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Deutschland: Einheimische Mücken könnten Borreliose übertragen

Die südliche Hausmücke auf einem Finger Zur Großansicht
REUTERS / James Gathany / Center For Disease Control

Die südliche Hausmücke auf einem Finger

Einheimische Mücken tragen zum Teil Bakterien in sich, die Borreliose auslösen können. Das zeigt eine Analyse mit mehr als 3600 Insekten. Grund zur Panik besteht trotzdem nicht.

Tiger machen Menschen Angst, Haie auch. Auf der Liste der Tiere, die uns am meisten bedrohen, gehört jedoch ein ganz anderes weit nach oben: die Mücke. Allein an von den Insekten übertragener Malaria sterben weltweit 635.00 Menschen pro Jahr. Aktuell infizieren sich Hunderttausende in Lateinamerika durch Mückenstiche mit dem Zika-Virus.

Deutschland hat, was diese Gefahren angeht, aufgrund seiner geografischen Lage Glück gehabt. Zwar gedeihen auch hierzulande im Sommer Mückenlarven in Tümpeln, Regentonnen und Pfützen. Meistens werden die Mücken dem Menschen jedoch nur lästig, wenn sie ihn surrend vom Schlafen abhalten. Eine aktuelle Studie zeigt jetzt, dass es auch Ausnahmen gibt. Demnach tragen heimische Mücken mitunter Bakterien in sich, die Borreliose auslösen können.

Schon in der Vergangenheit war bekannt, dass neben Zecken in seltenen Fällen auch Mücken als Überträger von Borrelien infrage kommen. Bislang fehlten jedoch Daten zu Deutschland: Welchen Bakterientyp tragen die Mücken in sich? Und wie häufig? Diese Wissenslücke hat eine Forschergruppe um Sven Klimpel vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum der Goethe Universität Frankfurt jetzt geschlossen.

42 Standorte in Deutschland, mehr als 3600 Mücken

Für ihre Analyse fingen die Wissenschaftler mehr als 3600 Mücken an 42 Orten in Deutschland. Anschließend begann die aufwendige Auswertung. "Wir haben bestimmte Borrelien-spezifische Gene mit molekularbiologischen Methoden nachgewiesen und konnten so die Borrelien-Arten Borrelia afzelii, Borrelia bavariensis und Borrelia garinii identifizieren", sagte Klimpel laut einer Mitteilung.

Die drei Arten gelten als die in Deutschland bedeutendsten Erreger der Lyme-Borreliose, alle können Menschen infizieren. Insgesamt wurden die Forscher an elf Standorten fündig. Zwischen 0,13 und 8,33 Prozent der untersuchten Mücken trugen die Erreger in sich. Außerdem zeigten die Forscher, dass die Bakterien die Umwandlung von der Mückenlarve zum fertigen Insekt überstehen können, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Ticks and Tick-borne Diseases".

Bekannt ist Borreliose vor allem, weil sich hierzulande jedes Jahr Tausende Menschen durch einen Zeckenstich mit den Erregern anstecken. Bei einer Infektion zeigt sich Tage nach der Ansteckung oft eine wachsende Rötung um die Einstichstelle, anfangs kann es auch zu unspezifischen Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Fieber kommen.

Bleibt die Infektion unentdeckt, besteht das Risiko, dass sich die Bakterien im Körper ausbreiten. In seltenen Fällen kommt es zu Lähmungen, oft im Gesicht. Ebenfalls selten lösen die Bakterien Monate oder Jahre nach der Ansteckung schmerzhafte Entzündungen der Gelenke aus. In beiden Fällen lassen sich die Bakterien mit Antibiotika bekämpfen, oft verschwinden die Beschwerden dann wieder.

Die wichtigsten Fakten zur Borreliose
Bis zu sechs Prozent infizieren sich nach Zeckenstich

Trotz der Funde in Mücken beruhigt Klimpel, es bestehe kein Grund zur Panik. "Nach unserem derzeitigen Erkenntnisstand sind Stechmücken als Überträger der Lyme-Borreliose auslösenden Erreger nur bedingt geeignet. Wenn überhaupt spielen sie eine eher untergeordnete Rolle."

Dass eine Ansteckung zumindest grundsätzlich denkbar ist, zeigt ein Fallbericht aus dem Jahr 1966. Damals entwickelte ein Patient nach einem Mückenstich die für Borreliose typische Wanderröte. Auch fanden die Forscher Bakterien in den Speicheldrüsen der Mücken, was ebenfalls für eine mögliche Übertragung spricht.

