzeichen sind ähnlich. Wenn man älter wird, wird man vergesslicher, das deutet nicht zwangsläufig auf eine Demenz hin. Aber sobald man aus dem Umfeld darauf aufmerksam gemacht wird, dass man öfter verwirrt ist, sollte man zum Arzt gehen. Wenn er keine Stressfaktoren findet und Ihr Schlaf gut ist, wird er einen Test mit Ihnen machen.
Bei dem man auf Bildern einen Apfel und eine Maus erkennen muss?
Ein Bildererkennungstest gehört auch dazu. Aber es ist tatsächlich ein Problem, dass Menschen mit ersten Symptomen zum Arzt kommen und dann werden oft Tests angewendet, die zu leicht sind. Wenn man merkt, dass ein solcher Test keine Probleme macht, muss man eben einen schwereren nehmen.
Wie läuft der ab?
Zum Beispiel gibt es den Memo-Test. Eine Aufgabe besteht darin, dass der Untersucher zehn Wörter vorliest. Dann wird abgefragt, an wie viele sich der Patient erinnern kann.
Das würde ich nie schaffen!
Das ist schwierig, auch wenn man ganz gesund und fit ist. Es ist quasi nicht möglich, dass man sich im ersten Durchgang an alle zehn Wörter erinnert. Aber nach einer Reihe von Tests kann man auch kleinere Einschränkungen feststellen. Falls das auch noch nicht zur Klärung führt, kann man mit bildgebenden Verfahren das Hirn untersuchen oder Nervenwasser analysiert.
Ist Demenz erblich bedingt?
Das Risiko ist nur leicht erhöht, wenn ein enger Verwandter dement ist oder war. Viel größeren Einfluss hat die Lebensweise. Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck sind Risikofaktoren. Um vorzubeugen, sollte man sich mediterran ernähren, also viel Obst, Gemüse und Fisch essen – und Öle statt tierische Fette. Außerdem ist Bewegung wichtig.
Fördert Alkohol eine Demenz?
Da sind die Daten uneinheitlich. Einerseits gibt es Studien, die besagen, dass Alkohol das Risiko für eine Demenz erhöht, andererseits gibt es Daten, die nahe legen, dass eine geringe Dosis pro Tag, einer Demenz vorbeugt. Wir empfehlen keinem Patienten, deshalb mit dem Trinken anzufangen.
Die meisten Menschen, kennen leichte Gedächtnisprobleme nach Alkoholkonsum.
Das sind kurzfristige Effekte. Alkohol verschlechtert den Schlaf, es entstehen giftige Stoffe im Körper, Acetaldehyd zum Beispiel. Am nächsten Tag kann die Gesamtleistung des Körpers, unter anderem auch die Gedächtnisleistung, reduziert sein.
Sterben Gehirnzellen ab?
Das Gehirn kann schrumpfen durch Alkoholkonsum - bei extremen Trinkern, die sich quasi nur von Alkohol ernähren und unter Mangelerscheinungen leiden. Aber von einem geselligen Abend, bei dem man drei Glas Bier trinkt, wird bestimmt keine Hirnzelle sterben.
Und bei drei Maßkrügen Bier?
Auch wenn Wiesn-Zeit ist, will ich jetzt keinen Freibrief ausstellen, dass drei Maß Bier gesundheitlich unbedenklich sind. Im Gegenteil empfehle ich, Alkohol zu meiden, weil er viele negative Effekte hat. Täglicher Konsum belastet die Leber. Es entstehen giftige Stoffwechselprodukte, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Tumor zu entwickeln.

Das Gespräch führte Frederik Jötten
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insgesamt 17 Beiträge
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1.
schnuffschnuff 26.09.2012
... äh ... worum ging's jetzt gleich nochmal?
2. Danke für den Lacher
solitube 26.09.2012
Zitat von schnuffschnuff... äh ... worum ging's jetzt gleich nochmal?
..der war heute nötig. :D
3. Schule ohne Grund
Pat-Riot 26.09.2012
Zitat von sysopCorbisPersonalausweis verloren, Sonnenbrille im Zug vergessen und dann auch noch Geld im Automaten stecken lassen: Das ist Stress. Und das macht Sorgen. Handelt es sich bei der Vergesslichkeit um erste Anzeichen einer Demenz? Ein Professor klärt auf. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/demenz-nur-vergesslichkeit-oder-erste-anzeichen-fuer-eine-krankheit-a-857874.html
Ich weiß nun nicht genau, wie alt der Herr Professor ist, aber älteres Semester auf jeden Fall. Er scheint jedoch definitv vergessen zu haben, wie seine Schule früher hieß: Volksschule. Grundschulen gab's da noch nicht.
4.
loeweneule 26.09.2012
Zitat von schnuffschnuff... äh ... worum ging's jetzt gleich nochmal?
Hab' ich vergessen. - Aber in der Tat, je älter man wird, umso mehr macht man sich Gedanken. Wichtig dürfte es in der Tat sein, seine Umgebung zu fragen. Ein guter Freund, 60 wie ich, den ich schon aus der Schulzeit kenne, hat generell nie ein Taschentuch dabei. Als er ich neulich um eines bat und bemerkte, so langsam würde er halt dement, konnte ich ihn beruhigen, weil der die Dinger schon seit der Kindheit vergißt einzustecken.
5.
jandokar 26.09.2012
Zitat von Pat-RiotIch weiß nun nicht genau, wie alt der Herr Professor ist, aber älteres Semester auf jeden Fall. Er scheint jedoch definitv vergessen zu haben, wie seine Schule früher hieß: Volksschule. Grundschulen gab's da noch nicht.
Wenn ich den Artikel richtig lese, ist der Autor keineswegs Professor, sondern freier Journalist, wobei der Titel des Artikels zugegebenermaßen etwas irreführend ist. Anbetrachts seiner Bilder vermute ich ein Alter von noch unter 30 Jahren, so daß seine erste Schule wohl sicher schon Grundschule hieß. Auf welche Schule der Pofessor gegangen sein könnte, läßt sich aus dem Text nicht erschließen.
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