Hauptüberträger bleibt dennoch die Zecke - auch, weil sie im Vergleich zur Mücke viel stärker in die Haut eindringt und länger dort bleibt. Laut Robert Koch-Institut trägt im Schnitt jede fünfte Zecke Borrelien in sich. Nach einen Stich infizieren sich jedoch nur 1,5 bis 6 Prozent der Betroffenen, häufig kann das menschliche Immunsystem die Erreger direkt abwehren. Außerdem bemerken viele die Ansteckung nicht. Nur bei etwa 0,3 bis 1,4 Prozent kommt es tatsächlich zu einer spürbaren Erkrankung.

Von Mensch zu Mensch können die Erreger nicht übertragen werden. Laut der Leitlinie zur Behandlung einer Borreliose könnten neben Zecken und Mücken auch Pferdebremsen sehr selten die Bakterien verbreiten.

irb

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Malaria
hwdtrier 23.03.2016
war auch in Deutschland bis vor 100 Jahren heimisch. In Berlin bis 1947. Hieß Wechselfieber, 3 Tagefieber oder Dithmarschen- Krankheit.
2. Na super - danke für die Panikmache.
zefixnochamoi 23.03.2016
Die Borreliosepanik ist eh schon schlimm genug. Wir Ärzte reden uns in den Praxen den Mund fusselig, um den Menschen klarzumachen, dass man NICHT nach jedem Zeckenstich Antibiotika braucht - jetzt werden sie auch nach jedem Mückenstich angerannt kommen. Geht es vielleicht etwas differenzierter?
3. verstehe ich nicht
noalk 23.03.2016
"Zwischen 0,13 und 8,33 Prozent der untersuchten Mücken trugen die Erreger in sich." --- Was soll mir dieser Satz sagen? Unterschiede je nach Sammelort? Unterschiede je nach Borreliose-Typ? Unterschiede je nach Mückenart?
4. Borreliose an sich ist mit Antibiotika behandelbar ...
NatanielPusch 23.03.2016
... Angst habe ich nur vor ignoranten und inkompetenten Ärzten. Ich habe selbst eine Infektion mit Borreliose durchgemacht. Das waren sehr vielfältige Symptome, die Schubweise auftraten. Ein Infektologe meinte, daß die Symptome auch eine Syphilis sein könnten, der Test darauf blieb aber negativ. Hausärzte und Orthopäden nahmen mich überhaupt nicht ernst. "Auch Sie werden älter", "Essen Sie mal mehr Obst und Gemüse" hieß es da. Eine andere Ärztin verdrehte bei der Beschreibung der Symptome die Augen und schaute zur Decke. Ein Orthopäde war wenigstens ehrlich. Er sagte "Tut mir leid, ich habe keine Ahnung. Warten Sie ein halbes Jahr, vielleicht geht es dann weg. Oder es wird schlimmer und dann können wir vielleicht mehr sehen." Glücklicherweise verdiene ich sehr gut und bin nicht alleine auf Kassenärzte angewiesen. Schließlich ging ich als Selbstzahler mit allen bisherigen Befunden in eine Privatklinik und ließ mich komplett durchchecken. Dort kam das erste mal ein Arzt auf die Idee anhand der beschriebenen Symptome auf Borreliose zu testen - es war ein Volltreffer. Der billige Test, den Kassenärzte machen war bei mir falsch negativ. Die umfangreichen Immuntests waren dagegen eindeutig. Nach einer Behandlung mit Antibiotika und einer Erholungszeit war ich wieder fit. Auch hier weigerten sich Kassenärzte trotz der sicheren Diagnose die Behandlung durchzuführen. "Was ich nicht selbst diagnostiziert habe behandle ich nicht" war hier die Aussage. Also ließ ich auch die Behandlung privat durchführen. Meine Botschaft an alle Leser ist: Bevor Sie sich ein neues Auto oder eine teure Einbauküche kaufen, denken Sie zuerst an Ihre Gesundheit! Legen Sie auf jeden Fall einen Betrag von mindestens 10K Euro zurück, damit sie im Notfall einen Privatarzt konsultieren können - alles andere können Sie ein, zwei oder drei Nummern kleiner kaufen oder komplett einsparen, aber auf keinen Fall Ihre Gesundheit!
5. Na ja,
permissiveactionlink 23.03.2016
solange es sich "nur" um Borreliose handelt ! Durch den Klimawandel und dadurch begünstigte Invasion spezieller Neozoen droht uns da langfristig sicher noch aggressiveres : z.B. durch die asiatische Tigermücke, Aedes albopictus, die neben Dengue-Fieber auch das Chikungunia-Fieber übertragen kann. Oder sogenannte Phlebotomus-Arten, Sandmücken, die Menschen mit der Leishmaniose infizieren können, ausgelöst von einem einzelligen Parasiten, ähnlich der Malaria. Und mit einem Antibiotikum ist es dann nicht mehr getan. Dann Bedarf es schon härterer chemischer Keulen.
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